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Artikel mit dem Tag ‘internet’

Schlandnet ist noch zu weitläufig

12 Nov

Dann heißt es eben von vielen guten Freunden und den unzähligen Bekanntschaften im Netz Abschied zu nehmen. Aber Hand aufs Herz, mich überzeugt der Vorschlag zum #schlandnet. Nach reiflicher Überlegung, ich habe mir schließlich doch mindestens Millisekunden im zweistelligen Bereich für ein fundiertes Bauchgefühl gelassen, kam ich zu dem Schluss: das #schlandnet geht noch nicht weit genug.

Wer braucht denn schon noch in der heutigen Zeit Verbindungen über die nationale Grenze hinaus. Ich bin mir nicht sicher, aber es wird sich doch eine Folge soziologischer Studien zitieren lassen, in denen die relevante soziale Vernetzung nur im Nationalen nachgewiesen wird. Im digitalen wie im analogen Leben. Diese Studien, blendend wie sie sind, seien an dieser Stelle blind zitiert. Sie arbeiten heraus, wie wenig wir den internationalen Kontext für unsere Kommunikation und unser Handeln benötigen.

Besser noch, die Studien, diese hervorragenden, belegen obendrein, dass sozialer Zusammenhang — und damit auch Zusammenhalt — nur in viel kleineren sozialen Zellen. Wer mir nicht glaubt, möge doch bitte die Studien selbst studieren. Offenkundig benötigen wir Menschen doch nur einen engen Kreis an Anderen um uns herum. Die Betonung liegt wohl darauf, dass sie sich um uns herum befinden. Implizit benötigt soziales Miteinander auch soziale Nähe. Und wie anders sollte solch eine soziale Nähe denkbar sein, wenn sie nicht räumlich auch besteht? Mir kann nur menschlich nahe sein, wer mir räumlich nahe ist. Das lässt sich nicht leugnen — man möge besagte Studien beachten.

Also bräuchten wir noch viele kleinere technische Netzwerke für unsere sozialen Beziehungen, die erwiesenermaßen auch nur in kleinerem Rahmen herausgebildet sein können. #schlandnet führt also nicht weit genug, weil es eben noch, räumlich gesprochen, zu weit führt. Denken wir doch nur ab die breite Literatur, die ubs lehrt, dass wir letztlich nur einige wenige Menschen brauchen, die auch bestenfalls in unserer direkten Umgebung leben. Brauchen wir da wirklich nich andere Netzwerke? Nein, wir brauchen sie nicht.

Tatsächlich aber brauchen wir doch dann auch diese ganze Technik nicht. Sind meine wenigen Freunde und Verwandten, von deren räumlicher und sozialer Nähe ich profitiere, mir direkt vor die Haustür gesetzt, könnte ich ebenso gut einen Schritt vor die Tür machen, wenn Gesprächsbedarf herrscht. Nun schließt sich der Kreis, denn die Technik erweist sich mit ihren weit fassenden Greifarmen als inadäquat, denn sie kann doch keine nähe schaffen, die wir als Menschen brauchen. Ein Blick in die einschlägige Literatur zeigt es ganz klar. Und dem Sicherheitsgedanken wäre damit genüge getan, denn wo keine technische Verbindung mehr zwischen sich nahen Menschen bestehen muss, ist die Möglichkeit zur Überwachung wieder stark eingeschränkt. Kehren wird doch nach all diesen überzeugenden Argumenten zu den hergebrachten Kommunikationsformen der unmittelbaren räumlichen Nähe zurück. Die Wissenschaft belegt es eindeutig. Mehr Nachbarschaft, das würde doch all unsere Probleme lösen.

 

The Internet should…

23 Okt

Ist es eine neue Schule der experimentellen Philosophie, wenn die Google-Suche genutzt wird, um ethische Erkenntnisse zu gewinnen? Von Mountain View aus gehen die Autokomplettisten ins Netz, um diesem den aktuellen Stand um die Ethik abzugewinnen. Dabei müssen sie nur eine beliebige Aussage in die Suchmaschine tippen, schon gibt ihnen der Algorithmus Antwort, was der idealisierte Netzmensch als Summe einzelner Aussagen davon hält. Dannsind die Autokomplettisten nur noch einen naturalistischen Fehlschluss davon entfernt, daraus tatsächlich irgendeine wertvolle Information filtern zu wollen.

So treiben die Auswüchse uns immer wieder zu affektivem Entsetzen, wenn wir etwa anhand der Autovervollständigung erfahren, dass jenes Netz, das wir so lieb gewonnen haben, doch von einer Reihe, sagen wir einfach mal, simpel gestrickter Menschen genutzt wird. So toben sich die Antisemiten aus:

jewsshould

 

Das ist eine Ansammlung höchst widerlicher Aussagen. Die Erkenntnis, dass Antisemitismus existiert, wird aber hoffentlich nicht erst durch diese Autovervollständigung bewusst. Es ist ja noch nicht einmal so, dass nur der Antisemitismus hier prominent in der Autovervollständigung auftaucht. Wir haben da noch die Islamophoben.

muslimsshould

 

Oder die Verachtung gegenüber denjenigen, die eben nicht glauben.

atheistsshould

 

Und die Verachtung gegenüber Menschen endet auch nicht bei der Glaubenszugehörigkeit. Alle Merkmale, die uns Menschen angeblich in unserem Wert als Menschen so unterschiedlich machen sollen, sind bei Google in der Autovervollständigung vertreten. Zum Beispiel darf plumper Rassismus nicht fehlen. Wo kämen wir da hin?

africansshould

 

