Biffy Clyro: Black Chandelier

Angekündigt ist sie schon seit letzter Woche, doch ist dies auch wieder nicht meine Besprechung von Biffy Clyros Opposites. Ich winde mich heraus, drehe mich um mich selbst, es will einfach nicht passen. Wahrscheinlich liegt es an Opposites‚ bipolarer Störung. Ich mag dieses Album, wirklich, und ich verachte die Eindimensionalität der Mittel, die Biffy Clyro einsetzen, um dieses Album mit passiv-aggressiver Gewalt auf Verehrungswürdigkeit zu trimmen; die Schotten wollen Opposites angebetet wissen, das höre ich ganz genau. Die Formel steckt schon in Black Chandelier:

Black Chandelier ist in allen mir bekannten Versionen der zweite Song, es enthält schon alle Versatzstücke, die sich im Verlauf des Albums wiederholen und wiederholen. An die Versionierung Double Edition und der Single Edition muss ich mich auch erst gewöhnen, das ändert aber nichts an meiner Kritik, in der Double Edition wird bloß nur noch deutlicher, wie Biffy Clyro manipulieren, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Aber für heute muss das reichen, ich werde noch einige Tage brauchen, bis ich es noch besser ausdrücken kann.

Soundgarden – King Animal

Schon in ihrem Namen tragen Soundgarden das Geheimnis ihrer Anziehungskraft. Und was für ein Garten es ist, den die Herren, so muss man sie ihrem Alter entsprechend nennen, da pflegen. Nichts hat ihre Musik mit der spießbürgerlichen Parzelle ordentlich abgesteckten Grüns zu tun, die sorgsam gepflegt und nach Vorschrift bepflanzt wird, um nach getaner Arbeit bei einem Bier den Stolz zu haben, Herr über die paar Quadratmeter domestizierter Natur zu sein. Ebensowenig wie die Kleingärtnerei sie interessiert, halten Soundgarden auch nicht an die Vereinsstatuten des Rock: weg mit der hingerotzten Berechenbarkeit gleichgeschalteter Dreiminüter, die belanglose Rebellenattitüde proklamieren. Soundgarden ließen den Songs lieber ihren Lauf, was sollte daran sein?

Schon auf dem großartigen Badmotorfinger Anfang der Neunziger kümmerten sie sich nicht um Grenzen und Vorschriften. Dann hatten sie eben wüsten Metal neben bluesigen Nummern, da durften Bläser im Hintergrund jubilieren, während die Gitarren breite Riffs ausspuckten. Superunknown war dann der endgültige Höhepunkt der inspirierten Gleichgültigkeit gegenüber allen Statussymbolen des Rockestablishments. Es ist noch immer leidenschaftlich depressiv, wüst, weinerlich, aufbrausend und nach allen Regeln der Kunst verhaltensgestört, doch solange es große Songs waren, wurde Gefälligkeit gerne außen vor gelassen.

Been Away Too Long ist selbstverständlich ein verlockender Titel für den Opener des Reunion-Albums, da konnten sie nicht widerstehen. Er gibt das Tempo des Albums vor, ist im gehobenen Midtempo angesiedelt, das fügt sich aber ins Bild. Soundgarden haben Alben gerne mit einer eher schleppenden Nummer eröffnet, als mit einem Tosen. Darauf folgt das markante Non-State Actor, hier ist alles wieder genau da, wo es bei Soundgarden hingehört: der Takt entzieht sich schön der Tanzbarkeit, dennoch verliert er sich nicht in sinnlosen Eskapaden. Wenig später stellt sich dann die Frage, was Kim Thayil mit den Tausender-Songtexten hat. A Thousand Days Before ist unverkennbar von ihm, selbst wenn der Titel ihn nicht verraten würde, hypnotisch singende Gitarren, entrückte Rhythmik. Ganz sicher ein Höhepunkt wie das folgende Blood on the Valley Floor, das bleierne Gitarrenakkorde im Schleichgang zu Grabe trägt, es muss Erinnerungen an das hervorragende 4th of July wecken.

