Sherlock: Geskriptete Gottesbeweise

Wunder geschehen immer wieder. Im Fernsehen wie in Filmen treten sie in einer Häufigkeit auf, die daran zweifeln lässt, etwas Besonderes in ihnen sehen zu müssen. Wunder gibt es dabei gerade in Medien so oft, weil sie eben keine Ereignisse sind, die in der Wirklichkeit gebunden sind; das Wunder an sich ist eine Erzählung. Jedes Wunder wird mittels des Erzählens erst zu dem, was es ist. Jedes Wunder zerbricht bei näherer Betrachtung an der Realität. Warum funktionieren Gottesbeweise etwa in religiösen Schriften so prächtig? Warum nehmen wir die göttliche Rettung in Filmen als gegeben an? Weil sie fiktive Stoffe sind, sie sind zu zerbrechlich für die harte Welt da draußen. Also werden sie in die luftige Welt der Geschichten gebettet.

Hinter das fingierte Zustandekommen wundersamer Ereignisse in narrativen Medien blicken die meisten Menschen kraft ihrer Vertrautheit damit mittlerweile recht ordentlich durch die einfachsten dieser Tricks. Andere, nicht weniger wundersame Erzähltechniken werden dennoch hingenommen. So etwa der des Genius. Das meisterliche Genie, das alle anderen Menschen um sich herum in den Schatten stellt. Doch wie bei aller Magie des Storytellings ist auch das erzählte Genie gebunden an den sehr weltlichen – und in der Regel begrenzten – Verstand derer, die das Genie erdenken. Das Genie wird meist mit einem einfachen wie verachtenswerten narrativen Taschenspielertrick in gottgleichen Status versetzt: Drehbuchautorinnen und -autoren schaffen nicht geniale Figuren, sondern solche, denen ein unsichtbares Kraftfeld mitgegeben wird, das sie in die Lage versetzt, die Intelligenz aller umgebenden Menschen drastisch zu senken. Das relative Genie, nicht wirkliche Denker, das schaffen die meisten Geschichten nur. Ähnlich ist es bei der BBC-Serie Sherlock.

Die messerscharfe deduktive Methode, der klare Verstand und die ganze Apotheose des Kriminalisten. Alles Fassade. Nicht einmal sehr geschickt versteckt sich hinter hanebüchen konstruierten Fällen in Sherlock eine schwülstige Arroganz, die Zuschauerinnen und Zuschauer zu simplen Konsumäffchen degradiert. Zu oft bricht hervor, dass Steven Moffat den ganzen fatalen Zirkelschluss beschreitet: Er ergötzt sich daran, Sherlock geschrieben zu haben, der offenkundig ein Genie ist. Ergo muss Moffat selbst ein Genie sein. Bewaffnet mit dieser Erkenntnis rennt Moffat dann zusammen mit den anderen am Drehbuch beteiligten Kollegen in jene Selbstgefälligkeit, die gerade einen Sherlock Holmes ihrer Einfalt wegen aufbrausen lassen würde. Sie scheren sich schlicht nicht um Kongruenz, Plausibilität oder Logik.

Über Logik lässt sich, das macht jedes erzählende Medium so unaufrichtig, hinwegschreiben. So auch hier. Jedes Argument, das dem Meister nicht gefällt, fort damit. Meist ist nicht einmal der Erwähnung wert, warum. Ist denn nicht so offensichtlich, wie falsch alle sind, wenn sie Holmes widersprechen? Hat eine Serie dann noch zwei so hervorragende Darsteller wie Benedict Cumberbatch und Martin Freeman ist der Räson kaum noch zu helfen. Ein Cumberbatch redet sich in Rage und nicht zufällig in solch einem Stakkato über die dem Genie zugeflogene deduktive Leistung hinweg, dass bei so selbstbewusst vorgetragener Knobelei kein Widerspruch mehr erlaubt ist. Mit großen Augen gibt Freeman die Bewunderung für den Meister vor. Schon ist wieder ein kritischer Punkt im Flickenteppich der Logik gestopft.

