Kleine Medienkritik zum Germanwings-Absturz: Fünf Ärzte sind nicht erstaunlich viel

Irritiert bin ich. Am liebsten hätte ich nichts zu dem verheerenden Absturz der Germanwings-Maschine geschrieben. Und wenn schon, dann etwas sehr langes. Aber eigentlich teile ich die Haltung, die Robert M. Sapolsky in der Los Angeles Times dazu eingenommen hat. Was mich jetzt nun doch einige kurze Sätze zu schreiben zwingt, ist ein weiteres kleines Detail in der Schnappatmung der Medienberichterstattung zu diesem Ereignis.

Aufmerksam wurde ich durch einige Absätze zu der vermeintlichen Schar an Ärzten, die der Kopilot besucht haben soll, bevor er nach jetzigem Stand der Ermittlungen die Maschine bewusst zum Absturz brachte. Letztlich ist der kleine Artikel im Independent erstaunt, von fünf Ärzten zu hören, die der Kopilot zuvor konsultiert haben soll. Der Independent beruft sich auf eine kurze Notiz auf SPON vom vergangenen Freitag. Im Zentrum bei SPON steht folgende Aussage:

"Für einen jungen Mann hat er eine erstaunliche Anzahl von Ärzten konsultiert", heißt es aus Kreisen der Ermittler.

Ich nehme an, dass die zitierten Ermittler genauso wie ich keine Expertise im Umgang mit der Behandlung von gravierenden psychischen Erkrankungen haben. Der SPON-Artikel hat das Erstaunen über die Zahl schön in einem Zitat begraben, dennoch wundere ich mich, wie die letztlich mit fünf bezifferte Zahl an Ärzten, unabhängig vom Alter der Betroffenen, als herausragend hoch angesehen werden sollte. Fünf Ärzte, darunter welche aus den Gebieten der Neurologie und Psychiatrie. Ich bin beileibe nicht vom Fach, aber übermäßig, erstaunlich oder furchteinflößend hoch kommt mir das nicht vor.

Nehmen wir eine hausärztliche Behandlung mit rein, dann eine psychiatrische Untersuchung und noch die Neurologie. Das sind schon drei. Fünf ist gar nicht mehr weit weg, aber spielen wir mal weiter. Es geht, alle sind sich einig, um eine äußerst schwere Erkrankung. Da verschiedene Ärzte aufzusuchen ist wohl nicht abwegig. Zumal selbst Laien wie mir klar ist, eine psychische Erkrankung ist weniger einfach zu diagnostizieren, geschweige denn zu behandeln als Magenschmerzen. Aber selbst für Magenschmerzen ist man von der Allgemeinmedizin schnell an die Gastroenterologie und Internisten verwiesen. Am Ende wissen wir nicht, wie es genau zu fünfen kam, aber abwegig erscheint es nicht, dass ein Mensch eventuell auch noch eine zweite neurologische Meinung wollte, eventuell die psychiatrische Behandlung wechselte, weil der Patient kein Vertrauen hatte oder auch weil der Kopilot gerade nicht in der räumlichen Nähe zu den üblichen Ansprechpartnern war.

Das ist mir eigentlich schon zu viel Spekulation um ein Ereignis, um das herum viel zu sehr spekuliert wird. Auffällig finde ich aber, wie nationale und internationale Medien mit teils ungebremster Vorstellungskraft zu den Vorgängen spekulieren. In der Berichterstattung aber womöglich banalster Ereignisse fehlt dann wiederum gerade diese Vorstellungskraft, um eine Information etwas nüchterner einzuordnen. Die fünf verschiedenen medizinischen Stellen wären nicht dramatisch, auch sieben nicht. Noch mehr tatsächlich wären auch keine beängstigende Zahl. Es geht um eine schwere Erkrankung. Die journalistische wie auch die menschliche Pflicht gebieten, mit Sorgfalt und Gelassenheit die verschiedenen Informationen zu sortieren. Dann sollten sie geklärt und erklärt werden. Aus der Zahl der Ärzte, die teils sensationalistisch beschrieben wird, ergibt sich nichts außer einem weiteren Beleg, dass der Kopilot anscheinend unter einer sehr schweren Krankheit litt. Einer Krankheit, die nach derzeitigem Stand hundertfünfzig Menschenleben kostete. Das ist eine Zahl, die tatsächlich bedauerlich ist. Sie sollte auch nüchtern machen.

Radisch Rises

Iris Radisch hat die Feder gespitzt, versäumte in ihrer Kritik jedoch, den Verstand zu schärfen. Ihre Kritik an vermeintlich abwiegelnden, apologetischen Rezensionen von The Dark Knight Rises vor dem Hintergrund der Geschehnisse in Aurora kommt bar jeder Argumentation daher. Es ist ein gedankenfaules Suggestivkonstrukt und damit ein prachtvolles Beispiel zwanghaft intellektualisierender Dissensrhetorik.

Alles beruht auf einer einzelnen, plumpen Argumentfassade der korrelierenden Ereignisse in Film und Wirklichkeit. Mit der unterstellten Eilfertigkeit der Filmrezensenten verquickt, wird daraus die Filmkritik-Kritik Radischs:

Alle sind sich einig: Wenn ein maskierter, schwer bewaffneter Mann einen Film, in dem ein maskierter, schwer bewaffneter Mann Menschen massenmordet, unterbricht, um Menschen massenzumorden – hat das eine mit dem anderen natürlich rein gar nichts zu tun.

