Mit Luther gegen deutsche Einfalt

Einst war die deutsche Kulturlandschaft doch mal gefürchtet für ihre Abgründe. Geradezu verschrien waren sie doch, die großen Dichter und Denker aus Krautingen für ihre kopflastige Marter. Die geschundenen Seelen, emotionalen Brachen, der wortreich inszenierte Morast in den deutschsprachigen Köpfen. Obacht, das hier wird eine Beweislastumkehr.

Ja, wo sind sie denn die Beweise für die deutsche Schwermut, die härter ist als der in nationalistisch angehauchten Wendungen beschworene Stahl aus diesem Lande? Ich sehe sie nicht, die große Kultur. Und für diesen Niedergang mache ich nicht die Unterschicht verantwortlich, die ja gerne dafür herhalten muss, sondern die Oberen und ihr schnauzbärtiger Appendix namens Mittelschicht. Diejenigen, die sich das ergraute Haar mit dem Höhenkamm in einen Seitenscheitel gelieren.

Das deutsche Fernsehen und die hiesigen Fernsehproduktionen sind die geistige Fehlgeburt eines unbeweglichen sozialen Ungetüms. Im Geiste den alten Schreiberlingen und reimenden Lustmolchen verschrieben sind sie. Also faktisch tot. In Bildern festgehaltene Totenstarre einer Kulturindustrie, die das kulturelle Erbe in Grund und Boden glorifizierte, und dann noch die Arroganz besaß, neben den sterbenden Ideen und Geschichten auch noch keine weiteren zu erlauben.

Dieses Land hat den Schund verdient, den es produziert. Mittelmäßige Geschichtchen in Einakter-Erzählbögen für durchschnittliche Deutsche. Was ein Oxymoron ist, deutsch ist Durchschnitt. Wohl schon immer gewesen, trotz aller Selbstbeweihräucherung. Und all das fällt mir ein, wenn ich eine Serie sehe, die beileibe nicht finanziell außerhalb des in Deutschland Machbaren liegt. Doch ist es unvorstellbar, dem mediokren deutschen Gemüt diese durchaus plakativen Abgründe hinzuwerfen, die selbst die kleinste Figur darin ausmacht. Eine Serie der BBC ist es. Das erhärtet den Verdacht, dass es eine Retourkutsche ist, den Deutschen ihr halbgares Fernsehen vorzuführen, indem mit einfachsten Mitteln Qualität produziert und dabei sogar das einstige Alleinstellungsmerkmal mit eingebaut wird. Es muss als Beleidigung gegen das deutsche Fernsehen gemeint sein. Würde die Serie sonst ausgerechnet Luther heißen?

App.net und die soziale Selektion: XOR

Ich mag app.net. Wirklich, mit jedem Tag etwas mehr. Es ist voller Menschen, mit denen ich gerne kommuniziere. Ob nun in Alpha oder Patter. Es bilden sich dort Zirkel, in denen meine Interessen konzentriert sind. Allerdings erhält in manchen Fällen diese Konzentration von in weiten Teilen gleichgesinnter Menschen den bitteren Beigeschmack, den es überall gibt, wo Menschen zusammenfinden. Ihr sozialer Mechanismus der Gruppenzugehörigkeit driftet ab. Exklusionistische soziale Selektion findet statt.

Soziale Selektion: XOR

Ein gewisser Teil der Nerdkultur hat keinerlei Schwierigkeiten mit Logikgattern, tut sich aber sehr schwer damit, ähnliche Muster in sozialen Situationen zu erkennen. Um nicht völlig vom Thema abzukommen, unterscheide ich mal zwei Wege, wie sich soziale Gruppen bilden. Sehr vereinfacht finden sich Menschen über Gemeinsamkeit oder Abgrenzung. Beide überschneiden sich oft, sodass sie sich zum Verwechseln ähnlich sehen. Sie sind ihrem Wesen nach aber unterschiedlich.

