Poison the Well – You Come Before You

Ich führe ungern Listen der hundert besten Wasauchimmer. Ich presse nicht gerne Dinge in eine starre Form, wenn sie kaum vergleichbar sind. Nehmen wir aber mal an, ich führte Listen. Zum Beispiel über die besten Alben, die mir so untergekommen sind. Wenn ich der Typ wäre, der Musik in hierarchischer Gliederung ordnen will, dann wäre ein Album auf der Liste. Mitte 2003 brachten Poison the Well ein Album heraus, das für mich den Hardcore umkrempelte.

Zehn Jahre ist es jetzt her, dass You Come Before You erschien. Und noch immer wirkt nach, wie sehr es den Post-Hardcore für mich prägte. Es nahm ein bretthartes, starres Genre und zog es auf links. Und zehn Jahre später hat es seine Wirkung noch immer. Sie brachen alle Formeln ihrer vorherigen Alben The Opposite of December und Tear from the Red auf, an den Sollbruchstellen ließen sie für fremde Klänge und Strukturen einfließen. Für Puristen des Hardcore war das Album ein Schock; für mich war es eine Offenbarung, den nahezu perfekten Hardcore nun facettenreicher erleben zu können. Wie in der Zeit konserviert steht sein klarer Sound noch immer mitten im Kopf, bricht sich von dort Bahn.

Linkgebliebenes 24

Ach, wenn’s so weit ist, sind wir alle.schon lange nicht mehr da.

Copyright-Trolle finden sich überall. Sollte es sich bewahrheiten, das Copyright für ‚Happy Birthday‘ tatsächlich schon verfallen sein?

Die rassische Symbolik ist mittlerweile so dick aufgetragen, sie quillt zu allen Seiten raus. Game of Thrones ist fantastisch, doch der eklatante Chauvinismus ist störend.

Dies bigotten Konservativen, diese bigotten Konservativen, diese bigotten Konservativen, diese bigotten Konservativen…

Prophylaktische Strafverfolgung. Das klingt schon nach Gänsehaut. Wird auch nicht besser.

Welch Ironie. Wenn es nicht so traurig wäre. Sollte es tatsächlich so kommen, dass ein Hacker eine höhere Haftstrafe erhalten könnte, als die Vergewaltiger, die er enttarnte.

Das diese alte Schutzbehauptung noch zieht. The sexism it burns.

Und auch aus der Geek-Kultur schlechte Neuigkeiten.

‚Sprachreiniger‘ sind so leblos wie die Sprache, die sie fordern. Andere Spießbürger haben Stöcke dort, wo die ‚S9yprachreiniger‘ sich ein Kompendium zur Orthographie hingeschoben haben.

Es ist naheliegend, kann aber nicht oft genug betont werden. Alle Vorstellungen einer Meritokratie sind im besten aller Fälle ein fehlgeleiteter, unterkomplexer Begriff sozialer Auslese; meist aber doch nur eine Nebelwand, die irrationale soziale Selektion legitimieren soll. Nach innen wie außen.

Exklusionismus für die Macher, die Gott gewordenen Silikonen.

Boysetsfire – While A Nation Sleeps

Eine ganze Nation im Tiefschlaf, While A Nation Sleeps, die Bildsprache ist noch die alte. Boysetsfire lösten sich vor Jahren auf, mit ihnen ging der besondere Postcore, melodisch fundierte Agitation mit harten Kanten. Der Phoenix, der ihr früheres Album Tomorrow Come Today zierte, stünde Boysetsfire auch auf dem Reunion-Album gut zu Gesicht.

Es ist, als hätten Nationen arglos im Tiefschlaf die Jahre verloren, in denen Boysetsfire nicht aktiv waren. Das typische Auf und Ab der Band klingt wie damals, als The Misery Index das letzte Zeichen war. Doch die Zeit ist nicht stehengeblieben, aber Boysetsfires emotionales Pathos gegen soziale Missstände und den alles verzehrenden Kapitalismus ist unverändert. Sind sie in der Vergangenheit gefangen? Sicherlich nicht. Die Zeit verstrich, nichts änderte sich.

