Boysetsfire – While A Nation Sleeps

Eine ganze Nation im Tiefschlaf, While A Nation Sleeps, die Bildsprache ist noch die alte. Boysetsfire lösten sich vor Jahren auf, mit ihnen ging der besondere Postcore, melodisch fundierte Agitation mit harten Kanten. Der Phoenix, der ihr früheres Album Tomorrow Come Today zierte, stünde Boysetsfire auch auf dem Reunion-Album gut zu Gesicht.

Es ist, als hätten Nationen arglos im Tiefschlaf die Jahre verloren, in denen Boysetsfire nicht aktiv waren. Das typische Auf und Ab der Band klingt wie damals, als The Misery Index das letzte Zeichen war. Doch die Zeit ist nicht stehengeblieben, aber Boysetsfires emotionales Pathos gegen soziale Missstände und den alles verzehrenden Kapitalismus ist unverändert. Sind sie in der Vergangenheit gefangen? Sicherlich nicht. Die Zeit verstrich, nichts änderte sich.

Und so steigt sie wieder auf, diese Wut. Sie bricht sich Bahn unter schweren Wellen von Heads Will Roll oder Everything Went Black, konterkariert vom melodischeren Midtempo eines Closure Phone Call1. Mittlerweile sind die Akkordfolgen oft bandtypisch, lange aber noch nicht verbraucht. Noch immer vereinen sie die Extreme in ihrer Musik, die abstrakten Klassenkampf emotional erfahrbar macht, sie personalisieren Wut und Verzweiflung.

Boysetsfire sind damit noch immer eine Ausnahme, selten war dies so komprimiert wie gegen Ende des Albums. Never Said, Wolves of Babylon und Altar of God sind als Dreigespann eine Miniatur der Wirkkraft und vielschichtigen Erzählungen einer Band, die das Politische nicht vom Individuellen, die Agitation nicht von der Romantik trennen will. Oder glücklicherweise nicht kann.

1 14.06.20013: Ich meine natürlich Phone Call, Closure ist ein typischer Punksong, der schnell ist, den Lärm aber abgerüstet hat. Ich hasse es, wenn meine Notizen mich in die Irre führen.

Queens of the Stone Age – …Like Clockwork

Die einzige Konstante der Queens of the Stone Age ist Josh Homme. Irgendwo zwischen Sessionband und Herrenclub gehen nur die Joints noch häufiger rum, als die Namen und Gesichter der jeweiligen Besetzungen der Alben. Wer Namedropping liebt, kann sich an der Ahnengalerie der Band ergötzen. Jeder Song fluktuiert mit den Musikern. Mehr noch als die jeweiligen Musiker prägt jedoch die Variante des gerauchten Krauts. Jahre ist Era Vulgaris, das letzte Album.schon her. Da zwinkert der umtriebige Homme nun mit …Like Clockwork herüber, die Augen blutrot, seine Lider hängen tief. Ein zaghaftes Grinsen.

Dieses Album kommt aus vergangenen Zeiten, als der Rock noch harte Arbeit unter sengender Sonne war. Eingängig will Homme gar nicht sein, so rumpelt sich Keep Your Eyes Peeled selbstbewusst monoton ins Album. Damit wären alle Leichtsinnigen vertrieben, die unvorbereitet ans Album kamen. Rockmusik ist Arbeit, Gefälligkeit kann gefälligst draußen bleiben. Sind die Popper vertrieben, da lässt I Sat By The Ocean doch die entspannte Seite raus. Homme sitzt grinsend am Strand, winkt den Poppern hinterher. Der Schelm.