Der inklusionistische Mechanismus funktioniert über gemeinsame Interessen, Ideen oder Normen. Im Kern steht dabei die Gemeinsamkeit des sozial bindenden Mechanismus. Menschen finden bei aller Individualität um ein sozial bindendes Element herum zueinander. Allein der Umstand des Teilens und der gemeinsamen Teilhabe qualifiziert innerhalb der Gruppen. Unabhängig von anderen Interessen finden sie in einer sozialen Nische zusammen und sind über Ähnlichkeit an und in ihr gebunden. Der exklusionistische Ansatz scheint ähnlich gelagert, hat aber einen feinen Unterschied: Die Gemeinsamkeit der beteiligten Personen besteht darin, explizit nicht einer anderen sozialen Gruppe zugehörig zu sein. Ein Entweder-Oder, das soziale XOR. Primäres Qualifikationsmerkmal ist die Nichtzugehörigkeit zu einer anderen Gruppe. Die Verflechtungen sind komplex, Details blende ich deshalb aus. Wesentlich ist erst einmal der Unterschied, dass Inklusion weit weniger soziale Kollision meint, während Exklusion gerade darauf basiert.

XOR bei app.net

Vorweg noch einmal, ich spreche hier nicht von einem Massenphänomen bei app.net. Aber von einem hinreichenden, das es alles andere als eine Marginalie ist. App.net ist schon jetzt vielfältiger als gemeinhin wahrnehmbar. Alleine schon, weil ich hier größtenteils über den deutschsprachigen Teil des Netzwerkes spreche, den ich überwiegend sehe. Entlang vieler Grenzen ist app.net schon oder noch immer eine selektiv begrenzt. Aber nicht im exklusionistischen Sinne.

Von Beginn an hat sich aber app.net von Twitter abgegrenzt, auch wenn die Unterschiede größer sind. Dennoch hat sich unter den Nutzerinnen und Nutzern ein gewisser Status etabliert, der mit der reinen Zugehörigkeit zum Netzwerk verknüpft ist. Auch das ist so weit noch nicht exklusionistisch, denn wer erst einmal dabei ist, ist dabei. Das XOR kommt aber vor, wenn eine gewisse Verachtung gegenüber Twitter ausgedrückt wird. Auch ich hatte meine Gründe, Twitter zwar nicht den Rücken zu kehren, doch aber eine weitere soziale Gruppe zu finden. Dementsprechend habe auch ich über Twitter geflucht, wohlgemerkt über den Dienst, nicht die Nutzerschaft. Andere aber, wenige aus meiner Wahrnehmung, scheinen ihre eigene soziale Wunschvorstellung auf app.net übertragen zu wollen, indem Nutzerinnen und Nutzer bei Twitter pauschal disqualifiziert und diskreditiert werden. Ein anschauliches Beispiel war die kürzlich aufgeflogene Aktion, gewisse Nicknames von Twitter in app.net zu besetzen. Das ist insofern ärgerlich wie es naiv ist. Als ob sich diese Personen davon abhalten ließen, sie können ja noch Varianten der Nicknames nutzen. Aber zum Beispiel diese Beschreibung aus einem in Beschlag genommenen und inzwischen gelöschten Account sagt mehr aus:

i hate [USERNAME*]  from twitter and don’t want her here. this is why this account name is taken.

Es mag nur eine Person gewesen sein, die diese Motive hatte, doch für mich ist sie ein Produkt eines gewissen Statusdenkens. Wer derzeit bei app.net ist, wird sehen, dass subtile Selektionsmechanismen auf eine Exklusion ausgerichtet sind, die langfristig nur app.net schaden können. Meist sogar nicht mit böser Absicht tritt dieser Effekt auf, aber genau das ist die fatale Wirkung dieser Form sozialer Selektion. Und genau das sollte nicht der Zweck sein.

