Linkgebliebenes 17

Doktortitel werden erschlichen, Zeugnisse gefälscht, alles für die Karriere übernommen. Deutschland ist ein Schein-Land, in dem Expertise auf einer Urkunde stehen muss, um zu zählen. Ein exemplarischer Fall zu den Abgründen dieser "Leistungsgesellschaft".

Was soll ich dazu schreiben? Es fallen mir Worte ein wie journalistische Eitelkeit, Armutspornographie, aber auch Leid und Tod. Das beste Wort ist aber – traurig:

Dann kann ich Mendeley jetzt ja auch zu den Akten legen. Nun, da der Leviathan der Wissenschaftsverlage sich das Startup einverleibte, ist es mit einem Schlag unglaubwürdig und unsympathisch:

Es gibt eine Grenze des Anstands, sicherlich. Dennoch ist gerade beim Tod von Politikerinnen und Politikern falsch verstandene Pietät überhaupt nicht angemessen:

So schnell ist der Weg von einem biertrunkenen Post in die Psychiatrie?

Spricht für sich selbst:

Es vergeht keine Woche ohne Berichte über Sexismus in der Games-Szene. Aber es gibt auch Gründe, dort zu arbeiten. Als Frau:

Meta, meta, meta, alles meta. Auch ich schaue ab und zu auf diese Rankings und frage mich, was die Zahlen mir sagen sollen?

Es gibt sie diese schönen Geschichten über gestohlene Laptops und die Rache der Bestohlenen. Realistischer und komplexer ist es dann aber in der Regel wohl doch:

Die brachiale Rhetorik vieler Atheisten geht mir gegen den Strich, sie ecken bewusst an. Da fangen sie sich – mal mit Recht, mal ohne – unschöne Vorwürfe ein:

Einfach eine sympathische Idee. Webseiten werden von Menschen gemacht:

Die Frage der externen Kosten des digitalen Lebens ist ohnehin spannend. Wie sieht es mit dem Goldrausch um Bitcoins aus?

Reichtumsschere der Welt mal visualisiert. Aber keine Sorge, alles bestens:

In der Piratenpartei gab es hässliche Auswüchse der Sprachpflege und auch sonst das allgemeine rüpelhafte Verhalten einiger Schreihälse und Maskulisten. Das hatte bedauerliche Folgen:

Tjaha, Excel ist halt aus verschiedenen Gründen eine Plage:

Piraten be gone: Eine aussagekräftige Lücke

In einer weiteren Runde der Demaskierung eines großen Teils der Piratenpartei gibt sich nun Bundesschatzmeisterin Swanhild Goetze die Blöße. Dabei offenbart Goetze die tief in großen Teilen der Partei verwurzelte mechanistische Vorstellung von Gerechtigkeit und Gleichheit. Sie übertragen dabei Konzepte der Informatik blind auf eine Makroperspektive der Gesellschaft. Gesellschaften funktionieren allerdings nicht rückstandlos in klassischer Schaltlogik. Und auch Gleichheit funktioniert nicht, indem sie wegdefiniert wird. Freiheit wird nicht durch konfliktlose Namensräume ermöglicht, wenn die Existenz dieser unterschiedlichen Namensräume Teil des verhandelten Problems ist.

Das will vielen Piraten und auch mancher Piratin nicht in den Kopf, sodass sie sich auf eine Position der Neutralität zurückziehen, die alles ist, nur nicht neutral. Ein Beispiel findet sich in der Einführung eines Textfilters im Sync-Forum der Piratenpartei. Gegen dieses Tool regte sich Widerstand, denn es filtert die Texte im Forum, ob ein Binnen-I oder ähnliche Mechanismen zur Sichtbarmachung von Geschlechtern und Lebensformen zu unterdrücken. Nun lehnte die Bundesschatzmeisterin einen Antrag ab, der die Entfernung des Plugins zum Ziel hatte. Die Begründung (via) ist dabei teilweise hanebüchen, aber bezeichnend hanebüchen für eine Partei, deren intellektuelle Konturlosigkeit und naive Gesellschaftsbilder schmerzvoll offenkundig werden.

Aber was spricht gegen das Plugin? Und warum ist die Begründung von Goetze so traurig?

