Person of Interest: Got Carter

Vor zwei Wochen wollte ich schon über Joss Carter schreiben, weil sich da eine Entwicklung in Person of Interest abzeichnete, der ich nicht wortlos zuschauen wollte. Ich schmeiße ja gerne mit Superlativen und Hyperbeln um mich, das ist halt so meine Art. Nun rächt sich das, weil ich hinter meine Meinung zu dieser Figur rhetorisch nicht mehr genug Druck kriege, um ihr gerecht zu werden. Und jetzt wo sie ein absehbares Ende genommen hat, bleiben mir nur billige Hülsen. Carter war die beste weibliche Figur in einer Actionserie, die mir untergekommen ist. Sie war der emotionale Anker in einer Serie voller Helden, die aber wegen ihrer dysfunktionalen Verhaltensweisen wenig Empathie in mir hervorriefen. Carter war anders als diese Helden, sie war als normaler Mensch angelegt. Mittlerweile wurden viele Punkte zu Carter in diesem Nachruf festgehalten, aber ich schrecke diesmal nicht vor Redundanz zurück.

Natürlich war es auch einfach, Carter zu bewundern, sie hatte großartige Momente, in denen sie ihre Gegner ausschaltete. Wir sind konditioniert, uns von dieser physischen Leichtigkeit, mit der Actionfiguren über unterlegene Widersacher herrschen, beeindrucken zu lassen. Für sie sind es profane Vorgänge. Zwei Handgriffe, ein paar Schläge und schon stehen sie über den starren Körpern der Angreifer. Auch Carter wurde diese Ruhe angeschrieben, die in Actionheld so braucht. In diesem Sinne war sie nicht zu unterscheiden von den anderen heroischen Figuren der Serie. Auch Carter tritt Ärsche – unter anderen auch deren Hintern.

Was sie aber von allen unterschied, war ihre charakterliche Voraussetzung. Sie war besonders. Carter war nicht gebrochen oder psychisch belastet, weswegen sie lebensmüde gegen die übermachtigen Strukturen der korrupten Polizei kämpfte. Carter hatte eine Bodenhaftung, die Reese, Finch, Shaw und anderen abgeht, sie sind Soziopathen. Aber Carters Motivation war einzig und allein ihre Integrität, gerade ihre psychische Stärke. Auch wenn sie selbst in die Grauzone trat, war sie von allen diejenige, der man ansah, dass sie sich dort nicht wohl fühlte. Ihre Mitstreiterinnen und Weggefährten waren selbst schon korrumpiert oder von der eigentlichen Welt losgelöst. Als alleinerziehende Mutter und selbstbewusster Detective war Carter aber verwundbarer, trotzdem gab sie den Kampf nicht auf. Das machte sie zu einer bewundernswerten Figur. Sie hatte neben ihrem Leben auch eine soziale Existenz zu verlieren und konnte trotzdem nicht anders, als sich gegen die allmächtig erscheinende Verschwörung zu stellen. Carter war keine Heldin in glänzender Rüstung, sie war eine von ‚uns‘. Eine bessere Version von ‚uns‘, die nicht kuschte, buckelte oder sich fügte.

Umso trauriger ist, dass die Autorinnen und Autoren der Serie Carter zwar über HR triumphieren lassen, ihr dann aber auf den letzten Drücker noch beinahe alle Klischees aufdrücken, unter denen weibliche Figuren im Fernsehen so oft zu leiden haben. Da wäre eine aufgepfropfte romantische Szene kurz vor ihrem Ende, mit der sie dann doch zu einem Love Interest wurde, der sie glücklicherweise doch so lange nicht war. Das ist ein deutlicher Rückschlag, der dieser starken Frauenfigur fast völlig in den Rücken fällt. Sie hätte einen würdigeren Abschied verdient, als dann doch einfach als Motivation für ihre männlichen Hinterbliebenen zu dienen.

Carter ist aber anscheinend an sich eine so wunderbare Figur, deren Verlust ein so großes Loch ins Gefüge der Serie reißen könnte, dass man es wohl für nötig hielt, sie vor dem vielleicht unausweichlichen Tod noch ein wenig zu degradieren, um den Schaden für Person of Interest geringer erscheinen zu lassen, als er tatsächlich ist. Dabei hat Carter doch jedes Shakespeare-Zitat verdient. Wie wäre es beispielsweise mit diesem aus King John?

Death, death; oh, amiable, lovely death!
Come, grin on me, and I will think thou smilest.