Nach Bones of Birds ist aber urplötzlich der Schwung raus. Cornell verfügt noch immer über die rauchige Stimme, in der die Stimmbänder zum Bersten gespannt sind, mit Leichtigkeit bringt er so Spannung in die zweite Hälfte des Albums, und kann doch nicht verhehlen, wie sehr die Hooks auf King Animal fehlen. Attrition ist der Tiefpunkt, es ist der einzige Song, der noch Tempo hat, sich aber mit plumpem Vorwärtsdrang dem gefürchteten Altherrenrock bedrohlich nähert. Glücklicherweise ist King Animal bis dahin schon ordentlich auf Touren gewesen, sodass die routinierte Band die Fliehkraft nutzt, um sich ohne weitere Aussetzer auf Albumlänge zu bringen.

Die Rückkehr mit King Animal ist gelungen, wobei sich der Sturm und Drang aus den wüsten Grunge-Zeiten gelegt hat. Das Album ist, wie die Band schon mit dem bis dahin letzten Album Down on the Upside aufzeigte, einen Schritt in ruhigere Gefilde gegangen. Soundgarden haben sich im Midtempo gefunden, aus dem sie kaum ausbrechen, weshalb die Dramaturgie des Albums im Vergleich zu ihren frühen Glanzstücken etwas verblasst. Aber noch imer wuchert die Musik wie es ihr gefällt. Ergraut ist die Band vielleicht, angestaubt ist ihr Klang noch lange nicht.

Deftones – Koi No Yokan

Jede Band hat ihre Krisen zu überwinden, zumal dann, wenn sie wie die Deftones seit über zwei Jahrzehnten besteht. Bringt das Quintett aus Sacramento ein neues Album heraus, wird ihre Geschichte heruntergespult und nach Motiven abgesucht, um einen analytischen Bogen zu spannen. Seifenopereske Referenzen sollen das jeweils vorliegende Album charakterisieren, jedes noch so unbedeutende Ereignis der Bandgeschichte wird aufgebauscht, von den schwerwiegenden ganz zu schweigen. Schwer ist das bei den Deftones, deren Mitglieder abseits der Musik einige Schicksalsschläge hinnehmen mussten, nicht. Einerseits macht der unverwechselbare Sound und die Herangehensweise der Deftones an ihre Musik den Gang in die Küche, wo sich angeblich prächtig psychologisieren lässt, einfach, auf der anderen Seite sind diese Versuche schlicht unnötig.

Es gilt also dem zwanghaften Reflex zu widerstehen, sich ein Deftones-Album über die Biographien der Musiker zugänglich zu machen. Allein über die Musik muss es gehen, und siehe da, es geht prächtig. Die Deftones haben sich im Raum irgendwo zwischen Alternative und Metal eine Nische geschaffen, von der aus sie mühelos in alle Richtungen beweglich bleiben. Wesentlich, schon immer war es bei der Band so, ist die emotionale Dichte, die gerade dem Metal so gerne abgesprochen wird, wenn er noch immer als Spielbecken langhaariger Kopfnicker mit Mittelalterfetisch verstanden wird.

Die Deftones aber sind von ganz anderem Kaliber, ihre Musik baut auf der metallenen Schwere auf, um sie zu ergänzen, erweitern und schließlich zu überwinden. Im Ergebnis war jedes Deftones-Album eine abstrakte Reflexion psychischer Abgründe, für Hörerinnen und Hörer eine intime Erfahrung. Die Themen zog Sänger Chino Moreno also vorwiegend aus der persönlichen Erfahrung, doch entstand nicht etwa plakative Weinerlichkeit wie im zurecht verdrängten jugendlichen Wehklagen des Emo, die Deftones sind einer intellektuell und emotional tieferen Auseinandersetzung verschrieben.

