Wie immer

Mit seiner Gehhilfe stieß der alte Mann die Tür zum Wartezimmer auf. Die Gehhilfe schob er in eine eigentlich viel zu kleine Ecke direkt neben der Tür und einem Stuhl, auf dem eine erkältete Patientin darauf wartete, aufgerufen zu werden. Eine Metallstange der Gehhilfe klirrte gegen eines der Stuhlbeine, die Patientin verstand die Aufforderung und erhob sich weit genug, um den Stuhl unter sich verschieben zu können, damit der Alte seine Gehhilfe dort abstellen konnte. Er nickte ihr zu, sie sah ihn nur kurz an, denn er war schon wieder zur Tür hinaus.

Im Flur waren seine kurzen, zittrigen Schritte zu hören, bis er den Tresen im Flur erreicht hatte, hinter dem eine Arzthelferin saß. Mit reibender Stimme raunte er der ihr einen Gruß zu. Danach gewann seine Stimme an Kraft, als er sie fragte: "Was war denn letzten Freitag bei ihnen los?"

"Da war der 27.", sagte sie mit aller Ruhe, die eine Arzthelferin mit den Jahren so annimmt.

Der Alte nahm dies als Herausforderung an: "Und das war der dritte Weihnachtsfeiertag, oder was?"

"Öhm, nein." Sie schob währenddessen Papiere, auf denen Vermerke in schludriger
Ärztehandschrift wucherten, in Ordner.

"Ich stand hier vor der Tür – verschlossen. Rolläden überall unten."

"Am Freitag? Da hatten wir doch offen."

"Hören Sie mal, ich war da. 15 Uhr. Wie immer. Keiner da."

Nun sah sie ihn mit glänzenden Augen an und erklärte seelenruhig: "15 Uhr. Da haben wir freitags nie auf. Hatten wir auch noch nie."

"Das muss mir einer sagen, ich komme immer um 15 Uhr. Das geht ja so nicht." In seiner Stimme klang ehrliche Empörung mit. Für einen Moment konnte er keine Worte mehr finden, still sahen sich beide an, bis sie aus einem der Kästchen mit Flyern und Informationen, das zwischen den beiden auf dem Tresen stand, eine Karte zog. "Aber sie haben doch unser Kärtchen. Sehen Sie, da steht das alles drauf."

"Ich weiß, aber da gucke ich nie drauf. Das geht so nicht. Ich bin immer um 15 Uhr da. Immer." Sie hatte die Hand mit der Karte ausgestreckt, er ignorierte die Karte aber völlig. Er sah die Arzthelferin nur noch mit scharfem Blick an.

Sie ließ sich nicht sonderlich von ihm aus der Ruhe bringen. Ihr Blick wanderte kurz an einen anderen Ort, der nicht mehr in der Welt vor ihr lag. Sie konzentrierte sich, als bringe sie nun wesentliche Informationen vor ihren inneren Auge zusammen. Nach wenigen Momenten wurde ihr Blick wieder klarer, sie sammelte ihre Stimme: "Hm, na ja, jetzt sind sie ja auch da und es ist neun Uhr."

Er musste schmunzeln, winkte kurz ab und schlich ins Wartezimmer.

Wenn sie aber

"Hey!" Es hatte kurz vor diesem Ruf dumpf gerumpelt. Die offenkundige Überraschung ließ die Stimme vibrieren, ehe sie wieder Form fand. Mit dem letzten Laut verfestigte sich der Ruf, es folgte ein Schweigen, das gefährlich wirkte. Es war eine wütende Stille. So hing die Wut in der Luft.

"Was soll das?" Die Frage war ein bedrohliches Zischen. Das Zischen und der laute Ruf stammten von derselben Person, doch viele hätten wohl ihre Zweifel daran gehabt. Zu groß schien der Bruch zwischen dem Ruf und der Frage, ganze Welten trennten ihre Tonlagen. Es folgte das fehlende Glied zwischen beiden, ein ausuferndes Grollen, jeweils auf der ersten Silbe betont: "WA-rum TRE-ten SIE MICH?"

"Ihr Bein hat da nichts zu suchen.", antwortete eine zweite Stimme. Sie gehörte dem Anschein nach einem älteren Mann. Dieser schien alle Ruhe in seine Antwort legen zu wollen, an allen Rändern schwappte sein Tonfall jedoch in zittrigen Wellen über.

"Was?" Die Antwort fachte die Wut nur an. "Das ist doch kein Grund, mich hier zu treten." Mit jeder Silbe schwoll die Stimme an.

"Wenn sie aber…"

"Was ABER? Das ist kein Grund zu treten! Fick dich. Arschloch. Was für ein Penner! Was soll das? Das ist kein Grund zu treten…" Die Schimpfwörter hörten nicht mehr auf, unterbrochen nur von heftigem Schnaufen. "Deine Mutter…fickt … Fick deine Mutter. Du hinterletztes Arschloch, ey. Mich treten … einfach treten … warum? … der … Fick …"

Die Wut ließ nicht nach. Die erste Stimme wurde mit der Zeit nur leiser, bis sie irgendwo in der Ferne verschwand. Von der zweiten Stimme kam ohnehin nichts mehr.