Mechanistische Texteingriffe

Das Plugin beruht auf einem Add-On für Mozillas Firefox und Google Chrome mit dem schönen Titel Binnen-I be gone. Es ist eine kleine Ansammlung von regulären Ausdrücken, die sich auf das Binnen-I wie bspw. in BürgerIn bezieht. Die eingeschobene Endung -In wird schlicht im Wort ausgeschnitten. Ähnlich wird mit dem gender gap umgegangen. Aber optional können zumindest in Binnen-I be gone auch Dopplungen wie beispielsweise Bürgerinnen und Bürger auf ein schlichtes Bürger eingedampft werden. Technisch ist das äußerst simpel, damit auch stupide gelöst und kann zu völlig verwirrenden Situationen führen. Beispielsweise ergibt allein dervorangehende Satz bei aktiviertem Add-On keinen Sinn mehr. Da hilft im Zweifel auch keine Whitelist. Es ist also eine plumpe sprachreinigende Maßnahme, die aber jederzeit den Sinn eines Textes unbemerkt verschieben kann. Wenn der Sinn nicht gleich völlig kollabiert. Es wird also zugunsten eines vorgeblichen ästhetischen Empfindens der völlige Verlust jeglicher kommunikativen Funktion von Texten in Kauf genommen.

Die Unsichtbarmachung der Sichtbarmachung

Die sprachlichen Konzepte hinter dem Binnen-I und anderen sprachlichen Figuren haben vor allem eine Aufgabe. Sie sollen Menschen und Menschengruppen auch sprachlich sichtbar machen, die bislang in Sammelbegriffen wie dem generischen Maskulinum vereint waren. Verkäufer_in oder Verkäufer*In sollen auf textueller Ebene schon verdeutlichen, dass hier eigentlich ein inklusives Neutrum verwendet werden soll, das es im Deutschen so aber nicht gibt. Sie sind sprachliche Eingriffe, die bewusst die sprachliche Norm brechen. Denn diese sprachliche Norm soll hinterfragt werden. Es geht gar nicht so sehr darum, ob dieses Mittel geeignet ist, eine soziale Veränderung herbeizuführen. Es geht einzig und allein darum, dass Autorinnen und Autoren diese sprachlichen Markierungen bewusst einsetzen, die Markierungen sind Teil ihrer Aussage. Selbst wenn es ihnen inhaltlich um etwas anderes geht, bleibt für sie wichtig, sprachliche Normen zu hinterfragen. Ein Add-On wie Binnen-I be gone greift dort in die Aussage, den Sinn eines Textes ein und verändert diesen im Kern. Sie beschneiden die Meinung von anderen Menschen, die ihre Worte bewusst gewählt haben.

Und die Piraten?

Ja, was ist mit denen? Ist irgendeiner Leserin oder einem Leser aufgefallen, dass ich hier immer Piraten und Piratinnen geschrieben habe? Nein, habe ich nicht? Und was, wenn doch? Meine Rede, es schafft Unsicherheit auf allen Seiten, wenn in die inhaltliche Auseinandersetzung eingegriffen wird. Wie hat Swanhild Goetze sich aus der Affäre zu ziehen versucht?

Es kann niemand vermeiden, dass sich jemand für sich das Browser-Plugins http://binnenibegone.awardspace.com/ installiert, von dem die Option im Forum entnommen wurde. Auch in diesem Fall wird der Text für den Empfänger anders dargestellt, als es der Sender beabsichtigt hatte.

Ja, klar. Genau das sollte es auch sein, eine Entscheidung der einzelnen Personen. Nur weil Menschen sich einen Baseballschläger kaufen können, um damit auf wessen Köpfe auch immer einzuschlagen und es ihre freie Entscheidung ist, dies gegebenenfalls zu unterlassen, muss ich nicht jedem Menschen, der meine Wohnung betritt, einen solchen Holzknüppel in die Hand drücken. Oder sollte ich es als freundlicher Gastgeber doch tun, nur damit meine Gäste ihre Freiheit ausleben können? Das kann nicht Goetzes Ernst sein. Was schreibt sie noch?

Es gibt Menschen, die möchten gerne nur schnell einen Text überfliegen, um zu wissen, worum es im Großen und Ganzen geht, aber sie möchten sich nicht allzusehr inhaltlich mit dem Geschriebenen befassen. Auch diesen Menschen möchte ich es ermöglichen, sich schnell einen Überblick verschaffen zu können.

