Der verfickte weiße Ritter

Vor dem Ausgang der Ringbahnhaltestelle stand ein stämmiger Kerl am Rande des Weges. Schon aus etwas Entfernung irritierten mich seine unvorhersehbaren Ausfallschritte, mal nach rechts, dann wieder nach links. Ich wollte meine Kopfhörer gerade aufsetzen, da hörte ich eine tiefe Männerstimme aus derselben Richtung: „Sie kommen nicht vorbei, ich rufe die Polizei! Was fällt Ihnen ein?“

Als ich ungefähr auf seiner Höhe war, konnte ich an seinen breiten Schultern und dem noch breiteren Bauch, der seine offene Jacke und das modische Hemd darunter spannte, vorbei sehen. Ich erschrak sofort. Hinter dem Mann, der im Vergleich wie ein Koloss wirkte, stand eine junge Frau. Sie war höchstens halb so alt wie der kräftige Mann im mittleren Alter. Er sprach auf sie herab, immer wieder von der Polizei. Sie sah verzweifelt aus, als ob sie schon minutenlang versuchte, dem Mann und seinen Drohungen auszuweichen. Nur ließ er sie nicht, er spiegelte jeden ihrer Ausfallschritte und verstellte ihr jeden Fluchtweg mit seinem ganzen Körper.

Sie suchte meinen Blick, ich sah ihre Angst. Instinktiv wollte ich mich raushalten, der Mann war zwei Köpfe größer als sie, immer noch einen größer als ich. Bevor ich einen Schritt an den beiden vorbei machen konnte, hörte ich mich fragen: „Was ist hier los?“

„Das geht Sie gar nichts an.“, grölte er zurück und beäugte sie dabei aufmerksam, um sie nicht entwischen zu lassen.

„Was hat sie Ihnen denn getan?“

„Da!“, seine Finger zeigten auf ein Papiertaschentuch auf dem Boden. „Das hebt sie gefälligst auf! Oder ich rufe die Polizei!“

Mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet, seine Erklärung war so banal, ich musste lachen. „Das ist der Grund, warum Sie die Frau nicht gehen lassen?“

Die junge Frau bemerkte meine Fassungslosigkeit sofort. „Das ist alles.“, sagte sie. „Aber ich verpasse meinen Zug.“

„Dann heben Sie das auf. Sofort! Oder ich rufe die Polizei.“

Es reichte mir: „Lassen Sie es sein oder rufen Sie die Polizei. Das ist kein Grund, die Frau hier so anzugehen.“

„Finden Sie das auch noch richtig?“, er hatte alle Selbstgerechtigkeit in den Satz gepackt, so als könne er wirklich nicht fassen, dass ich nicht auf seiner Seite stand. Ich fasste ihn leicht am Arm, um ihn sanft davon abzuhalten, weiter im Weg zu stehen. Er parierte das mit noch lauterer Stimme: „Fassen Sie mich nicht an, ich rufe die Polizei.“

Allmählich schossen alle Botenstoffe über das Rückenmark, ein kalter Schauer durchfuhr mich. Ich ging jetzt ernsthaft von von einem handgreiflichen Ende der ganzen Auseinandersetzung aus. Wenn es denn so kommen würde, musste ich keine Rücksicht mehr kennen: „Rufen Sie die Polizei, die kommt allerhöchstens wegen Nötigung, Freiheitsberaubung oder ähnlichem. Durch Sie.“

Er lachte nur. Der Frau stieg die Verzweiflung nun auch in einem verzweifelten Lachen auf. Ich lachte auch, ungläubig. Die Frau und ich tauschten eilig Blicke aus, dann stellte ich mich mit meinem Rücken vor den Mann. Mit meiner Hand deutete ich ihr an, wo sie vorbei konnte. Dann stellte ich mich ihm in den Weg.

Ich spürte seinen runden Bauch auf meinem Rücken. In Gedanken stellte ich mich auf den hellen Blitz vor meinen Augen ein, wenn sein Schlag mich am Hinterkopf träfe. Fast konnte ich den imaginierten Griff seiner massiven Hände spüren, als ich mir seinen Griff nach meinen Nacken ausmalte. Überraschenderweise spürte ich schnell nur, dass er aufgab. Die junge Frau rief mir ein erleichtertes „Danke“ entgegen und huschte an uns vorbei in Richtung der Gleise.

