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Artikel mit dem Tag ‘musik’

Deutschland sucht den Schlagerstar

13 Mai

Die Quoten sanken, vom wohlverdienten Verglühen eines grellen Sterns im deutschen Fernsehen wurde geschrieben. Voreilig wirken die hämischen Kommentare, verbrannte Deutschland sucht den Superstar eben nicht seine Masse, nur den zuckrigen Glitzerpop, den die Show bis dahin verfolgte, verbrauchte sie. Inhaltsleer, gasförmig war die Musik von DSDS schon immer, dahinter verborgen lag aber ein energiereicher Kern musikalischen Gallerts. Der deutsche Schlager wurde in DSDS anfangs belächelt, als die ersten Stimmchen die musikalische Rache Deutschlands an der Welt trällerten, mit dem gestrigen Sieg der krankhaft wohlgelaunten Beatrice Egli, hat sich eine kosmische Evolution vollzogen.

Beatrice Egli ist die Schablone der heiterkeitsbesoffenen Schlagerkultur. Sie schlägt ihre Augen weit auf, lächelt ins Publikum und hüpft beseelt über die Bühne. Dabei trifft sie auch mal einen Ton im ständigen Stampfbeat des 1-2-3-4-Schlagers. Deutschlands Charts sind helene-fischerisiert, eine hübsch anzusehende Oberfläche zwitschert Plattitüden, hält beide Hände vor die Brust und grinst dem Publikum Zuneigung entgegen. Und die einfache deutsche Seele dankt es mit der ihr eigenen Hörigkeit.

Die deutsche Popmusik kultiviert noch immer einen Führerkult, nicht anders ist es zu lesen, wenn ein windiger Knöpfchendrücker wie Dieter Bohlen zum Poptitanen stilisiert wird, wobei er keinen Hehl daraus macht, wie sehr er sein Fähnlein in den Wind hält. Da raunt er seine jugendlichen Opfer an, warum sie sich denn einen Titel ausgesucht haben, den seiner Meinung nach kein Mensch hören will. Was nicht in den Top Ten der Charts war, kann nicht gut genug sein. Das muss dann auch unflätig zum Ausdruck gebracht werden. Und wenn dann eben aus verschiedenen demographischen Gründen sowie einiger fragwürdiger ökonomischer Entscheidungen der Schlager die Szenerie bestimmt, dann folgt der Tross. Bohlen ist das bekannteste Gesicht eines konsumistischen Kunstbegriffs, der für gut befindet, was die Massen bewegt. Eine Maschinerie lebt von diesen Typen, die im Zweifel eben auch faschistoider Heimatverbundenheit einer Band wie Frei.Wild ohne schlechtes Gewissen Industriepreise in die Hand drückt, wenn sie nur genug verkaufen.

So sucht sich die Industrie kleine charismatische Herrscherinnen und Herrscher, die eskapistische Triebe bedienen. Das Volk dankt die Plattheiten mit bedingungsloser Liebe, solange die Volksnähe gegeben ist. Die Eglis und Fischers blicken mit aufgesetzten Blicken treudoofer Zuneigung in die Zuschauermassen, die Massen fühlen sich ob der herrschaftlichen Liebesbekundung gebauchpinselt. Kein Wunder also, dass RTL DSDS unbeirrt in einen neuen Zustand übergehen lässt. Die Hände zum Himmel des Kapitalismus, wo ein Stern seinen Namen trägt. Sehr eglig.

 
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Clutch: Earth Rocker

21 Mrz

Wenn eine Band wie Clutch über Jahrzehnte hinweg die eigene Bekanntheit steigert, ist diese Langlebigkeit wohl einem besonderen Starrsinn geschuldet. Wo andere an der Industrie und auch sich selbst ausgebrannt sind, glühen die mittlerweile ergrauten Herren aus Germantown in Maryland immer noch vor. Seit Anfang der Neunziger pflegen sie einen speziellen retro-futuristischen Sound. Auch ihr neues Album Earth Rocker klingt nach einem Artefakt vergangener Zeiten, in denen Rock harte Arbeit an schweren Akkorden war. Wenn es denn so einfach wäre bei Clutch. Die Band ist vor allem eine Chimäre, ein grotesker Hybrid.

