Newtown: Das Zeremoniell der Empathie

Diese Geschichte hat zwei Protagonisten, die sich gegenseitig verbunden haben zu einer schicksalhaften Kommunikationsgemeinschaft, in der die Rollen von Sendern und Empfängern im Fluss sind. Ich will mit dem einen Protagonisten beginnen, doch nur unter dem Vorbehalt, dass es keinen Grund jenseits der Willkür gibt, warum dieser und nicht der andere zunächst im Vordergrund steht.

Die Medien, oft auch gerade der Teil der Medienwelt, der sich den Qualitätsjournalismus hat lizenzieren lassen, sodass er fachgerecht auf einem Presseausweis Platz findet, schreibt sich die Leistung zu, Ordnung und Einordnung in die unübersichtliche Lage der Welt zu bringen. Dabei verkennen sie manchmal, vielleicht sogar in den schwierigsten Momenten des menschlichen Miteinanders, welches dann oft ein Gegeneinander ist, was auch zur Einordnung der kleinen Fragmente in das große Gefüge gehört: die Zurückhaltung, das Eingeständnis der eigenen Verunsicherung, die Unzulänglichkeit der eigenen Wahrnehmung und die Flut der Informationen.

Nicht zu wissen, was die Motive des jungen Mannes waren, der in Newtown zunächst seine Mutter und dann in einer Grundschule Kinder und Lehrer erschoss, mag unerträglich sein, ist aber kaum ein guter Grund, nun leidenschaftlich im Trüben zu fischen. Wie kommt es, dass dort, wo Menschen sterben, der Konjunktiv über die Hintergründe zum Leben erweckt wird? Wäre es zu verhindern gewesen? Der Täter habe auf allen Fotos einen kühlen, der Welt entrückten Blick gehabt. Waffen hätten nie im Umlauf sein sollen. Als ob den Toten damit geholfen wäre, wenn schnellstmöglich aus allen Teilen der Welt die reflexiven Interpretations- und Bewältigungsmechanismen des Journalismus auf den Tatort gerichtet werden.

Der Mainstream, unser zweiter Protagonist, verschlingt jedes noch so nichtige Bröckchen. Es als Sensationslüsternheit abzutun ist möglich, geht an der Sache aber doch vorbei: Es ist auch ein Bewältigungsmechanismus, die Tat, den Anschlag, das Massaker vermeintlich gänzlich in sich aufnehmen zu wollen. Schon einmal den Finger in eine klaffende Wunde gesteckt? Die Gier nach jedem morbiden Detail, ob geprüft oder nicht, schafft einen Schmerz, der auch aus der weitesten Entfernung spürbar wird. Aus den Augen verloren, wenn sie überhaupt gesehen wurde: die Ohnmacht, die ein solches Ereignis auslösen sollte.

Nicht spüren zu können, was die Opfer fühlten, die mit brutalster Gewalt niedergestreckt wurden, mag unerträglich sein, es ist aber keine gute Grundlage für Mitgefühl, dies zu simulieren. Empathie ist so eine Sache, die der Mainstream in ritualisiert hat; sie wird in wiederkehrenden Mustern zeremoniell ausgebreitet. Es ist die mechanische Empathie einer Konsumptionsgesellschaft, als ob den Toten damit geholfen wäre, die erlernten und vererbten Verdrängungs- und Sensibilisierungsmethoden an ihnen abzuarbeiten.

Was die beiden nun aber machen, das ist durch nichts mehr zu rechtfertigen: Sie stülpen eine widerwärtige narrative Schablone über alle undenkbaren Geschehnisse. Jedes Ereignis wird emotional überwältigt, gemustert und vermeintlich verständlich gemacht – nicht Verständnis der Situation, sondern emotionale Überwältigung der Ereignisse ist das Ziel. Die Wogen müssen geglättet werden, koste es, was es wolle. So werden zunächst die Täter in Grund und Boden verdammt, dann die Opfer nach heroischen Leistungen, in deren Abwesenheit tun es auch rührselige Lebensläufe, um schlussendlich möglichst schnell in einfache Lösungsvorschläge zu verfallen: Mal sollen es die Medien sein, Musik, Filme, Videospiel, was auch immer. Dann wieder der Waffenbesitz, die (sub-)kulturelle, ethnische, politische oder religiöse Zugehörigkeit. Für andere ist es die gesellschaftliche Verrohung, was genau diese aber ausmacht, ist nicht weiter wichtig.

Was auffällt, sie alle, die vielstimmig im Chor von Medien und Mainstream singen, sie haben in der Regel eine Lösung parat. Nur eine. Die eine Maßnahme, die auf Anhieb wird selig machen können. Und so gebiert der Zwang einen wahnhaften Zwang zur emotionalen Durchdringung der Schreckenstat, gleichgültig aller Oberflächlichkeit mit der über die Hintergründe spekuliert wird. Diese Oberflächlichkeit der selbst attestierten Empathischen hat weniger der beschleunigten Medienlandschaft zu tun, als mit der Aufklärung: Wesentlicher Kern der Aufklärung bleibt das Erstaunen – oder auch die negative Entsprechung: das Entsetzen. Auch dies ein emotionaler Reiz. Aber wie damit umzugehen ist, ist im Sinne der Aufklärung die eigentliche Revolution. Mit Nüchternheit.

Was spricht dagegen, ein unverständliches, dramatisches Ereignis erst einmal als solches hinzunehmen? Die Emotionalität hat und braucht ihren Raum, sie wird ihn auch verlangen. Doch im Stadium der emotionalen Aufladung schon ein Problem lösen zu wollen, ist törichter Unfug. Genau so ist es Unfug, auch nur zu verlangen, dass ein erstaunliches Ereignis binnen weniger Stunden oder Tage erklärbar sei und erklärt werden müsse. Das Erstaunen wäre sinnlos, wäre es so leicht bewältigbar. Das gilt auch für das Entsetzen. Doch gerade dann, wenn die Emotionalität verflogen ist, wäre Zeit zur Aufarbeitung. Zur intellektuellen Durchdringung der Tat, ihrer Motive und der Lösungswege.

Doch in unserer Geschichte ist noch kein gutes Ende absehbar, denn die Protagonisten haben sich mal wieder darauf geeinigt, in simplen Strickmustern zu handeln: Diese brachiale Pietät ist die heuchlerischste Pietätlosigkeit, zu der Medien und Mainstream sich regelmäßig hinreißen lassen.