Und so steigt sie wieder auf, diese Wut. Sie bricht sich Bahn unter schweren Wellen von Heads Will Roll oder Everything Went Black, konterkariert vom melodischeren Midtempo eines Closure Phone Call1. Mittlerweile sind die Akkordfolgen oft bandtypisch, lange aber noch nicht verbraucht. Noch immer vereinen sie die Extreme in ihrer Musik, die abstrakten Klassenkampf emotional erfahrbar macht, sie personalisieren Wut und Verzweiflung.

Boysetsfire sind damit noch immer eine Ausnahme, selten war dies so komprimiert wie gegen Ende des Albums. Never Said, Wolves of Babylon und Altar of God sind als Dreigespann eine Miniatur der Wirkkraft und vielschichtigen Erzählungen einer Band, die das Politische nicht vom Individuellen, die Agitation nicht von der Romantik trennen will. Oder glücklicherweise nicht kann.

1 14.06.20013: Ich meine natürlich Phone Call, Closure ist ein typischer Punksong, der schnell ist, den Lärm aber abgerüstet hat. Ich hasse es, wenn meine Notizen mich in die Irre führen.

Kennt ihr das Kitzeln in den Augen?

“Does anyone ever get this right? I feel no love.”, säuselte die Stimme in mein Ohr, bevor die Musik aus meinen Kopfhörern anzog. Das Schlagzeug setzte müde ein, da betrat ich die Bäckerei. Ich hörte nichts außer der Musik, nicht einmal meine Stimme, als ich artig “Guten Tag“ in den dunklen Verkaufsraum rief. Auf eine ebenso artige wie routinierte Antwort achtete ich gar nicht erst. Es war ja nur ein Reflex, genauso war es ein Reflex, dass ich um diese Zeit einen Bäcker suchte, um eine meist viel zu trockene oder kaum gebackene Brezel zu kaufen. Blinde Gewohnheit.

Ich ging an der ausladenden Theke vorbei, mir blieb nicht viel Platz zwischen der abgeschrägten Glasvitrine und den Stehtischen mit ihren Plastiktischdecken. In der hintersten Ecke, wo es noch am dunkelsten war, stand ein Kühlschrank. Ich konnte noch gut etwas trinken, um den trockenen Laugenteig runter zu bekommen. Ich nahm mir also eine Flasche Mineralwasser, mehr war nicht in dem Kühlschrank, der auch schon bessere Tage gesehen hatte. Die Beleuchtung ging nicht, die Tür hing auch sehr freizügig in den Scharnieren. Als ich den Kühlschrank schließen wollte, klemmte die Tür. Ich stemmte mich gegen sie, bis ich überzeugt war, nicht mehr tun zu können.

Aus meinen Kopfhörern sang immer noch die Stimme, sie hörte sich wenig hoffnungsvoll an. Das letzte Wort brach nur zögerlich hervor, nicht jubelnd, wie es eigentlich verwandt wird: “I speak, I breathe, I’m incomplete. I’m alive. Hooray.“ Ich setzte die Kopfhörer ab, um mich besser mit der Verkäuferin unterhalten zu können. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch so wenig von der Bäckerei gesehen, ich wusste eigentlich noch nicht, dass hinter der Theke eine Verkäuferin wartete. Aber die Erfahrung, auf die ich mich verließ, sagte, es wären in Bäckereien eigentlich immer nur Verkäuferinnen anzutreffen. Und so war es. Vor den beinahe ausverkauften Körben mit.Broten an der Wand stand eine Frau mittleren Alters. sie hatte rostbraunes Haar, das sie zu einem wirren Zopf gebunden hatte, aus dem sich aber schon einige Strähnen befreit hatten. Sie stand reglos in ihrer weiß-gelb gestreiften Schürze vor der Kasse und sah durch die große Glasfront auf die Straße hinaus.