Soziale Vielfalt

All diejenigen, die wie ich gerne app.net nutzen, haben ein Interesse an einer Verbreitung des Dienstes, wenn auch allein nur, um ihn wirtschaftlich am Leben zu halten. Damit geht aber auch eine notwendige oder immerhin nicht vermeidbare Verbreiterung der Nutzerschaft einher. Im Sinne der Filtersouveränität obliegt es uns allen, wie wir mit Störsignalen umgehen. Aber das XOR einer rein thematisch, ideologisch oder auch subkulturell gefilterten Nutzerschaft ist mir zuwider. Über die kleine Blase, die wir als Einzelne im Netzwerk darstellen, bestimmen nur wir. Richtig. Darüber hinaus finden sich diese Blasen zu größeren zusammen wie es ihnen beliebt. Inklusionistisch im besten Falle. Wer nicht übers Stricken reden will, soll es auch nicht müssen. Wer keine Gadgets hat, darf sich raushalten. Und wer jeden Abend ein Gute-Nacht in die Timeline ruft, soll dies tun. Jedes dieser Themen hat seine Berechtigung. Auch auf app.net.

* Der Username tut hier nichts zur Sache. Anm. d. Verf.

Lumière-Tag

Warum?

Ich hatte es gestern ja schon angekündigt: Heute ist für mich Feiertag. Jawoll. Aber welcher? Ich habe ihn immer Lumière-Tag genannt. Das trifft es nach meinen Regeln nicht ganz, aber es klingt besser als Kinotag. Das klingt mehr nach Dienstag zum halben Preis oder so ähnlich. Es ist auch treffender als etwa Cinématographentag. Wer weis denn schon noch, was ein Cinématograph ist? Beide Begriffe hätten auch den Nachteil zu stark auf Kino zu fokussieren. Ich verstehe den Lumière-Tag als einen Tag, an dem die Bedeutung des Bewegtbildes gefeiert werden sollte. Also Kino, Fernsehen, Video und noch mehr. Vielleicht sogar auch Videospiele. Ich glaube schon, dass sie hier einen Platz hätten. Narrativ sind viele der großen Spiele an Filmen dran, auch wenn sie doch eine andere Interaktivität haben. Aber Bewegtbilder sind essenzieller Teil der Videospiele. Warum eigentlich nicht? Weiterlesen

Ich seh die Kunst, ich seh sie nicht

Videospiele haben eine vergleichsweise kurze Lebenszeit als Kulturgut hinter sich. In gerade einmal etwas mehr als drei Jahrzehten (die ersten Anfänge waren schon früher, aber ich bleibe bei der groben Verortung) haben sie einen Sprung von der Subkultur in den Mainstream geschafft. Und ebenso wie alle anderen kulturellen Neuerungen haben sie sich gegen allerlei Vorwürfe und Anschuldigungen zu rechtfertigen. Dabei geht es im Kern noch nicht einmal darum, dass sie kulturverderbend oder sogar gesellschaftsgefährend weil verrohend sein sollen. In der Regel geht es darum, dass sie angeblich nicht als Kunst anerkannt werden können. Weiterlesen

Teaser: Fernsehproduktionen weltweit

Da hatte ich letzte und vorletzte Woche doch mal schön angefangen, mir Gedanken zu den deutschen Fernsehproduktionen zu machen. Letztlich ergiebt das alles, das wurde mir in dieser Woche klar, keinen Sinn, wennn ich nicht einen Hintergrund haben, mit dem ich die Ergebnisse aus diesen Beiträgen vergleichen kann. Ich bin nicht der Typ für Statistiken, ich weiß, dass ich es nicht kann. Deshalb scheue ich eigentlich davor, Dinge empirisch miteinander zu vergleichen. Nun habe ich aber damit angefangen und will es wenigstens versuchen. Weiterlesen

Blick zurück nach hinten ins Gestern der vergangenen Zeit, hach, was sind wir toll

Ich traue mich gar nicht mehr, in der Liste noch einmal zu schauen, was denn in der Liste der letzten Woche brauchbares dabei gewesen sein könnte. Selbst wenn ich die Liste so lasse, wie sie jetzt ist, dann ist es karg (nur nebenbei: irgendwie ist eine dänische Kinderserie reingerutscht; Alisa/Hanna – Folge deinem Herzen sind eigentlich eine Serie, die einzelnen Einträge strecken die Liste noch), was da in der deutschen Fernsehlandschaft unterwegs war.