Und genau dieser Leserschaft soll es leicht gemacht werden, sich selbst vorzuenthalten, dass es der Verfasserin oder dem Verfasser wichtig ist, sprachlich die Vielfältigkeit menschlicher Daseinsformen zu verdeutlichen? Das versteht Goetze unter Neutralität? Es wird aber noch besser.

Sofern wir vor jeglicher technischer Neuerung vor Programmierung immer erst diskutieren und entscheiden müssten, würden viele Dinge niemals programmiert werden.

Schon mal was von Technikfolgenabschätzung gehört? Das heißt nicht etwa, eine Technik zu entwickeln, erst einmal einzusetzen und dann die Folgen abzugrenzen. Gerade vor und während der Entwicklung einer Technik sollen die möglichen Folgen schon abgewogen werden. Und ehrlich, bei nicht einmal 125 Zeilen Regex-Code können manche Piratin und einige Piraten nicht mehr abschätzen, worauf die Textersetzungen abzielen? Sie können nicht sehen, dass sie hier eine Infrastruktur zur selektiven Beschneidung und Verfremdung von fremden Inhalten propagieren. Alles unter dem Deckmäntelchen der Freiheitlichkeit und des Austausches von Meinungen?

Da hilft aus meiner Sicht auch nicht, dass nun im Zuge des Protests gegen das Plugin und die brüchige Verklärung als Service am Kunden eine Erweiterung eingeführt wurde. Ist das Plugin aktiv, soll nun am Ende des veränderten Textes folgender Text eingeblendet werden:

In diesem Beitrag wurden Genderformen entfernt, hier klicken, um die unveränderte Originalversion zu sehen

Das macht es nicht mehr besser. Allein der Umstand, selektive Beschneidung von Meinungen zu erlauben, lässt mich an der Glaubwürdigkeit einer Partei zweifeln, die sich Freiheitsliebe, Schutz von Meinungsäußerungen und die Ausweitung bürgerlicher Rechte auf die Fahnen geschrieben hat. Herzlichen Glückwunsch, die Piratenpartei ist im Sync-Forum jetzt auch ein Unterdrücker.

Tropes vs Women: Help me! Save me! Please!

Und vor diesem Video musste die Welt geschützt werden? Es bedurfte nur eines Blicks auf eines der vielen Videos bei feministfrequency, um zu wissen, wie wenig Anita Sarkeesian daran liegt, Filme, Serien oder eben auch Spiele in Grund und Boden zu analysieren, selbst wenn einige Aspekte in ihnen für kritikwürdig hält. Ein Haufen hysterischer* Gamer musste dennoch intellektuellen Unflat in Kübeln über ihr ausgießen, in der Hoffnung, es würde etwas an ihr haften. Dann bedrohten sie ihr Ansehen und ihr Leben, in der Hoffnung, Sarkeesian ließe sich durch Einschüchterung mundtot machen.

Da haben sie die Rechnung aber ohne Sarkeesian gemacht, die ganz im Gegensatz zum Thema ihres ersten Teils aus der Serie Tropes vs Women in Video Games eben nicht allein und hilflos auf Rettung wartet. Dieses Video zur Damsel in Distress in Videospielen zeigt einleuchtend das weit verbreitete Klischee des entführten, misshandelten, wehrlosen weiblichen Objekts, das dem Helden des Spiels ‚gestohlen‘ wurde. Sarkeesian vernichtet die Klassiker um Mario und Link nicht, sie ist nur nicht blind für die rollenspezifische Schlagseite zugunsten der Protagonisten gegenüber den Statistinnen. Was an diesem Video bringt die Kultur des Gamens in Gefahr? Ich sehe es nicht, ganz im Gegenteil.

Und Ocarina of Time wurde ernsthaft mit "Willst thou get the girl? Or play like one?" beworben? Das ist 1998 rausgekommen. Ganz langsam: 1 – 9 – 9 – 8. Und ein Mediengigant macht solch eine Werbung? Wartet, wir haben 2013 und immer noch Clips mit seltsamen Duftsprays und um Astronauten drapierten Frauen. Gibt es da tatsächlich noch ernsthaft Zweifel, ob wir Tropes vs Women brauchen?

* Ich verwende das Wort mal ganz bewusst in Bezug auf eine überwiegend von Männern dominierte Subkultur, nennen wir es doch einen Versuch in ausgleichender historischer Gerechtigkeit.