Wohlgemerkt ist der stumpfe Rock bei Clutch vielschichtiger als es sich zunächst anhört. Stramm stampfende Songs spulen vermeintlich überholte Klischees herunter, darüber Neil Fallons tiefer Sprechgesang. Mehr scheint nicht dahinter zu stecken. Ein trügerischer Schein, denn Clutch brechen die simplen Strukturen geschickt auf. Der maskuline Stoner Rock ist eine Fassade für eine Band, der ihre Leidenschaft für das Jammen anzuhören ist.

Blues schwingt mit, derber Metal der Siebziger auch und die Anleihen bei vielen anderen Genres sind auf Dauer nicht zu überhören. Wie auf allen ihrer Alben, bändigen Clutch ihren Spieltrieb nicht, so verleiben sie sich alles ein, was ihnen in den Sinn kommt. Da fällt erst gar nicht auf, dass der Kopf nicht in den üblichen Takten des Proll-Rocks nickt, gerade Dan Maines und Jean Paul Gaster an Bass und Schlagzeug schmuggeln reichlich Abwechslung in Songs wie Mr. Freedom und Book, Saddle, & Go.

Auch Fallons Texte lösen die Vorstellung von einer stumpfen Band auf, die thematisch so beschränkt ist wie ihre Musik. Clutch verschieben gerne Takte und drehen sich in Rhythmen hinein, Fallon nimmt dann auch noch Anlauf und taucht tief in griechische Mythologie ein, bohrt in der Menschheitsgeschichte rum und kramt religiöse Bilder und Sagen hervor. Schnell wird es vor Mythen, Fantasy und Science-Fiction unübersichtlich. Da geht es schnell so zu wie Crucial Velocity, das eine ganz typische Fallon-Mär erzählt:

Nach einigen ruhigeren Alben, binden Clutch auf Earth Rocker nun wieder Backsteine ans Gaspedal. Es fängt mit dem robusten Titelsong an, der sich unermüdlich ins Ohr beißt und endet nach wilder Fahrt in einem großartig kratzbürstigem Werwolf von einem Song. The Wolf Man Kindly Requests… zeigt deutlich, dass hier eine Band hervorragender Techniker wieder einmal mit Einfalt kokettiert, um allen, die nicht rechtzeitig aus dem Weg kamen, das Kunsthandwerk des Südstaaten-Rocks um die Ohren zu hauen. Clutch sind auf Earth Rocker nach mehr als zwanzig Jahren Bandgeschichte glücklicherweise immer noch das hochbegabte, trotzige Kind, das sie schon immer waren.

 
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Coheed & Cambria: The Afterman – Descension

05 Mrz

Eigentlich muss ich nur…kann ich nicht einfach? Warte mal, wenn ich das hier ändere und an der anderen Stelle da hinten was abschneide, dann… Ja, das klappt. Gibt mir mal jemand den Kleber? Das tut dann nämlich auch so, muss ich gar nicht viel mehr zu schreiben. Reicht vollkommen, hier gerade die Songtitel auszutauschen. Das weg, und das weg, dann können Number City und Key Entity Extraction V: Sentry the Defiant rein. Jetzt muss ich nur noch warten, bis der Kleber getrocknet ist. Eins Mississippi, zwei Mississippi. Und? Hält! Mit dem Finger drüber fahren, fühlt sich okay an, ich spüre zwar, dass das aufgeklebt ist, aber auch nur weil ich es weiß. Andere merken das gar nicht, da gehe ich jede Wette ein. Also mache ich das noch ein paar Mal, dann ist das feine Selbstplagiat fertig. Oder ich spare mir auch die Arbeit und verweise schnell auf meinen Artikel zum ersten Teil des The Afterman -Doppelalbums, der ist, von den genannten Songs abgesehen, noch voll gültig.

