App.net und die soziale Selektion: XOR

Ich mag app.net. Wirklich, mit jedem Tag etwas mehr. Es ist voller Menschen, mit denen ich gerne kommuniziere. Ob nun in Alpha oder Patter. Es bilden sich dort Zirkel, in denen meine Interessen konzentriert sind. Allerdings erhält in manchen Fällen diese Konzentration von in weiten Teilen gleichgesinnter Menschen den bitteren Beigeschmack, den es überall gibt, wo Menschen zusammenfinden. Ihr sozialer Mechanismus der Gruppenzugehörigkeit driftet ab. Exklusionistische soziale Selektion findet statt.

Soziale Selektion: XOR

Ein gewisser Teil der Nerdkultur hat keinerlei Schwierigkeiten mit Logikgattern, tut sich aber sehr schwer damit, ähnliche Muster in sozialen Situationen zu erkennen. Um nicht völlig vom Thema abzukommen, unterscheide ich mal zwei Wege, wie sich soziale Gruppen bilden. Sehr vereinfacht finden sich Menschen über Gemeinsamkeit oder Abgrenzung. Beide überschneiden sich oft, sodass sie sich zum Verwechseln ähnlich sehen. Sie sind ihrem Wesen nach aber unterschiedlich.

Der inklusionistische Mechanismus funktioniert über gemeinsame Interessen, Ideen oder Normen. Im Kern steht dabei die Gemeinsamkeit des sozial bindenden Mechanismus. Menschen finden bei aller Individualität um ein sozial bindendes Element herum zueinander. Allein der Umstand des Teilens und der gemeinsamen Teilhabe qualifiziert innerhalb der Gruppen. Unabhängig von anderen Interessen finden sie in einer sozialen Nische zusammen und sind über Ähnlichkeit an und in ihr gebunden. Der exklusionistische Ansatz scheint ähnlich gelagert, hat aber einen feinen Unterschied: Die Gemeinsamkeit der beteiligten Personen besteht darin, explizit nicht einer anderen sozialen Gruppe zugehörig zu sein. Ein Entweder-Oder, das soziale XOR. Primäres Qualifikationsmerkmal ist die Nichtzugehörigkeit zu einer anderen Gruppe. Die Verflechtungen sind komplex, Details blende ich deshalb aus. Wesentlich ist erst einmal der Unterschied, dass Inklusion weit weniger soziale Kollision meint, während Exklusion gerade darauf basiert.

XOR bei app.net

Vorweg noch einmal, ich spreche hier nicht von einem Massenphänomen bei app.net. Aber von einem hinreichenden, das es alles andere als eine Marginalie ist. App.net ist schon jetzt vielfältiger als gemeinhin wahrnehmbar. Alleine schon, weil ich hier größtenteils über den deutschsprachigen Teil des Netzwerkes spreche, den ich überwiegend sehe. Entlang vieler Grenzen ist app.net schon oder noch immer eine selektiv begrenzt. Aber nicht im exklusionistischen Sinne.

Von Beginn an hat sich aber app.net von Twitter abgegrenzt, auch wenn die Unterschiede größer sind. Dennoch hat sich unter den Nutzerinnen und Nutzern ein gewisser Status etabliert, der mit der reinen Zugehörigkeit zum Netzwerk verknüpft ist. Auch das ist so weit noch nicht exklusionistisch, denn wer erst einmal dabei ist, ist dabei. Das XOR kommt aber vor, wenn eine gewisse Verachtung gegenüber Twitter ausgedrückt wird. Auch ich hatte meine Gründe, Twitter zwar nicht den Rücken zu kehren, doch aber eine weitere soziale Gruppe zu finden. Dementsprechend habe auch ich über Twitter geflucht, wohlgemerkt über den Dienst, nicht die Nutzerschaft. Andere aber, wenige aus meiner Wahrnehmung, scheinen ihre eigene soziale Wunschvorstellung auf app.net übertragen zu wollen, indem Nutzerinnen und Nutzer bei Twitter pauschal disqualifiziert und diskreditiert werden. Ein anschauliches Beispiel war die kürzlich aufgeflogene Aktion, gewisse Nicknames von Twitter in app.net zu besetzen. Das ist insofern ärgerlich wie es naiv ist. Als ob sich diese Personen davon abhalten ließen, sie können ja noch Varianten der Nicknames nutzen. Aber zum Beispiel diese Beschreibung aus einem in Beschlag genommenen und inzwischen gelöschten Account sagt mehr aus:

i hate [USERNAME*]  from twitter and don’t want her here. this is why this account name is taken.

Es mag nur eine Person gewesen sein, die diese Motive hatte, doch für mich ist sie ein Produkt eines gewissen Statusdenkens. Wer derzeit bei app.net ist, wird sehen, dass subtile Selektionsmechanismen auf eine Exklusion ausgerichtet sind, die langfristig nur app.net schaden können. Meist sogar nicht mit böser Absicht tritt dieser Effekt auf, aber genau das ist die fatale Wirkung dieser Form sozialer Selektion. Und genau das sollte nicht der Zweck sein.

Soziale Vielfalt

All diejenigen, die wie ich gerne app.net nutzen, haben ein Interesse an einer Verbreitung des Dienstes, wenn auch allein nur, um ihn wirtschaftlich am Leben zu halten. Damit geht aber auch eine notwendige oder immerhin nicht vermeidbare Verbreiterung der Nutzerschaft einher. Im Sinne der Filtersouveränität obliegt es uns allen, wie wir mit Störsignalen umgehen. Aber das XOR einer rein thematisch, ideologisch oder auch subkulturell gefilterten Nutzerschaft ist mir zuwider. Über die kleine Blase, die wir als Einzelne im Netzwerk darstellen, bestimmen nur wir. Richtig. Darüber hinaus finden sich diese Blasen zu größeren zusammen wie es ihnen beliebt. Inklusionistisch im besten Falle. Wer nicht übers Stricken reden will, soll es auch nicht müssen. Wer keine Gadgets hat, darf sich raushalten. Und wer jeden Abend ein Gute-Nacht in die Timeline ruft, soll dies tun. Jedes dieser Themen hat seine Berechtigung. Auch auf app.net.