Was sagt es also wirklich aus, wenn wir Google als Gradmesser für den Zustand der Menschlichkeit befragen. Nichts, das wir nicht schon vorher gewusst haben. Wenn wir nur mal kurz innehalten, wird auch klar, warum das so ist. Es muss sogar so sein. Google hat einen ausgewachsenen Algoritmus, um das Netz zu durchforsten, aber dieser Algorithmus kann nicht mehr tun, als eine wie auch immer gewichtete Repräsentation dessen, was im Netz vorhanden ist, wiederzugeben. Und – ich mache es mal sehr einfach – das Kriterium der Häufigkeit wird gerne als eine Indikator für Relevanz herangezogen. Das ist nicht besonders geschickt in vielen Situationen, aber oftmals schlicht nicht anders zu handhaben. So wird dann aber klar, warum die Autovervollständigung uns gerne mit Schmutz bewirft: Sie hält uns vor, was am häufigsten im Netz vorzukommen scheint. Intuitiv ist das durchaus nachvollziehbar, denn leider sind Rassismus, Sexismus und andere Ausgrenzung nicht nur oft mehrheitsfähig, sie sind auch schnell gesagt – oder eben geschrieben. Daher sollte es uns nicht schocken, wenn ein Suchalgorithmus derart zentrifugale Kräfte für verbalen Dreck entwickelt und uns das zeigt. Ganz im Gegenteil sollte es uns wundern, wenn zu einem Thema eben nicht der Schmutz aufschlägt.

Nehmen wir etwas die Suchbegriffe lesbians should und gays should. Bei all meinen Versuchen, gab Google hier gar keine Suchergebnisse aus. Meine auf Erfahrung basierende Vermutung ist. Da werden selbst für Google die möglichen Autovervollständigungen allzu heftig, sodass sie einfach mal komplett ausgesetzt werden. Oder – sehr viel zynischer, aber vielleicht noch realistischer – Google ist eine Suche nach Homosexualität generell zu heikel. Wer weiß?

Um es noch einmal ganz deutlich zu machen. Selbst der beste Algorithmus kann dem Netz nicht wirklich Neues abgewinnen. Er kann nur reproduzieren, was Menschen in das Netz tragen. Mit allen Schieflagen werden also auch nur gesellschaftliche Normen, Regeln und Werte gespiegelt. Kein Wunder also, dass bei einer Suchanfrage auf Englisch, das die immer noch christlich dominierten Industrienationen beherrscht, gerade die Ergebnisse für das Christentum harmlos ausfallen.

christians

 

Google wirft nur auf uns zurück, was wir ohnehin schon über die Welt wissen konnten, wenn wir bislang nicht vollkommen teilnahmslos durch sie gingen. Daher überrascht mich nur die Überraschung mancher, was denn bei einer Autovervollständigung denn so an Unfug herauskommt. Ehrlich, das haben die Überraschten nicht gewusst? Diese Leute sollten sich mehr Gedanken über die Welt machen, in der sie leben.

 

Linkgebliebenes 24

18 Jun

Ach, wenn’s so weit ist, sind wir alle.schon lange nicht mehr da.

Copyright-Trolle finden sich überall. Sollte es sich bewahrheiten, das Copyright für ‘Happy Birthday’ tatsächlich schon verfallen sein?

Die rassische Symbolik ist mittlerweile so dick aufgetragen, sie quillt zu allen Seiten raus. Game of Thrones ist fantastisch, doch der eklatante Chauvinismus ist störend.

Dies bigotten Konservativen, diese bigotten Konservativen, diese bigotten Konservativen, diese bigotten Konservativen…

Prophylaktische Strafverfolgung. Das klingt schon nach Gänsehaut. Wird auch nicht besser.

Welch Ironie. Wenn es nicht so traurig wäre. Sollte es tatsächlich so kommen, dass ein Hacker eine höhere Haftstrafe erhalten könnte, als die Vergewaltiger, die er enttarnte.

Das diese alte Schutzbehauptung noch zieht. The sexism it burns.

Und auch aus der Geek-Kultur schlechte Neuigkeiten.

‘Sprachreiniger’ sind so leblos wie die Sprache, die sie fordern. Andere Spießbürger haben Stöcke dort, wo die ‘S9yprachreiniger’ sich ein Kompendium zur Orthographie hingeschoben haben.

Es ist naheliegend, kann aber nicht oft genug betont werden. Alle Vorstellungen einer Meritokratie sind im besten aller Fälle ein fehlgeleiteter, unterkomplexer Begriff sozialer Auslese; meist aber doch nur eine Nebelwand, die irrationale soziale Selektion legitimieren soll. Nach innen wie außen.

Exklusionismus für die Macher, die Gott gewordenen Silikonen.

 

App.net und die soziale Selektion: XOR

17 Jun

Ich mag app.net. Wirklich, mit jedem Tag etwas mehr. Es ist voller Menschen, mit denen ich gerne kommuniziere. Ob nun in Alpha oder Patter. Es bilden sich dort Zirkel, in denen meine Interessen konzentriert sind. Allerdings erhält in manchen Fällen diese Konzentration von in weiten Teilen gleichgesinnter Menschen den bitteren Beigeschmack, den es überall gibt, wo Menschen zusammenfinden. Ihr sozialer Mechanismus der Gruppenzugehörigkeit driftet ab. Exklusionistische soziale Selektion findet statt.

Soziale Selektion: XOR

Ein gewisser Teil der Nerdkultur hat keinerlei Schwierigkeiten mit Logikgattern, tut sich aber sehr schwer damit, ähnliche Muster in sozialen Situationen zu erkennen. Um nicht völlig vom Thema abzukommen, unterscheide ich mal zwei Wege, wie sich soziale Gruppen bilden. Sehr vereinfacht finden sich Menschen über Gemeinsamkeit oder Abgrenzung. Beide überschneiden sich oft, sodass sie sich zum Verwechseln ähnlich sehen. Sie sind ihrem Wesen nach aber unterschiedlich.