Und so ist …Like Clockwork wieder das, was Homme immer macht. Nicht ganz ernstgemeinte Seriosität im tanzenden Rockzirkus. Dabei lässt er aber auch schon Muster erkennen. Smooth Sailing ist hier die obligatorische Schrulle, die sich Homme bisher auf jedem Album auch gönnte. Ein nervtötendes Stück atonaler Entrümpelung, fachmännisch plump, gerade deswegen so überflüssig. Ansonsten trieb der Rausch Homme dieses Mal aber nicht die Einsamkeit aus, die inmitten der Sessions unter Freunden doch tief zu sitzen schien. The Vampyre of Time and Memory ist ebenso wie I Appear Missing ein Bruch in der hypermaskulinen Attitüde des ewigen Lausbuben. Gerade die Tatsache, dass Homme so offenkundig Menschen, um sich zu scharen vermag, lässt seine Vereinsamung in Fairweather Friends schmerzlich durchbrechen: “Is there anyone out there?/Or am I walking alone?/Well, I turned around and found that you’d gone before the first rain could fall.“ Dann klagen Gitarren über emotionale Gewitter.

Clutch: Earth Rocker

Wenn eine Band wie Clutch über Jahrzehnte hinweg die eigene Bekanntheit steigert, ist diese Langlebigkeit wohl einem besonderen Starrsinn geschuldet. Wo andere an der Industrie und auch sich selbst ausgebrannt sind, glühen die mittlerweile ergrauten Herren aus Germantown in Maryland immer noch vor. Seit Anfang der Neunziger pflegen sie einen speziellen retro-futuristischen Sound. Auch ihr neues Album Earth Rocker klingt nach einem Artefakt vergangener Zeiten, in denen Rock harte Arbeit an schweren Akkorden war. Wenn es denn so einfach wäre bei Clutch. Die Band ist vor allem eine Chimäre, ein grotesker Hybrid.

Wohlgemerkt ist der stumpfe Rock bei Clutch vielschichtiger als es sich zunächst anhört. Stramm stampfende Songs spulen vermeintlich überholte Klischees herunter, darüber Neil Fallons tiefer Sprechgesang. Mehr scheint nicht dahinter zu stecken. Ein trügerischer Schein, denn Clutch brechen die simplen Strukturen geschickt auf. Der maskuline Stoner Rock ist eine Fassade für eine Band, der ihre Leidenschaft für das Jammen anzuhören ist.

Blues schwingt mit, derber Metal der Siebziger auch und die Anleihen bei vielen anderen Genres sind auf Dauer nicht zu überhören. Wie auf allen ihrer Alben, bändigen Clutch ihren Spieltrieb nicht, so verleiben sie sich alles ein, was ihnen in den Sinn kommt. Da fällt erst gar nicht auf, dass der Kopf nicht in den üblichen Takten des Proll-Rocks nickt, gerade Dan Maines und Jean Paul Gaster an Bass und Schlagzeug schmuggeln reichlich Abwechslung in Songs wie Mr. Freedom und Book, Saddle, & Go.

Auch Fallons Texte lösen die Vorstellung von einer stumpfen Band auf, die thematisch so beschränkt ist wie ihre Musik. Clutch verschieben gerne Takte und drehen sich in Rhythmen hinein, Fallon nimmt dann auch noch Anlauf und taucht tief in griechische Mythologie ein, bohrt in der Menschheitsgeschichte rum und kramt religiöse Bilder und Sagen hervor. Schnell wird es vor Mythen, Fantasy und Science-Fiction unübersichtlich. Da geht es schnell so zu wie Crucial Velocity, das eine ganz typische Fallon-Mär erzählt:

Nach einigen ruhigeren Alben, binden Clutch auf Earth Rocker nun wieder Backsteine ans Gaspedal. Es fängt mit dem robusten Titelsong an, der sich unermüdlich ins Ohr beißt und endet nach wilder Fahrt in einem großartig kratzbürstigem Werwolf von einem Song. The Wolf Man Kindly Requests… zeigt deutlich, dass hier eine Band hervorragender Techniker wieder einmal mit Einfalt kokettiert, um allen, die nicht rechtzeitig aus dem Weg kamen, das Kunsthandwerk des Südstaaten-Rocks um die Ohren zu hauen. Clutch sind auf Earth Rocker nach mehr als zwanzig Jahren Bandgeschichte glücklicherweise immer noch das hochbegabte, trotzige Kind, das sie schon immer waren.