„Ich nehme einmal das hier“, sagte ich und hob die Flasche auf die Theke, “und dann noch eine Brezel, wenn sie noch eine haben, bitte.“ Ich konnte keine Laugenbrezel sehen, ich wollte den Appetit darauf aber noch nicht aufgeben. Meiner Bitte folgte keine Reaktion. Erst jetzt bemerkte ich, dass die Verkäuferin nicht auf die Straße blickte. Sie sah auf etwas, das mir verborgen war. Sie sah eine Erinnerung vor ihrem inneren Auge, einen Gedankenblitz, der sie mit ihrem Innenleben so verschmolz, dass sie keine Regung nach außen zeigte. Nur ihren flachen Atem bemerkte ich, ansonsten stand sie still an ihrem Platz. “Entschuldigung“, sagte ich, denn ich wusste nicht, was ich sonst sagen sollte. Es kam mir zu brachial vor, sie mit lauten Tönen oder hektischen Gesten vor ihrem Gesicht auf mich aufmerksam zu machen. Sie war eindeutig so weit in sich versunken, dass ich sie nur brutal hätte herausreißen können. Aber das wollte ich nicht. Da außer uns niemand im Laden war, beschloss ich, einfach noch einige Momente zu warten.

Es kam mir länger vor, als es wohl tatsächlich dauerte, doch ich war kurz davor, die Bäckerei unverrichteter Dinge zu verlassen, da sprach sie in ruhigem Ton: “Kennen sie das?“

Ich wusste nicht, ob sie mit mir sprach. Ihr Augen regten sich nicht, ihr Gesicht auch nur so weit, wie es für die Wörter notwendig war. Ich war mir also nicht sicher, wem die Frage galt und fragte dementsprechend zurück: “Was kenne ich?“

“Kennen Sie dieses Gefühl, wenn es in den Augen so kitzelt? Weil unter der Haut sich die Tränen sammeln. Aber nichts kommt raus. Haben sie das auch manchmal?“

“Ja“, sagte ich, “das kenne ich.“ Wäre ich noch ehrlicher gewesen, hätte ich ihr gestanden, gerade in diesem Moment von dem Gefühl überrollt zu werden. Mich erstaunte schon, dass ich überhaupt so direkt antworten konnte. Ich antwortete beinahe beiläufig, reflexiv sogar. Diese Reaktion von mir war aber Bannzauber genug, denn nun sah ich in ihren Augen wieder ein klares Bewusstsein. Wo immer sie in Gedanken war, sie war dort nicht mehr. “Geht es ihnen gut?“, fragte ich sie.

Sie lächelte als wäre es ihr peinlich. Als wüsste sie, dass für einen kurzen Blick dieser unsichtbare Schutzwall zwischen Menschen brüchig war. “Alles bestens. Ich war nur gerade abgelenkt.“ Sie nahm die Wasserflasche, scannte den Strichcode ein: “Darf’s noch etwas sein?“

Ich war so perplex, ich verneinte. Irgendwie, ich weiß nicht wie, wechselte das Geld für das Wasser den Besitzer. Ich verließ die Bäckerei, völlig in Gedanken versunken. Als die Tür hinter mir lag, setzte ich die Kopfhörer wieder auf. “Land of the free, lobotomy“, das hörte ich noch vom Gesang, danach machte ich die Musik wieder aus. Nach solcher Musik war mir gerade nicht mehr.

Queens of the Stone Age – …Like Clockwork

Die einzige Konstante der Queens of the Stone Age ist Josh Homme. Irgendwo zwischen Sessionband und Herrenclub gehen nur die Joints noch häufiger rum, als die Namen und Gesichter der jeweiligen Besetzungen der Alben. Wer Namedropping liebt, kann sich an der Ahnengalerie der Band ergötzen. Jeder Song fluktuiert mit den Musikern. Mehr noch als die jeweiligen Musiker prägt jedoch die Variante des gerauchten Krauts. Jahre ist Era Vulgaris, das letzte Album.schon her. Da zwinkert der umtriebige Homme nun mit …Like Clockwork herüber, die Augen blutrot, seine Lider hängen tief. Ein zaghaftes Grinsen.