Linkgebliebenes 8

Heute kommt die kleine Rundumschau mal ohne Sexismus-Themen aus, das war dank #aufschrei zu viel für mich. Gut, fast. Da wäre die Sache mit einer fiesen Masche der Glee-Verantwortlichen, die eine herrliche urheberrechtliche Volte schlugen. Elyse von skepchick.org findet aber auch auch noch seltsame Vergewaltigungsapologetik in derselben Glee-Folge.

Tjaha, nur gut, dass faz.net noch klare Fronten kennt. Schließlich nehme der Antiamerikanismus, von übelsten Negativklischees geprägt, in der deutschen Bevölkerung seit Jahren zu. Die ‚Analyse‘ der Beweggründe macht dabei keine Gefangenen, die Freund-Feind-Kennung des Textes ist so feinjustiert wie die einer Drohne. Und es müssen Klischees sein, denn beispielsweise schätzen die Deutschen die wissenschaftliche Leistung der USA nicht genug, doch würde mich nur mal interessieren, wie viele Nicht-Amerikaner in diesem Wissenschaftsbetrieb tätig sind?

Das war dann doch mehr Eindimensionalität, als gut für mich ist. Die Augen zu schließen ist halt Realitätsverweigerung, nicht Komplexitätsreduktion. Esst mal ein leckeres Gericht mit Quinoa. Beim Guardian lässt sich schön nachlesen, warum unsere Welt nicht plump gut oder schlecht ist, sondern erst mal komplex. Sehr kompliziert.

Noch mehr Komplexität gefällig? Freie Meinungsäußerung heißt eben manchmal auch das hier, wenn niemand einschreitet. Und jetzt hatte ich großspurig eine Linkumschau minus Sexismus-Themen versprochen, kann aber nicht davon lassen: Lena Schimmel macht #aufschreistat. Feine Sache das, aber in Java.

Vor der tausendfach verschachtelten Welt fliehe ich, viele andere auch, in eine andere, scheinbar simplere. Klassischer Eskapismus eben, doch die Kultur, die entsteht, schwappt in größere, ganz und gar wirkliche Kontexte über. Verteidigung wird notwendig? Vielleicht.

DerWeltWurd0chImm4Schlimmerer

Linkgebliebenes 7

So, Hausputz in der Leseliste, wo sich noch immer viele Reste aus der kalendarisch begründeten Ruhephase finden.

Macht sich The Big Bang Theory über die Nerdkultur lustig? Ich teile diese Position nicht, da ich nicht davon ausgehe, dass Penny der eigentliche erzählerische Fokus der Serie ist. Zumal sie auch gerade in der ersten Staffel als vollkommenes Dummchen verkauft wird. Aber eventuell ist es ein Hinweis darauf, dass der Humor von TBBT an vielen Stellen doch zu sehr mit dem Holzhammer ist.

Wie war das noch gleich mit der Nerdkultur? Alles gut hier, oder? Ich wollte mir die Verweise auf das Hacker Jeopardy auf dem 29c3 und die derben Zoten der Moderatoren – und natürlich diese Karten – sparen. Das Thema fühlt sich schon so alt an, auch wenn es wichtig war.

Aber das hier ist der Ausputz, also: Ganz allgemein, anekdotaler Gegenentwurf, noch mehr Eindrücke, dann ein Blick eines Schwulen auf Feminismus, die Replik, dann braucht es eine inklusivere Netzkultur, hier kann man in den Kommentaren gleich die Hoffnung verlieren. Deshalb sind die schlechten Witze keine Hilfe, denn die Wirklichkeit sieht anders aus. Und genau aus diesem und anderen Gründen gab es diese Karten. Nuff said?

Und weiter geht die Ismen-Tombola. Ich würde es mir ja auch gerne sparen, aber es geht nicht ohne. Rassismus und Kunst. Noch so eine Sache, die die Leute auf die Palme bringt. Bei einigen ist es Heldenmut, bei anderen rigide Zensur. Was war noch mal das Problem mit dem Entfernen von Rassismen aus der (Kinder-)Literatur? Hier, hier. Gehen wir doch ins Kino und schauen uns, Tarantinos akkurate Darstellung des Rassismus und der Sklaverei an. Nicht?

Hui, ich hab da noch mehr zum Sexismus, fällt mir gerade ein. In Computerspielen. Schon wieder? Nein, immer noch.