Der Mann deckte mich mit lauten Sätzen ein, was ich mir denn einbildete, wie ich das nur unterstützen könnte, was für eine Schande das doch sei. Mir war es egal, denn er folgte mir, nicht aber ihr. Ich ging in die entgegengesetzte Richtung und hörte mir das alles an, bis es aus mir platzte: „Nehmen Sie doch einfach Ihre Selbstgerechtigkeit und heben sie sich für Leute auf, die das interessiert. Im Zweifel niemanden.“

Dann trennten sich unsere Wege, auch wenn ich ihn noch länger schimpfen hörte. Und jetzt sitze ich hier und bin wütend. Wütend, dass der selbsternannte weiße Ritter der Spießbürgerlichkeit natürlich nur den Mut hatte, eine viel jüngere, kleinere Frau aufzuhalten. Sobald aber auch nur ein Mann auf den Plan trat, kuschte er. Und ich ärgere mich, dass er und ich es wohl in ein paar Tagen vergessen haben, die junge Frau aber nicht. Sie wird es womöglich nie vergessen. Nur weil sie ein Taschentuch an den Wegrand warf. Nicht schön, aber kein Grund für diese Belästigung und Einschüchterung. Wahrscheinlich wird sie ihn nie vergessen. Ihn und all die anderen weißen Ritter in Rüstungen aus Selbstgerechtigkeit. Dieser eingebildete Edelmann auf dem hohen Ross der Heuchelei. Bei ihr traut er sich, bei mir nicht. Es wird nichts damit zu tun gehabt haben, dass sie kleiner war als er, schwächer und ihre Haut dunkler als meine oder seine. Dieser verfickte weiße Ritter.

The Internet should…

Ist es eine neue Schule der experimentellen Philosophie, wenn die Google-Suche genutzt wird, um ethische Erkenntnisse zu gewinnen? Von Mountain View aus gehen die Autokomplettisten ins Netz, um diesem den aktuellen Stand um die Ethik abzugewinnen. Dabei müssen sie nur eine beliebige Aussage in die Suchmaschine tippen, schon gibt ihnen der Algorithmus Antwort, was der idealisierte Netzmensch als Summe einzelner Aussagen davon hält. Dannsind die Autokomplettisten nur noch einen naturalistischen Fehlschluss davon entfernt, daraus tatsächlich irgendeine wertvolle Information filtern zu wollen.

So treiben die Auswüchse uns immer wieder zu affektivem Entsetzen, wenn wir etwa anhand der Autovervollständigung erfahren, dass jenes Netz, das wir so lieb gewonnen haben, doch von einer Reihe, sagen wir einfach mal, simpel gestrickter Menschen genutzt wird. So toben sich die Antisemiten aus:

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Das ist eine Ansammlung höchst widerlicher Aussagen. Die Erkenntnis, dass Antisemitismus existiert, wird aber hoffentlich nicht erst durch diese Autovervollständigung bewusst. Es ist ja noch nicht einmal so, dass nur der Antisemitismus hier prominent in der Autovervollständigung auftaucht. Wir haben da noch die Islamophoben.

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Oder die Verachtung gegenüber denjenigen, die eben nicht glauben.

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Und die Verachtung gegenüber Menschen endet auch nicht bei der Glaubenszugehörigkeit. Alle Merkmale, die uns Menschen angeblich in unserem Wert als Menschen so unterschiedlich machen sollen, sind bei Google in der Autovervollständigung vertreten. Zum Beispiel darf plumper Rassismus nicht fehlen. Wo kämen wir da hin?