Der inklusionistische Mechanismus funktioniert über gemeinsame Interessen, Ideen oder Normen. Im Kern steht dabei die Gemeinsamkeit des sozial bindenden Mechanismus. Menschen finden bei aller Individualität um ein sozial bindendes Element herum zueinander. Allein der Umstand des Teilens und der gemeinsamen Teilhabe qualifiziert innerhalb der Gruppen. Unabhängig von anderen Interessen finden sie in einer sozialen Nische zusammen und sind über Ähnlichkeit an und in ihr gebunden. Der exklusionistische Ansatz scheint ähnlich gelagert, hat aber einen feinen Unterschied: Die Gemeinsamkeit der beteiligten Personen besteht darin, explizit nicht einer anderen sozialen Gruppe zugehörig zu sein. Ein Entweder-Oder, das soziale XOR. Primäres Qualifikationsmerkmal ist die Nichtzugehörigkeit zu einer anderen Gruppe. Die Verflechtungen sind komplex, Details blende ich deshalb aus. Wesentlich ist erst einmal der Unterschied, dass Inklusion weit weniger soziale Kollision meint, während Exklusion gerade darauf basiert.

XOR bei app.net

Vorweg noch einmal, ich spreche hier nicht von einem Massenphänomen bei app.net. Aber von einem hinreichenden, das es alles andere als eine Marginalie ist. App.net ist schon jetzt vielfältiger als gemeinhin wahrnehmbar. Alleine schon, weil ich hier größtenteils über den deutschsprachigen Teil des Netzwerkes spreche, den ich überwiegend sehe. Entlang vieler Grenzen ist app.net schon oder noch immer eine selektiv begrenzt. Aber nicht im exklusionistischen Sinne.

Von Beginn an hat sich aber app.net von Twitter abgegrenzt, auch wenn die Unterschiede größer sind. Dennoch hat sich unter den Nutzerinnen und Nutzern ein gewisser Status etabliert, der mit der reinen Zugehörigkeit zum Netzwerk verknüpft ist. Auch das ist so weit noch nicht exklusionistisch, denn wer erst einmal dabei ist, ist dabei. Das XOR kommt aber vor, wenn eine gewisse Verachtung gegenüber Twitter ausgedrückt wird. Auch ich hatte meine Gründe, Twitter zwar nicht den Rücken zu kehren, doch aber eine weitere soziale Gruppe zu finden. Dementsprechend habe auch ich über Twitter geflucht, wohlgemerkt über den Dienst, nicht die Nutzerschaft. Andere aber, wenige aus meiner Wahrnehmung, scheinen ihre eigene soziale Wunschvorstellung auf app.net übertragen zu wollen, indem Nutzerinnen und Nutzer bei Twitter pauschal disqualifiziert und diskreditiert werden. Ein anschauliches Beispiel war die kürzlich aufgeflogene Aktion, gewisse Nicknames von Twitter in app.net zu besetzen. Das ist insofern ärgerlich wie es naiv ist. Als ob sich diese Personen davon abhalten ließen, sie können ja noch Varianten der Nicknames nutzen. Aber zum Beispiel diese Beschreibung aus einem in Beschlag genommenen und inzwischen gelöschten Account sagt mehr aus:

i hate [USERNAME*]  from twitter and don’t want her here. this is why this account name is taken.

Es mag nur eine Person gewesen sein, die diese Motive hatte, doch für mich ist sie ein Produkt eines gewissen Statusdenkens. Wer derzeit bei app.net ist, wird sehen, dass subtile Selektionsmechanismen auf eine Exklusion ausgerichtet sind, die langfristig nur app.net schaden können. Meist sogar nicht mit böser Absicht tritt dieser Effekt auf, aber genau das ist die fatale Wirkung dieser Form sozialer Selektion. Und genau das sollte nicht der Zweck sein.

Soziale Vielfalt

All diejenigen, die wie ich gerne app.net nutzen, haben ein Interesse an einer Verbreitung des Dienstes, wenn auch allein nur, um ihn wirtschaftlich am Leben zu halten. Damit geht aber auch eine notwendige oder immerhin nicht vermeidbare Verbreiterung der Nutzerschaft einher. Im Sinne der Filtersouveränität obliegt es uns allen, wie wir mit Störsignalen umgehen. Aber das XOR einer rein thematisch, ideologisch oder auch subkulturell gefilterten Nutzerschaft ist mir zuwider. Über die kleine Blase, die wir als Einzelne im Netzwerk darstellen, bestimmen nur wir. Richtig. Darüber hinaus finden sich diese Blasen zu größeren zusammen wie es ihnen beliebt. Inklusionistisch im besten Falle. Wer nicht übers Stricken reden will, soll es auch nicht müssen. Wer keine Gadgets hat, darf sich raushalten. Und wer jeden Abend ein Gute-Nacht in die Timeline ruft, soll dies tun. Jedes dieser Themen hat seine Berechtigung. Auch auf app.net.

* Der Username tut hier nichts zur Sache. Anm. d. Verf.

 

Soziale Werbung – und warum wir sie nicht brauchen

04 Jun

Mit der Tür ins Haus zu fallen ist keine schlechte Eigenschaft, um eine Diskussion anzustoßen. In diesem Sinne ist mspro die Expertise im ‘Auf-Türen-durch-dein-mentales-Wohnzimmer-reiten’ überhaupt nicht abzusprechen. Im Falle von Werbung ist sozial führt ihn die polemische Ausrichtung seines Textes, die ich sonst schätze, aber in den roten Bereich der fatalen Komplexitätsreduktion. Die Tür, ich bleibe mal bei dem Bild, ist schon im mentalen Flur so abgeschmirgelt, dass sie Papier zu nennen noch reichlich optimistisch wäre. Seine Annahme ist nicht falsch, für meine Begriffe aber auch nicht ausreichend.

