Diese Sache mit den Zahlen

Diese Sache eben, die hatte ich hinter mir gelassen, glaubte ich. Das mit den Zahlen betrieb ich nur, solange es Teil einer Kosten-Nutzen-Kalkulation war. Bis zu dieser simplen Notenkalkulation in der Schule beherrschte ich die Sache mit den Zahlen auch recht gut: Pro Halbjahr ein Thema, zwei Klausuren zum jeweiligen. Die erste war eine leichte Grundlagenklausur, reine Wiedergabe des Stoffes; in der zweiten ging es um tieferes Verständnis, die Aufgabenstellungen abstrahierten vom Gelernten auf neue Bereiche. Mathe-Lehrerinnen kamen, Mathe-Lehrer gingen, alle konnten mich nicht davon abbringen, ich perfektionierte ein Minimax-Prinzip, mit dem ich seit der fünften Klasse aus meiner Sicht hervorragend zurande kam.

All mein Fleiß floss in Klausur Nummer eins, und für die zweite brachte ich nur genau die Energie auf, um im Mittel auf eine durchschnittliche Note zukommen. Der von mir betriebene Aufwand der ersten verhielt sich antiproportional zu dem der zweiten Klausur, was im von mir irrtümlich für den besten gehaltenen Falle zu kompletter Verweigerung bei der zweiten Klausur führte, sobald die erste perfekt verlaufen war. Klausur Nummer eins mit fünfzehn Punkten bestanden hieß für mich: Null Punkte in der zweiten Klausur reichen für eine Gesamtbote von acht Punkten. Das kam häufig vor, zumal ich in der zweiten selbst immer auch ein paar Anwesenheitspunkte machen konnte. Mir reichten die neun oder acht Punkte am Halbjahresende immer, es gab auch noch Ausrutscher nach oben. Ich war sogar stolz darauf, einen Königsweg gefunden zu haben, der die Mathematik, die in der Schule sowieso nur eine etwas aufgebohrte Basislektion in Arithmetik war, nur streifte, ansonsten aber keine weiteren Berührungspunkte hatte.

Stolz, das trifft es gut, ich war stolz darauf, mir die Mathematik immer vom Hals gehalten zu haben. Sie war kein Zweck an und für sich, nur ein Mittel zum Zweck, der Zweck war die Note auf dem Zeugnis. Das, was ich fühlte, wenn ich Lehrerinnen und Lehrern nach Ausgabe einer sehr guten Klausur den Müßiggang in der folgenden ankündigte, war hochnäsig und eitel, aber vor allem falsch verstandener Stolz. Und alle dieser Lehrerinnen und Lehrer waren nicht zynisch genug, um nicht in ihren Augen die Kränkung aufblitzen zu lassen, die mein Stolz für sie bedeutete. Ich hatte ihren Notenschlüssel erfolgreich und mit eisigem Kalkül gegen sie gerichtet, es kam mir vor, als hätte ich die Tyrannei didaktischer Obrigkeit mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Sie drohten Zuckerbrot und Peitsche an, ich wählte das und, so war es auch ein gewisses Stück jugendlicher Rebellion.

Heute sitze ich über Büchern, die Erinnerung an die rebellische Attitüde klingt im Kopf nach, sitze über Büchern voller Formeln, Funktionen und allen voran eleganter Logik. Und ich ärgere mich über mich selbst, weil ich mir jahrelang einbildete, gut ohne Mathematik ausgekommen zu sein. Doch jetzt hat sie mich eingeholt, mit geduldiger Gewalt, der ich mich nicht erwehren kann. Ich kenne ihre Nomenklatur nicht, ich kann kaum folgen, weiß aber nun, warum ich sie brauche, weshalb sie nützlich ist in, warum sie schön ist, auch wenn ich nur winzige Partikel von ihr tatsächlich begreife. Denn, was ich damals vor lauter Rebellion und Faulheit nicht sah: Ich durchbrach die Macht des Mechanismus namens Schule, sah aber nicht, dass er imstande und gewillt war, mir etwas beizubringen, das die nützlichste, ästhetischste und gefährlichste Waffe sein kann: Diese Sache mit den Zahlen ist auf ihre Weise ganz besonders Ausdruck von Macht.