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Was sagt es also wirklich aus, wenn wir Google als Gradmesser für den Zustand der Menschlichkeit befragen. Nichts, das wir nicht schon vorher gewusst haben. Wenn wir nur mal kurz innehalten, wird auch klar, warum das so ist. Es muss sogar so sein. Google hat einen ausgewachsenen Algoritmus, um das Netz zu durchforsten, aber dieser Algorithmus kann nicht mehr tun, als eine wie auch immer gewichtete Repräsentation dessen, was im Netz vorhanden ist, wiederzugeben. Und – ich mache es mal sehr einfach – das Kriterium der Häufigkeit wird gerne als eine Indikator für Relevanz herangezogen. Das ist nicht besonders geschickt in vielen Situationen, aber oftmals schlicht nicht anders zu handhaben. So wird dann aber klar, warum die Autovervollständigung uns gerne mit Schmutz bewirft: Sie hält uns vor, was am häufigsten im Netz vorzukommen scheint. Intuitiv ist das durchaus nachvollziehbar, denn leider sind Rassismus, Sexismus und andere Ausgrenzung nicht nur oft mehrheitsfähig, sie sind auch schnell gesagt – oder eben geschrieben. Daher sollte es uns nicht schocken, wenn ein Suchalgorithmus derart zentrifugale Kräfte für verbalen Dreck entwickelt und uns das zeigt. Ganz im Gegenteil sollte es uns wundern, wenn zu einem Thema eben nicht der Schmutz aufschlägt.

Nehmen wir etwas die Suchbegriffe lesbians should und gays should. Bei all meinen Versuchen, gab Google hier gar keine Suchergebnisse aus. Meine auf Erfahrung basierende Vermutung ist. Da werden selbst für Google die möglichen Autovervollständigungen allzu heftig, sodass sie einfach mal komplett ausgesetzt werden. Oder – sehr viel zynischer, aber vielleicht noch realistischer – Google ist eine Suche nach Homosexualität generell zu heikel. Wer weiß?

Um es noch einmal ganz deutlich zu machen. Selbst der beste Algorithmus kann dem Netz nicht wirklich Neues abgewinnen. Er kann nur reproduzieren, was Menschen in das Netz tragen. Mit allen Schieflagen werden also auch nur gesellschaftliche Normen, Regeln und Werte gespiegelt. Kein Wunder also, dass bei einer Suchanfrage auf Englisch, das die immer noch christlich dominierten Industrienationen beherrscht, gerade die Ergebnisse für das Christentum harmlos ausfallen.

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Google wirft nur auf uns zurück, was wir ohnehin schon über die Welt wissen konnten, wenn wir bislang nicht vollkommen teilnahmslos durch sie gingen. Daher überrascht mich nur die Überraschung mancher, was denn bei einer Autovervollständigung denn so an Unfug herauskommt. Ehrlich, das haben die Überraschten nicht gewusst? Diese Leute sollten sich mehr Gedanken über die Welt machen, in der sie leben.

Linkgebliebenes 24

Ach, wenn’s so weit ist, sind wir alle.schon lange nicht mehr da.

Copyright-Trolle finden sich überall. Sollte es sich bewahrheiten, das Copyright für ‚Happy Birthday‘ tatsächlich schon verfallen sein?

Die rassische Symbolik ist mittlerweile so dick aufgetragen, sie quillt zu allen Seiten raus. Game of Thrones ist fantastisch, doch der eklatante Chauvinismus ist störend.

Dies bigotten Konservativen, diese bigotten Konservativen, diese bigotten Konservativen, diese bigotten Konservativen…

Prophylaktische Strafverfolgung. Das klingt schon nach Gänsehaut. Wird auch nicht besser.

Welch Ironie. Wenn es nicht so traurig wäre. Sollte es tatsächlich so kommen, dass ein Hacker eine höhere Haftstrafe erhalten könnte, als die Vergewaltiger, die er enttarnte.

Das diese alte Schutzbehauptung noch zieht. The sexism it burns.

Und auch aus der Geek-Kultur schlechte Neuigkeiten.

‚Sprachreiniger‘ sind so leblos wie die Sprache, die sie fordern. Andere Spießbürger haben Stöcke dort, wo die ‚S9yprachreiniger‘ sich ein Kompendium zur Orthographie hingeschoben haben.

Es ist naheliegend, kann aber nicht oft genug betont werden. Alle Vorstellungen einer Meritokratie sind im besten aller Fälle ein fehlgeleiteter, unterkomplexer Begriff sozialer Auslese; meist aber doch nur eine Nebelwand, die irrationale soziale Selektion legitimieren soll. Nach innen wie außen.

Exklusionismus für die Macher, die Gott gewordenen Silikonen.

