Soundgarden – King Animal

Schon in ihrem Namen tragen Soundgarden das Geheimnis ihrer Anziehungskraft. Und was für ein Garten es ist, den die Herren, so muss man sie ihrem Alter entsprechend nennen, da pflegen. Nichts hat ihre Musik mit der spießbürgerlichen Parzelle ordentlich abgesteckten Grüns zu tun, die sorgsam gepflegt und nach Vorschrift bepflanzt wird, um nach getaner Arbeit bei einem Bier den Stolz zu haben, Herr über die paar Quadratmeter domestizierter Natur zu sein. Ebensowenig wie die Kleingärtnerei sie interessiert, halten Soundgarden auch nicht an die Vereinsstatuten des Rock: weg mit der hingerotzten Berechenbarkeit gleichgeschalteter Dreiminüter, die belanglose Rebellenattitüde proklamieren. Soundgarden ließen den Songs lieber ihren Lauf, was sollte daran sein?

Schon auf dem großartigen Badmotorfinger Anfang der Neunziger kümmerten sie sich nicht um Grenzen und Vorschriften. Dann hatten sie eben wüsten Metal neben bluesigen Nummern, da durften Bläser im Hintergrund jubilieren, während die Gitarren breite Riffs ausspuckten. Superunknown war dann der endgültige Höhepunkt der inspirierten Gleichgültigkeit gegenüber allen Statussymbolen des Rockestablishments. Es ist noch immer leidenschaftlich depressiv, wüst, weinerlich, aufbrausend und nach allen Regeln der Kunst verhaltensgestört, doch solange es große Songs waren, wurde Gefälligkeit gerne außen vor gelassen.

Been Away Too Long ist selbstverständlich ein verlockender Titel für den Opener des Reunion-Albums, da konnten sie nicht widerstehen. Er gibt das Tempo des Albums vor, ist im gehobenen Midtempo angesiedelt, das fügt sich aber ins Bild. Soundgarden haben Alben gerne mit einer eher schleppenden Nummer eröffnet, als mit einem Tosen. Darauf folgt das markante Non-State Actor, hier ist alles wieder genau da, wo es bei Soundgarden hingehört: der Takt entzieht sich schön der Tanzbarkeit, dennoch verliert er sich nicht in sinnlosen Eskapaden. Wenig später stellt sich dann die Frage, was Kim Thayil mit den Tausender-Songtexten hat. A Thousand Days Before ist unverkennbar von ihm, selbst wenn der Titel ihn nicht verraten würde, hypnotisch singende Gitarren, entrückte Rhythmik. Ganz sicher ein Höhepunkt wie das folgende Blood on the Valley Floor, das bleierne Gitarrenakkorde im Schleichgang zu Grabe trägt, es muss Erinnerungen an das hervorragende 4th of July wecken.

Nach Bones of Birds ist aber urplötzlich der Schwung raus. Cornell verfügt noch immer über die rauchige Stimme, in der die Stimmbänder zum Bersten gespannt sind, mit Leichtigkeit bringt er so Spannung in die zweite Hälfte des Albums, und kann doch nicht verhehlen, wie sehr die Hooks auf King Animal fehlen. Attrition ist der Tiefpunkt, es ist der einzige Song, der noch Tempo hat, sich aber mit plumpem Vorwärtsdrang dem gefürchteten Altherrenrock bedrohlich nähert. Glücklicherweise ist King Animal bis dahin schon ordentlich auf Touren gewesen, sodass die routinierte Band die Fliehkraft nutzt, um sich ohne weitere Aussetzer auf Albumlänge zu bringen.

Die Rückkehr mit King Animal ist gelungen, wobei sich der Sturm und Drang aus den wüsten Grunge-Zeiten gelegt hat. Das Album ist, wie die Band schon mit dem bis dahin letzten Album Down on the Upside aufzeigte, einen Schritt in ruhigere Gefilde gegangen. Soundgarden haben sich im Midtempo gefunden, aus dem sie kaum ausbrechen, weshalb die Dramaturgie des Albums im Vergleich zu ihren frühen Glanzstücken etwas verblasst. Aber noch imer wuchert die Musik wie es ihr gefällt. Ergraut ist die Band vielleicht, angestaubt ist ihr Klang noch lange nicht.