Auf Koi No Yokan ist das die einzig offenkundige Erkenntnis: Die Band klingt wie nur sie selbst es kann. Wer auch immer ihre Musik beschreibt, wird Vergleiche aus den verschiedensten musikalischen Himmelsrichtungen ziehen, kaum ein Vergleich wird der Band vollends gerecht. Auch das ein Zeichen der Eigenständigkeit, das sie Assoziationen weckt, die sich aber nie vollends decken. Das ist aber kein musikalischer Stillstand, es ist die kontinuierliche Verfeinerung ihrer Methode, den Metal über seine emotionalen Grenzen zu heben. Mit jedem Album fügen sie neue Facetten hinzu, sie zu benennen fällt schwer, auch wenn sie jederzeit hörbar sind.

Tempest ist so ein Song, den nur die Deftones in dieser Form spielen können. Sie verstehen sich auf die Dramaturgie, die den Song langsam aufbrausen lässt. Sich darin zu verlieren, ist ihr erklärtes Ziel:

Ein geduldiger Aufbau mit Morenos eigenwilliger Gesangstechnik, die sich den glatten Tönen entzieht. Morenos Stimme ist die zerbrechliche Seite der Deftones, ob er nun summt, stammelt, schreit oder schnaubt; zusammengehalten wird dies von breit schwingenden Gitarren, meist in nur wenigen Akkorden, und der klaren Rhythmik Abe Cunninghams am Schlagzeug. Für sich betrachtet scheinen die einzelnen Elemente beinahe unspektakulär, in der Summe aber schwirren Gedanken und Emotionen wild umher. Nicht zuletzt Frank Delgado, der mit seinen Samples und Effekten weit mehr ist als der einstmals standesgemäße NuMetal-DJ, fügt subtile Wendungen in den Klang der Band ein. Kaum vorzustellen, wie sehr die Band verflachen würde, wäre Delgado nicht fähig, in aller Zurückhaltung den Sound der Kollegen zu konterkarieren. Neigen sie zur Verdichtung, entzerrt er den Klang, werden sie zu laut, holt er sie mit säuselnden Tönen und sanftem Rauschen wieder ein.

Im Grunde bleibt also alles beim Alten, die Deftones machen ein neues Album – und es ist berauschend, sinnlich, beklemmend, atmosphärisch und prachtvoll. Doch selbst für diese Verhältnisse bleibt nur zu sagen, es gehört zu ihren besten und lässt in allen Farben träumen, gerade auch den düsteren. Daher sind die Deftones eine persönliche Band, nicht wegen ihrer Geschichte, sondern wegen der Gedanken, die sie in Bewegung setzen.

Coheed and Cambria – The Afterman: Ascension

Wie soll ich mir die Peinlichkeit ersparen, wenn sie so naheliegend ist? Coheed and Cambria haben sich in einem musikalischen Konzeptkosmos eingerichtet, der so wirr und wild wuchert wie Claudio Sanchez‘ Haupthaar. Sanchez durchsetzt den Progrock der aus dem US-Bundesstaat New York stammenden Band noch immer mit der Handlung der Amory Wars. Einer drallen Weltraumsage, in der vor lauter Pathos kaum noch Luft zum Atmen bleibt. Die Band selbst ist Teil des Konzepts, ist sie doch nach einigen Protagonisten benannt. Wohin das alles führt, das war für die Musik der Band lange Zeit nicht relevant. Sanchez schrieb vertrackte Songs mit assoziativen Texten, die sich sowohl in gesamte Bild des Puppenspielers Sanchez fügten, aber auch eine lebendige Eigenständigkeit hatten.

Nach dem in jeder Hinsicht überragenden In Keeping Secrets of Silent Earth: 3 hat Sanchez – damit auch die Band – den Faden verloren. Die Arrangements litten spürbar unter der Hybris, mit der Sanchez die Story aufblähte, medial streute und essenziell verwässerte. Die Geschichte wurde größer, ihre einzelnen Teile unbedeutender. Die eigenen Verkünstelung vernichtete die auf In Keeping Secrets perfekt austarierte Mixtur poppiger Melodien in morbidem Rockbombast.