Gangstar Rio: City of Saints

Von einem Klon der grandios überzeichneten Grand Theft Autos erwarte ich nicht viel, weshalb ich mir auch Zeit ließ, mal einen Teil anzuspielen. Doch Gameloft machte es mir nicht einmal leicht, über die ersten Missionen zu kommen. Gangstar Rio zeigt, wie simple digitale Organtransplantationen einen seelenlosen Zombie hervorbringen.

Und es ist nicht einmal etwas so harmloses wie die Sandbox in der Nussschale, die mir die Laune verdarb. Gangstar Rio ist ein so abgrundtief widerwärtiges Spiel, das alle Rassismen, Sexismen und gewaltpornographischen Exzesse unreflektiert widerkäut, die an GTA kritisiert werden. Dabei bricht GTA die Regeln der Gewaltverherrlichung als soziale Groteske. So ausgeklügelt ist Gangstar Rio nicht. Weit entfernt davon reproduziert es die Gewalt um ihrer Verherrlichung wegen.

Linkgebliebenes 7

So, Hausputz in der Leseliste, wo sich noch immer viele Reste aus der kalendarisch begründeten Ruhephase finden.

Macht sich The Big Bang Theory über die Nerdkultur lustig? Ich teile diese Position nicht, da ich nicht davon ausgehe, dass Penny der eigentliche erzählerische Fokus der Serie ist. Zumal sie auch gerade in der ersten Staffel als vollkommenes Dummchen verkauft wird. Aber eventuell ist es ein Hinweis darauf, dass der Humor von TBBT an vielen Stellen doch zu sehr mit dem Holzhammer ist.

Wie war das noch gleich mit der Nerdkultur? Alles gut hier, oder? Ich wollte mir die Verweise auf das Hacker Jeopardy auf dem 29c3 und die derben Zoten der Moderatoren – und natürlich diese Karten – sparen. Das Thema fühlt sich schon so alt an, auch wenn es wichtig war.

Aber das hier ist der Ausputz, also: Ganz allgemein, anekdotaler Gegenentwurf, noch mehr Eindrücke, dann ein Blick eines Schwulen auf Feminismus, die Replik, dann braucht es eine inklusivere Netzkultur, hier kann man in den Kommentaren gleich die Hoffnung verlieren. Deshalb sind die schlechten Witze keine Hilfe, denn die Wirklichkeit sieht anders aus. Und genau aus diesem und anderen Gründen gab es diese Karten. Nuff said?

Und weiter geht die Ismen-Tombola. Ich würde es mir ja auch gerne sparen, aber es geht nicht ohne. Rassismus und Kunst. Noch so eine Sache, die die Leute auf die Palme bringt. Bei einigen ist es Heldenmut, bei anderen rigide Zensur. Was war noch mal das Problem mit dem Entfernen von Rassismen aus der (Kinder-)Literatur? Hier, hier. Gehen wir doch ins Kino und schauen uns, Tarantinos akkurate Darstellung des Rassismus und der Sklaverei an. Nicht?

Hui, ich hab da noch mehr zum Sexismus, fällt mir gerade ein. In Computerspielen. Schon wieder? Nein, immer noch.

Oder sind einfach nur zu viele rechte Biobauern im Netz unterwegs? Vielleicht sind diese Probleme ja auch Gründe dafür, dass die Teilnahme an und Beiträge zur Wikipedia nachlassen? Immerhin habe ich die Gewissheit, mir die Errungenschaften der Gadgetkultur noch zu erhalten, selbst wenn ich dann eben auf einer Toilette sitze, die kein fließend Wasser hat.

Hust. Das hat schon ein wenig Staub aufgewirbelt. Aber jetzt ist wieder Ordnung in der Leseliste.

Alltagsrassismus: Muss man denn gleich ausrasten?