Der zweite Teil verhält sich absolut wie der erste Teil, sie sind aus einem Guss. Das bringt die positiven wie negativen Aspekte des ersten Teils mit sich. Aber i h kann nicht von Coheed & Cambria lassen, denn sie sind nur an ihren eigenen Glanztaten gemessen schwach geworden, schreiben aber ansonsten immer noch progressiven Rock, der von weit oben zum Mittelmaß hinab schaut. Außerdem gibt es für mich gerade an heutigem Datum für mich einen ganz persönlichen Grund, Coheed zu hören, der mich nostalgisch an die Band bindet.

 
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Biffy Clyro: Opposites

28 Feb

Nach quälend langer Zeit mit unzähligen Anläufen gelingt mir noch immer kein runder, satter Artikel zum neuen Album der Schotten Biffy Clyro. Dann eben mit dem Kopf durch die Wand. Opposites schraubt sich im Gehörgang fest, und dort nisten sich Biffy Clyro gepflegt ein, denn es gibt kaum einen Song auf Opposites, dem nicht zumindest etwas abzugewinnen ist. Skylight ist vielleicht so ein Ausreißer nach unten, es weckt üble Erinnerungen an das Behind Blue Eyes-Cover von den Nu-Metal-Dünnbrettbohrern Limp Bizkit. Ganz schlimm.

Ansonsten macht Opposites bei aller Eingängigkeit einen weiten Bogen um solcherlei Peinlichkeiten. Irgendwo im manisch-depressiven Traumland ist Opposites angesiedelt. Ein beinahe schon barockes Album, in dem Traum und Alptraum sehr dicht beieinander liegen, nur dass hier Plüschfiguren in Regenbogenfarben bluten. Ja, ein barockes Carpe diem. Memento mori schallt uns da entgegen. Das Spektrum ist breit, Spanish Radio, Victory Over the Sun, The Thaw oder Moder Magic Formula zeigen die Bandbreite der Schotten.

Doch es gibt, zumindest für mich, ein großes Aber. Opposites ist in den meisten Momenten ergreifender Rock-Bombast, es gibt kaum ein Entrinnen aus den Sirenenrufen. Biffy Clyro haben diese Emotionalität mit einem widerlichen Trick erschaffen: In jedem, wirklich jedem Song, werden die Refrains, wenn nicht gleich auch Strophen, mehrstimmig gesungen. Stadiontaugliche Chöre oder rotzige Gang-Shouts, immer kommen Biffy Clyro und bringen die Familie mit. Auf die Dauer ist diese monotone Pluralisierung der Gesangsmelodien ermüdend, eigentlich sogar emotional erpressend. Noch schlimmer wird es, wenn wie auf Trumpet or Tap die Streicher die Tränendrüsen bedienen. Den Rest gibt den Songs aber Produzent Garth Richardson, der den Songs jede individuelle Note nimmt, indem er sie über denselben Bogen des Plastiksounds zieht.

Opposites will wie ein episches Album klingen, dieser Wille ist in jedem Ton zu hören. Biffy Clyro bemühen aber platte Klischees, diese erheuchelte, aufgesetzte Epik ist für mich reinste Gaukelei. Aber immerhin ist es jetzt raus.

