Nicht Frieden, aber Seelenwaffenstillstand

Loslassen konnte ich die Gedanken in den letzten Tagen nur selten. Am Samstag war es von Hilflosigkeit und Erniedrigung genährte Wut, Sonntag wich sie einer kalten Frustration. Es musste doch möglich sein, mir einen Reim auf das Geschehene machen zu können; ein sicheres Empfinden geltendes (Grund-)Recht wiederherzustellen? Abgeschüttelt habe ich die lähmenden Gedanken noch nicht vollends, immerhin kann ich aber mit ihnen arbeiten. Schon im meinem Freundes- und Bekanntenkreis erfuhr ich Zuspruch, sodass ich mich  nicht in der Minderheit wähnen musste, was das Gefühl angeht, es wäre nicht einwandfrei gelaufen. Ich wusste nicht, wohin mit alledem.

Ein kleiner Hinweis – vielen Dank dafür – erinnerte mich daran, ja einen Polizisten hier in Hessen persönlich zu kennen. Es war genau das, was ich brauchte. Einen persönlichen Einblick in die möglichen Motive und Gründe, die den Beamten geleitet haben könnten. Die persönliche Erfahrung aus der Binnenperspektive des Gegenübers. Hastig griff ich zum Telefon, die Aussicht auf innere Ruhe war zu groß. Niemand hob ab, also schrieb ich eine ausladende Mail.

Wir waren gerade mit der wöchentlichen medizinischen Untersuchung der kleinen Nager beschäftigt, da klingelte mein Telefon. War es die Antwort auf meine Mail, es war doch erst etwas weniger als eine Stunde vergangen? Zum Leidwesen meiner Freundin, überließ ich ihr die Arbeit und eilte ins Wohnzimmer. Ich musste Klarheit haben.

Tatsächlich war es der erhoffte Anruf – vielen Dank auch hier. „Du hattest also eine – wie hattest du es geschrieben?“, seine Stimme malte Anführungszeichen, „unangenehme Begegnung mit einem Kollegen?“* Mir gefiel das zurückhaltende Lächeln in seiner Stimme sofort. Nicht trivialisierend, stellte es eine gute Grundlage her, nicht zu verkniffen, doch offen über die Situation zu sprechen. Es klang nach dem, was ich brauchte.

Er kam auch gleich zur Sache. Ohne Umschweife kam er darauf zu sprechen, dass ich mich in der Theorie aus seiner Sicht in diesem Fall im Recht befand. Er bemühte sich vor allem aber auch, insgesamt erfolgreich, mir die Perspektive aus Sicht eines Polizeibeamten zu erläutern. Auf der rechtlichen Seite stimmte er mir zu, im Wesentlichen korrekt die geltende Rechtslage erfasst zu haben. Neben den von mir angeführten Rechtspassagen verwies er mich auch noch auf die Paragraphen 102, 103 und 105 der Strafprozeßordnung, die aber nach meiner Meinung auch in diesem Fall in meine Richtung ausschlagen dürften.

Doch die rechtliche Seite ist ja nur Teil des Ganzen, die reale Situation und das Verhalten des Beamten sind die andere. Deshalb wollte er, auch weil er die Situation nur aus meiner Darstellung kannte, verständlicherweise eine mögliche Erklärung geben, die das Verhalten seines Kollegen weniger als die von mir aufgefasste Aggression erklären könnte. „Ehrlich, ich mache das ja jetzt auch schon eine Weile“, er musste lachen, „aber ich hatte noch nie jemanden, nicht einen, der die Tür öffnete und mir aber beim Betreten der Wohnung sinngemäß Artikel 13 aus dem Grundgesetz nennt, um mir den Zutritt zu untersagen.“ Da musste ich auch lachen, daran hatte ich nicht gedacht. Ich ging tatsächlich davon aus, dies müsse häufiger vorkommen. Da habe ich wohl zu schnell von mir auf die Mehrheit der Gesellschaft geschlossen. Mir wurde vor allem klar, wie sehr Polizisten gerade bei anscheinend banalen Situationen eine grundlegende Spannung an den Tag legen. Denn auch diese Situationen könnten, die Erfahrung zeige das, sehr leicht eskalieren. Das Interesse der Beamten ist also stets die Eigensicherung.

Wir unterhielten uns noch eine lange Zeit, wir waren aber schon schnell an dem wesentlichen Punkt angelangt. Die auch für mich schnell als plausibelste Erklärung verbliebene Interpretation der Lage war die, dass es eine unglückliche Verkettung ungünstiger Umstände war. Meine Annahme war, dass Polizisten mit solchen Situationen umzugehen gelernt haben dürften. Doch anscheinend hatte der Beamte am Freitag tatsächlich keine routinierte Reaktion auf unsere beharrlichen Hinweise auf die Rechtslage parat, da diese alles andere als üblich ist. Aus seiner Sicht wäre er meinem Mitbewohner aus Gründen der Eigensicherung hinterher gegangen und dann von unserer Vehemenz überrollt worden. Für mich erklärt es vieles, was mir nicht gefallen hat.

In diesem Zuge erklärte er mir zum Abschied noch, dass er sich um transparente Erklärungen seines Handelns bemüht, um seinen Teil dazu beizutragen, solche Situationen zu vermeiden. Denn auch das war, was mich daran gestört hat. Es war unser, und nur unser Recht, das Betreten der Wohnung zu regeln. Hätte der Polizist uns seine Absichten nachvollziehbar erklärt, hätten wir wohl auch unseren Standpunkt beibehalten, aber eine Ausnahme gemacht. Schusswaffen in meiner Wohnung sind für mich ein Tabu, in der Situation ist es leider so verlaufen, dass mich das berechtigte Interesse des Beamten am eigenen Wohlergehen dazu brachte, eine Leichtfertigkeit im Umgang mit Grundrechten anzunehmen. Und da werde ich dann sehr aufgewühlt, wenn der Anschein der Leichfertigkeit von einem Bewaffneten ausgeht.

Und damit bin ich letztlich bei einer diffizilen Abwägung angekommen: Wie ist das berechtigte Interesse am eigenen Wohlergehen des Polizeibeamten mit dem ebenso legitimen Schutz meiner eigenen vier Wände zu vereinbaren? Eine wirklich schwierige Frage, es sind beides grundrechtlich geschützte Interessen, auf die mir gerade keine Antwort einfällt. In der Praxis ist durch die Forderung nach absolut transparenter Kommunikation – von beiden Seiten – schon viel gewonnen. Aber es bleiben erhebliche Gefahren offen.

So ist dann ein grundsätzliches Vertrauen – aber kein Vertrauensvorschuss – durchaus wieder gegeben. Ein gewisses Maß an Skepsis bleibt aber zurück. Denn, so sehr ich auch Verständnis für Polizisten aufbringen kann, ich kann auch nicht eine Einschränkung von essentiellen Sicherheits- und Schutzbedürfnissen meinerseits hinnehmen. Einige der Probleme, die ich mit der Handhabung solcher Vorgänge habe, sind mehr als zwischenmenschliche oder persönliche. Die Zurückhaltung und auch manches Mal Sorge um die Befugnisse der Polizei ist nichts, was ich mit Polizisten vor Ort klären sollte. Der Gesetzgeber hat diese zu regeln.

 

*Das dargestellte Gespräch ist eine von mir in Bezug auf die in diesem Blog dargestellten Ereignisse fiktionalisierte Dramaturgisierung.