Coheed & Cambria: The Afterman – Descension

Eigentlich muss ich nur…kann ich nicht einfach? Warte mal, wenn ich das hier ändere und an der anderen Stelle da hinten was abschneide, dann… Ja, das klappt. Gibt mir mal jemand den Kleber? Das tut dann nämlich auch so, muss ich gar nicht viel mehr zu schreiben. Reicht vollkommen, hier gerade die Songtitel auszutauschen. Das weg, und das weg, dann können Number City und Key Entity Extraction V: Sentry the Defiant rein. Jetzt muss ich nur noch warten, bis der Kleber getrocknet ist. Eins Mississippi, zwei Mississippi. Und? Hält! Mit dem Finger drüber fahren, fühlt sich okay an, ich spüre zwar, dass das aufgeklebt ist, aber auch nur weil ich es weiß. Andere merken das gar nicht, da gehe ich jede Wette ein. Also mache ich das noch ein paar Mal, dann ist das feine Selbstplagiat fertig. Oder ich spare mir auch die Arbeit und verweise schnell auf meinen Artikel zum ersten Teil des The Afterman -Doppelalbums, der ist, von den genannten Songs abgesehen, noch voll gültig.

Der zweite Teil verhält sich absolut wie der erste Teil, sie sind aus einem Guss. Das bringt die positiven wie negativen Aspekte des ersten Teils mit sich. Aber i h kann nicht von Coheed & Cambria lassen, denn sie sind nur an ihren eigenen Glanztaten gemessen schwach geworden, schreiben aber ansonsten immer noch progressiven Rock, der von weit oben zum Mittelmaß hinab schaut. Außerdem gibt es für mich gerade an heutigem Datum für mich einen ganz persönlichen Grund, Coheed zu hören, der mich nostalgisch an die Band bindet.

Biffy Clyro: Opposites

Nach quälend langer Zeit mit unzähligen Anläufen gelingt mir noch immer kein runder, satter Artikel zum neuen Album der Schotten Biffy Clyro. Dann eben mit dem Kopf durch die Wand. Opposites schraubt sich im Gehörgang fest, und dort nisten sich Biffy Clyro gepflegt ein, denn es gibt kaum einen Song auf Opposites, dem nicht zumindest etwas abzugewinnen ist. Skylight ist vielleicht so ein Ausreißer nach unten, es weckt üble Erinnerungen an das Behind Blue Eyes-Cover von den Nu-Metal-Dünnbrettbohrern Limp Bizkit. Ganz schlimm.

Ansonsten macht Opposites bei aller Eingängigkeit einen weiten Bogen um solcherlei Peinlichkeiten. Irgendwo im manisch-depressiven Traumland ist Opposites angesiedelt. Ein beinahe schon barockes Album, in dem Traum und Alptraum sehr dicht beieinander liegen, nur dass hier Plüschfiguren in Regenbogenfarben bluten. Ja, ein barockes Carpe diem. Memento mori schallt uns da entgegen. Das Spektrum ist breit, Spanish Radio, Victory Over the Sun, The Thaw oder Moder Magic Formula zeigen die Bandbreite der Schotten.

Doch es gibt, zumindest für mich, ein großes Aber. Opposites ist in den meisten Momenten ergreifender Rock-Bombast, es gibt kaum ein Entrinnen aus den Sirenenrufen. Biffy Clyro haben diese Emotionalität mit einem widerlichen Trick erschaffen: In jedem, wirklich jedem Song, werden die Refrains, wenn nicht gleich auch Strophen, mehrstimmig gesungen. Stadiontaugliche Chöre oder rotzige Gang-Shouts, immer kommen Biffy Clyro und bringen die Familie mit. Auf die Dauer ist diese monotone Pluralisierung der Gesangsmelodien ermüdend, eigentlich sogar emotional erpressend. Noch schlimmer wird es, wenn wie auf Trumpet or Tap die Streicher die Tränendrüsen bedienen. Den Rest gibt den Songs aber Produzent Garth Richardson, der den Songs jede individuelle Note nimmt, indem er sie über denselben Bogen des Plastiksounds zieht.

