Abhörskandal: Die Postdemokratie hat ihren Namen nicht von der Briefwahl

Die bundesdeutsche Volksparteienherrschaft hat es über Jahrzehnte geschafft, eine formidable Gleichgültigkeit zu etablieren. Eine Gleichgültigkeit aus Hilflosigkeit angesichts der faktischen Wirkungslosigkeit politischer Meinungsäußerungen. Nur so kann es geschehen, dass der Chef des Bundeskanzleramtes Ronald Pofalla für seine einseitige Beendigung der Spionageaffäre zwar mit Häme überschüttet wird, aber seine Missachtung von Menschenrechten und Freiheitsgedanken ansonsten politisch völlig ungestraft blieb.

Da nun aber das Mobiltelefon der Kanzlerin betroffen ist, müssen Pofalla und die Politelite ein wenig zurückrudern. Doch auch hier zeigt sich ein Reflex im Netz, der Ausdruck des Fatalismus ist. Es werden Witze gemacht. Über die Kanzlerin, über Pofalla, über die NSA. Manche sind gut, sogar feinsinnige sind dabei, viele sind offensichtlich, andere schlecht. Aber das sagt etwas aus über den Zustand der Demokratie: Politisch interessierte Menschen verfallen nicht einmal mehr in Wut oder Zorn über die allzu offensichtlichen Schwindeleien und Paradoxien der alltäglichen Politik. Sie haben, wie auch ich selbst, anscheinend in vielen Punkten die Hoffnung aufgegeben, mit Worten und Taten Politik zu erreichen.

Entgeistert nehmen sie die Widersprüche hin, wenn eine Regierung die flächendeckende Überwachung durch ‚befreundete‘ Dienste hinnimmt, sogar aktiv schützt, aber dann in Aktionismus ausbricht, wenn die Überwachung besagter Regierung publik wird. Auch ich lache gerne, aber nicht über Galgenhumor. Und nicht über eine Kanzlerin, die gerade dabei ist, eine große Koalition zu bilden, die über eine nahezu unumstößliche Macht im Bundestag verfügen wird. Selbst die wenigen Mittel, die einer Opposition im Parlament zur Verfügung stehen, wird die Opposition bei einer großen Koalition nicht aus eigener Kraft einsetzen können.

Damit ist ein kritischer Punkt erreicht: Die Postdemokratie, die blindlings hingenommen wird, setzt sich mit jedem zynischen Tweet durch. Der Potemkinsche Parlamentarismus gewinnt mit jedem Beitrag, der in Selbstironie verhaftet bleibt. Vielleicht braucht Politisierung immer auch Feindbilder. Früher waren es andere Nationen und Staaten, fremde Ideologie und Dogmen. Heute ist es womöglich der schleichende Zerfall gerade der Institutionen, die den Menschen ihre Stimme geben sollten, sich aber immer noch als Errungenschaft legitimieren. Da nützt es nicht, süffisant lächelnd die vermeintliche Ironie zu kommentieren, wenn Merkels Telefon abgehört wurde. Ich für meinen Teil bin wieder wütend genug. Produktiv wütend.

Linkgebliebenes 19

Fangen wir mit einem lange Zeit unbemerkt gebliebenen Zivilisationsfortschritt an. Sich auf Stühle zu setzen wird nie mehr sein, was es mal war.

Manchmal dringt die Spielewelt in die Realität ein. Wenn eine linux-gesteuerte Waffe auf den Markt kommt, die das Zielen (teil-)automatisiert, kriege ich ein wenig Angst. Die Verzahnung von Waffenindustrie und Videospielen geht auch andersherum, wenn beispielsweise Spielerinnen und Spieler über Linzenzgebühren für In-Game-Waffen die Rüstungsindustrie bezahlen können.

Journalismus wird nach Schnittmustern erzählt. Gegen den Formatjournalismus wäre prinzipiell nichts zu sage, wäre er nicht gewillt, die Wirklichkeit der Form unterzuordnen. Meist ist es verhängnisvoll, andere Male nur lächerlich. So in diesem Fall.

Ich mag ADN, aber längst nicht alles ist rosig, ich wünschte mir beispielsweise auch eine etwas offenere API.

Ja, die benevolente Diktatur ist als postdemokratisches Modell en vogue, auch bei Menschen, denen etwas mehr zugetraut werden könnte, als krypto-totalitäres Gewäsch.

Für manche ist es vielleicht etwas zu technisch, hier wird aber eine perfide Methode geschildert, Nutzervertrauen zu torpedieren. Findige Webentwickler, nennen wir sie Arschlöcher, haben keine Bedenken die Historie eines Tabs im Browser zu manipulieren, um beim Klicken auf den "Zurück"-Button auf Werbung umzuleiten.

Was ist schon ein Allheilmittel? Selfpublishing auf keinen Fall.

Wie sieht er eigentlich aus, der Sexismus in der Spieleszene? Dreißig Tage in Summe schon reichlich hässlich.

Lernplattformen sprießen in Hülle und Fülle, die meisten Angebote kommen mir didaktisch noch nicht sehr ausgereift daher. Aber auch gesellschaftlich befeuern sie, so die Kritik eine zentrifugale Kraft in der Bildungslandschaft. Homogenisierte Milch ist nützlich, homogenisierte Bildung eher nicht.

Der Datenschutz bestimmt weite Teile der hiesigen Auseinandersetzung um Googles neues Gadget für überwiegend weiße Männer. Die Benutzerfreundlichkeit fand wenig Beachtung, aber auch da gibt es wohl noch große Baustellen.

Ich habe ein gespaltenes Verhält is zu Kickstarter, aber auch Crowdfunding allgemein. Der eigentliche Zweck alternativer Finanzierung für unabhängige Kreative geht verloren, wenn sie von der Industrie als günstige Produktionshilfe kooptiert werden, sodass sie auch noch alle Gewinne einstecken können. Aber es gibt sie halt auch, diese Projekte, die wohl kaum genug Geld hätten sammeln können. Wie etwa eine Dokumentation über Frauen in der Spielebranche.

Einige Beispiele dafür, wie sich Sexismus strukturell gerade auch über die alltäglichen Ausgrenzungen fortsetzt, gerade weil diese Sexismen auf den ersten Blick zu klein und nichtig wirken.