Berliner Nadelstiche?

Ist das ärgerlich, dass ich nicht darauf gewettet habe, wann nach dem Wahlergebnis in Berlin die ersten Stimmen aufkommen, die nach dem Schutz des ‚Urheberrechts‘ rufen. Dabei ist ‚Schutz‘ im Sinne von Verschärfung gemeint. Dieser Schutzreflex war unausweichlich. Und doch habe ich ihn nicht vorhergesagt. Hätte ich es mal getan, ich hätte bessere Erfolgsergebnisse gehabt, als manch andere Prophetie. Man hätte sich nur nicht auf Namen festlegen lassen sollen. Oder eben nach statistischer Auswertung der Vor- und Nachnamen der üblichen Verdächtigen ein wenig über die Initialen der Urheberschützer fabulieren können, um Expertenwissen vorzugaukeln.

Und wer hat diesen Monat eine Lanze für das Urheberrecht gebrochen? S.K. Wer? Siegfried Kauder. Kauder hat man ja schon mal gehört, aber Siegfried? Ja, nicht der Volker. Und was hat der feine Siegfried denn so gemacht, während die Piraten noch ihren Rausch ausschliefen. Der gute Mann verschafft sich ein wenig Aufmerksamkeit.

In acht Wochen schon, so Kauder der Jüngere, werde die Koalition einen Gesetzesentwurf einbringen, der Internetprovider dazu verpflichten soll, ihre Kunden bei mutmaßlichen Urheberrechtsverstößen zu verwarnen. Sollte dies die Kunden nicht abschrecken, drohe später die Sperre des Internetzugangs für drei Wochen (via netzpolitik.org), da dies verfassungsrechtlich unbedenklich sei. Das ist dann wohl ein neuer Spin für eine alte Forderung.

Ein Glück nur, dass es bislang wohl einfach nur Nervenberuhigung der Klientel der Union ist. Diese alteingesessenen Granden der Kulturindustrie werden nachhaltig eingeschüchtert sein vom Einzug der Piraten ins Berliner Abgeordnetenhaus. So sehr, dass sie sogar den Zusammenbruch aller Kulturproduktion fürchten. Wahrlich, wer sich solch ein Szenario in so lebhaften Farben ausmalt, ist überaus kreativ. Da bricht dann für mich eine kleine Welt zusammen, dachte ich doch bislang, dass die industrielle Produktion von Kulturgütern gerade nicht der Förderung kultureller Vielfalt, sondern lediglich der Schaffung rentabler kultureller Massenware diene. Als solche brauchte man als Teil dieser Industrie nicht kreativ zu sein, rein kaufmännisches Geschick hätte genügt. Und doch muss ich mich korrigieren: Der fiebrige Wahn vom Untergang der Kultur ist Ausgeburt der höchsten Kreativität, einer fehlgeleiteten, krankhaften zwar, aber wen kümmert das?

Also, mein Dank an Herrn Kauder. Er hat mir die Augen geöffnet. Mein Verstand nahm dabei Schaden, aber den brauche ich eh nicht mehr.