Joe Danger Infinity: Noch mehr Zeitgrab

Ob ich den Gedanken ordentlich aufgeschrieben kriege? Mal schauen. Es gibt doch noch einen riesigen unterschied zwischen der durchschnittlichen Zeit, die ich mit Mobilspielen verbringe, und der Zeot, die ich vorm Rechner hänge, um zu spielen. Joe Danger Touch sprengte die Grenzen. Ganz locker habe ich damit mehr Stunden als in BioShock Infinite und anderen Blockbustern verbracht. Mehr Spaß hatte ich auch noch. Relativ zum Schnitt meiner Mobilspieldauer habe ich mit Joe Danger mehr Zeit am Smartphone verbracht, als ich am PC mit Skyrim verbracht habe. Damit rechne ich mir das jetzt aber allmählich richtig schön. Fakt ist: Joe Danger Touch ist ein tolles Spiel. Der Nachfolger, der jetzt den Namen Infinity erhielt, ist es auch.

Im Grunde ist Joe Danger auch wieder mal nur ein als randvoll gepackter Geschicklichkeitsparcours getarnter Hardwaretest. Getestet wird nämlich in einer Langzeitstudie nur, wie gut die Oberfläche der Hardware in der Fassung verankert ist. Denn wer Joe Danger ernsthaft spielt – und warum sollte ich das nicht? -, wird in einer Tour mit allen verfügbaren Finger über den Screen wischen, um auch ja alle Ziele während des Rennens zu erreichen.

Der Name klingt, als wäre nun aus dem alten Spielprinzip ein Endlos-Rennspiel geworden. Glücklicherweise nicht. Es gibt unzählige Level. Alle haben ein Ziel. Das ist auch gut so, denn für die Gesundheit der eigenen Finger wäre es abträglich, wenn ich meinen Bildschirm ohne Unterbrechung schrubben konnte, bis ich meine rechte mit der linken Hand verknotet habe. Es gibt auch so immer noch mehr als genug zu tun, dass mir nicht langweilig wird. Im Großen und Ganzen stimmt nämlich vor allem die Mischung der vielen kleinen Sammelobjekte und das kontinuierlich herausfordernde Leveldesign.

Ein wenig mehr In-App-Purchases muss ich aber über mich ergehen lassen. Ein Update brachte zwar eine deutliche Verringerung lästiger Shop-Bildschirme, ganz so flüssig wie im ersten Teil kann ich aber nach einem Fehlversuch nicht wieder einsteigen. Aber genau das will ich doch. Immer und immer wieder in die turbulenten Strecken stürzen, um noch ein paar Punkte mehr heraus zu kitzeln.

Es ist also offiziell: Ich kann den letzten Rest der mir verbliebenen Freizeit standesgemäß zu Grabe tragen.

Granny Smith: Omi, schnapp sie dir!

Das hatte ich nicht erwartet. Eine rüstige alte Dame auf Rollschuhen jagt einem Bengel hinterher, der ihr die Äpfel aus dem Vorgarten stiehlt. Dabei zieht die erstaunlich agile Granny Smith eine Schneise der Verwüstung durch die Gärten. Und die Gewächshäuser. Und die Wohnsiedlung. Durch die Stadt. Über Berg und Tal führt sie die Rettung der Apfelernte, sie macht dabei wirklich keine Gefangenen. Es braucht eine Weile, bis die Augen sich daran gewöhnt haben, die blitzschnelle Alte durch Hausdächer Salti schlagen zu sehen. Granny Smith klingt nach Ruhestand, Schnabeltasse, Bingo-Abenden oder Rollatoren, die alten Knochen dieser Frau sind aber noch lange nicht müde. Im Gegenteil ist es eines der rasantesten Physik-Rennspiele unter iOS, das mir bisher untergekommen ist.

Schon etwas länger ist das Spiel erhältlich, hat es mich aber erst jetzt voll erwischt. Es ist schnell, spannend und wahnwitzig turbulent. Jeder Level ist eine wilde Achterbahnfahrt, die anfänglich übersichtlichen Level werden deutlich komplexer, verlieren aber gerade nie das Tempo aus den Augen. Denn die Geschwindigkeit und die präzise Physik sind Kernstück von Granny Smith, es ist eine thematisch eigenwillige Melange aus einer fordernderen Tiny Wings-Variante und den legendären 2D-Sonic-Titeln aus seligen Master System-Zeiten. Der Apfeldieb ist dabei eine hervorragende Herausforderung als Konkurrent im Rennen um die Äpfel., der ein wenig mehr Zeitdruck ausübt, aber weit natürlicher wirkt als sinnlose Zeitlimits. Außerdem macht es Spaß, dem Lausbub bei voller Fahrt eins mit dem Gehstock überziehen zu können.

Granny Smith ist kein Quell innovativer Spielelemente, kann für mich aber als mustergültiges Beispiel für geschliffene Indie-Spiele herhalten, die bekannte Konzepte aufpeppen. Zwar ist das nicht nur mir allein verhasste Schema der drei Sammelgegenstände vorhanden, das auf Mobilgeräten zur Plage wurde, um künstlich etwas mehr Spielzeit herauszuholen, ohne noch mehr Level designen zu müssen. Störend ist dies aber doch nur dann, wenn die Massenware eintönige Level damit in die Länge zieht. Aber Granny Smith ist genau das Gegenteil dessen. Pfiffige Level, eine anständige Präsentation und eine grundsympathische, unvermutete Heldin. Ich kann einfach nicht anders, ich feuere die Gute an, sie ist einfach zu lustig. Ein reinstes Wohlfühlspiel.