Person of Interest: Der Wert des Gewissens

Hielt ich Person of Interest für eine sehr gute Serie, nimmt sie zunehmend grandiose Züge an. Die Fronten waren klar, das Gute offenkundig. In der ersten Staffel stand das Vertrauen im Zentrum, das manchmal auch erst nach Zwang und Erpressung entstand. Keine der Figuren war moralisch unbelastet, das war immer klar. Doch wie einige der Figuren, so interessierte dies nicht, solange klar war, auf welcher und wessen Seite sie standen.

Nun aber entpuppt sich Person of Interest als vielschichtiger als das moralische Korsett, das modernes Fernsehen sich gibt, wenn es wie etwa ein Dexter gewagt sein will. Die Vergangenheit der Figuren holt in Person of Interest die Gegenwart ein, aus dem Dilemma entlässt die Serie erfreulicherweise niemanden mit Bauernspielertricks des Storytellings. Weder die Figuren noch die Zuschauerinnen und Zuschauer.

Die Serie nimmt sich das Recht heraus nicht rückstandslos integer zu sein. Sie nutzte die stoischen Mienen der Schauspieler, die unterkühlte Atmosphäre und subtile zwischenmenschliche Verwicklungen, um wie aus dem Nichts eine Grauzone zu schaffen. Dabei riskiert die Serie, Menschen vor den Kopf zu stoßen.

Person of Interest

Person of Interest ist einer der wenigen auch im Verlauf einer vollen Staffel überzeugenden Serienstarts des Herbsts 2011 in den Vereinigten Staaten. Trotz ihrer klassisch episodisch ausgerichteten Erzählform liegt ihr Reiz in den vielschichtig verwobenen Beziehungsgeflechten in einem technisch lückenlos überwachten New York.

Subtile Dystopie

Das New York in Person of Interest ist ein an markanten Punkten verformtes, aber kaum merklich abgewandeltes Abbild der Wirklichkeit. Die posttraumatische Erfahrung der Anschläge auf das World Trade Center führte im fiktiven New York — auch überall in den USA, die Serie verlässt New York jedoch kaum — zur Entwicklung eines allumfassenden Überwachungsapparats, der ‚Maschine‘. Ihre Algorithmen analysieren das Datenvolumen der allgegenwärtigen, von der Bevölkerung klaglos hingenommenen Überwachungsmaßnahmen. Im Gegensatz zu den Heilsversprechen der realen Rüstungsindustrie ist die ominöse Technologie der ‚Maschine‘ imstande, das menschliche Verhalten mit ziemlicher Gewissheit auszuwerten, um zukünftiges Verhalten zu extrapolieren.

Die ‚Maschine‘ ist klassische Science-Fiction, sie ist allerdings nur ein äußerer Anlass, nicht aber ein zentrales Mysterium. Ihre Entstehungsgeschichte wird skizziert, vordergründig geht es aber in der ersten Staffel nicht um ihre eigentliche Bestimmung, terroristische Anschläge zu prognostizieren. Ihr Entwickler Harold Finch versah die ‚Maschine‘ mit einer Hintertür, da er voraussah, dass alle nicht-staatsgefährdenden Verbrechen, die erkannt werden, nicht verfolgt, also nicht verhindert würden, sofern er nicht selbst dafür Sorge tragen würde.

Allerdings fällt nur eine Sozialversicherungsnummer heraus, Finch kann aber nicht wissen, ob es sich bei der Person hinter der Nummer um Täter oder Opfer eines zukünftigen Verbrechens handelt. So kommt der vom gehbehinderten und abgeschieden lebenden Finch angeheuerte Reese ins Spiel. Reese, der als Agent in Ungnade fiel und von der Bildfläche verschwand, wird zu Finchs Muskeln auf den Straßen New Yorks; ein menschlicher Superheld ohne Maske und Umhang, unverkennbar greift die Serie doch auf die in Comics etablierten Motive der hinter gesellschaftlicher Fassade agierenden Wächter für die Entrechteten zurück.

Soziale Währung: Vertrauen

Die Ungewissheit, weshalb die ‚Maschine‘ ihnen die Sozialversicherungsnummer auswarf, ist die Basis für das wiederkehrende Thema in Person of Interest. Reese muss nicht nur mit der Hilfe Finchs die Personen ausmachen, sondern, ob Täter oder Opfer, in kürzester Zeit ohne großes Aufsehen zu erregen ihr Vertrauen gewinnen. So entstehen aus dieser Lage heraus Spannungsmomente, wenn Reese eben nicht plump mit der Tür ins Haus fallen kann, dass er als Ritter in glänzender Rüstung gekommen ist, um die gesuchte Person vor der Gefahr zu bewahren.