Oder sind einfach nur zu viele rechte Biobauern im Netz unterwegs? Vielleicht sind diese Probleme ja auch Gründe dafür, dass die Teilnahme an und Beiträge zur Wikipedia nachlassen? Immerhin habe ich die Gewissheit, mir die Errungenschaften der Gadgetkultur noch zu erhalten, selbst wenn ich dann eben auf einer Toilette sitze, die kein fließend Wasser hat.

Hust. Das hat schon ein wenig Staub aufgewirbelt. Aber jetzt ist wieder Ordnung in der Leseliste.

Linkgebliebenes 6

Der erste Link stammt noch aus der vorweihnachtlichen Zeit,  es ist die Fortsetzung eines journalistischen Versuchs, sich an die Armut von unten heranzutasten. Ist nur ein anekdotisches Verfahren, aber hübsch zu lesen.

Thomas Thielemann hat die Keule ausgepackt und anlässlich des Zeitungssterbens einmal der neoliberalen Attitüde der Medienlandschaft eine übergezogen. Da klingt vielleicht doch eine soziale Kälte und Mitleidlosigkeit gegenüber nun geschassten Redakteuren und Redakteurinnen mit, doch liegt sein Argument nicht so fern, dass sie nun unter den Geistern der Marktfreiheit zu leiden hätten, die sie selbst beschworen haben.

Kommen wir zu Seichterem. Nein, doch nicht. Auch im Gaming-Sektor sieht es noch immer düster aus, wenn es um die Gleichstellung und -behandlung der Geschlechter geht. Katherine Cross blickt zurück auf ein Jahr, in dem die sexistischen Muster in der Spieleszene deutlich und in aller Hässlichkeit ans Tageslicht kamen. Einerseits schon ein Vorteil, da nun immerhin Problembewusstsein entstehen kann. Eine Lösung ist allerdings noch fern.

Ich brauche eine Ablenkung. Wäre es nicht eine herrliche Gedankenspielerei, sich populäre Spiele der Gegenwart als Textadventure vorzustellen? Christopher Livingston hat’s mit Dishonored gemacht.

Es ist trotzdem nicht genug Ablenkung. Warum? Weil man bei Rochus Wolff nachlesen kann, wie es um die Lernfähigkeit mancher (meist männlicher) Mitmenschen steht. Das Argument, dass der Feminismus, die gewandelten Rollenbilder und Frauen ganz allgemein schuld seien an den negativen Auswüchsen, geht nicht unter. Obwohl es so dämlich und auch einfach ist, dieses Argument als den haltlosen Unfug nachzuweisen, der er ist. Wolff nimmt die Begründung noch einmal auf sich. Ob’s bei der Gegenseite ankommt?

Gut, dann eben zur Kinderliteratur. Da kann mir nichts passieren, oder? Da war doch was? Anatol Stefanowitsch wird von mir diese Woche eigentlich komplett verlinkt, hier noch ein Artikel von ihm, der sich mit Kristina Schröders vom Feuilleton geschmähter Wortwahl für das Geschlecht übernatürlicher Wesen auseinandersetzt und zugleich noch darauf eingeht, warum selbstverständlich manche Kulturprodukte sich im Sinne des kulturellen Wandels auch verändern müssten, ohne dass dies wieder als politische Korrektheit niedergeschrien wird.

Ich muss hier raus. Wo lande ich? Beim Sarrazin. Thilo Sarrazin machte sich auch weiterhin um die Integration von Andersdenkenden, Andersglaubenden und Andersaussehenden verdient. Emina Benalia hat da eine Geschichte auf Lager, die mich einfach nur zu absoluter Bewunderung verleitet. Nicht für Sarrazins Inhalte wohlgemerkt, aber wegen seiner Selbstsicherheit, mit der dieser feine Herr plumpe Meinungen als Fakten verkauft. Ich könnte ebenso große Taten vollbringen wie Sarrazin, ebenso groß wie die Entdeckung der selektiven Menschenrechte.

Mich macht das jetzt allerdings nur müde. Sehr müde.