 
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Biffy Clyro: Black Chandelier

21 Feb

Angekündigt ist sie schon seit letzter Woche, doch ist dies auch wieder nicht meine Besprechung von Biffy Clyros Opposites. Ich winde mich heraus, drehe mich um mich selbst, es will einfach nicht passen. Wahrscheinlich liegt es an Opposites‘ bipolarer Störung. Ich mag dieses Album, wirklich, und ich verachte die Eindimensionalität der Mittel, die Biffy Clyro einsetzen, um dieses Album mit passiv-aggressiver Gewalt auf Verehrungswürdigkeit zu trimmen; die Schotten wollen Opposites angebetet wissen, das höre ich ganz genau. Die Formel steckt schon in Black Chandelier:

Black Chandelier ist in allen mir bekannten Versionen der zweite Song, es enthält schon alle Versatzstücke, die sich im Verlauf des Albums wiederholen und wiederholen. An die Versionierung Double Edition und der Single Edition muss ich mich auch erst gewöhnen, das ändert aber nichts an meiner Kritik, in der Double Edition wird bloß nur noch deutlicher, wie Biffy Clyro manipulieren, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Aber für heute muss das reichen, ich werde noch einige Tage brauchen, bis ich es noch besser ausdrücken kann.

 
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Soundgarden – King Animal

13 Dez

Schon in ihrem Namen tragen Soundgarden das Geheimnis ihrer Anziehungskraft. Und was für ein Garten es ist, den die Herren, so muss man sie ihrem Alter entsprechend nennen, da pflegen. Nichts hat ihre Musik mit der spießbürgerlichen Parzelle ordentlich abgesteckten Grüns zu tun, die sorgsam gepflegt und nach Vorschrift bepflanzt wird, um nach getaner Arbeit bei einem Bier den Stolz zu haben, Herr über die paar Quadratmeter domestizierter Natur zu sein. Ebensowenig wie die Kleingärtnerei sie interessiert, halten Soundgarden auch nicht an die Vereinsstatuten des Rock: weg mit der hingerotzten Berechenbarkeit gleichgeschalteter Dreiminüter, die belanglose Rebellenattitüde proklamieren. Soundgarden ließen den Songs lieber ihren Lauf, was sollte daran sein?

Schon auf dem großartigen Badmotorfinger Anfang der Neunziger kümmerten sie sich nicht um Grenzen und Vorschriften. Dann hatten sie eben wüsten Metal neben bluesigen Nummern, da durften Bläser im Hintergrund jubilieren, während die Gitarren breite Riffs ausspuckten. Superunknown war dann der endgültige Höhepunkt der inspirierten Gleichgültigkeit gegenüber allen Statussymbolen des Rockestablishments. Es ist noch immer leidenschaftlich depressiv, wüst, weinerlich, aufbrausend und nach allen Regeln der Kunst verhaltensgestört, doch solange es große Songs waren, wurde Gefälligkeit gerne außen vor gelassen.

Been Away Too Long ist selbstverständlich ein verlockender Titel für den Opener des Reunion-Albums, da konnten sie nicht widerstehen. Er gibt das Tempo des Albums vor, ist im gehobenen Midtempo angesiedelt, das fügt sich aber ins Bild. Soundgarden haben Alben gerne mit einer eher schleppenden Nummer eröffnet, als mit einem Tosen. Darauf folgt das markante Non-State Actor, hier ist alles wieder genau da, wo es bei Soundgarden hingehört: der Takt entzieht sich schön der Tanzbarkeit, dennoch verliert er sich nicht in sinnlosen Eskapaden. Wenig später stellt sich dann die Frage, was Kim Thayil mit den Tausender-Songtexten hat. A Thousand Days Before ist unverkennbar von ihm, selbst wenn der Titel ihn nicht verraten würde, hypnotisch singende Gitarren, entrückte Rhythmik. Ganz sicher ein Höhepunkt wie das folgende Blood on the Valley Floor, das bleierne Gitarrenakkorde im Schleichgang zu Grabe trägt, es muss Erinnerungen an das hervorragende 4th of July wecken.