Dieses Album kommt aus vergangenen Zeiten, als der Rock noch harte Arbeit unter sengender Sonne war. Eingängig will Homme gar nicht sein, so rumpelt sich Keep Your Eyes Peeled selbstbewusst monoton ins Album. Damit wären alle Leichtsinnigen vertrieben, die unvorbereitet ans Album kamen. Rockmusik ist Arbeit, Gefälligkeit kann gefälligst draußen bleiben. Sind die Popper vertrieben, da lässt I Sat By The Ocean doch die entspannte Seite raus. Homme sitzt grinsend am Strand, winkt den Poppern hinterher. Der Schelm.

Und so ist …Like Clockwork wieder das, was Homme immer macht. Nicht ganz ernstgemeinte Seriosität im tanzenden Rockzirkus. Dabei lässt er aber auch schon Muster erkennen. Smooth Sailing ist hier die obligatorische Schrulle, die sich Homme bisher auf jedem Album auch gönnte. Ein nervtötendes Stück atonaler Entrümpelung, fachmännisch plump, gerade deswegen so überflüssig. Ansonsten trieb der Rausch Homme dieses Mal aber nicht die Einsamkeit aus, die inmitten der Sessions unter Freunden doch tief zu sitzen schien. The Vampyre of Time and Memory ist ebenso wie I Appear Missing ein Bruch in der hypermaskulinen Attitüde des ewigen Lausbuben. Gerade die Tatsache, dass Homme so offenkundig Menschen, um sich zu scharen vermag, lässt seine Vereinsamung in Fairweather Friends schmerzlich durchbrechen: “Is there anyone out there?/Or am I walking alone?/Well, I turned around and found that you’d gone before the first rain could fall.“ Dann klagen Gitarren über emotionale Gewitter.

The Dillinger Escape Plan – One of Us Is the Killer

War es in Bochum, in Dortmund, ich habe keine Ahnung mehr. Fragt mich nicht, wann es war, das kann ich auch nicht sagen. Ich erinnere mich noch an Lichtblitze, fliegende Haarmähnen, seltsame Grimassen. Und vor allem an diesen ohrenbetäubenden Lärm. The Dillinger Escape Plan waren nicht der Grund, warum ich hinderte Kilometer mit meinen Kumpels in den Westen aufgebrochen waren. Wir hatten persönlichen Act des Abends schon gesehen, es dürfte Poison the Well gewesen sein. Und nun fällt mir ein, es muss 2004 gewesen sein, denn es war vor allem der dissonante Mathcore von Miss Machine, der durch den engen, verschwitzten Saal fegte. Die Akustik war miserabel, doch kam mir nur eines in den Sinn: Das soll so.

Es war der Abend, an dem ich das Konzept verstanden hatte, das The Dillinger Escape Plan mit aller musikalischen Gewalt verfolgten. Wahrlich, diese Band, hat einen Plan, irrsinnig, widerstreitend, aber bahnbrechend pervers. Alle Störgeräusche, die abgehackten, verstümmelten Konstrukte, die nur selten und anscheinend zufällig für kurze Augenblicke Formen annehmen, die wiederum entfernt an Musik erinnern lassen, die sind alle Teil dieses Plans. Seit die Stammbesetzung Calculating Infinity verbrach, hat sich die Band personell einmal völlig umgekrempelt, das widersprüchliche Wesen ist die Band geblieben. Erst live erkannte ich, wie sie minutiös jeden noch so beliebig und diffus wirkenden Moment der Alben auf der Bühne nachbildeten. Dieser Wahnsinn hat Methode.