Opposites will wie ein episches Album klingen, dieser Wille ist in jedem Ton zu hören. Biffy Clyro bemühen aber platte Klischees, diese erheuchelte, aufgesetzte Epik ist für mich reinste Gaukelei. Aber immerhin ist es jetzt raus.

Biffy Clyro: Black Chandelier

Angekündigt ist sie schon seit letzter Woche, doch ist dies auch wieder nicht meine Besprechung von Biffy Clyros Opposites. Ich winde mich heraus, drehe mich um mich selbst, es will einfach nicht passen. Wahrscheinlich liegt es an Opposites‚ bipolarer Störung. Ich mag dieses Album, wirklich, und ich verachte die Eindimensionalität der Mittel, die Biffy Clyro einsetzen, um dieses Album mit passiv-aggressiver Gewalt auf Verehrungswürdigkeit zu trimmen; die Schotten wollen Opposites angebetet wissen, das höre ich ganz genau. Die Formel steckt schon in Black Chandelier:

Black Chandelier ist in allen mir bekannten Versionen der zweite Song, es enthält schon alle Versatzstücke, die sich im Verlauf des Albums wiederholen und wiederholen. An die Versionierung Double Edition und der Single Edition muss ich mich auch erst gewöhnen, das ändert aber nichts an meiner Kritik, in der Double Edition wird bloß nur noch deutlicher, wie Biffy Clyro manipulieren, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Aber für heute muss das reichen, ich werde noch einige Tage brauchen, bis ich es noch besser ausdrücken kann.

Soundgarden – King Animal

Schon in ihrem Namen tragen Soundgarden das Geheimnis ihrer Anziehungskraft. Und was für ein Garten es ist, den die Herren, so muss man sie ihrem Alter entsprechend nennen, da pflegen. Nichts hat ihre Musik mit der spießbürgerlichen Parzelle ordentlich abgesteckten Grüns zu tun, die sorgsam gepflegt und nach Vorschrift bepflanzt wird, um nach getaner Arbeit bei einem Bier den Stolz zu haben, Herr über die paar Quadratmeter domestizierter Natur zu sein. Ebensowenig wie die Kleingärtnerei sie interessiert, halten Soundgarden auch nicht an die Vereinsstatuten des Rock: weg mit der hingerotzten Berechenbarkeit gleichgeschalteter Dreiminüter, die belanglose Rebellenattitüde proklamieren. Soundgarden ließen den Songs lieber ihren Lauf, was sollte daran sein?

Schon auf dem großartigen Badmotorfinger Anfang der Neunziger kümmerten sie sich nicht um Grenzen und Vorschriften. Dann hatten sie eben wüsten Metal neben bluesigen Nummern, da durften Bläser im Hintergrund jubilieren, während die Gitarren breite Riffs ausspuckten. Superunknown war dann der endgültige Höhepunkt der inspirierten Gleichgültigkeit gegenüber allen Statussymbolen des Rockestablishments. Es ist noch immer leidenschaftlich depressiv, wüst, weinerlich, aufbrausend und nach allen Regeln der Kunst verhaltensgestört, doch solange es große Songs waren, wurde Gefälligkeit gerne außen vor gelassen.