Die Sache mit der Umverteilung

Seine Argumentation klingt überzeugend einfach, denn Werbung sei ein Mittel der Quersubventionierung zu Gunsten der Ärmeren Gesellschaftsteile. Nehmet den Reichen, gebet den Armen:

Denn das, was erreicht werden soll ist schließlich, dass der Empfänger der Werbung sein Geld für die beworbenen Produkte ausgibt. Je mehr Geld er hat, desto mehr wert ist seine Aufmerksamkeit. Daraus folgt: die Daten und die Aufmerksamkeit der Besserverdienenden quersubventionieren zu einem nicht unwesentlichen teil meinen Medienkonsum. Und den von vielen anderen Leuten mit wenig Geld.

Das klingt einleuchtend. So funktionieren weite Teile der sozialen Netzwerke im Web. Es ist auch offenkundig eine Umverteilung, das ist kaum zu bestreiten. Gegen die Umverteilung von oben nach unten malt er das Bild einer verhärmten Elite, die sich mit Geld exklusive Clubs hält. Der vermeintliche Plebs muss draußen bleiben. Dagegen wirken werbefinanzierte Umverteilungsnetzwerke geradezu egalitär. Doch schon sein Beispiel zeigt, dass diese Umverteilung nicht alternativlos ist. Er spricht app.net an, das einstmals nur durch eine Bezahlschranke erreichbar war, doch ist dieser Dienst mittlerweile geeignet, sein Argument zu entkräften. Seit Anfang des Jahres gibt es – im Funktionsumfang eingeschränkte – kostenlose Accounts. Was geschieht da? Umverteilung.

Dieses Mal aber nicht über den Umweg der Werbung. Die zahlenden Nutzerinnen und Nutzer subventionieren die kostenlosen Accounts. Dieses Freemium-Modell ist so neu auch nicht mehr. Ein Paradebeispiel ist github, wo zahlungskräftige Nutzerinnen und Nutzer sich private Repos erkaufen, damit aber die Open-Source-Öffentlichkeit finanzieren. Denn solange dort Code frei zugänglich gemacht wird, ist die Nutzung kostenlos.  So alternativlos ist die von mspro angenommene Umverteilung der Werbung also nicht. Ähnliche Umverteilungsmechanismen sind etabliert, erfolgreich und haben alle Vorteile der werbefinanzierten Umverteilung. Heben die Nachteile der Werbung aber auf.

Ist Umverteilung durch Werbung sozial?

Werbung hat eine soziale Funktion innerhalb heutiger ökonomischer Kontexte, ihre gesellschaftliche Funktion macht sie aber allein noch nicht gesellschaftsdienlich. Diese Ambivalenz des Begriffs des Sozialen ist weniger problematisch, denn es gibt keinen Grund, warum Werbung nicht sozial im Sinne von gesellschaftsdienlich sein könnte. mspro zeigt klar, dass sie eine gesellschaftlich wünschenswerte, sogar globale Umverteilung ermöglichen kann. Die Frage ist aber, ob Werbung hierfür ein gutes Mittel und daher Werbefinanzierung wünschenswert ist?

Aus meiner Sicht sprechen viele Argumente gegen werbefinanzierte Umverteilung, die nicht einfach dadurch geschwächt werden, dass mspro sie zur Verfremdung summiert:

Werbung ist nervig, für Werbung werden Daten gesammelt, Werber sind sowieso doof und überhaupt ist Werbung mindestens eine der schlimmsten Ausformungen des Kapitalismus. Einself.

So einfach ist es allerdings nicht, Werbekritik zu widerlegen. Die Datenschutzaspekte lasse ich dabei mal außen vor, mir geht es vorrangig um die Aspekte der Kommunikation. Damit meine ich Kommunikation wie die Sprachwissenschaft beispielsweise sie annimmt, nicht den Euphemismus, mit dem sich Werbung parasitär an die tatsächliche Kommunikation angeschlichen hat. Aus kommunikativer Sicht hat die Werbung erhebliche Nachteile:

  • Je umfangreicher die Werbung, desto geringer die Aufmerksamkeit für tatsächliche soziale Interaktion. Werbung entwickelt eine perfide kommunikative Zentrifugalkraft, die weit über das hinausgeht, was Mainstream-Kommunikation genannt werden kann. Sie bindet auch finanzielle Mittel in Werbeetats und zwingt ihre Bedingungen der Kommunikation auch anderen sozialen Institutionen auf, die nicht die finanzielle Ausstattung haben, gleichberechtigt mit ihr um Aufmerksamkeit konkurrieren zu können.
  • Werbung will keine gleichberechtigte Kommunikation. Sie will ihre Botschaft unwidersprochen etablieren. Wird ihre kommunikative Vormachtstellung hinterfragt, kritisiert oder attackiert, wehrt sie sich mit überbordenden Kräften. Werbung ist eine übermächtige Kommunikationsteilnehmerin. Und sie duldet keinen Widerspruch.
  • Werbung manifestiert mit ihrer Kommunikationskraft soziale Rollen und Muster, die nicht wünschenswert sein können. Gegen die negativen Folgen sozialer Uniformierung, Normierung, Diskreditierung und Diskriminierung durch Werbung sind ihre kommunikativen Vorzüge marginal.
  • Werbung macht abhängig von den Meinungen und Positionen Dritter. Werbung hat eine eigene Agenda, die nicht nicht zwingend sozial im gesellschaftsdienlichen Sinn sein muss. Sie kann diesem Sinn sogar widersprechen. Dennoch wird bei werbefinanzierter Umverteilung die inhaltliche Kontrolle indirekt an die Werbeindustrie abgegeben. Das heißt nicht, dass dies in alternativen Umverteilungsmechanismen nicht der Fall wäre, dass Eliten Inhalte kontrollieren, aber es ist ein wesentlicher Unterschied erkennbar. In Freemium-Umverteilungen entscheiden sich zahlende Nutzerinnen und Nutzer beispielsweise bewusst für die Netzwerke, weil sie ihren sozialen Wünschen entsprechen. Ihr Antrieb ist also die soziale Interaktion, für die sie gerne zahlen und subventionieren. Werbung zahlt dagegen nicht für soziale Interaktion, sondern für Eingriffe in soziale Interaktion.
  • Werbung, das scheint mspro einzugestehen, interessiert sich nur mittelbar für die Interessen, Meinungen und Gedanken der ärmeren sozialen Schichten, nämlich nur, solange sie für die reicheren Schichten als Projektionsfläche sozialer Interaktion dienen. Gerade wegen der von mspro angenommenen egalitären Motive der Umverteilung, halte ich die mittelbare Abhängigkeit weiter Teile der globalen Gesellschaft in Diskursen für überaus problematisch.

