Ein Lob auf das Feigenblatt

Der alljährliche Gradmesser für das eigene Abweichen vom musikalischen Massengeschmack fand dieses Jahr ausgerechnet in einem autoritären Staat statt, das kann ein freiheitsliebendes Europa freilich nicht kommentarlos auf sich sitzen lassen. Genausowenig darf ein Ereignis dieses Ausmaßes mit allzu grober Kritik an den politischen Rahmenbedingungen getrübt werden. Übrigens wäre doch die Veranstaltung und die europäische Aufmerksamkeit gerade die perfekte Lösung, das Regime zur Lockerung der Repressalien und Demokratisierung des Systems aufzufordern. Schließlich habe sich die EBU doch explizit Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gesangswettbewerbs zusichern lassen. Mit solchen Zugeständnissen ausgestattet, wird es den Europäern doch möglich sein, dauerhaft Risse in der autoritären Fassade zu hinterlassen. Mal sehen, welche kritischen Stimmen finden sich denn in der Show?

„Heute Abend konnte niemand für sein eigenes Land abstimmen. Aber es ist gut, wählen zu können. Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf Deiner Reise, Aserbaidschan. Europa beobachtet Dich.“ [AFP]

Das sagte Anke Engelke bevor sie pflichtbewusst die Ergebnisse aus Deutschland verkündete. Doch ist diese leiseste Form der Kritik nicht zwiespältig?

Einerseits mag es ein kümmerliches Ergebnis sein, dass sich unter allen Beteiligten lediglich Engelke bemüht sah, einen Seitenhieb zu fahren. Sehr fein, eine Komödiantin übt Kritik an der Staatsautorität. Ohne Engelke nahetreten zu wollen, das Gesagte wird in Aserbaidschan doch mit einiger Sicherheit als Spott von Hofnarren verhallen. Die symbolische Wirkung verfehlte nur bei denen ihre Wirkung nicht, denen sie eher galt. Eben dem Europa, das mit dem Wunsch nach Unterhaltung nach Baku blickte und doch eine Spur der Kritik demonstrieren wollte. All diese Europäer konnten sich nun gepflegt zurücklehnen.

Andererseits hat es durchaus den Ruch teutonischer Arroganz, die in Zeiten der Wirtschaftskrise doch langsam überhandnimmt. Deutschland, das wirtschaftlich im Vergleich geradezu prosperiert, schwingt sich zum einzigen Retter Südeuropäischer Misswirtschaften auf. Deutschland, das nach dem Jahresreport 2012 von Amnesty International gerne auch Rüstungsexporte in autoritäre Regime erlaubt, muss sich da nicht weiter um Widersprüche kümmern. Besser einige Akte symbolischen Unwillens gegenüber fragwürdigen Geschäftsparnern und dann aber zack zurück zur Normalität. Davon findet sich auch etwas bei Anke Engelke, schließlich stellte sie ihren kritischen Worten noch einige voran, die den obligatorischen Dank für die Organisation der Veranstaltung geschickt national wendete: Sie dankte den beteiligten Deutschen, die als Konstrukteure und Organisatoren von Düsseldorf gleich noch in Baku tätig waren. Sieh her, Europa, wir Deutsche üben verantwortungsbewusst Kritik an der Autokratie – und trotzdem können die Autokraten nicht ohne uns. Denn auch das ist europäische und besonders deutsche Freiheitsliebe. Autokraten haben Geld, der Herrscher aus Aserbaidschan aufgrund reicher Bodenschätze jede Menge. In Krisenzeiten können solche Geschäfte nicht verdorben werden, wo doch deutsche Wertarbeit geleistet werden kann.

Und so bleibt Engelkes Kritik bemüht und ihr persönlich sogar nicht als unaufrichtig anzukreiden. Aber letztlich hat Engelke nicht mehr als ein Feigenblatt geliefert, das bei näherer Betrachtung ein fataler Symbolismus deutscher Betriebsblindheit ist. Hauptsache (gefühlter) Europameister in allem.

Die Einkehr, die sie meinen

Einkehr ist, was von der Kanzel gepredigt wird. Der Eindruck drängt sich zumindest ob der fadenscheinigsten aller schwachen Argumente für die Aufrechterhaltung der so genannten stillen Tage auf.

Angesichts solcher Argumentationsgerippe wie denen des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, der Tag könne doch zum Innehalten und Neujustieren des eigenen Lebens genutzt werden, ist es einfach, sich darüber lustig zu machen. Es ist erstaunlich, Menschen vorzuschreiben, wie und wann sie ihr eigenes Leben hinterfragen sollten. Auch wenn ich nur für mich sprechen kann, gehe ich dennoch davon aus, näher an der Realität der Menschen zu sein als Schneider dies wahrnimmt, wenn ich annehme: Ich stelle mein Leben ständig auf den Prüfstand, hinterfrage tagein, tagaus die Schlüsse, die ich zog. Das auch an den stillen Tagen. Nicht wegen ihrer vermeintlichen Besonderheit, sondern der Alltäglichkeit meiner Reflexion wegen. Der Gegenwind, den Schneider und viele andere spüren, ist die und im freiheitlichen Sinne berechtigte, weil im freiheitlichen Sinne erlaubte Kritik, die auch ein Würdenträger nicht schlicht negieren sollte. Diese Negation allerdings zeigt auf, wie es bei manchen Kirchenvertretern um die Akzeptanz des Pluralismus und der Meinungsfreiheit steht.