Das Ärgerliche an einer Serie wie Sherlock ist, wie sehr sie sich die Herablassungen des vermeintlichen Genies gegenüber dem Publikum zu eigen macht. Dabei unterstellt sie dem Protagonisten eine erkenntnistheoretische Unfehlbarkeit, die einem wahrhaft gebildeten Menschen zuwider sein müsste. Genau das vergällt zumindest mir den Spaß an einer ansonsten beneidenswerten Inszenierung, deren Modernität deutsche Kriminalgeschichten besonders leicht in Grund und Boden stampft. Es sind manipulative, dennoch unterhaltsame Dialoge und Vorgänge, die da abgefeuert werden. Sherlock bleibt im Geiste aber ein voraufgeklärtes Kriminalstück, das intellektuell nur leidlich besser ist als jedes CSI.

Elementary: Konfektionsgröße Holmes

Fernsehserien, aus dem US-Fernsehen besonders, wird seit dem Jahrtausendwechsel eine strahlende Aura nachgesagt, mit der die besten Serien in Anspruch, Narrative und Struktur die Kulturlandschaft prägen, dem Film den Rang abgelaufen haben, vielleicht sogar am mutmaßlich unübertrefflichen Nimbus des Romans als höchster unter den Erzählformen kratzen. Neben berechtigtem Lob bleibt aber auch die Erkenntnis, dass US-Fernsehen nicht vorrangig als Kunst entsteht, denn es ist als Teil einer hegemonialen Kulturindustrie wie nahezu alles ein mit gigantischem Aufwand betriebenes Geschäft. Selbst die anscheinend so erhaben über dem Rest des Geschehens thronenden Breaking Bad, The Wire und wie sie alle heißen sind und bleiben an das Diktat des kommerziellen Erfolgs gebunden, auch wenn sie den Zwang zur Formatierung bis an den Rand des Machbaren strecken. Firefly, Joss Whedons Sci-Fi-Western, fand bei allen Lobeshymnen für den Sender nicht die Quote, wurde abrupt beendet.

Mit dem Druck der Wirtschaftlichkeit bringt das US-Fernsehen auch große, gewagte Themen in serieller Form unters Volk, aber in abgewogener Dosierung, die Welt hängt bei den künstlerisch ambitionierten Serien am Tropf der US-Einschaltquoten, Gedeih und Verderb hängen daran. Kein Wunder also, auch die Mehrheit der US-Serien entstammen starren Formatierungen. Enge dramaturgische Korsettformen werden um wechselnde Bäuche geschnürt, damit die Quote stimmt. Auch in den USA dominiert der Dreiakter-Uniformismus ganze Genres: House, Monk, The Mentalist, NCIS, und Klassenprimus der Einfallslosigkeit CSI, sie alle sind mit ihrer wiedergekäuten, unablässig gleichen Konvention Fischfarmen roter Heringe, bei dem ein immer gleicher Plot-Twist die Handlung ad absurdum führt. Sie alle sind Belege des abscheulichsten Quotenmagneten: dem klinischen Crime-Drama voller absonderlicher Übermenschen, deren soziopathologisches Verhalten Sympathie hervorrufen soll.

Aus diesem Umfeld stammt auch Elementary vom an Formatierungserfahrung reichen Robert Doherty. Als Crime-Drama reiht sich Elementary in seiner kühlen Zielgruppenberechnung in die obige Gruppe ein: Der urheberrechtlich unbedenkliche Sherlock Holmes, durch eine BBC- und die burschikose Hollywood-Adaption in modernem Gewand repopularisiert, wird als publikumsträchtige Marke im New York der Gegenwart wiederbelebt. Nun als emigrierter Ex-Abhängiger auf Entzug, der sich als kauzig-genialer Berater der örtlichen Polizei verdingt. Dem wortflutendem Holmes (Jonny Lee Miller) wird ein „sober companion“ aufgezwungen, Dr. Joan Watson (Lucy Liu) soll dem Suchtkranken bei der Entwöhnung helfen, wird aber, welch Wunder, zur einzigen Person, die hinter die eitle Maske des genialischen Detektivs schauen kann.