Been Away Too Long ist selbstverständlich ein verlockender Titel für den Opener des Reunion-Albums, da konnten sie nicht widerstehen. Er gibt das Tempo des Albums vor, ist im gehobenen Midtempo angesiedelt, das fügt sich aber ins Bild. Soundgarden haben Alben gerne mit einer eher schleppenden Nummer eröffnet, als mit einem Tosen. Darauf folgt das markante Non-State Actor, hier ist alles wieder genau da, wo es bei Soundgarden hingehört: der Takt entzieht sich schön der Tanzbarkeit, dennoch verliert er sich nicht in sinnlosen Eskapaden. Wenig später stellt sich dann die Frage, was Kim Thayil mit den Tausender-Songtexten hat. A Thousand Days Before ist unverkennbar von ihm, selbst wenn der Titel ihn nicht verraten würde, hypnotisch singende Gitarren, entrückte Rhythmik. Ganz sicher ein Höhepunkt wie das folgende Blood on the Valley Floor, das bleierne Gitarrenakkorde im Schleichgang zu Grabe trägt, es muss Erinnerungen an das hervorragende 4th of July wecken.

Nach Bones of Birds ist aber urplötzlich der Schwung raus. Cornell verfügt noch immer über die rauchige Stimme, in der die Stimmbänder zum Bersten gespannt sind, mit Leichtigkeit bringt er so Spannung in die zweite Hälfte des Albums, und kann doch nicht verhehlen, wie sehr die Hooks auf King Animal fehlen. Attrition ist der Tiefpunkt, es ist der einzige Song, der noch Tempo hat, sich aber mit plumpem Vorwärtsdrang dem gefürchteten Altherrenrock bedrohlich nähert. Glücklicherweise ist King Animal bis dahin schon ordentlich auf Touren gewesen, sodass die routinierte Band die Fliehkraft nutzt, um sich ohne weitere Aussetzer auf Albumlänge zu bringen.

Die Rückkehr mit King Animal ist gelungen, wobei sich der Sturm und Drang aus den wüsten Grunge-Zeiten gelegt hat. Das Album ist, wie die Band schon mit dem bis dahin letzten Album Down on the Upside aufzeigte, einen Schritt in ruhigere Gefilde gegangen. Soundgarden haben sich im Midtempo gefunden, aus dem sie kaum ausbrechen, weshalb die Dramaturgie des Albums im Vergleich zu ihren frühen Glanzstücken etwas verblasst. Aber noch imer wuchert die Musik wie es ihr gefällt. Ergraut ist die Band vielleicht, angestaubt ist ihr Klang noch lange nicht.

Gaslight Anthem – Handwritten

Mehrere Wochen habe ich Handwritten gegeben. Ich kann nicht sagen, mich gezwungen zu haben, dem Album noch eine weitere Chance zu geben, wenn es nach einem weiteren Durchhören nicht haften blieb. Gerne schmiss ich es wieder an. Wippte mit den Fingern, nickte mit dem Kopf, glücklich wurde ich damit nicht. So begehe ich jetzt die Todsünde.

Die Todsünde ist, einen nicht-offiziellen Song von der Deluxe-Ausgabe herauszupicken, an dem ich mein Problem mit dem Album festmache. Auch noch ein Cover. Sliver ist ein stupides, hingerotztes Brett aus der Frühphase Nirvanas. Bei Gaslight Anthem wird daraus ein domestiziertes Liedchen, das beiläufig konsumiert werden kann. Bei Cobain lag immerhin noch dessen Verzweiflung in der Stimme, Fallon ebnet es im Cover ein.

Für mich ist das repräsentativ für das gesamte Album, das sich nach lustlos heruntergespulter Nostalgie anhört. Dann wollen Gaslight Anthem eben Heartland Rock, kein Problem damit. Aber warum schimmert in den besten Momenten dann der ebenfalls gecoverte Tom Petty durch, warum grüßt Springsteen aus der Ferne? Und warum sollte ich nicht deren beste Alben einfach wieder auflegen, stattdessen Handwritten hören? Das Album gibt darauf keine Antworten. Womöglich soll es auch nur ein Echo des guten alten, handgemachten Rocks sein, der die amerikanische Seele atmet. Immerhin ist es nicht schlechter als die Vorbilder, nur auch nicht besser.