In der gegnerischen Spielhälfte, linksaußen am Sechzehnmeterraum, erhält ein Spieler den Ball. Sein Gegner steht etwas zu weit von ihm entfernt, so kann er den flach gespielten Pass mit einer schnellen Drehung in Richtung Grundlinie ziehen. Doch der Gegner sperrt den direkten Weg zum Tor. Der ballführende Angreifer nimmt das Tempo sofort raus, lässt den Ball zwischen seinen Füßen tanzen. In einer flüssigen Bewegung bückt er sich zum Ball, er nimmt ihn in beide Hände, dreht sich zur Tribüne hinter sich um. Wie ein Torwart beim Abschlag, so hält er den Ball vor sich, zieht mit dem rechten Bein ab. Den Ball trifft er allerdings nicht mit voller Kraft, dieser prallt vom Zaun vor der Tribüne ab. Der Spieler blickt hinauf zu den Stehplätzen, selbst als der Schiedsrichter ihn erreicht hat, er schaut zu den aggressiven Fans der gegnerischen Mannschaft. Sie schlagen in die Luft, johlen, schreien runter auf das Spielfeld. Weiterlesen

Linkgebliebenes 6

Der erste Link stammt noch aus der vorweihnachtlichen Zeit,  es ist die Fortsetzung eines journalistischen Versuchs, sich an die Armut von unten heranzutasten. Ist nur ein anekdotisches Verfahren, aber hübsch zu lesen.

Thomas Thielemann hat die Keule ausgepackt und anlässlich des Zeitungssterbens einmal der neoliberalen Attitüde der Medienlandschaft eine übergezogen. Da klingt vielleicht doch eine soziale Kälte und Mitleidlosigkeit gegenüber nun geschassten Redakteuren und Redakteurinnen mit, doch liegt sein Argument nicht so fern, dass sie nun unter den Geistern der Marktfreiheit zu leiden hätten, die sie selbst beschworen haben.

Kommen wir zu Seichterem. Nein, doch nicht. Auch im Gaming-Sektor sieht es noch immer düster aus, wenn es um die Gleichstellung und -behandlung der Geschlechter geht. Katherine Cross blickt zurück auf ein Jahr, in dem die sexistischen Muster in der Spieleszene deutlich und in aller Hässlichkeit ans Tageslicht kamen. Einerseits schon ein Vorteil, da nun immerhin Problembewusstsein entstehen kann. Eine Lösung ist allerdings noch fern.

Ich brauche eine Ablenkung. Wäre es nicht eine herrliche Gedankenspielerei, sich populäre Spiele der Gegenwart als Textadventure vorzustellen? Christopher Livingston hat’s mit Dishonored gemacht.

Es ist trotzdem nicht genug Ablenkung. Warum? Weil man bei Rochus Wolff nachlesen kann, wie es um die Lernfähigkeit mancher (meist männlicher) Mitmenschen steht. Das Argument, dass der Feminismus, die gewandelten Rollenbilder und Frauen ganz allgemein schuld seien an den negativen Auswüchsen, geht nicht unter. Obwohl es so dämlich und auch einfach ist, dieses Argument als den haltlosen Unfug nachzuweisen, der er ist. Wolff nimmt die Begründung noch einmal auf sich. Ob’s bei der Gegenseite ankommt?

Gut, dann eben zur Kinderliteratur. Da kann mir nichts passieren, oder? Da war doch was? Anatol Stefanowitsch wird von mir diese Woche eigentlich komplett verlinkt, hier noch ein Artikel von ihm, der sich mit Kristina Schröders vom Feuilleton geschmähter Wortwahl für das Geschlecht übernatürlicher Wesen auseinandersetzt und zugleich noch darauf eingeht, warum selbstverständlich manche Kulturprodukte sich im Sinne des kulturellen Wandels auch verändern müssten, ohne dass dies wieder als politische Korrektheit niedergeschrien wird.

Ich muss hier raus. Wo lande ich? Beim Sarrazin. Thilo Sarrazin machte sich auch weiterhin um die Integration von Andersdenkenden, Andersglaubenden und Andersaussehenden verdient. Emina Benalia hat da eine Geschichte auf Lager, die mich einfach nur zu absoluter Bewunderung verleitet. Nicht für Sarrazins Inhalte wohlgemerkt, aber wegen seiner Selbstsicherheit, mit der dieser feine Herr plumpe Meinungen als Fakten verkauft. Ich könnte ebenso große Taten vollbringen wie Sarrazin, ebenso groß wie die Entdeckung der selektiven Menschenrechte.

Mich macht das jetzt allerdings nur müde. Sehr müde.