Auf The Afterman: Ascension ist es nicht anders. Die Handlung interessiert kaum noch, das Konzept ist reiner Tand. Wieso sollte es mich noch kümmern, dass auch hier natürlich ein Konzept hinter dem Album steht. So groß ist es, es bedarf einer Zweiteilung. Der originellerweise Descension betitelte zweite Teil wird Anfang des nächsten Jahres erscheinen. Die erzählerische Inflation vereinheitlichte das Tempo der Songs. Die Songstrukturen wurden der Narrative einer unübersichtlichen Rahmenhandlung unterworfen.

Auch auf Afterman gibt es noch jene Stücke, die Songs sein dürfen. Wie etwa Key Entity Extraction I: Domino the Destitute. Eine eigenwillige Konstruktion, aber nachvollziehbar. Auch das feine Titelstück selbst ist entspannt und wird reduziert aufgebaut. Doch für jeden dieser Songs gibt es ein Gegenstück, theatralisch und verworren. Goodnight, Fair Lady fängt an, so wie jeder Midtempo-Song von Coheed beginnt. Etwas abseitigeres Timing, tuckernder Bass und die gekonnten, zugleich allzu bekannten Breaks.

Auf den unerträglichen Rumpelrock von Key Entity Extraction II: Holly Wood the Cracked muss ich nicht weiter eingehen, er ist weniger symptomatisch, als es manche denken könnten. Technisch sind Coheed noch immer eine beeindruckende Band, musikalisch wären sie es auch, wenn sie eine Unbeschwertheit und vor allem die Refrains wiederfinden könnten, die frühere Alben hatten. Eins noch: Das ganze Brimborium dilettantischer Sci-Fi-Mystik in den Zwischenstücken hätte sich die Band nun auch mittlerweile sparen können. Bedeutungsschwanger gehauchte Satzhülsen machen keinen Tiefgang.

Gaslight Anthem – Handwritten

Mehrere Wochen habe ich Handwritten gegeben. Ich kann nicht sagen, mich gezwungen zu haben, dem Album noch eine weitere Chance zu geben, wenn es nach einem weiteren Durchhören nicht haften blieb. Gerne schmiss ich es wieder an. Wippte mit den Fingern, nickte mit dem Kopf, glücklich wurde ich damit nicht. So begehe ich jetzt die Todsünde.

Die Todsünde ist, einen nicht-offiziellen Song von der Deluxe-Ausgabe herauszupicken, an dem ich mein Problem mit dem Album festmache. Auch noch ein Cover. Sliver ist ein stupides, hingerotztes Brett aus der Frühphase Nirvanas. Bei Gaslight Anthem wird daraus ein domestiziertes Liedchen, das beiläufig konsumiert werden kann. Bei Cobain lag immerhin noch dessen Verzweiflung in der Stimme, Fallon ebnet es im Cover ein.

Für mich ist das repräsentativ für das gesamte Album, das sich nach lustlos heruntergespulter Nostalgie anhört. Dann wollen Gaslight Anthem eben Heartland Rock, kein Problem damit. Aber warum schimmert in den besten Momenten dann der ebenfalls gecoverte Tom Petty durch, warum grüßt Springsteen aus der Ferne? Und warum sollte ich nicht deren beste Alben einfach wieder auflegen, stattdessen Handwritten hören? Das Album gibt darauf keine Antworten. Womöglich soll es auch nur ein Echo des guten alten, handgemachten Rocks sein, der die amerikanische Seele atmet. Immerhin ist es nicht schlechter als die Vorbilder, nur auch nicht besser.

Serj Tankian – Harakiri

Während ich Serj Tankians erstem Album Elect the Dead eine Chance gab, mittlerweile doch keinerlei Erinnerung daran habe, machte ich einen Bogen um sein zweites Soloalbum Imperfect Harmonies. Mit Harakiri ist seit einigen Wochen der dritte Streich Tankians draußen.