Wie bisher jedes ihrer Alben lässt mich auch One of Us Is the Killer auf Anhieb ratlos zurück — wenn ich die Schockstarre erst einmal überwunden habe. Wie sollen Menschen diesen Wirbelsturm namens Prancer bewusst erschaffen haben. The Dillinger Escape Plan zu hören ist noch immer wie das Betrachten einer Naturkatastrophe, die alles unter sich begräbt. Wände zerbersten unter dem Druck, die Steine zerreiben einander; es ist die pure Zerstörung, ihr Weg aber ist nachvollziehbar. Wie eine Flutwelle den Gesetzen der Physik folgt, auch wenn sie nicht sofort sichtbar sind, unterliegt One of Us Is the Killer dem Willen der Musiker. Nicht ist zufällig, es wirkt nur so. Das ist die Folge der nüchternen Ratio, mit der diese Band Stürme entfacht. Sei es wie bei Understanding Decay oder Paranoia Shields, wird den Songs eine Chance gegeben, wird ihre Struktur erkennbar. Aus Lärm wird Musik, das konnten The Dillinger Escape Plan schon immer. An den äußeren Rändern erlauben sie sich pointiertere Kontrastpunkte, ihrem Wesen nach sind sie aber auf dem neuen Album immer noch widernatürlich organisch. An diesem Tag, als ich sie live sah, erkannte ich, wie entspannend dieser wilde Lärm ist.

Deutschland sucht den Schlagerstar

Die Quoten sanken, vom wohlverdienten Verglühen eines grellen Sterns im deutschen Fernsehen wurde geschrieben. Voreilig wirken die hämischen Kommentare, verbrannte Deutschland sucht den Superstar eben nicht seine Masse, nur den zuckrigen Glitzerpop, den die Show bis dahin verfolgte, verbrauchte sie. Inhaltsleer, gasförmig war die Musik von DSDS schon immer, dahinter verborgen lag aber ein energiereicher Kern musikalischen Gallerts. Der deutsche Schlager wurde in DSDS anfangs belächelt, als die ersten Stimmchen die musikalische Rache Deutschlands an der Welt trällerten, mit dem gestrigen Sieg der krankhaft wohlgelaunten Beatrice Egli, hat sich eine kosmische Evolution vollzogen.

Beatrice Egli ist die Schablone der heiterkeitsbesoffenen Schlagerkultur. Sie schlägt ihre Augen weit auf, lächelt ins Publikum und hüpft beseelt über die Bühne. Dabei trifft sie auch mal einen Ton im ständigen Stampfbeat des 1-2-3-4-Schlagers. Deutschlands Charts sind helene-fischerisiert, eine hübsch anzusehende Oberfläche zwitschert Plattitüden, hält beide Hände vor die Brust und grinst dem Publikum Zuneigung entgegen. Und die einfache deutsche Seele dankt es mit der ihr eigenen Hörigkeit.

Die deutsche Popmusik kultiviert noch immer einen Führerkult, nicht anders ist es zu lesen, wenn ein windiger Knöpfchendrücker wie Dieter Bohlen zum Poptitanen stilisiert wird, wobei er keinen Hehl daraus macht, wie sehr er sein Fähnlein in den Wind hält. Da raunt er seine jugendlichen Opfer an, warum sie sich denn einen Titel ausgesucht haben, den seiner Meinung nach kein Mensch hören will. Was nicht in den Top Ten der Charts war, kann nicht gut genug sein. Das muss dann auch unflätig zum Ausdruck gebracht werden. Und wenn dann eben aus verschiedenen demographischen Gründen sowie einiger fragwürdiger ökonomischer Entscheidungen der Schlager die Szenerie bestimmt, dann folgt der Tross. Bohlen ist das bekannteste Gesicht eines konsumistischen Kunstbegriffs, der für gut befindet, was die Massen bewegt. Eine Maschinerie lebt von diesen Typen, die im Zweifel eben auch faschistoider Heimatverbundenheit einer Band wie Frei.Wild ohne schlechtes Gewissen Industriepreise in die Hand drückt, wenn sie nur genug verkaufen.

So sucht sich die Industrie kleine charismatische Herrscherinnen und Herrscher, die eskapistische Triebe bedienen. Das Volk dankt die Plattheiten mit bedingungsloser Liebe, solange die Volksnähe gegeben ist. Die Eglis und Fischers blicken mit aufgesetzten Blicken treudoofer Zuneigung in die Zuschauermassen, die Massen fühlen sich ob der herrschaftlichen Liebesbekundung gebauchpinselt. Kein Wunder also, dass RTL DSDS unbeirrt in einen neuen Zustand übergehen lässt. Die Hände zum Himmel des Kapitalismus, wo ein Stern seinen Namen trägt. Sehr eglig.