Nach Bones of Birds ist aber urplötzlich der Schwung raus. Cornell verfügt noch immer über die rauchige Stimme, in der die Stimmbänder zum Bersten gespannt sind, mit Leichtigkeit bringt er so Spannung in die zweite Hälfte des Albums, und kann doch nicht verhehlen, wie sehr die Hooks auf King Animal fehlen. Attrition ist der Tiefpunkt, es ist der einzige Song, der noch Tempo hat, sich aber mit plumpem Vorwärtsdrang dem gefürchteten Altherrenrock bedrohlich nähert. Glücklicherweise ist King Animal bis dahin schon ordentlich auf Touren gewesen, sodass die routinierte Band die Fliehkraft nutzt, um sich ohne weitere Aussetzer auf Albumlänge zu bringen.

Die Rückkehr mit King Animal ist gelungen, wobei sich der Sturm und Drang aus den wüsten Grunge-Zeiten gelegt hat. Das Album ist, wie die Band schon mit dem bis dahin letzten Album Down on the Upside aufzeigte, einen Schritt in ruhigere Gefilde gegangen. Soundgarden haben sich im Midtempo gefunden, aus dem sie kaum ausbrechen, weshalb die Dramaturgie des Albums im Vergleich zu ihren frühen Glanzstücken etwas verblasst. Aber noch imer wuchert die Musik wie es ihr gefällt. Ergraut ist die Band vielleicht, angestaubt ist ihr Klang noch lange nicht.

 
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Deftones – Koi No Yokan

06 Dez

Jede Band hat ihre Krisen zu überwinden, zumal dann, wenn sie wie die Deftones seit über zwei Jahrzehnten besteht. Bringt das Quintett aus Sacramento ein neues Album heraus, wird ihre Geschichte heruntergespult und nach Motiven abgesucht, um einen analytischen Bogen zu spannen. Seifenopereske Referenzen sollen das jeweils vorliegende Album charakterisieren, jedes noch so unbedeutende Ereignis der Bandgeschichte wird aufgebauscht, von den schwerwiegenden ganz zu schweigen. Schwer ist das bei den Deftones, deren Mitglieder abseits der Musik einige Schicksalsschläge hinnehmen mussten, nicht. Einerseits macht der unverwechselbare Sound und die Herangehensweise der Deftones an ihre Musik den Gang in die Küche, wo sich angeblich prächtig psychologisieren lässt, einfach, auf der anderen Seite sind diese Versuche schlicht unnötig.

Es gilt also dem zwanghaften Reflex zu widerstehen, sich ein Deftones-Album über die Biographien der Musiker zugänglich zu machen. Allein über die Musik muss es gehen, und siehe da, es geht prächtig. Die Deftones haben sich im Raum irgendwo zwischen Alternative und Metal eine Nische geschaffen, von der aus sie mühelos in alle Richtungen beweglich bleiben. Wesentlich, schon immer war es bei der Band so, ist die emotionale Dichte, die gerade dem Metal so gerne abgesprochen wird, wenn er noch immer als Spielbecken langhaariger Kopfnicker mit Mittelalterfetisch verstanden wird.

Die Deftones aber sind von ganz anderem Kaliber, ihre Musik baut auf der metallenen Schwere auf, um sie zu ergänzen, erweitern und schließlich zu überwinden. Im Ergebnis war jedes Deftones-Album eine abstrakte Reflexion psychischer Abgründe, für Hörerinnen und Hörer eine intime Erfahrung. Die Themen zog Sänger Chino Moreno also vorwiegend aus der persönlichen Erfahrung, doch entstand nicht etwa plakative Weinerlichkeit wie im zurecht verdrängten jugendlichen Wehklagen des Emo, die Deftones sind einer intellektuell und emotional tieferen Auseinandersetzung verschrieben.