Ich wollte Harakiri wirklich Zeit geben, damit es einen anständigen Eindruck hinterlassen kann. Viel gebracht hat es nicht. Ohne seine Kollegen von System of a Down ist der quirlige Sänger zu ausrechenbar. Obwohl er sich abmüht, die Gewohnheiten der Hörerinnen und Hörer brechen zu wollen, tut er es in wiederkehrenden Mustern. Die Wirbel des Derwischs sind vorauszuahnen. Sein markantes Stimmenspiel und die grölende Theatralik und sind alle vorhanden. Aber auch allzu bekannt.

Dabei schlägt er unterm Strich deutlich ruhigere Töne als bei System of a Down an. Wie in Deafening Silence dümpeln hier jedoch ein paar nette Harmonien nur vor sich hin. In den raueren Songs Cornucopia und Uneducated Democracy geht es immerhin belebter zur Sache, doch auch dort fehlt ein Spannungsbogen. Tankian zwängt seine Songs in ein enges strukturelles Korsett, aus dem kein Entrinnen möglich ist. Eine Dramaturgie entsteht so nicht. Es sind Gerippe guter Ideen, die nicht weiter ausformuliert wurden, zerfetzt von bräsigen Texten. Die sozialpolitischen Platitüden Tankians sind reiner Drogenrausch und Wahn. Sie können den Songs ebenfalls nicht helfen.

Harakiri wird wohl keinen langfristigen Eindruck hinterlassen. Formelhafter, gut gemachter Rock ist doch noch zu haben. Auf Kosten der Originalität und Überraschungsmomente. Seiner Künstlerattitüde wird Tankian damit aber niemals gerecht. Weder seine Texte noch seine Musik sind auf Harakiri ein kohärentes Gebilde.

Tenacious D – Rize of the Fenix

Foto: jblackburn (CC-BY)

Tschickedippeduda, ahahuha, damaduda. Nimmt der rockende Wahnsinn überhand, lässt Jack Black auf die Scats fliegen. Anschließend wendet er sich den skatologischen Texten zu. Im Hintergrund schrammeln die Gitarren. Das ist und war das Rezept von Tenacious D, der selbsternannten Übergruppe, die aus dem übergewichtigen Black und noch schwergewichtigerem Kyle Gass besteht. Zusammen machen die beiden seit über einem Jahrzehnt ordentlichen Klamauk über anständigen Rocksongs.

An der Masche hat sich auf dem neuen Album nicht viel geändert. Zusehends verliert sich der Unterhaltungswert jedoch in strammen Riffs aus den Siebzigern, zu den sich leicht die Plauze schütteln lässt und doch keine Freude aufkommt.

Auf diesem Album lässt sich der Niedergang ablesen. Die ersten beiden Stücke, der Titelsong und das fröhlich rockende Low Hangin‘ Fruit haben sowohl das übertriebene Pathos als auch, angetrieben von Dave Grohl, ein sattes Tempo. Danach setzt der Motor aus. Schon weit vor der Halfte des Albums, löst sich jede Struktur auf. Derh Starr ist nicht verkehrt, ist nur allzu vertraut. Die übrigen Titel bleiben oft bei einminütigen Fragmenten.

Nach etwas mehr als den von Skits gestreckten vierzig Minuten ist es dann auch schon wieder vorbei. „They fucked our asses“.

