Wenn sie aber

"Hey!" Es hatte kurz vor diesem Ruf dumpf gerumpelt. Die offenkundige Überraschung ließ die Stimme vibrieren, ehe sie wieder Form fand. Mit dem letzten Laut verfestigte sich der Ruf, es folgte ein Schweigen, das gefährlich wirkte. Es war eine wütende Stille. So hing die Wut in der Luft.

"Was soll das?" Die Frage war ein bedrohliches Zischen. Das Zischen und der laute Ruf stammten von derselben Person, doch viele hätten wohl ihre Zweifel daran gehabt. Zu groß schien der Bruch zwischen dem Ruf und der Frage, ganze Welten trennten ihre Tonlagen. Es folgte das fehlende Glied zwischen beiden, ein ausuferndes Grollen, jeweils auf der ersten Silbe betont: "WA-rum TRE-ten SIE MICH?"

"Ihr Bein hat da nichts zu suchen.", antwortete eine zweite Stimme. Sie gehörte dem Anschein nach einem älteren Mann. Dieser schien alle Ruhe in seine Antwort legen zu wollen, an allen Rändern schwappte sein Tonfall jedoch in zittrigen Wellen über.

"Was?" Die Antwort fachte die Wut nur an. "Das ist doch kein Grund, mich hier zu treten." Mit jeder Silbe schwoll die Stimme an.

"Wenn sie aber…"

"Was ABER? Das ist kein Grund zu treten! Fick dich. Arschloch. Was für ein Penner! Was soll das? Das ist kein Grund zu treten…" Die Schimpfwörter hörten nicht mehr auf, unterbrochen nur von heftigem Schnaufen. "Deine Mutter…fickt … Fick deine Mutter. Du hinterletztes Arschloch, ey. Mich treten … einfach treten … warum? … der … Fick …"

Die Wut ließ nicht nach. Die erste Stimme wurde mit der Zeit nur leiser, bis sie irgendwo in der Ferne verschwand. Von der zweiten Stimme kam ohnehin nichts mehr.

Kennt ihr das Kitzeln in den Augen?

“Does anyone ever get this right? I feel no love.”, säuselte die Stimme in mein Ohr, bevor die Musik aus meinen Kopfhörern anzog. Das Schlagzeug setzte müde ein, da betrat ich die Bäckerei. Ich hörte nichts außer der Musik, nicht einmal meine Stimme, als ich artig “Guten Tag“ in den dunklen Verkaufsraum rief. Auf eine ebenso artige wie routinierte Antwort achtete ich gar nicht erst. Es war ja nur ein Reflex, genauso war es ein Reflex, dass ich um diese Zeit einen Bäcker suchte, um eine meist viel zu trockene oder kaum gebackene Brezel zu kaufen. Blinde Gewohnheit.

Ich ging an der ausladenden Theke vorbei, mir blieb nicht viel Platz zwischen der abgeschrägten Glasvitrine und den Stehtischen mit ihren Plastiktischdecken. In der hintersten Ecke, wo es noch am dunkelsten war, stand ein Kühlschrank. Ich konnte noch gut etwas trinken, um den trockenen Laugenteig runter zu bekommen. Ich nahm mir also eine Flasche Mineralwasser, mehr war nicht in dem Kühlschrank, der auch schon bessere Tage gesehen hatte. Die Beleuchtung ging nicht, die Tür hing auch sehr freizügig in den Scharnieren. Als ich den Kühlschrank schließen wollte, klemmte die Tür. Ich stemmte mich gegen sie, bis ich überzeugt war, nicht mehr tun zu können.

