Trollphase

Ja, Rotshirt-Mike sagt so ungefähr das, was ich bis vor gar nicht allzu langer Zeit auch gesagt hätte. Mir allerdings ist es erst wie Blauhemd-Mike aufgegangen, nachdem ich mir argumentativ mal so richtig ins Knie gebohrt hatte.

Blauhemd-Mike hat völlig Recht, die ideologisch überhöhte Trollerei ist ihrem Wesen nach nicht weiter zu abstrahieren, als in unterschiedliche Grade mindestens verbaler Grausamkeit. Es ist keine rhetorische Übung, es ist ein Versuch, Kommunikation zu vernichten. Im besten Fall. Im schlimmsten Fall ist es brachiales Ausnutzen von Privilegien, die nichts anderes als Exklusion bewirken sollen. Und dann brauchen so Nasen wie ich Jahre, um das zu kapieren.

The Internet should…

Ist es eine neue Schule der experimentellen Philosophie, wenn die Google-Suche genutzt wird, um ethische Erkenntnisse zu gewinnen? Von Mountain View aus gehen die Autokomplettisten ins Netz, um diesem den aktuellen Stand um die Ethik abzugewinnen. Dabei müssen sie nur eine beliebige Aussage in die Suchmaschine tippen, schon gibt ihnen der Algorithmus Antwort, was der idealisierte Netzmensch als Summe einzelner Aussagen davon hält. Dannsind die Autokomplettisten nur noch einen naturalistischen Fehlschluss davon entfernt, daraus tatsächlich irgendeine wertvolle Information filtern zu wollen.

So treiben die Auswüchse uns immer wieder zu affektivem Entsetzen, wenn wir etwa anhand der Autovervollständigung erfahren, dass jenes Netz, das wir so lieb gewonnen haben, doch von einer Reihe, sagen wir einfach mal, simpel gestrickter Menschen genutzt wird. So toben sich die Antisemiten aus:

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Das ist eine Ansammlung höchst widerlicher Aussagen. Die Erkenntnis, dass Antisemitismus existiert, wird aber hoffentlich nicht erst durch diese Autovervollständigung bewusst. Es ist ja noch nicht einmal so, dass nur der Antisemitismus hier prominent in der Autovervollständigung auftaucht. Wir haben da noch die Islamophoben.

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Oder die Verachtung gegenüber denjenigen, die eben nicht glauben.

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Und die Verachtung gegenüber Menschen endet auch nicht bei der Glaubenszugehörigkeit. Alle Merkmale, die uns Menschen angeblich in unserem Wert als Menschen so unterschiedlich machen sollen, sind bei Google in der Autovervollständigung vertreten. Zum Beispiel darf plumper Rassismus nicht fehlen. Wo kämen wir da hin?

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Was sagt es also wirklich aus, wenn wir Google als Gradmesser für den Zustand der Menschlichkeit befragen. Nichts, das wir nicht schon vorher gewusst haben. Wenn wir nur mal kurz innehalten, wird auch klar, warum das so ist. Es muss sogar so sein. Google hat einen ausgewachsenen Algoritmus, um das Netz zu durchforsten, aber dieser Algorithmus kann nicht mehr tun, als eine wie auch immer gewichtete Repräsentation dessen, was im Netz vorhanden ist, wiederzugeben. Und – ich mache es mal sehr einfach – das Kriterium der Häufigkeit wird gerne als eine Indikator für Relevanz herangezogen. Das ist nicht besonders geschickt in vielen Situationen, aber oftmals schlicht nicht anders zu handhaben. So wird dann aber klar, warum die Autovervollständigung uns gerne mit Schmutz bewirft: Sie hält uns vor, was am häufigsten im Netz vorzukommen scheint. Intuitiv ist das durchaus nachvollziehbar, denn leider sind Rassismus, Sexismus und andere Ausgrenzung nicht nur oft mehrheitsfähig, sie sind auch schnell gesagt – oder eben geschrieben. Daher sollte es uns nicht schocken, wenn ein Suchalgorithmus derart zentrifugale Kräfte für verbalen Dreck entwickelt und uns das zeigt. Ganz im Gegenteil sollte es uns wundern, wenn zu einem Thema eben nicht der Schmutz aufschlägt.