Serj Tankian – Harakiri

Während ich Serj Tankians erstem Album Elect the Dead eine Chance gab, mittlerweile doch keinerlei Erinnerung daran habe, machte ich einen Bogen um sein zweites Soloalbum Imperfect Harmonies. Mit Harakiri ist seit einigen Wochen der dritte Streich Tankians draußen.

Ich wollte Harakiri wirklich Zeit geben, damit es einen anständigen Eindruck hinterlassen kann. Viel gebracht hat es nicht. Ohne seine Kollegen von System of a Down ist der quirlige Sänger zu ausrechenbar. Obwohl er sich abmüht, die Gewohnheiten der Hörerinnen und Hörer brechen zu wollen, tut er es in wiederkehrenden Mustern. Die Wirbel des Derwischs sind vorauszuahnen. Sein markantes Stimmenspiel und die grölende Theatralik und sind alle vorhanden. Aber auch allzu bekannt.

Dabei schlägt er unterm Strich deutlich ruhigere Töne als bei System of a Down an. Wie in Deafening Silence dümpeln hier jedoch ein paar nette Harmonien nur vor sich hin. In den raueren Songs Cornucopia und Uneducated Democracy geht es immerhin belebter zur Sache, doch auch dort fehlt ein Spannungsbogen. Tankian zwängt seine Songs in ein enges strukturelles Korsett, aus dem kein Entrinnen möglich ist. Eine Dramaturgie entsteht so nicht. Es sind Gerippe guter Ideen, die nicht weiter ausformuliert wurden, zerfetzt von bräsigen Texten. Die sozialpolitischen Platitüden Tankians sind reiner Drogenrausch und Wahn. Sie können den Songs ebenfalls nicht helfen.

Harakiri wird wohl keinen langfristigen Eindruck hinterlassen. Formelhafter, gut gemachter Rock ist doch noch zu haben. Auf Kosten der Originalität und Überraschungsmomente. Seiner Künstlerattitüde wird Tankian damit aber niemals gerecht. Weder seine Texte noch seine Musik sind auf Harakiri ein kohärentes Gebilde.

Tenacious D – Rize of the Fenix

Foto: jblackburn (CC-BY)

Tschickedippeduda, ahahuha, damaduda. Nimmt der rockende Wahnsinn überhand, lässt Jack Black auf die Scats fliegen. Anschließend wendet er sich den skatologischen Texten zu. Im Hintergrund schrammeln die Gitarren. Das ist und war das Rezept von Tenacious D, der selbsternannten Übergruppe, die aus dem übergewichtigen Black und noch schwergewichtigerem Kyle Gass besteht. Zusammen machen die beiden seit über einem Jahrzehnt ordentlichen Klamauk über anständigen Rocksongs.

An der Masche hat sich auf dem neuen Album nicht viel geändert. Zusehends verliert sich der Unterhaltungswert jedoch in strammen Riffs aus den Siebzigern, zu den sich leicht die Plauze schütteln lässt und doch keine Freude aufkommt.

Auf diesem Album lässt sich der Niedergang ablesen. Die ersten beiden Stücke, der Titelsong und das fröhlich rockende Low Hangin‘ Fruit haben sowohl das übertriebene Pathos als auch, angetrieben von Dave Grohl, ein sattes Tempo. Danach setzt der Motor aus. Schon weit vor der Halfte des Albums, löst sich jede Struktur auf. Derh Starr ist nicht verkehrt, ist nur allzu vertraut. Die übrigen Titel bleiben oft bei einminütigen Fragmenten.

Nach etwas mehr als den von Skits gestreckten vierzig Minuten ist es dann auch schon wieder vorbei. „They fucked our asses“.

Interpret: Tenacious D
Titel: Rize of the Fenix
Jahr: 2012
Genre: Rock, Satire