Ein Grund wurde nicht genannt

An einem besonders kalten Sonntagmorgen lief ich von der Innenstadt nach Hause in die Wohnsiedlung am Rande der Stadt. Ich war leicht angetrunken und wollte so schnell wie möglich in mein Bett fallen. Die Kapuze meiner Jacke hatte ich mir weit ins Gesicht gezogen. Nur wenige Meter von der Haustür entfernt hörte ich eine stramme Männerstimme, ich verstand nur nicht, was gerufen wurde. "Polzei, stehenbleiben.", das verstand ich und drehte mich um. Ein Polizist baute sich vor mir auf, seine Kollegin blieb im Hintergrund. "Personenkontrolle. Ihre Ausweispapiere."

Ich gab ihm meinen Ausweis. "Was ist denn los?"

"Was machen sie hier?", fragte er, während er meinen Ausweis musterte.

"Sie haben doch eben gelesen, wo ich wohne", ich zeigte mit dem Finger auf die beleuchtete Hausnummer über der Haustür zu meiner Wohnung, "ich gehe nach Hause."

"Nicht frech werden.", bellte er mich an. Dabei sah er mich nicht einmal an, prüfte weiterhin nur meinen Ausweis. Es war klar, dass er erwartete, mit der Form von Respekt behandelt zu werden, die ich eher als Unterwerfungsgeste ansah. So leicht wollte ich mich aber nicht von ihm beeindrucken lassen: "Was ist daran frech, wenn ich ihre Frage beantworte?"

"Der Tonfall."

"Mein Tonfall ist einer, den ein Mensch benutzt, wenn kurz vor der Wohnungstür bei dieser Kälte und Uhrzeit eine Personenkontrolle durchgeführt wird."

Jetzt richtete er seinen Blick auf mich in dem Versuch, durch mich hindurch zu sehen. "Wir können das hier auch ganz anders regeln."

Ich lachte verzweifelt. Er pumpte seine Lunge mit der kalten Luft auf, wodurch sein Brustkorb sich mir entgegen wölbte. Mit seinen Augen bohrte er in meine. Ich wartete auf eine Reaktion von ihm, es geschah aber nichts. Er sah mich nur an. Das Funkgeräte seiner Kollegin krächzte einen Funkspruch; daraufhin tippte sie den aufgeblähten Polizisten an der Schulter an. Er gab mir nur den Ausweis zurück, sie ließen mich einfach stehen.

Am Montag darauf erfuhr ich aus der Zeitung von einer Reihe von Einbrüchen in meiner Straße, weshalb ich wenigstens nachvollziehen konnte, warum es zu der Kontrolle kam. Es war einer der wenigen Momente in meinem Leben, in dem ich aus meiner Sicht grundlos verdächtigt wurde, weil ich zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt, männlich und weiß war.