Aus meinen Kopfhörern sang immer noch die Stimme, sie hörte sich wenig hoffnungsvoll an. Das letzte Wort brach nur zögerlich hervor, nicht jubelnd, wie es eigentlich verwandt wird: “I speak, I breathe, I’m incomplete. I’m alive. Hooray.“ Ich setzte die Kopfhörer ab, um mich besser mit der Verkäuferin unterhalten zu können. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch so wenig von der Bäckerei gesehen, ich wusste eigentlich noch nicht, dass hinter der Theke eine Verkäuferin wartete. Aber die Erfahrung, auf die ich mich verließ, sagte, es wären in Bäckereien eigentlich immer nur Verkäuferinnen anzutreffen. Und so war es. Vor den beinahe ausverkauften Körben mit.Broten an der Wand stand eine Frau mittleren Alters. sie hatte rostbraunes Haar, das sie zu einem wirren Zopf gebunden hatte, aus dem sich aber schon einige Strähnen befreit hatten. Sie stand reglos in ihrer weiß-gelb gestreiften Schürze vor der Kasse und sah durch die große Glasfront auf die Straße hinaus.

„Ich nehme einmal das hier“, sagte ich und hob die Flasche auf die Theke, “und dann noch eine Brezel, wenn sie noch eine haben, bitte.“ Ich konnte keine Laugenbrezel sehen, ich wollte den Appetit darauf aber noch nicht aufgeben. Meiner Bitte folgte keine Reaktion. Erst jetzt bemerkte ich, dass die Verkäuferin nicht auf die Straße blickte. Sie sah auf etwas, das mir verborgen war. Sie sah eine Erinnerung vor ihrem inneren Auge, einen Gedankenblitz, der sie mit ihrem Innenleben so verschmolz, dass sie keine Regung nach außen zeigte. Nur ihren flachen Atem bemerkte ich, ansonsten stand sie still an ihrem Platz. “Entschuldigung“, sagte ich, denn ich wusste nicht, was ich sonst sagen sollte. Es kam mir zu brachial vor, sie mit lauten Tönen oder hektischen Gesten vor ihrem Gesicht auf mich aufmerksam zu machen. Sie war eindeutig so weit in sich versunken, dass ich sie nur brutal hätte herausreißen können. Aber das wollte ich nicht. Da außer uns niemand im Laden war, beschloss ich, einfach noch einige Momente zu warten.

Es kam mir länger vor, als es wohl tatsächlich dauerte, doch ich war kurz davor, die Bäckerei unverrichteter Dinge zu verlassen, da sprach sie in ruhigem Ton: “Kennen sie das?“

Ich wusste nicht, ob sie mit mir sprach. Ihr Augen regten sich nicht, ihr Gesicht auch nur so weit, wie es für die Wörter notwendig war. Ich war mir also nicht sicher, wem die Frage galt und fragte dementsprechend zurück: “Was kenne ich?“

“Kennen Sie dieses Gefühl, wenn es in den Augen so kitzelt? Weil unter der Haut sich die Tränen sammeln. Aber nichts kommt raus. Haben sie das auch manchmal?“

“Ja“, sagte ich, “das kenne ich.“ Wäre ich noch ehrlicher gewesen, hätte ich ihr gestanden, gerade in diesem Moment von dem Gefühl überrollt zu werden. Mich erstaunte schon, dass ich überhaupt so direkt antworten konnte. Ich antwortete beinahe beiläufig, reflexiv sogar. Diese Reaktion von mir war aber Bannzauber genug, denn nun sah ich in ihren Augen wieder ein klares Bewusstsein. Wo immer sie in Gedanken war, sie war dort nicht mehr. “Geht es ihnen gut?“, fragte ich sie.

Sie lächelte als wäre es ihr peinlich. Als wüsste sie, dass für einen kurzen Blick dieser unsichtbare Schutzwall zwischen Menschen brüchig war. “Alles bestens. Ich war nur gerade abgelenkt.“ Sie nahm die Wasserflasche, scannte den Strichcode ein: “Darf’s noch etwas sein?“

Ich war so perplex, ich verneinte. Irgendwie, ich weiß nicht wie, wechselte das Geld für das Wasser den Besitzer. Ich verließ die Bäckerei, völlig in Gedanken versunken. Als die Tür hinter mir lag, setzte ich die Kopfhörer wieder auf. “Land of the free, lobotomy“, das hörte ich noch vom Gesang, danach machte ich die Musik wieder aus. Nach solcher Musik war mir gerade nicht mehr.