Aus meiner Sicht reichen allein die kommunikativen Folgen von werbegestützter Umverteilung, um nach Alternativen zu ihr zu suchen. Ich will noch kurz darauf verweisen, dass es durchaus auch noch kritische Punkte gibt, die zu den Rahmenbedingungen der Ungleichverteilung von finanziellen Mitteln heutzutage zu sagen wären, aber das würde den Rahmen sprengen.

Werbung kann sozial sein, ist aber nicht erstrebenswert

Für mich ergibt sich ein einfacher Schluss. Werbung kann sozial sein, muss es aber nicht. Und sie ist es in den meisten Fällen auch nicht.  Ihre intrinsischen kommunikativen Mechanismen widersprechen nicht grundsätzlich einer sozialen, also gesellschaftsdienlichen Funktion, dauerhaft allerdings gerät sie in Konflikt mit diskurstheoretisch notwendigen Bedingungen. Allein deshalb reicht mspros Annahme nicht aus, um werbefinanzierte Umverteilung gutheißen zu können. Alternative Modelle, auch wenn sie noch lange nicht problemlos sind, verfügen nicht über das störende, übergriffige Potenzial, soziale Interaktion und Kommunikation zu beeinflussen, behindern oder verhindern zu wollen. Werbung kann also durchaus, da hat mspro recht, sozial sein. Aber das ist nicht die eigentliche Frage. Fragt lieber: Wird sie jemals sozial genug sein?

 

Nationalistisches Internet: Der Kosmopolitismus endet hier

23 Apr

Gelegentlich sind es die vermeintlich kleinen Anlässe, die einen Gedanken ins Rollen bringen, der sich ungebremst durchs Hirn wälzt, viele weitere Gedanken an sich reißt und am Ende dann im Bewusstsein zerschellt, wo die Kraft des nervlichen Aufpralls den Gedanken in tausende schmerzhafter Splitter zerreißt. Zwei widerstreitende Meldungen bewirkten das erst vor Kurzem bei mir. Der Bundesgerichtshof bezweifelt die Legalität eingebetteter Videos, will heißen, der BGH zweifelt an der urheberrechtlichen Unbedenklichkeit eingebetteter YouTube-Videos zum Beispiel. Andererseits sieht ein US-Gericht YouTube gerade nicht zu ausladenden Copyright-Filtern verpflichtet. YouTube, oder jedes andere transnationale1 Internetunternehmen, sieht für Nutzerinnen und Nutzer gleich aus, hat aber unterschiedliche Wirkungen auf sie. Es gibt viele Gründe, auch bessere, darauf zu kommen, dass eine bestimmte Perspektive die Quelle dieser Ungleichheit ist: Die Nation und ihr hässliches Wirkprinzip des Nationalismus.

Es sind Gerichte zweier unterschiedlicher Staaten, deren Rechtssysteme sind aus verschiedenen Traditionen in spezifische Formen gewachsen. Das ist nicht neu. Doch ist etwas anders, ich sehe die Unterschiedlichkeit der Rechtssysteme nun im täglichen Leben. Als Blogger droht mir, was anderen Bloggern und Bloggerinnen in anderen Ländern nicht droht. Auch, das muss ich zugeben, genieße ich (noch) Vorteile der Meinungsäußerung, die mich nicht unmittelbar in Gefahr bringen; andere Bloggerinnen und Blogger setzen in repressiven Staaten oder gegen sie ihr Leben auf’s Spiel.

Doch dieses kurze Beispiel zeigt, dass etwas im Argen liegt, wenn das Internet nur in nationalen Grenzen verarbeitet wird. Das Internet als grenzen- oder schrankenlos zu bezeichnen ist eine bestenfalls utopische Vorstellung. Es entstehen Grenzen überall im Netz, entlang von Sprachen und Kulturen, an Geschlechtergrenzen und Interessen, religiöse und weltanschauliche. Diese Grenzen sind allerdings soziale Grenzen, also transnationale Grenzen. Sie verlaufen nicht in nationalen Bezügen.

Die Identität eines Menschen ist nicht an Nationale gebunden. Lebensweltlich spielt sich das Leben der meisten Menschen in viel kleineren Netzwerken ab, als im nationalen Rahmen. Mit dem Zugang zum Internet2 florierte eine neue Form der persönlichen Überbrückung räumlicher Identitätsbezüge. Digital vermittelte, aber durch und durch personale Identitäten finden sich zu Netzwerken zusammen, die nicht als virtuell diskreditiert werden sollten. Mir sind Menschen emotional näher, denen ich persönlich nie begegnet bin. Sie sind mir näher als Nachbarn, die ich jeden Morgen aus Höflichkeit im Hausflur grüße. Ich habe Anteil am Leben der Menschen, die ich nur über das Netz kenne, sie an meinem. Unser soziales Band3 bindet und stärker aneinander, als an unsere direkten Mitmenschen.

