Who dafuq?

Kein Zweifel, die BBC-Serie Doctor Who ist ein Phänomen. In Sachen Langlebigkeit macht der Serie kaum eine andere etwas vor. Nicht zuletzt wegen der so plumpen wie grandiosen Fähigkeit dieses Außerirdischen mit einer beinahe krankhaften Faszination für die Menschheit: Der Timelord kann den eigenen Tod in neuen Reinkarnationen überwinden. Auch eine nicht ganz unpraktische Fähigkeit für eine Serie, die sich nach einigen Staffeln einfach wieder nicht nur in neuem Gewand wiederfindet. Sie erfindet sich mit jedem neuen Gesicht ihres Protagonisten ein wenig fort. Mal sind es Nuancen, mal deutlichere Einschnitte, nie aber war es ein neue Welt.

Nicht einmal eine neue Hautfarbe. Oder ein neues Geschlecht. Der Doctor bleibt sich erstaunlich treu. Das nun auch, wo die Reinkarnationen das Dutzend vollmachen. Wilde Spekulationen befeuern eine Marketingmaschine, die zusehends den Zauber des Doctors verramscht. So ist auch die eitle Sondersendung zu verstehen, die nun erstmals mit viel Aufwand den zwölften Doctor vorstellen sollte, lange bevor dieser im nächsten Jahr aktiv wird. Zum fünfzigsten Geburtstag der Serie beschenkt sie sich mit erbarmungsloser Ausrechenbarkeit.

Nachdem Matt Smith den elften Doctor drastisch verjüngte, damit auch den Sprung über den großen Teich schaffte, ist die einzig erwähnenswerte Neuerung, dass der Nachfolger ergraut ist. Nicht leblos, nein, ein gestandener britischer Schauspieler, der einiges vorzuweisen hat. Doch nach all den Spekulationen, die eine Revolution versprachen, ist der Peter Capaldi eine herbe Enttäuschung. Denn der Beliebigkeit des Doctors, ebenfalls eine Errungenschaft der Smithschen Ära, wird damit kaum eine reizvolle Figur entgegengesetzt. Mehr vom Alten, wenig Wagnis, allgemeine Mutlosigkeit. Das bleibt nach dem inszenierten Feuerwerk.

So traurig es ist, Doctor Who hat tief im Inneren einen Mechanismus in sich, sich selbst und die Mechanismen des Fernsehens auf den Kopf zu stellen. Die Reinkarnation des Protagonisten könnte das Formatfernsehen kräftig durchschütteln, doch selbst in seinem Jubiläumsjahr, oder gerade in diesem, trauen sich Sender und Verantwortliche noch immer nicht, das Rad einmal richtig zu drehen. Eine grandios vergebene Chance – zum wiederholten Male.

Looper

Rian Johnsons stilsichere Inszenierung war schon 2005 in Brick beeindruckend. Versatzstücke des Noir verlegte Johnson schon damals passend in die Parallelgesellschaft amerikanischer High-Schools. Brick hat viele Gemeinsamkeiten mit Looper, Johnsons aktuellem Film aus dem letzten Jahr. Joseph Gordon-Levitt ist die aufgälligste, die größte ist aber Johnsons Gabe, stimmungsvolle Filme zu schaffen, die nicht stimmig sein müssen. Johnson schafft Filmwelten von großer Glaubhaftigkeit, auch wenn sie nicht vollends rational durchblickt werden können.

Wenn ich ehrlich bin, meine Welt, in der ich lebe, ist in ihren seltensten Momenten, die meist auch nicht die besten sind, in sich schlüssig. Johnson schein es ähnlich zu gehen, sodass es nur ein unsichtbares Band zwischen Figuren und Zuschauern braucht, die Wirrungen beider Welten, der des Films und unserer, als gegeben hinzunehmen. Looper ist gerade deshalb ein brillanter Film, weil er trotz all der formalen Kapriolen Johnsons, immer übet seine Protagonisten zugänglich bleibt.

Und formal bricht Johnson mit den Gewohnheiten, Looper hätte gut auch zwei Filme sein könne, komplementäre Filme zwar, aber nur lose verbunden von einer Prämisse. Oder hat Johnson eine Exposition, die gut die Hälfte des Films einnimmt, bevor er seinen Kern preisgibt? Fakt ist, Johnson braucht eine lange Zeit, die Mechanik dieses Sci-Fi-Thrillers zu erklären. Kurz ausgedrückt, in einer nicht allzu fernen Zukunft gibt lässt die Mafia Menschen nicht mehr um die Ecke bringen, sondern durch die Zeit. Johnson hält sich nicht mit den Details auf, nur so viel, die Opfer landen an einem vereinbarten Ort in der Vergangenheit. Ihr Mörder erwartet sie, erledigt seinen Auftrag und kassiert. Diese Killer dürfen nach ihrer Mafia-Karriere noch dreißig Jahre in die Zukunft leben, bevor der Kreis sich schließt und sie selbst in die Vergangenheit verfrachtet werden, wo ihr junges Ich sie mit der Waffe im Anschlag erwartet.

Fragen über die ominöse Technik stellen sich glücklicherweise nie, Johnson übergeht sie, denn ihm geht es in dieser hypothetischen Welt nicht um die Modalitäten der Zeitreise. Für ihn sind die Wirkungen auf Menschen wichtiger. So baut er ein Dilemma zwischen dem jungen Ich eines Killers (Gordon-Levitt) und seinem alten (Bruce Willis) auf. Der Alte hat eine Vergangenheit gelebt, die für den Jungen noch Zukunft ist. Diese will der Alte allerdings nicht missen. Er flieht vor Ermordung durch sein junges Ich.

An dieser Stelle ist der Boden für den zweiten Teil bereitet, dieser ist es, der den Film besonders macht. Er ist nur durch die Geschehnisse im ersten Teil nötig, legt den Einsatz zwischen den Figuren fest. Aber die Science-Fiction weicht einer unerwarteten Charakterstudie. Dass es in Zeitreise-Geschichten um Prädestination geht, das ist neu. Doch Johnson spitzt die Konstellation zu, wenn Vergangenheit und Zukunft in einer gegenwärtigen Situation aufeinander fallen, sodass ihr Ringen um die Deutungshoheit des einen Geistes in zwei unterschiedlichen Körpern zum Bersten spannend wird.

All das ließe sich auch noch kürzer ausdrücken: Wenn Emily Blunt in Erscheinung tritt, wird aus einem eleganten Thriller ein hervorragender Film.