Interpret: Tenacious D
Titel: Rize of the Fenix
Jahr: 2012
Genre: Rock, Satire

Of The I – Balance Instars (2008)

Ich bin tief im anscheinend besonders im spanisch- und französischsprachigen Raum beliebten Jamendo versunken. Auf meinem Schirm ist die Seite schon seit langer Zeit, es blieb bislang aber bei gelegentlichen Touren durch das wachsende Archiv gemafreier, CC-lizenzierter Musik. Für die Zukunft habe ich mir eine tiefere Auseinandersetzung vorgenommen. Erstes Ergebnis ist das schon etwas betagte Album Balance Instars der Londoner Of The I. Weiterlesen

Deichkind – Befehl von ganz unten

Es war kalt, der Wind flutete, hungrig nach Körperwärme, durch die Schrebergartensiedlung. Ich ließ mit schnellen Schritten die ebenmäßig rechteckigen Parzellen an mir vorbeifliegen, ich war spät dran. Schon mehr als eine Viertelstunde hatte ich verloren, anscheinend nur weil die Bahn nicht auf Minusgrade und vereiste Gleise vorbereitet war. Früher hätte ich mir weniger Sorgen gemacht, den Mann warten zu lassen, der in seinem Kabuff inmitten der uniform begrünten Flächen mit mir verabredet war.

Vor zwei Jahren hätten wir noch darüber gelacht, er war zu dieser Zeit stets entspannt. „Was’n los, schon da?“, hätte er gefragt. Breit wären die Worte über seine Lippen gekommen. Zeit war ihm nicht wichtig, sie war eine zähe Masse, die er nach Belieben zu zerren oder stauchen wusste – er half mit halluzinogenen Mitteln nach. Bei unserem Telefonat wenige zuvor war nichts mehr davon zu hören. Er klang klarer, gesetzter, übel gelaunt.

Was auch immer mich geritten hatte, ihn anzurufen, ich kann es nicht mehr sagen. Doch ich wollte mit ihm sprechen, das neue Deichkind-Album war draußen und deren Musik war das einzig verbindende Element zwischen uns. Wann haben wir uns eigentlich zum ersten Mal getroffen? Meine Erinnerung ist verblasst, vom Alkohol zerfressen, ich weiß es nicht mehr. Es muss aber um die Zeit gewesen sein, als er, Gerhardt K., seinen Niedergang als einer der eifrigsten Lobbyisten der deutschen Tonträgerindustrie begann. Wir beide liebten die Musik der Hamburger, wie auch ich. Sie hatte größenwahnsinnig gute Beats, die von unbekümmert rotzigen Texten auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurden. Es war gymnasiales Prollen. Bitte ziehen Sie durch und Noch fünf Minuten, Mutti waren das, was die Hamburger Schule des Hip-Hop ausmachte: Fähig genug, um gezielt die eigene Größe zu verweigern – und bekifftem Lächeln.

„Komm [s] rein“, sagte Gerhardt. Ich war mir sicher, er bemerkte erst beim Aussprechen der Begrüßung, wie unangebracht das unbewusst eingehängte ’sie‘ bei unserer gemeinsamen Vorgeschichte war. So schien es, dass er es mitten im Satz zerkaute und hoffte, ich hätte es nicht wahrgenommen. Ich schüttelte seine Hand und trat ein. „Was verschafft mir die Ehre?“