Aber das Internet, das so frei wie behauptet leider nie war, wird Tag um Tag enger geschnürt, es wird national domestiziert. Oder renationalisiert. Für im nationalen Korsett Denkende ist die Renationalisierung des Netzes eine Naturalisierung der konventionellen Identitätsbezüge. Sie muten allen Menschen das Motto zu, warum Freunde in der Fremde suchen, wenn dich so viele Menschen um mich herum sind. Doch dieser Nationalismus ist eine Fiktion. Ich habe als ‘Deutscher’ wenig gemein mit ‘den Deutschen’, was mit den Menschen in Greifswald oder Sindelfingen ist, berührt mich nicht. Ich habe keinerlei Bezug zu ihnen. Ich habe aber Bezug zu Menschen überall auf der Welt. Uns stehen viele soziale Grenzen im Weg, einige haben wir überwunden. Unsere kleinen transnationalen Netzwerke sind aber von Nation gefährdet, wir haben nicht das, was uns eigentlich selbstverständlich ist; wir haben nicht die gleichen Rechte und Pflichten im Netz. Wir werden in politische Grenzen eingehegt, die unserer alltäglichen Erfahrung zuwiderlaufen.

Genau deshalb bin ich kosmopolitischer Idealist, ich träume kleinere Utopien als den Weltstaat, aber den Traum von transnationalen, persönlichen Beziehungen theoretisch überall auf der Welt, den gebe ich nicht wegen nationaler Spießbürgerlichkeit auf. Die politische Kleinkariertheit wirkt sich auf meine sozialen Beziehungen, dringt in sie vor und trennt sie sogar. Das nehme ich nicht widerstandslos hin. Ich lasse mir von niemandem einfach vorschreiben, wo und wie ich meine sozialen Kontakte pflege. Der Kosmopolitismus des Netzes darf nicht enden.

1 Ich erlaube mir einige Freiheiten, was die Begrifflichkeiten angeht, doch eine Unterscheidung zwischen ‘international’, ‘transnational’ und ‘kosmopolitisch’ muss ich machen. Um es nicht komplizierter zu machen, nutze ich sie als Synonyme für ‘zwischenstaatlich’, ‘oberhalb wie unterhalb des Nationalen’ und ‘weltumspannend’.

2 Der Zugang zum Internet ist eine völlig eigene Ungerechtigkeit, die aus ganz pragmatischen Gründen hier ausblende.
3 Gerne hätte ich vom ‘sozialen Netzwerk’ geschrieben, doch dieser Begriff ist vergiftet.

 

Linkgebliebenes 14

20 Mrz

Als empirischen Begriff halte ich rape culture für überladen und irritierend, ich sehe meine rein theoretischen Widerstände mit jedem Tag bröckeln. Der Geschlechterkrieg wird klammheimlich mit den Mitteln der Systemadministration geführt. Die Remote-Anwendungen haben ihre Daseinsberechtigung, wie sie allerdings zur heimlichen Überwachung, Nötigung und Erpressung von Frauen eingesetzt werden ist bezeichnend. Nicht Männer werden hier in ihrem Alltag überwacht, sondern Frauen. Von Spannern.

Und auf emotionaler Ebene kann ich schon lange keine Einwände mehr vorbringen. In dieser Woche hat die Verzweiflung aber einen neuen Namen erhalten. Der Abgrund heißt nun Steubenville. Eine junge Frau, die bis zur Reglosigkeit betrunken ist, wird von High-School-Footballern von Party zu Party gefahren. Aber sie wird von den Vorzeigesportlern und -schülern nicht nur vorgeführt und vergewaltigt, via Social Media prahlen sie auch noch mit ihrem Opfer. Und was befürchtet ein Teil der Presse und der Gesellschaft, der Mainstream? Dass da die vielversprechenden Karrieren der Jungen durch den Schuldspruch ruiniert werden könnten. Was das Opfer wiederum einem Strom aus Drohungen, Beleidigungen und Erniedrigungen aussetzt. Kaum. Noch. Auszuhalten.

Da verblassen alle anderen Themen doch deutlich:

 

Der Schwarm, die Intelligenz und das Wiederkäuen

20 Mrz

Den Netzoptimismus kann ich mir nicht abgewöhnen, aber völlig mitgehen auch nicht. Nicht mehr. Ich schiebe es auf altersbedingte Misanthropie, die ich aus Sorge um meinen Ruf vorzugsweise als Realismus bezeichne. Soll heißen, der Glaube an die rosige Zukunft der Menschheit durch das Internet oder Technik ganz allgemein fiele mir deutlich leichter, wenn der Faktor Mensch nicht Teil dieser Rechnung wäre.

Es muss aber nicht immer eine pseudo-anthropologische Grundtendenz sein, die mich dazu bringt, den Fortschritt nicht mit jedem Startup einzuläuten, denn das Etikett Fortschritt verkauft ein Startup nun einmal teurer, selbst wenn der faktische materielle, ökonomische oder kulturelle Nutzen bei näherer Betrachtung unterhalb jeder Relevanz liegt.

Für mich ist Codecademy so ein Beispiel für die revolutionäre Geste der kostenlosen Bildung für alle, die bei Lichte betrachtet dem Vorschlag gleichkommt, Menschen die Liebe zur Kunst mittels Malen nach Zahlen nahe bringen zu wollen. Codecademy ist nicht gescheitert, denn das grundlegende Versprechen löst es ein: Menschen können die Grundlagen einiger essentieller Script- und Auszeichnungssprachen lernen. Hierzu stehen für JavaScript, Ruby, PHP, Python und andere vorgefertigte Kurse bereit. Als interpretierte Sprachen bieten sie sich geradezu an, da es vergleichsweise einfach ist, einen Editor und den jeweiligen Interpreter im Browser zur Verfügung zu stellen.