Ein Grund wurde nicht genannt

An einem besonders kalten Sonntagmorgen lief ich von der Innenstadt nach Hause in die Wohnsiedlung am Rande der Stadt. Ich war leicht angetrunken und wollte so schnell wie möglich in mein Bett fallen. Die Kapuze meiner Jacke hatte ich mir weit ins Gesicht gezogen. Nur wenige Meter von der Haustür entfernt hörte ich eine stramme Männerstimme, ich verstand nur nicht, was gerufen wurde. "Polzei, stehenbleiben.", das verstand ich und drehte mich um. Ein Polizist baute sich vor mir auf, seine Kollegin blieb im Hintergrund. "Personenkontrolle. Ihre Ausweispapiere."

Ich gab ihm meinen Ausweis. "Was ist denn los?"

"Was machen sie hier?", fragte er, während er meinen Ausweis musterte.

"Sie haben doch eben gelesen, wo ich wohne", ich zeigte mit dem Finger auf die beleuchtete Hausnummer über der Haustür zu meiner Wohnung, "ich gehe nach Hause."

"Nicht frech werden.", bellte er mich an. Dabei sah er mich nicht einmal an, prüfte weiterhin nur meinen Ausweis. Es war klar, dass er erwartete, mit der Form von Respekt behandelt zu werden, die ich eher als Unterwerfungsgeste ansah. So leicht wollte ich mich aber nicht von ihm beeindrucken lassen: "Was ist daran frech, wenn ich ihre Frage beantworte?"

"Der Tonfall."

"Mein Tonfall ist einer, den ein Mensch benutzt, wenn kurz vor der Wohnungstür bei dieser Kälte und Uhrzeit eine Personenkontrolle durchgeführt wird."

Jetzt richtete er seinen Blick auf mich in dem Versuch, durch mich hindurch zu sehen. "Wir können das hier auch ganz anders regeln."

Ich lachte verzweifelt. Er pumpte seine Lunge mit der kalten Luft auf, wodurch sein Brustkorb sich mir entgegen wölbte. Mit seinen Augen bohrte er in meine. Ich wartete auf eine Reaktion von ihm, es geschah aber nichts. Er sah mich nur an. Das Funkgeräte seiner Kollegin krächzte einen Funkspruch; daraufhin tippte sie den aufgeblähten Polizisten an der Schulter an. Er gab mir nur den Ausweis zurück, sie ließen mich einfach stehen.

Am Montag darauf erfuhr ich aus der Zeitung von einer Reihe von Einbrüchen in meiner Straße, weshalb ich wenigstens nachvollziehen konnte, warum es zu der Kontrolle kam. Es war einer der wenigen Momente in meinem Leben, in dem ich aus meiner Sicht grundlos verdächtigt wurde, weil ich zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt, männlich und weiß war.

Skyrim: Erzähl mir was

Warum sollte ich einen Hehl daraus machen? Diese Woche wird davon bestimmt, dass ich endlich Skyrim habe. So voluminös es ist, will ich hier gar nicht groß wiederholen, was andere schon – und wohl auch besser – geschrieben haben. Bethesda speit spielerisches Feuer. Kaum einem Team ist es in den letzten Jahren gelungen mich stets zu überzeugen. Vielleicht noch Rockstar, aber dann wird es auch schon eng. Und selbst an den hohen Maßstäben gemessen, Skyrim ist eine ganz eigene Bestie. Groß, wuchtig, klug, atmosphärisch, schön und erhaben. Ich will mich aber vor allem darauf konzentrieren, wie stark sich Bethesda mittlerweile darauf versteht, Geschichten zu erzählen. Weiterlesen