Neben diesen unüberlegten, flachen Positionen gibt es noch die offen diffamierenden und separatistischen Argumente. Ein Beispiel hierfür wäre die Rhetorik eines Ludwig Schick:

Diese schränkten zwar die Freiheit Einzelner ein, förderten aber Gemeinschaft, Gesellschaft und Gemeinwohl, erklärte Schick am Donnerstag in Bamberg. Wer dies wolle, müsse auch gemeinschaftlich verpflichtende Vereinbarungen und Festlegungen befürworten.

Der Bamberger Erzbischof ist sich der Wirkung seiner Worte nicht bewusst oder wählt, wie ich meine, diese mit Bedacht. Dabei entsteht ein geradezu paradoxer Versuch der Verweigerung des nach Prinzipien der Freiheitlichkeit wünschenswerten Pluralismus einer demokratischen Gesellschaft mittels des Verweises auf vermeintlich gemeinwohlfördernder Diskriminierung. Es ist ein starkes Stück populistischen Separatismus: Wer die stillen Tage in Frage stelle, löse die Grundpfeiler der Gesellschaft auf? Diese Form der Agitation bedarf einer entschiedenen Erwiderung.

1. Die Kirchen, die Religion und der Glaube werden durch die Forderung nach einer Aufhebung der staatlich sanktionierten, doch religiös motivierten Feiertagsgesetze nicht in Frage gestellt. Keine dieser gesellschaftlichen Institutionen wird der Rang abgesprochen, lediglich geht es darum, welchen Stellenwert sie haben dürfen.

2. Die Kritik und auch die Proteste gegen die Feiertagsregelungen mit Tanzverboten beruhren auf genau den vereinbarten, festgelegten und als vernünftig betrachteten gesellschaftlichen Mechanismen, wie Konflikte ausgetragen werden sollten. Auf rechtlichem Boden. Die Arena ist die des politischen Diskurses mit Mitteln des geltenden Rechtes.

3. Es grenzt an mutwillig beleidigende Verfremdung der Positionen gegen die stillen Tage, diese als gesellschaftszersetzend zu bezeichnen. Unabhängig von der Stichhaltigkeit dieser Positionen fußen sie auf der Annahme einer pluralistischen Gesellschaft, in der alle nach eigenem Gutdünken über Wohl und Wehe des eigenen Lebens entscheiden dürfen. Denn diese Gesellschaft, die deutsche ist in kultureller, ideologischer, intellektueller und spiritueller Hinsicht vielschichtig. Der Ruf nach einer adäquaten Repräsentation dieses Pluralismus ist nicht weniger als der nach der Harmonisierung konfligierender sozialer Tendenzen.

4. Also verlassen nicht die Gegner der stillen Tage per se die Anforderungen einer freien, pluralen Gesellschaft, sondern diejenigen, die eine von hinreichenden gesellschaftlichen Teilen als dem Pluralismus widerstebend angesehen Forderung mit plumper Diffamation begegnen. Der religiöse Separatismus wird mit der an den Haaren herbeigezogenen Warnung vor gesellschaftlichem Separatismus verteidigt.

5. In dieser vielschichtigen Gesellschaft soll es jedem Menschen selbst überlassen sein, die eigene Spiritualität auszuloten, die Mittel und Wege zur Erlösung oder welchem Ideal auch immer zu finden oder sich schlicht nicht damit zu befassen. So frei die Wahl der Mittel ist, so unparteiisch sollte der Staat sein. Was der Staat mit seinen Verordnungen und Gesetzen zu Feiertagen allerdings macht, ist die die spirituelle Subvention der Kirchen vor den Moscheen, den Synagogen, den Sportarenen, den Theatern, den Diskotheken und den eigenen Wohnungen aller.

6. Denn der Staat hält mit seiner Subvention der Liturgie einen spirituellen Atavismus aufrecht, den eine pluralistische Gesellschaft, die gerade wegen ihrer spirituellen Freiheit nur von einem weltlichen Staat gesteuert werden sollte, nicht verdient hat.

Alle diese Punkte führen zu einem Ergebnis, das nicht die Vernichtung, die Negation oder den Untergang der Spiritualität vor Augen hat. Es geht um eine Gesellschaft, in der Menschen nur selbstbestimmt die Bedingungen der Einkehr definieren können. Antiquierte, paternalistische Verordnung des Innehaltens stehen dem modernen Staat nicht gut zu Gesicht. Und was glauben jene Kirchenvertreter, was in den Kinos, den Bars, den Theatern, den Konzerthallen und den Nachtclubs geschieht? All diese Orte sind öffentliche Orte, an denen Menschen zueinander finden, gemeinsame Leidenschaften ausleben. Sie genießen die Kunst, die Kultur und das Leben an sich. Mit sich und inmitten anderer. Das ist es, was die christlichen Kirchen in Abrede stellen: Dass Einkehr nicht einsam und in Ruhe vollzogen werden muss, sie auch im Publikum beim Konzert entstehen kann. Der gemeinsame Tanz, der an stillen Tagen so verpönt ist, ist ein gesellschaftlicher Akt. Leidenschaftlich,emotional und zutiefst verbindend. Die gemeinsame Freude über Musik im Kreis der Freunde, die sich in Gemeinsamkeit und Gemeinschaft Gleichgesinnter nur steigt, ist Teil einer Einkehr, die diese Kirchenmänner und -frauen aus welchen Gründen auch immer nicht gutheißen wollen.

Es darf, so meine Annahme, mit einigem Recht gefragt werden: Warum nicht? Mit welchem Recht? Und mit welcher Begründung?

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