Als Format ist die Serie mit ordentlichen Mitteln ausgestattet, weiß als Unterhaltungsserie durchaus zu überzeugen. Besonders die Protagonisten entwickeln eine gelungene unterkühlte Beziehung zueinander, die nicht von romantischen Untertönen diskreditiert wird, zumindest vorerst nicht. Jonny Lee Miller spielt einen exaltierten Holmes, der glaubhaft intelligent und deswegen der Welt entrückt ist. Lucy Liu war ohnehin immer dann am besten, wenn sie mit stoischer Miene die Geschehnisse begleitete, ihr Watson ist eine erstaunliche Ergänzung zu Jonny Lee Millers jungenhaften Obsessionen.

Auch die Produktion besticht mit einer guten Ausstattung und gewissenhafter Inszenierung. Der schier unermessliche Schatz talentierter Schauspielerinnen und Schauspieler, die in den USA aber dann doch nur ein Statistendasein fristen, ist beängstigend. Woran es aber krankt, sind die Bücher. Im zähen Ringen um Aufmerksamkeit haben sich die Crime-Dramas in einer Spirale der Abstrusität verfangen. Es ist Ausdruck der Professionalität, dass es erkennbare Mechanismen in den Grundlagenkursen der Autorenschulen gibt, dies möglichst zu kaschieren. Mit ein wenig Sehgewohnheit sind die Marotten jedoch schnell als hässliche Zuschauermanipulationen durchschaut.

Eitel wirkt es, die Fall-Konstruktionen der Morde der Woche von Jonny Lee Miller in irrwitzigem Tempo vortragen zu lassen, damit ihre Flüchtigkeit im Staccato der Begründung untergeht. Hinzu kommt die einstudierte Ehrfurcht der Nebendarstellerinnen und Nebendarsteller, mit der sie der haltlosen Andacht zuhören, als wäre sie die unweigerlich rationale Deduktion, als die sie ausgegeben wird. Alles altbekannte Taschenspielertricks der modernen Erzählkunst. In Elementary nimmt sich das im Vergleich zur Konkurrenz zwar noch fast harmlos aus, bleibt doch störend.

Ärgerlich ist hingegen die Berechnung, wenn ein ums andere Mal gerade die Figuren eben nicht mal von den Schienen, auf die sie gesetzt wurden, abweichen, jede Entgleisung nur nach bekanntem Schema der Deehbuchpsychologie verläuft. Da aber bislang in den USA ein erstaunlich mäßiger Serienherbst zu verzeichnen ist, gehört Elementary zum besten Fernsehen dieser Saison, aber noch lange nicht in die Spitze. Crime-Drama, auch wenn es noch solide gemacht ist, geht halt immer runter, schmeckt aber nicht wirklich.

Sherlock Holmes: A Game of Shadows (2011)

Der Vorgänger war ein schnell geschnittener Blockbuster, der so wortlastig wie actionreich war. Im gingen die meisten Fehler der sonst so unterirdischen Blockbuster ab, weshalb er schon allein deshalb eine willkommene Abwechslung war. Guy Ritchie war eine überrarschend gute Wahl für die Regie, die von Robert Downey, Jr. und Jude Law entgegen allen Erwartungen großartig. Die beiden Hauptdarsteller spielten über mögliche Schwächen der Story hinweg ein glaubwürdig modernisiertes Ermittlergespann. Zwar hatte die Actionkomödie nicht mehr viel mit der literarischen Vorlage gemein, doch was störte das schon, wenn stattdessen eine Actionkomödie herauskam, in der Holmes zwar auch die Fäuste sprechen ließ, sein Verstand jedoch schneidend die weltliche Erklärung hinter der übernatürlich verklärten Verschwörung suchte. Die in diesem vergnüglichen ersten Teil schon angelegte Fortsetzung ließ nicht lange auf sich warten. Weiterlesen