Die ersten Schritte bei Codecademy dürfte für Neugierige erstaunlich leicht nachvollziehbar sein. In diesen Bereichen ist Codecademy erstaunlich, könnte sogar Hürden einreißen oder so weit senken, dass sie nicht mehr abschreckend wirken. Danach wird die Luft aber wieder dünn, denn wenn die ordentlichen Pfade der größeren Lerninhalte begangen sind, ziehen neue Hürden auf. Es gibt keinen Fingerzeig über das mechanisch erlernte Wissen hinaus.

Die Idee ist blendend, das Lösungsmuster ist im Netz altbewährt. Der Schwarm wird es schon richten. Irgendwie, egal wie. Denn Codecademy hat nur ein klappriges Gerüst zusammenhängender Übungen mit etwas, das einem didaktischen Konzept ähnlich sieht. Darüber hinaus sollen Kurse von der Community erstellt werden. Selbst nach langer Zeit bei Codecademy verstärkt sich der Eindruck, das der Pflege der Kurse keinerlei Beachtung geschenkt wird.

So reihen sich dann von Laien verfasste Kurse aneinander, die inhaltlich entweder reine Lückentests sind, sodass höheres Verständnis kaum entsteht, geschweige denn, die Fähigkeit eigene Ideen umzusetzen, oder dieses Verständnis wird vorausgesetzt. Die Qualitätssicherung besteht bloß aus einer plumpen Sternskala zur Bewertung des Kurses und unübersichtlichen Foren, in denen sich die Stimmen der Verwirrten überschlagen.

Moderation oder gar Redaktion kann ein dermaßen irritierter Schwarm kaum leisten. Das Versprechen universellen Wissens verkümmert so zum Stimmengewirr des Halbwissens in der vernetzten Masse. Das heißt allerdings nicht, dass sie nicht möglich wäre, die vernetzte Bildung zu geringem Preis, doch sind die bisherigen Lösungsansätze der Startups – denn es ist nicht Codecademys spezifisches Problem – eher technokratischer Idealismus verbrämt mit dem Idyll der Weisheit des Massen.

Doch was ist es für ein Wissen, das in redundanten Aufgaben vermittelt wird? Bildung, selbst in der geringsten aller Definitionen, ist nicht die mechanische Reproduktion von Fertigkeiten. Dieses Bildungsideal ist allerdings metrisch wieder schwer zu greifen, da ist es doch besser, nur das Wiederkäuen von Informationen zu messen und als Bildungsleistung vorzugaukeln. Von dem Ideal der Bildung als befreiendem, befähigendem, ermächtigendem menschlichen Werkzeug ist das weit entfernt. Ingenieurswissenschaftlich betriebene Aufklärung ist das, mehr nicht. Schade, denn im Netz allgemein wie auch bei Codecademy sind wirklich fantastische Inhalte zu finden. Den Zugang hat das Netz erleichtert, das Finden ist noch immer die Herausforderung.

 

So ein Artikel kann sehr erhellend sein – oder auch nicht?

21 Nov

Es ist so eine Sache mit den Affekten, Menschen haben sie. Ob sie sich nun dessen bewusst sind oder nicht. Und so ein Affekt ist ja auch eine herrliche Sache. Er macht die Welt einfach, wenn sie einfach sein soll. So ein Affekt ist die schärfste Waffe gegen die wirre Stimmgewalt in der Welt mit ihren turbulenten Gleichzeitigkeiten von Meinungen, Haltungen, Positionen, Argumenten und allem, was das Synonymwörterbuch in diesem Fall für dergleichen vorschlägt. Dagegen reicht ein affektiver Schnitt, und schon ist die Welt in klare Verhältnisse gespalten. Das ist alles, was der klar denkende Mensch braucht, seien wir doch mal ehrlich, hier das Gute auf der einen Seite, das Schlechte auf der anderen. Wir müssen uns nur für eine entscheiden, schon öffnet sich uns mittels des kognitiven Schnitts die Welt in klaren Fronten. Vergessen wir für einen Augenblick die losen Enden einst verknüpfter Erscheinungen, preisen wir stattdessen die gewonnene Linie durchs Wirrwarr, die der Affekt uns brachte. Warum kann nicht alles so einfach sein?

So einfach wie die thematisch leitende Frage der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft in der letzten Woche: Das Internet: Bereicherung oder Stressfaktor für die Demokratie?. Schon hier offenbart sich, der Hang, die Klinge des Affekts zu schwingen, ist auch in akademischen Zirkeln verbreitet. Die Vorteile der Dichotomie, sei sie auch noch so plakativ, liegen allzu deutlich auf der Hand. Wer hört nicht den zarten Hauch der Klinge beim ‘oder’? Gut, dass sich genug Akademiker und Persönlichkeiten des politischen Leben fanden, um dem Entweder-Oder zu antworten. Gut auch, dass Alexandra Borchardt uns von den davon berichten konnte.