* Der Username tut hier nichts zur Sache. Anm. d. Verf.

anybeat schließt

Anybeat ist nicht mehr, besser, wird nicht mehr lange in der bekannten Form sein. Relativ kurzfristig wurde dies angekündigt, denn nach der Mail vom 10.05. blieben den Userinnen und Usern gerade einmal zwei Wochen, um eventuell eigene Daten und Kontakte zu sichern oder neue Netzwerke zu finden. Zu den Hintergründen bleibt anybeat vage:

It is therefore bittersweet for us to announce that Anybeat is getting purchased by another company, that will be repurposing it to address a different type of community, and will not be operating Anybeat as is.

Mich kümmert das Schicksal anybeats eigentlich reichlich wenig, dazu hatte ich keinen Nutzen gefunden für dieses soziale Netzwerk, das eine Spielwiese zwischen dem hektischen, flüchtigen Twitter und dem Leviathan Facebook sein wollte. Die Mail selbst rief mir anybeat erst wieder ins Gedächtnis. Das mag einer der Gründe für den Verkauf der Community an die unbekannten Firma sein.

Damit wären wir beim eigentlich interessanten Aspekt dieses Verkaufs, der aufgrund der Privacy Policy auch die Weitergabe aller nutzerbezogenen Daten umfasst:

Business Transfers: In some cases, we may choose to buy or sell assets. In these types of transactions, customer information is typically one of the business assets that are transferred. Moreover, if Company, or substantially all of its assets were acquired, or in the unlikely event that Company goes out of business or enters bankruptcy, customer information would be one of the assets that is transferred or acquired by a third party. You acknowledge that such transfers may occur, and that any acquirer of Company may continue to use your Personal Information as set forth in this policy.

Grundsätzlich müssen alle Nutzerinnen und Nutzer bei kostenlosen Diensten im Internet von einer indirekten Bezahlung in Form von personenbezogenen Daten ausgehen. Soweit das heute vorauszusetzende Grundverständnis der digitalen Geschäftsmodelle. Insofern handelt anybeat beim legitimen Verkauf – was auch sonst, sie sind nicht gezwungen, den Dienst bis in alle Ewigkeit mit Verlusten zu fahren – im Rahmen der eigenen Richtlinien. Dennoch wäre bei einem Dienst, der gerade auch wegen seiner Anonymität in der Community genutzt wurde, besser beraten gewesen, mehr Transparenz bei der Ankündigung an den Tag zu legen.

So bleibt dann aber nur weiter der Hinweis, dass Nutzerinnen und Nutzer immer auch im Hinterkopf behalten sollten, welche Daten und wie viel davon sie preisgeben wollen, wenn sie sich bei einem neuen Dienst anmelden. Bei großen Playern wie Twitter oder Facebook droht weniger die Gefahr des kompletten Verkaufs des Dienstes, aber doch auch dort wird die Nutzung bekanntlich bezahlt. Die Währung ist dann nur eine andere – die eigenen Informationen, Interessen, das Nutzungsverhalten und die Kontakte. Gerade diejenigen, die nicht sonderlich freigiebig mit ihren Daten umgehen oder gar eine eigene Parallelidentität für Testzwecke erschaffen, werden vor der allzu leichten Preisgabe ihrer Informationen gefeit sein. Anonymität oder nur Pseudonymität bleiben eine probates Mittel, um in der digitalen Sphäre ein wenig Kontrolle über eigene Informationen zu behalten.

Stummheit, soziale

Lassen wir mal wieder die Gedanken fliegen, nur von einem sanft gespannten Band gehalten. Vergessen wir, nur für einen Moment, die engen Grenzen des dialektischen Argumentierens und intellektueller Grübelei. Nun gilt es die Eindrücke zu sammeln, die so aufgelesen werden, wie sie kommen oder wir sie erreichen.  Meine Gedanken weht es in eine Richtung. Meine Gedanken weht es in eine Richtung. Gibt es eine neue Staatlichkeit im Internet? Weiterlesen

Beat da ‚any

Hey,  ich glaub’s nicht. Jetzt konnte ich mich auch einmal anmelden. Und was nun? Ehrlich, ich weiß es nicht genau. Was kann ich hier machen? Es gibt Groups, Chats, People und Rangers. Rangers, keine Ahnung, was das sein soll. Der Rest ist ja eigentlich selbsterklärend. Im Vordergrund steht die Kommunikation mit Leuten in Chats, gerne auch in Gruppen. Gibt’s dafür nicht IRC oder eben andere Protokolle? Weiterlesen

Anybeat, anywho?

Ein neuer Versuch eines sozialen Netzwerkes kommt reichlich ambitioniert daher, wenn es um die ‚exklusive‘ Berichterstattung auf Mashable geht. Dort darf Dmitry Shapiro, einer der Gründer von Anybeat, dem besagten neuen Player auf dem Feld der sozialen Netzwerke, reichlich reflektiv breittreten, was ihm am Herzen liegt. Man möchte einen sozialen Raum schaffen, in dem der freie Austausch von Meinungen wichtiger sei, als die persönliche Identifizierung der Nutzerinnen und Nutzer. Man fördere also die Pseudonymität der Nutzerinnen und Nutzer. Das schaue ich mir doch einmal an, wenn so hehre Ziele herangezogen werden. Weiterlesen