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Und es wird sie geben, diese Esoteriker, die Artikel wie den folgenden als falschen Belastungszeugen gegen die ‚Schulmedizin‘ heranziehen. Dabei ist es gar nicht so schwer. Der Wissenschaftsbetrieb, oder besser: Wissenschaftsbetriebe, haben ihre systemischen und institutionellen Probleme. Gerade die implizite Währung der Reputation wird von einigen oligopolistischen Rufbanken verwaltet, die wissenschaftliche Kontrolle kann da sehr wohl unterminiert werden. Aber das heißt nicht, das jahrtausendealte Quacksalberei in derselben Liga spielt.

David S. Gallant hat nicht nur das tolle I Get This Call Every Day gemacht, für das er seinen Job verlor. Gallant hat auch einen beneidenswerten Idealismus, der mehr von Spielen, der Szene und der Industrie erwartet. Und auch ihm geht der Sexismus in der Indieszene gegen den Strich.

Es gibt anscheinend unzählige Wege für Politiker und Politikerinnen sich den akademischen Schritt oder die Brust auszustopfen. Wie bei allen Blendversuchen ist es meist nicht nötig. Bringt doch nichts.

Die Dokumentationen Paradise Lost sorgen bei mir immer für Gänsehaut. Sie zeigen die Niedertracht religiöser Eiferer, die in jeder sozialen Normabweichung buchstäblich den Leibhaftigen erblicken. Die West Memphis Three haben einen großen Teil ihrer Leben an die Eiferer, die Heuchler, die Blender und die inkompetenten Rechtsverdreher verloren.

Es stellt sich die Frage, warum die imposanten, gebildeten Fußballer anscheinend nicht das Zeug zum Star haben. Es gibt sie, diese Typen mit Charakter, aber eben nur mit wenigen Einsätzen.

Was von solch reißerischen Experimenten zu halten ist, kann ich als Laie kaum einschätzen. Etwas mehr Einordnung wäre mir lieb gewesen, denn dem Markt traue ich ja alles zu. Ob er aber solches Raubtier ist, dem die Moral zum Opfer fällt, klingt nach einer starken These, die starke Belege braucht. Also bleibe ich erst einmal bei: interessant.

In Hollywood dreht die Maschine noch zugunsten der Regisseure, ihre Kolleginnen haben damit zu kämpfen. Sage nicht ich, sondern die Chefin eines großen Studios.

Der neue Film hatte mir gefallen, doch hatte ich den offenkundigen Sexismus bislang nicht angesprochen. Andere haben das schon längst erledigt. Zudem gibt es auch zur Besetzung des Films etwas in Sachen Whitewashing zu sagen.

Star Trek Into Darkness

Den ständigen Druck gigantistischer Ansprüche im Nacken, bricht Star Trek in die Dunkelheit auf. Seltsam steigt der zweite Teil ins Geschehen ein, reißt Kirk und McCoy in die Flucht vor den dem Untergang geweihten Einheimischen einer fremden Welt. Pfeile surren durch die Luft des knallbunten Planeten, der bedeutungsschwanger Nibiru getauft wurde. Das primitive Volk soll doch nur unter Einhaltung der obersten Direktive der Sternenflotte vor der Vernichtung durch einen Vulkanausbruch gerettet werden. Unter den Schreien der Ureinwohner, der Crew der Enterprise und einer auf elf hochgedrehten Krawallkulisse entscheidet sich Kirk natürlich gegen die Direktive und für das Leben seines Freundes Spock, der allerdings lieber für seine Prinzipien gestorben wäre. J. J. Abrams führt eine unübersichtliche zweite Modernisierung in die ersten Minuten, alles blitzt und blinkt in prallen Bildern, aber müder Dramaturgie.

Auch nach den Fanfaren des Titels ebbt Star Trek Into Darkness‘ satter audiovisueller Bombast nicht ab. Nahezu die komplette Entwicklung Kirks im ersten Teil wird über Bord geworfen, der frühreife Pennäler in Uniform verliert schnurstracks wieder die Kapitänswürde. So überdeutlich dreht der Film das Rad der Zeit zurück, dass der zweite Teil der Modernisierung allein schon den ersten Teil des Reboots zitiert. Der Schwerenöter Kirk, der noch jede exotisch maskierte Aliendarstellerin ins Bett gekriegt hat, die Musik der Beastie Boys, eine unvermeidliche Belehrung durch seinen Mentor in einer Bar. Warum auch immer, dieser Kirk soll aber die einzige Hoffnung der Sternenflotte sein, da sich ein mysteriöser Feind aus Schutt und Asche seiner Terroranschläge auf Sternenflotteneinrichtungen erhebt. Unter den zitternd anschwellenden Streichern, die nach Bösewicht schreien, damit auch alle im Kinosaal verstehen, dass uns da das personifizierte Böse durch die vierte Wand anstarrt, stilisiert der Film Kirk zum blindwütigen Soldaten. In nur einer halben Stunde hat Star Trek Into Darkness damit den etwas steifen Humanismus und teils naiv wirkenden Idealismus des Originals völlig entkernt. Kirk erhält sein Schiff für eine spontane Racheaktion zurück, der flüchtige Terrorist soll mit aller Gewalt umgebracht werden. Also die fragwürdige Fortsetzung der gezielten Tötung und Drohneneinsätze im Blockbusterkino, wo nun auch die Sternenflotte faschistoide Züge annimmt, was sich nicht zuletzt auch am neuen Uniformismus der Sternenflotte, aber auch an den SS- und Stormtrooper-entlehnten Uniformen erkennen lässt.