Clutch: Earth Rocker

Wenn eine Band wie Clutch über Jahrzehnte hinweg die eigene Bekanntheit steigert, ist diese Langlebigkeit wohl einem besonderen Starrsinn geschuldet. Wo andere an der Industrie und auch sich selbst ausgebrannt sind, glühen die mittlerweile ergrauten Herren aus Germantown in Maryland immer noch vor. Seit Anfang der Neunziger pflegen sie einen speziellen retro-futuristischen Sound. Auch ihr neues Album Earth Rocker klingt nach einem Artefakt vergangener Zeiten, in denen Rock harte Arbeit an schweren Akkorden war. Wenn es denn so einfach wäre bei Clutch. Die Band ist vor allem eine Chimäre, ein grotesker Hybrid.

Wohlgemerkt ist der stumpfe Rock bei Clutch vielschichtiger als es sich zunächst anhört. Stramm stampfende Songs spulen vermeintlich überholte Klischees herunter, darüber Neil Fallons tiefer Sprechgesang. Mehr scheint nicht dahinter zu stecken. Ein trügerischer Schein, denn Clutch brechen die simplen Strukturen geschickt auf. Der maskuline Stoner Rock ist eine Fassade für eine Band, der ihre Leidenschaft für das Jammen anzuhören ist.

Blues schwingt mit, derber Metal der Siebziger auch und die Anleihen bei vielen anderen Genres sind auf Dauer nicht zu überhören. Wie auf allen ihrer Alben, bändigen Clutch ihren Spieltrieb nicht, so verleiben sie sich alles ein, was ihnen in den Sinn kommt. Da fällt erst gar nicht auf, dass der Kopf nicht in den üblichen Takten des Proll-Rocks nickt, gerade Dan Maines und Jean Paul Gaster an Bass und Schlagzeug schmuggeln reichlich Abwechslung in Songs wie Mr. Freedom und Book, Saddle, & Go.

Auch Fallons Texte lösen die Vorstellung von einer stumpfen Band auf, die thematisch so beschränkt ist wie ihre Musik. Clutch verschieben gerne Takte und drehen sich in Rhythmen hinein, Fallon nimmt dann auch noch Anlauf und taucht tief in griechische Mythologie ein, bohrt in der Menschheitsgeschichte rum und kramt religiöse Bilder und Sagen hervor. Schnell wird es vor Mythen, Fantasy und Science-Fiction unübersichtlich. Da geht es schnell so zu wie Crucial Velocity, das eine ganz typische Fallon-Mär erzählt:

Nach einigen ruhigeren Alben, binden Clutch auf Earth Rocker nun wieder Backsteine ans Gaspedal. Es fängt mit dem robusten Titelsong an, der sich unermüdlich ins Ohr beißt und endet nach wilder Fahrt in einem großartig kratzbürstigem Werwolf von einem Song. The Wolf Man Kindly Requests… zeigt deutlich, dass hier eine Band hervorragender Techniker wieder einmal mit Einfalt kokettiert, um allen, die nicht rechtzeitig aus dem Weg kamen, das Kunsthandwerk des Südstaaten-Rocks um die Ohren zu hauen. Clutch sind auf Earth Rocker nach mehr als zwanzig Jahren Bandgeschichte glücklicherweise immer noch das hochbegabte, trotzige Kind, das sie schon immer waren.