Nehmen wir etwas die Suchbegriffe lesbians should und gays should. Bei all meinen Versuchen, gab Google hier gar keine Suchergebnisse aus. Meine auf Erfahrung basierende Vermutung ist. Da werden selbst für Google die möglichen Autovervollständigungen allzu heftig, sodass sie einfach mal komplett ausgesetzt werden. Oder – sehr viel zynischer, aber vielleicht noch realistischer – Google ist eine Suche nach Homosexualität generell zu heikel. Wer weiß?

Um es noch einmal ganz deutlich zu machen. Selbst der beste Algorithmus kann dem Netz nicht wirklich Neues abgewinnen. Er kann nur reproduzieren, was Menschen in das Netz tragen. Mit allen Schieflagen werden also auch nur gesellschaftliche Normen, Regeln und Werte gespiegelt. Kein Wunder also, dass bei einer Suchanfrage auf Englisch, das die immer noch christlich dominierten Industrienationen beherrscht, gerade die Ergebnisse für das Christentum harmlos ausfallen.

christians

 

Google wirft nur auf uns zurück, was wir ohnehin schon über die Welt wissen konnten, wenn wir bislang nicht vollkommen teilnahmslos durch sie gingen. Daher überrascht mich nur die Überraschung mancher, was denn bei einer Autovervollständigung denn so an Unfug herauskommt. Ehrlich, das haben die Überraschten nicht gewusst? Diese Leute sollten sich mehr Gedanken über die Welt machen, in der sie leben.

Debattenkultur im Netz: Derailing for Dummies

Eines ist im Internet wie im realen Leben sicher: Je länger man sich dort herumtreibt, umso größer die Wahrscheinlichkeit des Konflikts mit anderen Positionen und Meinungen. Über alles wird gestritten, wenn nicht, dann ist es immerhin möglich über alles zu streiten. Wer dies quasi leidenschaftlich betreibt, macht sich über kurz oder lang verdächtig, ein Troll zu sein. So ist es halt.

Es gibt einige Gradmesser, um die Stichhaltigkeit eines Arguments zu prüfen. Die skeptische Bewegung im Netz greift in der Regel auf klassische logische Irrtümer zurück. So lassen sich einige Argumente von Beginn an aussieben.

Eine perfidere Strategie ist die des Derailings. Sich damit auseinanderzusetzen ist deutlich schwieriger. Das Derailing baut letztlich als Trollphänomen gerade darauf, keine ernsthafte Diskussion führen zu wollen. Wer logische Fehler begeht, muss nicht zwingend die Absicht haben, damit eine Diskussion zu stören – und lässt sich dementsprechend leicht und gern korrigieren.

Das Derailing kommt allzu gern dort vor, wo es um gesellschaftliche Minderheiten geht. Auf Derailing for Dummies werden einige der häufigsten Strategien genannt, die eine Diskussion richtig vorbildlich aushebeln und so eine vernünftige Debatte im Keim ersticken.

Eine der ’schönsten‘ Derailingstrategien ist das „But it’s true„. Es ist mein persönlicher Liebling unter all den hübschen Pseudoargumenten. Wer kann schon etwas gegen die Wahrheit sagen? Und es funktioniert überall und immer. Es muss nicht einmal wahr sein, was da behauptet wird, aber es schadet auch nicht. Der Trick ist, dass hier vorgegeben wird, dass nur die Wahrheit allein ein relevantes Kriterium der argumentativen Auseinandersetzung sei. Sie ist ein wichtiges Kriterium, aber nicht das alleinige. Beispiel gefällig? 1 + 1 = 2. Das ist wahr. Und wird auch immer wahr sein. Es sagt einiges aus, aber nicht alles. Damit wird noch keine Diskussion aus den Gleisen gehoben, es bedarf einer penetranten Universalisierung der Wahrheitsaussage, um daraus einen vollwertigen Hebel zu machen. Ist etwa die Frage, ob Gruppe X bei gleicher Leistung schlechter entlohnt wird als Gruppe Y, ist die Aussage 1 + 1 = 2 nicht sehr hilfreich. Sie bleibt wahr, aber ist nicht in adäquatem Kontext angewandt. Mit einigem Geschick kann nun von der ursprünglichen Diskussion abgelenkt werden, indem nun über diese Gleichung gestritten wird. Wer die Gleichung ins Spiel gebracht hat, kann sich immer darauf zurückziehen, wie wahr die Gleichung ist und darauf pochen, dass diese Wahrheit auch bitte anerkannt würde.