Tintin au Congo

In Belgien wurde gegen den Comic Tintin au Congo, in Deutschland besser bekannt als Tim im Kongo, des Zeichners Hergé geklagt, diese Klage kürzlich aber in der ersten Instanz abgelehnt. Das Original wie auch unzählige, teils überarbeitete Neuauflagen des Hefts schildert die Reise des Journalisten Tintin nach Belgisch-Kongo, wobei die Darstellung der Einwohner und die Haltung der Europäer vom Geist der Kolinialmacht geprägt und damit rassistisch sei.

Abenteuerlust des weißen Mannes

Nun könnte man es, wie in manchen Kreisen instinktiv üblich, mit mitleidigem Lächeln als typische Reaktion einer ‚politisch korrekten Kaste des Gutmenschentums‘, damit auch als weiteres Zeichen gesellschaftlichen Verfalls auslegen, da jede Äußerung von den Mühlen der Korrektheit zur Harmlosigkeit zerstoßen wird. Doch das hilft nicht, das zeigt schon ein kurzer Blick auf die Verbreitungsgeschichte dieses frühen Bandes der weltberühmten Comicreihe: In vielen Ländern ist das Heft erst viel später als 1930 erschienen, in Deutschland erschien die Farbversion etwa erst Mitte der Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Meist waren diese Veröffentlichungen sogar bearbeitete Fassungen, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem beginnenden Ende des Kolonialismus autorisierte Hergé sogar selbst eine um kolonialen Paternalismus bereinigte Auflage, die seitdem auch den französischsprachigen Standard des Werks darstellt.

Der Diskurs um Tintin au Congo reicht demnach weit zurück, ist älter als die politische Korrektheit selbst, allein das sollte Hinweis genug sein, es nicht bloß mit wilden Auswüchsen des ‚Weltverbesserismus‘ zu tun zu haben. Aber auch ein direkter Blick in das Heft* ist aufschlussreich. Neben der ungelenken Handlung, die eine weitgehend fragmentarische Abenteuergeschichte erzählt, zeichnet sich schon bei oberflächlicher Betrachtung durch eine herrische Haltung gegenüber Schwarzen aus. Ihre Statur entspricht dem tradierten europäischen Klischees des tumben Wilden, des ungebildeten Dorfbewohners, der sich zu nicht weiter differenzierten Rotten zusammentut. Sie bilden nur ratlose, lebensunfähige Meuten von Humanoiden, denen die weisen, weißen Europäer mit erhobenen Zeigefinger den Weg weisen, Anweisungen entgegen bellen und auch sonst schlicht überlegen sind. Augenfällig ist, wie sehr sich die körperlichen Erscheinungen der Kongolesen und der in einer Episode auftretenden Menschenaffen ähneln: Gerade um Schwarzweiß des Originals sind sie dunkle Gestalten, beinahe konturlos in der Dunkelheit des Dschungels, sie tragen große Köpfe auf hageren Körpern, die Gesichter breit, die Münder weit ausladend. Geistesverwandtschaft scheint zwischen Kongolesen und Primaten ebenso gegeben, entlarvend ist da die Gedankenwelt eines Affen in dasselbe Stottern von immer noch krude gebildeten Hauptsätzen übersetzt, wie sie auch  bei den von der Kolonialisierung unterworfenen Menschen im Heft vorherrscht.

Im Heft gibt es unzählige dieser Beispiele für brachialen Chauvinismus – so hätte man es früher gesagt; in der heutigen Zeit wäre es verwunderlicher, wenn eine Leserin oder ein Leser die verbohrte Herablassung nicht erkennen könnte, mit der Hergé gearbeitet hat. Kurzum, mit seiner offenkundigen Schlagseite ist Tintin au Congo so antiquiert wie der von Tintin eingesetzte Kamerakasten und sein Phonograph — bitte nachschlagen, was das ist.

Belebter Rassismus

Rassismus ist ein erschlagender Begriff, im Alltag ein meist tödliches Urteil über die gesellschaftlichen Ansichten einer Person. Wird der Vorwurf gegenüber nostalgisch aufgeladenen Werken erhoben, ist die Schutzbehauptung schnell zur Stelle. Es soll hier gar nicht so sehr um das Urteil des belgischen Gerichts gehen, was es aber über die nationale Rechtsprechung hinaus zu sagen hat, ist relevant:

„Tim im Kongo“ sei ein Zeugnis der damaligen Zeit, so die Brüsseler Berufungsrichter und zeige die damalige Geschichte so, wie sie damals war. Kongo war damals belgische Kolonie und damit sei das Comic Hergés auch ein Zeitdokument. Nicht zuletzt habe Hergé 1930 noch nichts von einem Gesetz zum Kampf gegen Rassismus, das 1981 erlassen wurde, wissen können.