Da hören wir, eine jugendliche Kanadierin brachte sich nach beharrlichem Cybermobbing um, doch die Menschenwürde müsse im Internet doch geachtet werden. Das Internet aber befreie von der Last der Verantwortung des eigenen Handelns, schließlich leide die Allgemeinheit auch unter den Kosten von Facebook-Partys, der nun auch gerichtlich eingeschränkten Haftung der Eltern für illegale Downloads ihrer Kinder, den Schmähungen brauner Mobs gegenüber vermeintlichen Kindermördern. Das Internet birgt Gefahren auch abseits des Materiellen, es pulverisiert eingeschleifte Normen wie das Urheberrecht und stürzt das in jedem Menschen idealisierte Subjekt in die Krise. Das Internet, höchstselbst. Von der Demokratie hatten wir bislang, entgegen der Ankündigung noch nicht gehört, nun aber wissen wir, auch sie wird bedroht – von einer Minderheit, die nur in der Lautstärke der Mehrheit schreie. Eine stimmgewaltige Elite produziere es, ein sozialer Spaltungsprozess vollziehe sich. Und noch immer nicht genug, denn schließlich vermengten sich Zeitdruck und Transparenz im Internet, hierdurch werde der für Meinungsbildung nötige Schutzraum gesprengt, aber auch die wichtige Funktion der Informationsselektion und -aufbereitung der Torwächter nivelliert.

Was hat das alles mit dem Affekt zu tun? Nicht viel, ganz klar. Das Internet, der Schluss drängt sich als Antwort auf die dichotome Fragestellung aus, ist ein Stressfaktor für die Demokratie, sie und ihre Institutionen müssten den Raum zurückerobern, den das Internet sich mit brachialem Stimmvolumen erobert hat. Mit dem Affekt hat dieser Befund nicht viel am Hut. Nur, dass diese Antwort eben einen Affekt bedient. Es gibt so viele Argumente gegen die einzelnen Kritikpunkte am Internet, die Frau Borchardt da aus den Vorträgen zusammenklaubt, doch wurden sie alle schon einmal erwähnt – vor Jahren.

Dennoch laufen sie alle auf wenige Aspekte hinaus, die im Falle des Internets bedacht werden sollten:

  • Internet ist keine homogene Erscheinung, schon gar nicht in seiner technischen Struktur. Wer also, wie im Artikel erwähnt, davon spricht, die Demokratie brauche Dezentralisierung, sollte sich nur einmal grob vor Augen halten, wie das Internet als Netzwerk der Netzwerke gerade auf dezentralen Mechanismen beruht. Und auch die soziale Struktur im Internet ist alles andere als gleichförmig. Von dem Internet zu sprechen, also dem Internet, dem Internet oder dem Internet, kommt einer Verkennung der Tatsachen gleich.
  • Entgegen allen Hoffnungen hat sich selbst in optimistischen Kreisen die Hoffnung gelegt, das Internet als Technik könne aus sich heraus, als bloß evidente technische Realität den gesellschaftlichen und politischen Modus in der Form ändern, dass Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit sich quasi von allein einstellen.
  • Internet bildet soziale Realitäten ab, spiegelt diese und wirkt auf sie zurück. Nichts im Internet ist fernab der menschlichen Natur, nichts an der Ungleichheit, der Gewalt, der Mobmentalität, der Grausamkeit ist genuin Internet. Ihr Modus ist anders, die Gewichtung verschoben, die Wirkung verändert, doch nichts davon ist per se vom Internet geschaffen.
  • Internet verhält sich zur Demokratie wie der Buchdruck, das Telefon, die Zeitungen oder das Fernsehen.
  • Internet – wie auch Demokratie – ist das, was Menschen daraus machen.

Besonders mit dem letzten Punkt hängt zusammen, was nicht mehr mit bloßen Affekten verhandelt werden kann. Wer Antworten zum Internet und dem Verhältnis zur Demokratie sucht wird sie nicht im Schema eines Entweder-Oder finden, auch nicht in der Aneinanderreihung anekdotaler Warnhinweise. Der Fortschrittsoptimismus netzaffiner Schichten muss nicht bedingungslos geteilt werden, allerdings rechtfertigt dies nicht, die Fronten zu verhärten, indem auf Vereinfachung, Verzerrung und Spaltung gesetzt wird, um zur Reconquista aufzurufen. Demokratie und Internet sind zu wichtig, um sie in Affekten zu verhandeln. Darüber gibt es kein Entweder und kein Oder.

 

Yubnub down, Surfroutine im Eimer

15 Aug

Ich weile gerade in der norddeutschen Heimat. Daher habe ich erst jetzt gemerkt, dass es sich beim Ausfall bei yubnub nicht um den von mir vermuteten Schluckauf handelt. Seit zwei Tagen ist der Server nicht mehr erreichbar. Erst durch diesen Ausfall fiel meine Abhängigkeit von yubnub auf.

Yubnub ist so einfach wie nützlich. Die beste Beschreibung ist immer noch die von der Kommandozeile für das Internet. Wird, wie bei mir auf allen Rechnern, der Dienst als Suchmaschine im Browser hinterlegt, fallen alle übrigen Suchmaschinen raus. Mit einfachen Befehlen werden über yubnub alle weiteren Seiten und Suchmaschinen angesteuert. Die Ergebnisse lassen sich schon bei Eingabe im Browser filtern. Und auch komplexere Vorgaben sind über Pipes machbar.

Rundum ist yubnub für mich so zu einem unverzichtbaren Tool geworden, welches ich kaum bewusst wahrgenommen habe, aber täglich nutzte. Und jetzt stehe ich da. Yubnub ist down, meine Gewöhnung zwingt mich aber noch immer dazu, die Kurzbefehle in den Browser zu tippen. Erst dann schlage ich mir vor die Stirn, es nun umständlich wieder in einer qualvollen Reihenfolge nacheinander abarbeiten zu müssen. Selbst jede Suche braucht einen Schritt mehr, weil ich die anderen Suchmaschinen-Plugins aus den Browsern verbannt habe.

Glücklicherweise scheint es sich aber nicht um eine Schließung zu handeln. Zumindest scheint der Entwickler gewillt, alles wieder zum Laufen bringen [EDIT: Link erneuert.] zu wollen. Eine Frage der Zeit. Hoffentlich.

UPDATE 23.08.: Yubnub läuft wieder! Es hat lang genug gedauert.