Natürlich. Nur Radisch hat’s bemerkt. Sie macht es sich aber auch allzu einfach. In zweierlei Hinsicht ist ihre Kritik unlauter. Erstens reduziert sie die Gedanken der kritisierten Rezensenten auf ein lächerliches Minimum, etabliert so einen grandiosen Strohmann, auf den sich leichter einschlagen lässt. An zweiter Stelle unterlässt sie jede kausale Erklärung.

Radisch wirft den Rezensenten bei der Zeit selbst, wo auch ihre Kritik erschien, aber beispielsweise auch bei Spiegel Online vor, die Tat als brutalen Akt eines psychotischen Einzeltäters abzutun, die in keinster Weise mit der im Film repräsentierten Gewalt in Verbindung stehe. Wenn dem nur so wäre. Wenn Radisch da nicht nur die Rosinen gepickt hätte, die ihre Kritik süßen sollen.

Andreas Borcholtes Rezension bei Spiegel Online liest sich aber doch anders, als Radisch sie ihren Zeilen zufolge gelesen und vor allem umgedeutet hat.

Der Attentäter, der seinen Anschlag offensichtlich seit Monaten geplant hatte, konnte diesen Film nicht einmal gesehen haben. Die Vorführungen in Aurora gehörten zu den landesweit ersten Premieren in den USA. Vermutlich hat sich Holmes das Mitternachts-Screening nur deshalb ausgesucht, weil ihm ausverkaufte Kinosäle ebenso garantiert waren wie weltweite mediale Aufmerksamkeit. Selbst wenn sich James Holmes einigen Angaben zufolge „Joker“ nannte, wie ein besonders wahnsinniger Gegner des Comic-Detektivs, so trägt der Regisseur keine Verantwortung für die Hirngespinste eines psychisch kranken Menschen.

Borcholte negiert die von Radisch so frappierend ähnlich beschriebene Handlung von Kinosaal und Leinwand nicht. Im Trubel der Gerüchte und Spekulationen um das Auftreten des Täters während der Morde sind gesicherte Informationen rar. Borcholte schließt eine Verantwortung für die Tat aus, dies deshalb, weil er durch eine solche Verantwortlichkeit der Kunst für reale Ereignisse die Kunstfreiheit gefährdet sieht. Es geht nicht darum, ob Borcholte dies Position gut untermauert, nur darum, dass er sich weit weniger plump zur Verteidigung der Filmkunst eilt. Und dabei auch nicht die Parallelen zwischen Wahrheit und Fiktion übersieht.

Noch weniger unreflektiert ist Adam Soboczynski in der Zeit. Vom unterstellten Leugnen der Spiegelung keine Spur. Im Gegenteil.

Schöbe man der Filmsprache Hollywoods die Verantwortung für die Gewalttat zu, wäre der Täter entschuldigt. Der ließ sich zwar offenbar durch die Ästhetik von Actionfilmen zu seiner blutigen Performance inspirieren – wofür der monströse Auftritt mit Tränengas-Granaten im Kino und die Zündfallen in seiner Wohnung sprechen. Doch ist Attentätern seit je eigen, dass sie mit ihrer »paranoischen Vernunft« (Manfred Schneider, Das Attentat; Berlin 2010) die Zeichen ihrer Umwelt – die konsumierten Filme, Bücher und Nachrichten – ganz für die eigenen Zwecke ausdeuten.

Hier geht es doch gerade um die Ähnlichkeit zwischen Film und Geschehenem. Soboczynski argumentiert aber klar und deutlich im Sinne einer ästhetischen Imitiation der Filmsprache des Täters für einen brachialen, brutalen Effekt. Die Bluttat als aufmerksamkeitsheischende Perversion der Kunstrezeption. Auch das ist nur eine Position. Eine, die nicht geteilt werden muss. Sie ist aber von Radischs Wahrnehmung der unbedarften Entschuldigung des Films weit entfernt. Sowohl Borcholte als auch Soboczynski stellen auf Fragen der Verantwortlichkeit der Kunst ab, gerade weil die Grenzen in diesem Fall verschwammen.

All das disqualifiziert Radischs Ausfall schon als Hirngespinst. Dennoch ist irritierend, wie wenig sie sich um eine Untermauerung der eigenen Aussage bemüht. Im obigen Zitat ist ihre Haltung negativ formuliert, muss erst aus den Nebelschwaden der Analogie rekonstruiert werden: Durch die schnippische Kritik an der vermeintlichen Leugnung der Parallelität der Ereignisse suggeriert sie, die Frage nach einem Zusammenhang würde negiert. Im Umkehrschluss heißt dies, dieser müsse aber zumindest geprüft werden. Ein Schleier der Mutmaßungen legt sich in den Raum des Diskurses.

Diesen Nebel lichtet sie nicht, sie nutzt ihn mit aller suggestiven Kraft für ihre Zwecke. Aller kausalen Begründungen ist ihr Artikel entleert, nicht die geringste Spur einer logischen Erklärung, die einen Sinn daraus machen würde, warum die Tat vom Film inspiriert war, weshalb die Filmemacher dafür verantwortlich zu machen sind oder warum dies überhaupt relevant wäre. Nichts davon. Sie hätte so viel herbeischreiben können. Etwa eine Herleitung über den Werther-Effekt. Eine kausale Kette der Leben-imitiert-Kunst-Hypothesen, die ihre Kritik fundieren könnten. Irgendetwas. Aber nichts davon. Das wirkt bestenfalls noch selbstgefällig.