Die Rechtslage in Belgien ist nicht von Belang, darum geht es nicht. Aber die Begründung, warum der Rassismusvorwurf abzulehnen sei, greift ein typisches Element der Verteidigung auf: die historische Kontextualisierung von Rassismus.

Wie geschildert, es gibt viele Rassismus-Definitionen, es ist wohl einer der umstrittensten Begriffe der heutigen Zeit. Doch schon in seiner simpelsten Form, der Degradierung und Stereotypisierung von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Volkszugehörigkeit, ist zu erkennen, wie weitTintin au Congo von heutigen gesellschaftlichen Normen entfernt ist. Darüber besteht unter Leserinnen und Lesern zumeist auch überhaupt kein Zweifel. Wohl nicht nach allen, aber nach einem weit überwiegenden Teil der Ansichten zu Rassismus, wird es leicht fallen, ihn im Heft als solches erkennen zu können. Warum also so viel Aufhebens darum?

Das hat vermutlich mit der Komponente zu tun, auf die das Gericht auch verweist. Rassismen in historischen Dokumenten oder tradierten Erzählungen, in der Musik, der Literatur, der Kunst allgemein, sie alle entstanden in Zeiten, die von unseren heutigen Ansichten nichts wussten haben, oder besser, gar nichts wissen wollten. So werden die Kulturgüter mit rassistischen Bezügen zu den Zeitdokumenten gezählt, denen der Vorwurf ex post nicht gemacht werden sollte. Sie wussten es ja nicht besser. Für Zeitdokumente ist das richtig, wenn aber diese Kulturgüter nur noch Zeitdokumente wären und auch bleiben würden, wir hätten die Probleme mit ihnen nicht. Als Zeitdokumente sind sie aber von Interesse für die historische Forschung, besonders für sozial- und kulturgeschichtliche Untersuchungen, wer aber Tintin au Congo heute noch liest, wird nicht immer allein nach wissenschaftlicher Erkenntnis streben.

Viele Kulturgüter vergangener Tage sind nicht allein Stimmen aus einer anderen Zeit, die historisch kontextualisiert werden können, sodass sie keinen gesellschaftlichen Schaden mehr anrichten. Sie werden auch noch kulturell und kommerziell aktualisiert. Aktualisiert in dem Sinne, dass sie aktiv in der Gegenwart als das rezipiert werden, wozu sie gemeint waren. Sie dienen der Erbauung, zerstreuen uns noch, unterhalten uns – sie leben in ihrer ursprünglichen Form fort. An genau dieser Stelle aber entwickeln sie ihre Gefährlichkeit, bei der die Kontextualisierung nicht hilft, im Gegenteil sogar kaschiert.

Es ist Hergés Leistung, vor vielen Jahrzehnten eine künstlerisch bedeutsame Comic-Reihe geschaffen zu haben, die von ungeheurer Langlebigkeit ist. Aber was lebt, verändert sich, sofern es Anpassungsdruck gibt. Und das ist der entscheidende Punkt. Es kann nur darum gehen, Tintin au Congo wie alles zu behandeln, was als Kulturgut noch quicklebendig durch die Gesellschaft wandert. Und dazu gehört auch, wenn schon nicht die Rassismen zu bereinigen, sie klar zu benennen und verurteilen. Um nichts anderes kann es gehen, damit die Gesellschaft nicht im Namen der Kunst hinterrücks die Menschenverachtung alter Zeiten fortführt. Die Rassismen sollten dorthin, wo sie am besten aufgehoben sind: die Geschichtsbücher und Archive. Tintin kann und sollte bleiben.

* Ich verfüge über eine englische Fassung, die der 1930er Fortsetzungsreihe und der 1931er Buchveröffentlichung sehr nahekommt: Offenkundigster Unterschied ist ein kurzes Vorwort, das die Themen des Hefts und Hergés eigene Unzufriedenheit mit dem Band kurz anspricht.