Sprache, Sexismus und Systemadministration: Global symbol „$maskulinum“ requires explicit package name

Es ist eigentlich ganz einfach, könnte immerhin so einfach sein. Dass es das nicht ist, zeigte sich offenkundig wieder daran, wie eine als totalitär – in grober Verkennung des Totalitären – empfundene Markierung diffamierender Sprache negiert, lächerlich gemacht und damit fortgesetzt wurde. Auf dem 29c3. Wo Systemkritik nur als schick zu gelten schien, wenn sie vom typischen, also männlichen Durchschnittshacker für konsensfähig erachtet und nicht durch Selbstkritik und -reflexion belastet wurde. Der Druck, der mit Privilegien verbunden ist, muss kaum zu ertragen sein für die Privilegierten selbst. Dann wird er halt weitergegeben.

Anatol Stefanowitsch hat am Rande des Geschehens allerdings einen Vortrag gehalten, der mit simplen, eindringlichen Beispielen auf den Punkt bringt, was nüchtern betrachtet Sache ist: Unsere Sprache ist kaputt.

Allerdings ist das Deutsche dann offensichtlich doch auf eine ganz seltsame Weise kaputt, wenn nicht mit diesem Defekt umgegangen wird wie mit anderen. Statt Löcher zu flicken, Schäden auszubessern oder ganz in konsumistischer Tradition das beschädigte Gut gleich wegzuwerfen, um es durch ein neues in Glitzerfolie zu ersetzen, wird dieser ganz besondere Schaden am Fundament der deutschen Sprache bewusst kleingeredet. Alles nicht so schlimm, weil immer so gewesen und bloß nicht laut werden, ja. So werden Systeme, die als sprachliche voll und ganz auch gesellschaftliche sind, administriert, nicht gehackt.

Linkgebliebenes 5

Meine eigenen Ansichten zu den Problemen, die bei Kickstarter-Projekten anfallen können, habe ich schon einmal angesprochen. Bei Mashable gibt es hierzu erneut grundlegende Informationen zum Scheitern von eigentlich ordnungsgemäß zustandegekommenen Projekten. Auf netzwertig geht es auch darum, wie es zu nicht eingehaltenen Versprechungen kommen kann und was dann geschieht.

Das technische Verständnis von Frauen ist dem gängigen Glauben entsprechend völlig unzureichend, gut, dass dem nun abgeholfen werden kann. Durch Beseitigung aller technischen Einzelheiten. Herauskommt dann beispielsweise in der französischen ‚For Dummies‘-Reihe [via] ein Ableger speziell für Frauen. Da werden dann etwa der Mac oder das Internet hübsch aufbereitet, das heißt, es gibt zu allererst einen pinken Rahmen auf dem Cover.

Sonst gab es noch ein Interview mit einem schwulen Fußballprofi über das mediale Doppelleben, schwule Kollegen und die mit dem Outing verbundenen Sorgen. Angesichts der in diesem Jahr zu beobachtbaren Aggressionen des bis zur Nötigung und Körperverletzung leidenschaftlichen Fans sind seine Ansichten nicht zu vernachlässigen.

Noch mehr Gamerpöbelei

Besser ich warte noch ein paar Tage damit, dachte ich mir. Es hat ja keinen Nutzen, aus dem Bauch heraus an einem doch wohlverdienten Shitstorm teilzunehmen. Dieses Blog hat sich ja vorgenommen, weniger mit den übelriechenden Fäkalien zu werfen, als damit, es einfach mal zu betrachten. Daher war  Ryan Perez ist aber immer noch damit beschäftigt, den unappetitlichen Schauer dieses Unwetters zu beseitigen, das er selbst herbeirief. Perez, bis Samstag noch ein Autor beim Videospielblog Destructoid, hatte anscheinend genug getrunken, um mal ordentlich einen rauszuhauen in Richtung der Geek-Ikone Felicia Day:

Und setzte noch einen drauf.

Der Wind nahm schnell Fahrt auf, es braute sich etwas Braunes zusammen. Perez schien merkte es, doch bevor er zwei dürftige Erklärungen auf Twitter absetzte, teilte Destructoid erst noch mit, die Zusammenarbeit mit Perez aufzugeben. Aber zurück zu dem, was Perez dazu zu sagen hat:

Eine etwas längere Unterhaltung mit Perez zu den Geschehnissen kann bei Mundane Matt angehört werden. In diesem beschreibt sich Perez selbst als nicht besonders sympathisch, er verlangt auch kein Mitleid. Ganz offensichtlich hält er sich für einen Menschen, der sich darin gefällt, ungefiltert hinauszuposaunen, was ihm durch den Kopf geht. Worüber er sich auch in diesem Interview aufregt, ist die Art der beleidigenden Kritik an ihm und den falschen misogynen Freunden, die zu seiner Rettung eilen wollten. Bei allem Chauvinismus ist Perez doch anzurechnen, dass er ohne Umschweife zu akzeptieren scheint, dass er für das Geschriebene mit Konsequenzen zu rechnen hatte. Seinen Job für Destructoid ist er los, damit scheint er leben zu können. Mit dem, was dann geschah, aber nicht. Denn Aggressionen und Beleidigungen richteten sich gegen ihn und wieder gegen Felicia Day, die seine Entschuldigung mittlerweile angenommen hat, aber immer noch aufs Übelste beleidigt wird.

Und er hat sogar in gewisser Weise Recht. Er geht davon aus, seine Tweets seien nicht sexistisch gemeint und deshalb auch nicht in diese Richtung auszulegen, sondern unabhängig vom Geschlecht gegen eine öffentliche Figur der Geekkultur gerichtet, deren Leistungen er nicht erkennen könne. Wäre diese der Fall, es wäre kein Beispiel für Sexismus in der Gamerszene. Ich teile diese Ansicht nicht völlig, da er mit dem Begriff booth babe eindeutig auf eines der offenkundigsten machistischen Rituale der Spielemessen verwies, aber gehen wir mal davon aus, es war tatsächlich nicht sexistisch motiviert. Dass es aber eben doch den Sexismus der Szene offenbarte, zeigt sich in den Wellen, die seine Kommentare schlugen. Ein wilder Mob stürzte sich auf Felicia Day, nur deshalb, weil er etwas Dummes sagte, das seinem Arbeitgeber aus nachvollziehbaren Gründen nicht gefiel, und dazu führte, dass Perez nicht mehr für Destructoid schreibt. Felicia Day hat nichts dazu beigetragen, Destructoid zu der Maßnahme zu führen. Das hat Perez mit seinem losen Mundwerk ganz allein geschafft. Er hat sie verbal angegriffen, obwohl er sie nicht kannte, und dafür die Rechnung erhalten. Doch spätestens bei den leider als typisch zu bezeichnenden Beleidigungen, die eindeutig auf Days Geschlecht zielen, steigt der brodelnde Sexismus der Szene auf.

Es bleiben zwei Sufftweets, die aggressiv und unnötig waren, eine aufgelöste Zusammenarbeit zwischen Perez und Destructoid, eine sexistische Lawine übelster Beleidigung in Richtung Days, überbordende Wut auf Perez, die in dieser Form ebenfalls nicht angemessen ist, und eine akzeptierte Entschuldigung. In dieser Auflistung ist eigentlich alles noch vergleichsweise harmlos, wenn auch nicht sehr appetitlich, in sozialen Interaktionen geschehen solche Dinge aber hin und wieder. Die besagte Lawine sexistischer Ausbrüche, die über Day preschte, die ist ein ernsthaftes Problem.

[via Skepchick, The Mary Sue]

Gamer-Sexismus: Und dann krochen sie aus ihren Höhlen…

Gaming war lange Zeit und ist derzeit auch noch – trotz vieler kleiner Änderungen – eine männlich dominierte Szene. Soziologisch dürfte das nicht allzu schwer zu erklären sein, wie es dazu kam. Falsch ist es nicht, richtig auch nicht, es ist so. Wer macht traditionell Videospiele? Männer. Wer spielt zu großen Teilen diese Spiele? Männer. Kaum verwunderlich, dass sich ein Muster ergab, bei dem Männer Spiele für Männer machen. Oder, um genauer zu sein, Männer, die sich für solche halten, machen Spiele für Männer, die meinen welche zu sein. Was auch immer das heißen soll. An sich ist das prinzipiell nicht kritikwürdig, doch allemal dann, wenn sich dabei eine inzestuöse Anspruchshaltung und Bedürfnisbefriedigung einstellt. Wohin das führen kann, zeigt das erste Beispiel, das mir wahllos in den Kopf kommt. Resident Evil IV ist allemal ein großartiges Spiel – trotz seiner Dämlichkeit. Meist liefen die Beschwerden über Ashley, die ein billiges plot device ist, auf die lästige Begleitschutzarbeit hinaus. Und verfehlte damit den Kern.