Alles, was mich ansprechen könnte, ist Im Angesicht des Todes. Die Serie hat ja einige Fürsprecher, ist aber an mir vorbeigegangen. Und ich glaube, ich war nicht der einzige, dem die Serie dann doch letztlich egal war. War da nicht was von einer miserablen Quote? Das wäre der Serie nicht zu wünschen gewesen, aber doch letztlich nachvollziehbar, da es zumindest subjektiv meine Erwartung erfüllen könnte, dass die Zielgruppe dieser Sendung eine solche nicht mehr im deutschen Fernsehen erwartet.

Weissensee könnte ja auch noch was sein. Doch wirkt das Konzept auf mich doch zunächst sehr brav. Zudem weiß ich noch nicht einzuschätzen, ob die Preise, die die Serie erhielt, eher für oder eher gegen sie sprechen sollten. Mir sagt es jedenfalls, dass es ein zahnloser Tiger ist, was einen in dieser Serie erwartet.

Auch mein Wunsch nach anderen als den in Deutschland erwartbaren Serien wurde eventuell formal Grimmsberg erfüllt. Mit einigem Schaudern erinnere ich mich noch an die Trailer, die ProSieben für die Sendung ausgestrahlt hat. Dieses Schaudern ist aber eines, welches von dieser Mistery-Sendung nicht hervorgerufen werden sollte. Es sah so billig aus, dass ich das Zittern bekam.

Ansonsten bleibt nicht viel mehr als der Schund, der wohl immer geht. Weil billig. Weil einfach. Weil deutsch. Das ist traurig. Man sollte Deutschland nicht an dem Output der USA messen, das sind ungleiche Verhältnisse. Dass aber in Deutschland so wenig auf Qualität gesetzt wird, überrascht mich. Auch wenn ich es eigentlich erwartet hatte. Da kommt die Frage auf, ob Deutschland ein Land der Medienkonsumenten ist, nicht eines der Medienproduktion. Von der Literaturindustrie mal abgesehen, sieht es in anderen Mediensparten aus meiner Sicht ähnlich aus. Und die Literatur in Deutschland hat ganz andere Probleme, die sie auch nicht gerade attraktiv machen.

Das Land der Dichter und Denker hat in meinen Augen genau dort einen Fehler gemacht, der schon in dieser oft zitierten Wendung beinhaltet ist: Man ist rückwärtsgewandt, mut- und kraftlos. Aber das reicht auch, wenn man immer noch seinen Stolz aus der künstlerischen Vergangenheit bezieht.

Serienstarts in den USA im Herbst 2011: Will ich sehen

Herrje, sind das noch viele Serien, die ich hier vor mir habe. Als ich mit der Aufstellung der Serien begonnen hatte, war mein Eindruck, dieses Jahr wäre nicht viel los. Diese Ansicht muss ich anhand der verbliebenen Serien revidieren. Es ist zwar mit Sicherheit kein Muss dabei, das sich förmlich aufdrängt, wie im Vorjahr etwa The Walking Dead oder Boardwalk Empire. Auch wüsste ich nicht, was einen Geheimtipp darstellen könnte, wie das oft gelobte Community. Aber es versprechen doch eine stattliche Zahl von Serien, gute und bisweilen auch anspruchsvolle Serienkost zu werden. Rechnet man also die üblichen Versager und leeren Versprechungen raus, sollte diese Jahr doch mehr drin sein, als ich anfangs dachte. Deshalb gibt es heute auch zu jeder Serie einen passenden Trailer. Let’s go. Weiterlesen