The Dillinger Escape Plan – One of Us Is the Killer

War es in Bochum, in Dortmund, ich habe keine Ahnung mehr. Fragt mich nicht, wann es war, das kann ich auch nicht sagen. Ich erinnere mich noch an Lichtblitze, fliegende Haarmähnen, seltsame Grimassen. Und vor allem an diesen ohrenbetäubenden Lärm. The Dillinger Escape Plan waren nicht der Grund, warum ich hinderte Kilometer mit meinen Kumpels in den Westen aufgebrochen waren. Wir hatten persönlichen Act des Abends schon gesehen, es dürfte Poison the Well gewesen sein. Und nun fällt mir ein, es muss 2004 gewesen sein, denn es war vor allem der dissonante Mathcore von Miss Machine, der durch den engen, verschwitzten Saal fegte. Die Akustik war miserabel, doch kam mir nur eines in den Sinn: Das soll so.

Es war der Abend, an dem ich das Konzept verstanden hatte, das The Dillinger Escape Plan mit aller musikalischen Gewalt verfolgten. Wahrlich, diese Band, hat einen Plan, irrsinnig, widerstreitend, aber bahnbrechend pervers. Alle Störgeräusche, die abgehackten, verstümmelten Konstrukte, die nur selten und anscheinend zufällig für kurze Augenblicke Formen annehmen, die wiederum entfernt an Musik erinnern lassen, die sind alle Teil dieses Plans. Seit die Stammbesetzung Calculating Infinity verbrach, hat sich die Band personell einmal völlig umgekrempelt, das widersprüchliche Wesen ist die Band geblieben. Erst live erkannte ich, wie sie minutiös jeden noch so beliebig und diffus wirkenden Moment der Alben auf der Bühne nachbildeten. Dieser Wahnsinn hat Methode.

Wie bisher jedes ihrer Alben lässt mich auch One of Us Is the Killer auf Anhieb ratlos zurück — wenn ich die Schockstarre erst einmal überwunden habe. Wie sollen Menschen diesen Wirbelsturm namens Prancer bewusst erschaffen haben. The Dillinger Escape Plan zu hören ist noch immer wie das Betrachten einer Naturkatastrophe, die alles unter sich begräbt. Wände zerbersten unter dem Druck, die Steine zerreiben einander; es ist die pure Zerstörung, ihr Weg aber ist nachvollziehbar. Wie eine Flutwelle den Gesetzen der Physik folgt, auch wenn sie nicht sofort sichtbar sind, unterliegt One of Us Is the Killer dem Willen der Musiker. Nicht ist zufällig, es wirkt nur so. Das ist die Folge der nüchternen Ratio, mit der diese Band Stürme entfacht. Sei es wie bei Understanding Decay oder Paranoia Shields, wird den Songs eine Chance gegeben, wird ihre Struktur erkennbar. Aus Lärm wird Musik, das konnten The Dillinger Escape Plan schon immer. An den äußeren Rändern erlauben sie sich pointiertere Kontrastpunkte, ihrem Wesen nach sind sie aber auf dem neuen Album immer noch widernatürlich organisch. An diesem Tag, als ich sie live sah, erkannte ich, wie entspannend dieser wilde Lärm ist.