Alles an Resident Evils Plot und Story ist lächerlich, so lächerlich, dass dies als bewusster Trash bezeichnet wurde. Wie billig aber Capcom aber die hilflose, naive Ashley als kreischendes damsel in distress an der Seite von Leon durch die Gegend geschubst wurde, das grenzte in seiner Einfalt an Zustände, die mit dem Begriff Notgeilheit nicht mehr zu beschreiben sind. Habe ich auf die Reize reagiert? Klar, spätestens als in verschiedenen Fassungen ihr auch noch Kostüme gegeben wurden, die einen astreinen camel toe abzeichneten. Prächtig, oder? Eben nicht. Nur weil ich darauf reagiere, heißt es nicht, dass es mir gefällt. Nun ja, warum all das?

Kommen wir zu Anita Sarkeesian. Auf ihrem Blog und in ihren vielen Videos beschäftigt sich Sarkeesian seit Jahren aus feministischer Perspektive mit Popkultur. Gefällt ihr, was sie sieht? Mit Sicherheit nicht. Also tut sie, was alle vernünftigen Menschen tun sollten, die eine Meinung zu vertreten haben. Sie setzt sich kritisch damit auseinander. Inhaltlich mag ihre Kritik selbstverständlich nicht alle Geschmäcker treffen, was sich dadurch erklärt, dass Sarkeesian nicht Geschmäcker bedienen will. Was ihr nicht abgesprochen werden kann, ist ihre immer noch deutliche Leidenschaft für die popkulturellen Phänomene, die sie angeht. Sie wirft Filmen, Serien und eben auch Spielen nicht Dummheit, Sexismus oder was auch immer vor, um sie abzuschaffen. Sie sieht und spielt all dies, obwohl ihr nicht alles gefällt. Sie weist darauf hin, wie ihrer Meinung nach diese Kulturgüter fahrlässig soziologische Missstände ausblenden oder schlimmstenfalls sogar bewusst ausnutzen oder reproduzieren, um den Absatz zu fördern.

Sarkeesian traute sich, auf kickstarter eine neue Videoserie finanzieren zu wollen, die sich kritisch mit erzählerischen und narrativen Tropen beschäftigen soll. Eben solchen Tropen, die ein schlechtes Bild auf die kümmerliche Repräsentation von Frauen und Weiblichkeit in Videospielen werfen. Wie antworte ein womöglich kleiner, aber aus meiner Wahrnehmung dennoch repräsentativer Teil der hormongesteuerten Gamer? Sie tummelte sich zum virtuellen Wichswettbewerb zusammen, der sich als eifriger Mob mit pornographischen Verunstaltungen und groben Beleidigungen über Sarkeesian YouTube-Videos und ihren Eintrag auf der englischen Wikipedia hermachte. Dümmliche Prahlerei.

Doch dies als dümmlich abzutun reicht nicht aus. Es verdrängt das Problem in den Raum, in dem es der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Daher muss es raus: Die Gaming-Szene hat ein Sexismusproblem. Dies ist demographisch wie sozial begründbar, damit aber lange nicht zu rechtfertigen. Wie ich oben schilderte, bedarf es keiner feministischen Perspektive, um kritisch auf Spielinhalte zu blicken. Verstand tut es auch schon. Und ja, man kann Videospiele genießen, auch wenn sie sexistische Spielinhalte haben. Diese zu kritisieren, dass sollte nicht ausgespart werden. Sarkeesian, deren Ansichten ich mitnichten völlig teile, ist da also an einer Sache dran. Nicht weil sie eine kulturpessimistische Feministin ist, die Spiele per se abschaffen will.

I love playing video games but I’m regularly disappointed in the limited and limiting ways women are represented.  This video project will explore, analyze and deconstruct some of the most common tropes and stereotypes of female characters in games.  The series will highlight the larger recurring patterns and conventions used within the gaming industry rather than just focusing on the worst offenders.  I’m going to need your help to make it happen!

Was an diesem einleitenden Absatz des Kickstarter-Projekts ist nicht zu verstehen? Daher ist es wichtig, dass Sarkeesian dieses Projekt wird durchziehen können, da sie nun schon über 100.000 Dollar erhalten wird (Tendenz: rasant steigend), obwohl sie nur 6.000 angepeilt hat. Die Gaming-Szene hat ein Problem, aber kein unlösbares. Ist es so schwer, sich das einzugestehen? [via]