Coheed & Cambria: The Afterman – Descension

Eigentlich muss ich nur…kann ich nicht einfach? Warte mal, wenn ich das hier ändere und an der anderen Stelle da hinten was abschneide, dann… Ja, das klappt. Gibt mir mal jemand den Kleber? Das tut dann nämlich auch so, muss ich gar nicht viel mehr zu schreiben. Reicht vollkommen, hier gerade die Songtitel auszutauschen. Das weg, und das weg, dann können Number City und Key Entity Extraction V: Sentry the Defiant rein. Jetzt muss ich nur noch warten, bis der Kleber getrocknet ist. Eins Mississippi, zwei Mississippi. Und? Hält! Mit dem Finger drüber fahren, fühlt sich okay an, ich spüre zwar, dass das aufgeklebt ist, aber auch nur weil ich es weiß. Andere merken das gar nicht, da gehe ich jede Wette ein. Also mache ich das noch ein paar Mal, dann ist das feine Selbstplagiat fertig. Oder ich spare mir auch die Arbeit und verweise schnell auf meinen Artikel zum ersten Teil des The Afterman -Doppelalbums, der ist, von den genannten Songs abgesehen, noch voll gültig.

Der zweite Teil verhält sich absolut wie der erste Teil, sie sind aus einem Guss. Das bringt die positiven wie negativen Aspekte des ersten Teils mit sich. Aber i h kann nicht von Coheed & Cambria lassen, denn sie sind nur an ihren eigenen Glanztaten gemessen schwach geworden, schreiben aber ansonsten immer noch progressiven Rock, der von weit oben zum Mittelmaß hinab schaut. Außerdem gibt es für mich gerade an heutigem Datum für mich einen ganz persönlichen Grund, Coheed zu hören, der mich nostalgisch an die Band bindet.

Biffy Clyro: Opposites

Nach quälend langer Zeit mit unzähligen Anläufen gelingt mir noch immer kein runder, satter Artikel zum neuen Album der Schotten Biffy Clyro. Dann eben mit dem Kopf durch die Wand. Opposites schraubt sich im Gehörgang fest, und dort nisten sich Biffy Clyro gepflegt ein, denn es gibt kaum einen Song auf Opposites, dem nicht zumindest etwas abzugewinnen ist. Skylight ist vielleicht so ein Ausreißer nach unten, es weckt üble Erinnerungen an das Behind Blue Eyes-Cover von den Nu-Metal-Dünnbrettbohrern Limp Bizkit. Ganz schlimm.

Ansonsten macht Opposites bei aller Eingängigkeit einen weiten Bogen um solcherlei Peinlichkeiten. Irgendwo im manisch-depressiven Traumland ist Opposites angesiedelt. Ein beinahe schon barockes Album, in dem Traum und Alptraum sehr dicht beieinander liegen, nur dass hier Plüschfiguren in Regenbogenfarben bluten. Ja, ein barockes Carpe diem. Memento mori schallt uns da entgegen. Das Spektrum ist breit, Spanish Radio, Victory Over the Sun, The Thaw oder Moder Magic Formula zeigen die Bandbreite der Schotten.

Doch es gibt, zumindest für mich, ein großes Aber. Opposites ist in den meisten Momenten ergreifender Rock-Bombast, es gibt kaum ein Entrinnen aus den Sirenenrufen. Biffy Clyro haben diese Emotionalität mit einem widerlichen Trick erschaffen: In jedem, wirklich jedem Song, werden die Refrains, wenn nicht gleich auch Strophen, mehrstimmig gesungen. Stadiontaugliche Chöre oder rotzige Gang-Shouts, immer kommen Biffy Clyro und bringen die Familie mit. Auf die Dauer ist diese monotone Pluralisierung der Gesangsmelodien ermüdend, eigentlich sogar emotional erpressend. Noch schlimmer wird es, wenn wie auf Trumpet or Tap die Streicher die Tränendrüsen bedienen. Den Rest gibt den Songs aber Produzent Garth Richardson, der den Songs jede individuelle Note nimmt, indem er sie über denselben Bogen des Plastiksounds zieht.

Opposites will wie ein episches Album klingen, dieser Wille ist in jedem Ton zu hören. Biffy Clyro bemühen aber platte Klischees, diese erheuchelte, aufgesetzte Epik ist für mich reinste Gaukelei. Aber immerhin ist es jetzt raus.