Er sah mich kaum an. Mir drängte sich der Gedanken auf, er wolle die ganze Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen. Ich war ein Teil seiner Vergangenheit, den er abgelegt hatte. Ich wusste das. Ich wusste, dass er nicht mehr der Vizepräsident oder was auch immer bei dem Lobbyverband war. Und seine Grade hatte er unlängst verloren, ich wollte ihn wegen der schwebenden Verfahren nicht darauf ansprechen. Gerhardt hatte, wie sich durch selbst oberflächliche Untersuchungen herausstellte, weite Teile seiner Promotion abgeschrieben. Es ist ein längere Geschichte, die nicht hierher gehört. Nur so viel, das erste zivilrechtliche Verfahren hatte er verloren, was sollte er auch zu seiner Verteidigung sagen. Er hatte es getan und sich dabei nicht einmal große Mühe gegeben, den Ideenklau zu verbergen. Als es Jahre später aufflog, war er im Lobbyverband wegen seines nicht mehr zu verheimlichenden Drogenkonsums, der ihn auch zu der reichlich selbstverliebten Verleihung des nach ihm selbst benannten Siegels für die Musik von Deichkind führte, schon auf dem absteigenden Ast. Die Affäre um seine Promotion war die willkommene Gelegenheit, ihn endlich loszuwerden. Im Prozess war er ein Wrack, ich hatte die Bilder gesehen, also die vom ersten Prozess. Im zweiten Prozess hatte er die Übersicht völlig verloren, wie alle anderen auch. Denn im zweiten Prozess war er auf einmal Nebenkläger (oder was auch immer, wie gesagt, es war seltsam), da derjenige, der im ersten Zivilprozess erfolgreich gegen Gerhardt vorging, nun selbst in Misskredit wegen derselben Arbeit geraten war, die er als seine ausgab. Es ist ein schwebendes Verfahren, deshalb will ich nicht ins Detail gehen. Aber es darf gesagt werden, dass in dem Verfahren auch darum geht, dass Gerhardt, der entlarvte Kopierer, selbst bei einem Abschreiber abschrieb. Dieser nachweislich kopierte Zweite, der den Anschuldigungen nach aber selbst nur ein Plagiat lieferte, streitet sich mit einer Dritten, ob es nun tatsächlich ein Plagiat war.

Das ging mir durch den Kopf, bis ich bemerkte, Gerhardt noch eine Antwort schuldig zu sein. „Nichts wirklich, ich dachte nur“, ja, was dachte ich? „Neues Deichkind-Album.“, das war alles was ich ihm hinwarf. Seine Miene änderte sich nicht, die Körperhaltung sehr wohl. Er machte einen Schritt zurück und stammelte: „Ich hab’s mir schon gedacht. Ich kann aber nicht. Ich hab’s mir angehört.“

Was er nicht konnte war unsere Tradition aufrechtzuerhalten. Bei jedem bisherigen Deichkind-Album zogen wir um die Häuser. Er, der alte Lobbyist, und ich der vergleichsweise junge Herumtreiber. Wir becherten und zechten, er nahm alles, was er in die Finger kriegen konnte, ich war dazu schon zu betrunken. Und im Hintergrund lief Deichkind. Es war der Soundtrack unserer Eskapaden durch welche Stadt auch immer, es war egal. Wir brauchten nur Deichkind und Alkohol, die Musik und den Suff.

„Ich mach das nicht mehr“, sagte er. „Das hat lange genug gedauert, ich bin trocken.“ Es klang, als hätte er einen Entzug von Deichkind gemacht, doch er meinte den Alkohol, die Drogen.

Ich sagte ihm, dass ich es verstehen könnte. „Nicht schlimm, ich wollte nur. Es war eben eine Tradition.“

„Ich weiß“, seine Stimme klang gleichgültig. „Bin ich es? Oder Deichkind? Beide? Das ist nicht mehr das, was es mal war.“

Ich wusste, unser Treffen würde schon hier enden. Er hatte Recht. Er war nicht mehr der Lobbyist, ich nicht mehr der Herumtreiber und Deichkind weder Kind noch vom Deich.

„Deichkinds Musik kann man doch nur noch in Promille und bpm messen. Über den stumpfen Beat werden Worte geworfen, die in einem Assoziationsspiel noch einen Sinn ergeben könnten. Oder für Betrunkene.“ Während er das sagte, fiel mir im Hintergrund eine Urkunde auf, die mit schwülstigen Worten seine Verdienste als Vorsitzender des örtlichen Verbands der Schrebergärtner pries. Es tat weh, doch es half nichts. Waren wir Spießer geworden?

Ich ließ die trostlos deutsche Hütte hinter mir. Meine Verabschiedung war kurz und schmerzlos. Auf dem Weg zum Bahnhof fiel mir die einzig vernünftige Antwort ein. Wir alle sind auf unsere Weise Spießer geworden. Gerhardt K., ich und Deichkind. Der Unterschied ist, Deichkind scheinen noch zu saufen. Das könnte helfen.