Auf Koi No Yokan ist das die einzig offenkundige Erkenntnis: Die Band klingt wie nur sie selbst es kann. Wer auch immer ihre Musik beschreibt, wird Vergleiche aus den verschiedensten musikalischen Himmelsrichtungen ziehen, kaum ein Vergleich wird der Band vollends gerecht. Auch das ein Zeichen der Eigenständigkeit, das sie Assoziationen weckt, die sich aber nie vollends decken. Das ist aber kein musikalischer Stillstand, es ist die kontinuierliche Verfeinerung ihrer Methode, den Metal über seine emotionalen Grenzen zu heben. Mit jedem Album fügen sie neue Facetten hinzu, sie zu benennen fällt schwer, auch wenn sie jederzeit hörbar sind.

Tempest ist so ein Song, den nur die Deftones in dieser Form spielen können. Sie verstehen sich auf die Dramaturgie, die den Song langsam aufbrausen lässt. Sich darin zu verlieren, ist ihr erklärtes Ziel:

Ein geduldiger Aufbau mit Morenos eigenwilliger Gesangstechnik, die sich den glatten Tönen entzieht. Morenos Stimme ist die zerbrechliche Seite der Deftones, ob er nun summt, stammelt, schreit oder schnaubt; zusammengehalten wird dies von breit schwingenden Gitarren, meist in nur wenigen Akkorden, und der klaren Rhythmik Abe Cunninghams am Schlagzeug. Für sich betrachtet scheinen die einzelnen Elemente beinahe unspektakulär, in der Summe aber schwirren Gedanken und Emotionen wild umher. Nicht zuletzt Frank Delgado, der mit seinen Samples und Effekten weit mehr ist als der einstmals standesgemäße NuMetal-DJ, fügt subtile Wendungen in den Klang der Band ein. Kaum vorzustellen, wie sehr die Band verflachen würde, wäre Delgado nicht fähig, in aller Zurückhaltung den Sound der Kollegen zu konterkarieren. Neigen sie zur Verdichtung, entzerrt er den Klang, werden sie zu laut, holt er sie mit säuselnden Tönen und sanftem Rauschen wieder ein.

Im Grunde bleibt also alles beim Alten, die Deftones machen ein neues Album – und es ist berauschend, sinnlich, beklemmend, atmosphärisch und prachtvoll. Doch selbst für diese Verhältnisse bleibt nur zu sagen, es gehört zu ihren besten und lässt in allen Farben träumen, gerade auch den düsteren. Daher sind die Deftones eine persönliche Band, nicht wegen ihrer Geschichte, sondern wegen der Gedanken, die sie in Bewegung setzen.

 
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Coheed and Cambria – The Afterman: Ascension

25 Okt

Wie soll ich mir die Peinlichkeit ersparen, wenn sie so naheliegend ist? Coheed and Cambria haben sich in einem musikalischen Konzeptkosmos eingerichtet, der so wirr und wild wuchert wie Claudio Sanchez’ Haupthaar. Sanchez durchsetzt den Progrock der aus dem US-Bundesstaat New York stammenden Band noch immer mit der Handlung der Amory Wars. Einer drallen Weltraumsage, in der vor lauter Pathos kaum noch Luft zum Atmen bleibt. Die Band selbst ist Teil des Konzepts, ist sie doch nach einigen Protagonisten benannt. Wohin das alles führt, das war für die Musik der Band lange Zeit nicht relevant. Sanchez schrieb vertrackte Songs mit assoziativen Texten, die sich sowohl in gesamte Bild des Puppenspielers Sanchez fügten, aber auch eine lebendige Eigenständigkeit hatten.

Nach dem in jeder Hinsicht überragenden In Keeping Secrets of Silent Earth: 3 hat Sanchez – damit auch die Band – den Faden verloren. Die Arrangements litten spürbar unter der Hybris, mit der Sanchez die Story aufblähte, medial streute und essenziell verwässerte. Die Geschichte wurde größer, ihre einzelnen Teile unbedeutender. Die eigenen Verkünstelung vernichtete die auf In Keeping Secrets perfekt austarierte Mixtur poppiger Melodien in morbidem Rockbombast.