Spannend wird es natürlich auch im Fall einer nicht haltbaren Wahrheitsaussage, die bei genauerer Betrachtung nicht haltbar ist. Das ist dann die Krönung des „But it’s true“. Es wird dann nicht nur anhand einer nicht adäquaten Behauptung der eigentliche Aspekt in den Hintergrund gerückt, die Debatte dreht sich auch nur noch um Für und Wider der Annahmen der Wahrheitsaussage.

Unter diesem Aspekt ist Derailing for Dummies einfach nur interessant. Ich kann mir die Frustration ausmalen, wenn ständig solche argumentativen Hebel ein letztlich wichtiges Thema negieren. Auf der anderen Seite steht aber auch, dass der Vorwurf des Derailings auch exzessiv vorgebracht werden kann. Dazu trägt Derailing for Dummies ebenso bei, da die dort beschriebenen Aussagen und Positionen grundsätzlich für absichtliche Ablenkungsmanöver gehalten werden. Manches Mal kann dabei folgendes Problem entstehen.

Muss auch nicht sein. Lebenszeit ist kostbar.

Bilddquellen: liftarn CC-BY-SA 3.0; xkcd CC BY-NC 2.5

Tools zur kollaborativen Übersetzung von Literatur

Verdammt, mir will kein anderer Titel als dieser trockene Misthaufen von einem Satz einfallen. Einziger Vorteil: Er trifft den Nagel inhaltlich auf den Kopf. Da hatte ich mir nämlich für ein kleineres Projekt, ohnehin mal ein wenig nach Möglichkeiten geforscht, literarische und wissenschaftliche Texte übersetzen zu können. Da aber die kostenlosen maschinellen Angebote meiner Meinung nach nicht taugen, sollte es dann eher eine Plattform zur kollaborativen Bearbeitung von Texten sein. Konkret geht es darum, einige gemeinfreie Mauerblümchen der Literatur ins Deutsche zu übersetzen. Kollaborativ sollte es nur sein, um dann die Texte wiederum zur freien Verfügung zu stellen und auch die Möglichkeit zu bieten, die Übersetzungen in ihrer Qualität noch zu verbessern. Meine Suche brachte einige Optionen hervor, von denen ich die eine oder andere interessante hier einmal vorstellen will. Meine Ansprüche waren dabei vor allem die, dass es kostenlos, effizient und kollaborativ sein sollte. Weiterlesen

FSM sei Dank – es gibt wieder mehr Piraten. Das ist allein schon gut für die Umwelt.

Logo der Piratenpartei Deutschland veröffentlicht von der Piratenpartei Deutschland unter CC-BY-Lizenz
Logo der Piratenpartei Deutschland. Veröffentlicht von Piratenpartei Deutschland unter CC-BY-Lizenz.

Die Hektik, mit der heute Nachrichten verarbeitet werden ist mir mitunter ein Graus, deshalb neige ich dann doch zur Entschleunigung. Da kann ich meine Gedanken sammeln und etwas reflektieren, was mir an dem ursprünglichen Thema wichtig war.

Diesem Motto folgend, hier nun einige lose Gedanken zum Wahlerfolg der Piratenpartei bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus. Nichts weltbewegend Neues. mehr…