Nach einer halben Stunde war ich bereit, den teuer bezahlten Platz im Saal zu verlassen, denn Star Trek lag moralisch am Boden. Da erhob Spock die Stimme. Gegen die amoralische Mission. Gegen die außerrechtliche Tötung. Ob es ein Terrorist ist oder auch nicht. Gegen die Vereinnahmung der Enterprise durch eine klandestine Geheimabteilung der Sternenflotte, die Spock mindestens genauso suspekt ist wie die undurchschaubaren Motive des gesuchten Terroristen. Kirk nahm es zur Kenntnis. Und auch der Chefingenieur Scott weigert sich, ein Schiff, sein Schiff, mit offensiven Torpedos zu bestücken, deren Mechanismen ihm vorenthalten wurden. Aber es ist nicht nur Scotts gekränktes Ego und Sicherheitsbewusstsein als Techniker, unbekanntes Waffenmaterial in die Nähe seines Reaktors zu lassen. Auch er hält die Enterprise nicht für das Kriegsschiff, das Kirk auf Geheiß der Sternenflotte aus dem Schiff macht. Scott quittiert seinen Dienst. Das hinterlässt Spuren bei Kirk.

Der erste Anlauf Abrams‘ im Star Trek-Universum glühte nach einem furiosen Beginn allmählich aus. Im zweiten Film hat sich die Entwicklung verkehrt, das Team der üblichen Verdächtigen um Abrams bringt die Ideale Gene Roddenberrys teils aus Unvermögen, aber mehr noch aus beeindruckender Hinterhältigkeit an den Rande des Zusammenbruchs. Dem aufgeklärten Idealismus Roddenberrys scheinen sie einen bombastischen Obskurantismus entgegenzusetzen. Doch ist es eine gelungene Finte, denn mit Spocks rationalen und Scotts leidenschaftlichen Einwänden gegen die militaristische Lynchjustiz kehrt die Vernunft aus der Dunkelheit zurück.

Ich fiel zurück in meinen Sitz, nun war es Star Trek, für einen Blockbuster mit jeder Minute facettenreicher, packender, mitreißender. Into Darkness ist in jeder Hinsicht dem ersten Teil überlegen, denn nach der Auflösung dieser Finte, brachen hinter den Masken der Figuren die Persönlichkeiten der Crew auf. Es ist allemal ein Blockbuster, kein tief schürfendes Erzählkino, doch immerhin verliert Abrams zu keinem Zeitpunkt den Blick für die Crew, auch wenn es lauter und hektische zugeht, als in allen bisherigen Filmen der Reihe.

Allen wird nicht nur ein einzelner Triumph gegönnt, das Buch sieht für die gesamte Crew stimmige Momente und Entwicklungen vor. Besonders Spock rückt in den Fokus. Nicht nur wegen seines hervorragenden Vorbildcharakters als ratinalem Akteur einer säkularen Ethik, sondern wegen seiner nachvollziehbaren Wandlung zu einem liebenswürdigen Vulkanier, dessen menschliche Seite häufiger ausbricht, als die Vorlage es vorsah. Zachary Quinto ist ein perfekter alternativer Spock. Er macht die moralische Kraft der Vernunft nachvollziehbar, nimmt aber auch der vulkanischen Gefühlskälte die Kraft. Abrams hat eine alternative Formel gefunden, die ebensowenig subtil ist wie Shatners Kirk, sich vor dem Original selbstbewusst verbeugt, den Kopf dann voller neuer Ideen und Wandlungen hebt. Am Ende stand mir der Schweiß auf der Stirn, das Adrenalin pulsierte und in meinen Augen glühte die Begeisterung. Star Trek Into Darkness ist düsterer, emotionaler, packender und witziger als die meisten anderen Star Trek-Filme und mindestens ein ebenso komplexer Blockbuster wie es First Contact war. Nur nicht so hölzern inszeniert.