Wobei Reese und Finch besonders anfangs noch deutlich in einer rein zweckorientierten Verbindung der Verbrechensbekämpfung nachgehen, beide beäugen sich dabei mit einigem Argwohn. Ohne den Menschen zu kennen, ist schlecht abzuschätzen, was vom Gegenüber zu halten ist. Finch und Reese geht es nicht anders, Finch hat ohnehin einen Wissensvorsprung vor Reese und die Ressourcen, diesen zu halten, da verwundert kaum, dass jener mit seinen eigenen Mitteln Nachforschungen über seinen Partner anstellt. Dieser rote Faden zieht sich durch alle Episoden: Vertrauen ist nicht kaufbar.

Und so spinnt die Serie allmählich ein dichtes Netz an Verschwörern, Mitwissern und Unbeteiligten, die einander nicht über den Weg trauen können, stets aber doch darauf bedacht sind, sich eigene Vorteile zu sichern. Person of Interest zieht daraus die spannendsten Momente, wenn korrupte Polizisten zu Doppelagenten gedreht werden, die ermittelnden Behörden Reese auf der Spur sind, aber Sympathie für seine Taten entwickeln oder unbescholtene Bürger sich als Schwerverbrecher entpuppen. Es gibt eine öffentliche und eine private Person, Reese und Finch haben nur die Zeit, die erste zu analysieren, die zweite entzieht sich ihrer Kenntnis.

In der Serie herrscht allenthalben Mangel an Vertrauen, was sie zu einer willkommenen Abwechslung im Meer der Serien macht, wo mit der Intimsphäre ihrer Figuren hausieren gegangen wird. Da erscheint es als Zeichen, wenn die Figuren in Person of Interest dazu neigen, sich beim Nachnamen zu nennen, immer schön die Distanz wahren. Die Person erblickt man erst über die Zeit oder extreme Umstände, so sehr sie auch von Interesse ist. Der Wert des Vertrauens steigt in der Serie genau dann, wenn Reese, der als Agent nur im Verborgenen agierte, den aufrichtigen Dank der Geretteten erfährt. Kleine, bescheidene Momente der Zwischenmenschlichkeit im flüchtigen sozialen Raum.

Ein gelungener Kompromiss

Person of Interest ist, wie gesagt, stark episodisch ausgerichtet, in jeder Episode folgt sie einer abgeschlossenen Fall-der-Woche-Form. Sicherlich ein Zugeständnis an den ausstrahlenden Sender, schließlich sind die komplexen Serienformate mit kontinuierlichen Handlungssträngen über Episodengrenzen hinweg besonders ausgefeilt und daher bei der Kritik beliebt, sie tun sich aber im Laufe der Zeit schwer, Zuschauerverluste aufgrund ihrer Einstiegshürde im späteren Verlauf zu kompensieren.

In Person of Interest ist eine folgenübergreifende Rahmung vorhanden, stünde allerdings im Schatten des episodischen Erzählens, wäre besagter Rahmen nicht gerade die Schilderung der brüchigen Bünde und langsam wachsenden Vertrauensverhältnisse der Figuren.

Viele klassisch episodischen Formate setzen auf eine personale Statik, gerade auch die crime dramas, mit denen Person of Interest viele Gemeinsamkeiten hat. Das soziale Gefüge in den Ermittlerteams wird in den crime dramas mit Bedacht nicht überspannt. Von einigen romantischen Verwicklungen abgesehen, werden die Beziehungen mit jeder neuen Folge wundersam auf Anfang gesetzt. Dagegen sind die persönlichen Beziehungen in Person of Interest ein selteneres und brüchigeres Gut, um sie muss gegen den Druck der Außenwelt gekämpft werden; damit sind sie unermesslich wertvoller als die zwischenmenschliche Starre in Serien, die ihre Figuren erkennbar bloß zur folgenlosen wöchentlichen Gefühlerei missbrauchen.

Serientode und -erneuerungen 2012/2013

Jährlich fallen in den USA im Frühling bei den Networks folgenreiche Entscheidungen für die Fernsehlandschaft (Kabelanbieter wie amc und Showtime bleiben hier außen vor). Fans quotenschwacher, aber hervorragender Serien bangen besonders um die Lieblingssendungen. Für mich stand in diesem Jahr nur eine wirklich relevante Entscheidung an, auf die komme ich aber später erst zu sprechen. Wo können wir uns also informieren? Der aktuelle Stand ist relativ verlässlich hier oder hier nachzulesen. Bislang gibt es für mich keine großen Überraschungen. Weiterlesen