Auf The Afterman: Ascension ist es nicht anders. Die Handlung interessiert kaum noch, das Konzept ist reiner Tand. Wieso sollte es mich noch kümmern, dass auch hier natürlich ein Konzept hinter dem Album steht. So groß ist es, es bedarf einer Zweiteilung. Der originellerweise Descension betitelte zweite Teil wird Anfang des nächsten Jahres erscheinen. Die erzählerische Inflation vereinheitlichte das Tempo der Songs. Die Songstrukturen wurden der Narrative einer unübersichtlichen Rahmenhandlung unterworfen.

Auch auf Afterman gibt es noch jene Stücke, die Songs sein dürfen. Wie etwa Key Entity Extraction I: Domino the Destitute. Eine eigenwillige Konstruktion, aber nachvollziehbar. Auch das feine Titelstück selbst ist entspannt und wird reduziert aufgebaut. Doch für jeden dieser Songs gibt es ein Gegenstück, theatralisch und verworren. Goodnight, Fair Lady fängt an, so wie jeder Midtempo-Song von Coheed beginnt. Etwas abseitigeres Timing, tuckernder Bass und die gekonnten, zugleich allzu bekannten Breaks.

Auf den unerträglichen Rumpelrock von Key Entity Extraction II: Holly Wood the Cracked muss ich nicht weiter eingehen, er ist weniger symptomatisch, als es manche denken könnten. Technisch sind Coheed noch immer eine beeindruckende Band, musikalisch wären sie es auch, wenn sie eine Unbeschwertheit und vor allem die Refrains wiederfinden könnten, die frühere Alben hatten. Eins noch: Das ganze Brimborium dilettantischer Sci-Fi-Mystik in den Zwischenstücken hätte sich die Band nun auch mittlerweile sparen können. Bedeutungsschwanger gehauchte Satzhülsen machen keinen Tiefgang.

 
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Gaslight Anthem – Handwritten

20 Sep

Mehrere Wochen habe ich Handwritten gegeben. Ich kann nicht sagen, mich gezwungen zu haben, dem Album noch eine weitere Chance zu geben, wenn es nach einem weiteren Durchhören nicht haften blieb. Gerne schmiss ich es wieder an. Wippte mit den Fingern, nickte mit dem Kopf, glücklich wurde ich damit nicht. So begehe ich jetzt die Todsünde.

Die Todsünde ist, einen nicht-offiziellen Song von der Deluxe-Ausgabe herauszupicken, an dem ich mein Problem mit dem Album festmache. Auch noch ein Cover. Sliver ist ein stupides, hingerotztes Brett aus der Frühphase Nirvanas. Bei Gaslight Anthem wird daraus ein domestiziertes Liedchen, das beiläufig konsumiert werden kann. Bei Cobain lag immerhin noch dessen Verzweiflung in der Stimme, Fallon ebnet es im Cover ein.

Für mich ist das repräsentativ für das gesamte Album, das sich nach lustlos heruntergespulter Nostalgie anhört. Dann wollen Gaslight Anthem eben Heartland Rock, kein Problem damit. Aber warum schimmert in den besten Momenten dann der ebenfalls gecoverte Tom Petty durch, warum grüßt Springsteen aus der Ferne? Und warum sollte ich nicht deren beste Alben einfach wieder auflegen, stattdessen Handwritten hören? Das Album gibt darauf keine Antworten. Womöglich soll es auch nur ein Echo des guten alten, handgemachten Rocks sein, der die amerikanische Seele atmet. Immerhin ist es nicht schlechter als die Vorbilder, nur auch nicht besser.

 
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Rumba in Excel

10 Aug

Einerseits zeigt das Video, wie in Excel mehr gemacht werden kann. Da muss ich mir mal Skripte schreiben. So viel Aufwand wird es auch wieder nicht sein.

Auf der anderen Seite kann ich damit das Update von WordPress für iOS testen. Kam heute raus, wirkt wie eine sinnvolle Verbesserung.

 
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