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In Super Hexagon lässt sich ein System erkennen, eines, das gelernt werden kann? Das kann und will ich nicht glauben. Mein panisches Manövrieren muss der Königsweg zum Hexagon sein. Geht nicht anders.

Aus dem Gruselkabinett habe ich noch die folgende Überleitung: Aus dem digitalen Spielen wird schnell Ernst. Google Glass ist so eine Technik, die erst Begeisterungstürme auslöst, auf halbem Weg aber als kalter Schauer über den Rücken läuft. Bei genauerer Betrachtung ist es eine egoistische Technologie. Vor dem fiktiven Auge von Mordor lernen wir, uns zu fürchten, die Augen Googles setzen sich Menschen freiwillig auf die Nase, um das totgeschwiegene Feature der Alltagsüberwachung auf andere Menschen anwenden zu können. Wessen sollten wir uns redensartlich noch einmal erwehren?

Und vom Ernst wieder zurück zu den Spielen. Also mit einem Überleitungs-Rückpass zu den Tropes vs Women in Video Games, da habe ich doch glatt einen Haufen plumper Evo-Psych, die schnippisch wird. Dagegen macht mich dieses Video, das völlig on-topic ist, absolut glücklich. Hier noch Hintergründe zum Video.

Das war ein klarer Win, für die Loosr halte ich von dem bei mir liebevoll geringgeschätzten Angeboten auf xxx.net ein weiteres trauriges Kapitel deutsche Psychiatrie bereit: Xx xxxxx xx xxxxx, xx Xxxx xxx xx Xxxxxx.
Ohne schlechte Überleitung dann noch ein Artikel, der die Runde vor Monaten machte, hat mich aber erst diese Woche erreicht und völlig aus der Bahn geworfen: I am Adam Lanza’s Mother.

BONUS-LINKS:

Merke gerade, meine Resterampe in der Leseliste ist mir noch zu hoch, Zeit und platte Überleitungen gehen aber zur Neige. Also, meine Damen und Herren, heute ist Winterschlussverkauf hier bei kultprok. Es gibt inflationäres "Nazis raus"-Gegröle bei Frei.Wild-Hirnfick-Konzerten. Aber damit war’s das noch lange nicht, liebe Frau. Sie sehen etwas erschöpft aus, wollte der werte Gatte nicht eigentlich auch an der Arbeitsteilung mitwirken? Hach, Familie, kultprok lässt sich nicht lumpen, wir legen einfach noch einen falschen Sohn dazu. Und wem das nicht reicht, sei gesagt, wir haben da noch etwas in der Hinterhand: Netzwerken ist heutzutage ja so wichtig, Fremdsprachen auch. Gut, dass wir jetzt wissen, wie viele verschiedene englische Tweets möglich sind. Bei diesem Angebot müssen sie zu schlagen, da werd‘ ich verrückt und Hunde moralisch. Nicht? Hier, der Unterschied zwischen offen und geschlossen. Wirklich offen?

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Dann lacht mich eben aus, ich halte Super Hexagon für eines der besten Spiele aller Zeiten, und ich finde nicht, eine Inflation der Superlative zu betreiben. Terry Cavanagh hat einen Arcade-Titel in Perfektion gemacht, Super Hexagon ist frustrierend und beruhigend in einem perfekten Gabzen, am Ende ringt es mir, der mit beiden Füßen auf dem Boden der Tatsachen geblieben ist, die Vokabel ‚meditativ‘ ab:

Außerdem hatte ich es zwar angesprochen, nur nicht deutlich genug: chipzel hat kongeniale Chipmusik für Super Hexagon gemacht und noch mehr davon. Eigentlich überhaupt nicht mein Metier, das Elektronische. Wenn’s halt gut ist.

Verschwendete Zeit? Nicht wirklich, versucht es mal in monotonster Schreibtischarbeit. Ein „Spiel“, geschrieben zu Ehren von David S. Gallant, dessen I Get This Call Every Day wirklich eine fantastisch effektive Erzählung und Frustbewältigung ist. Was Gallant seit Erscheinen des Spiels widerfahren ist, wurde hier in schön übersichtlicher Form kompiliert. Wie sieht’s aus? Lust selber mal Spiele zu machen? So schwer ist das auch nicht.

Und überhaupt, das ist bislang eine ziemlich gut gelaunte Linkscheuder heute. Die Befindlichkeit wird auch immer besser, wozu auch dieser Animationskurzfilm Paperman beitragen dürfte. Mit der Zeit nimmt es mit der Zauberhaftigkeit ein wenig Überhand, verliert aber nie ganz den Charme.

Und da ist sie doch noch, die Spaßbremse, es riecht beißend nach verbranntem Gummi, so schmeckt das Wort ‚karzinogen‘ auf der Zunge: Bin schon allein mit diesem Artikel der Abmahnung zwei Schritte näher, was bette ich auch mir nichts, dir nichts Videos über Youtube ein? Dann doch gleich lieber die Furcht vor den Advokaten im Flimmern und Rauschen der deutschen Medienlandschaft ertränken.

Wenn die Stimmung doch schon mal abgekühlt ist, können wir gleich auch noch mal den Finger in die Wunde legen. Schließlich hat sich das Land, das sich selbst das Etikett angeheftet hat, Heimat der Dichter und Denker zu sein, dabei verschweigt, dass der Großteil des gestriegelten Höhenkamms schon lange unter der Erde liegt, nun, dieses Land musste ja einige Tiefschläge in der kulturellen Landschaftspflege hinnehmen. Das ist auch über dem großen Teich aufgefallen. Da wäre einerseits der sagenhafte Einsatz eines gewissen Denis Scheck, der im Namen der Kunst, der Freiheit und überhaupt einen Sprung in die pechschwarze Schuhwichse wagte, und doch nur als mit Alltagsrassismus begossener Literaturwart wieder rauskam.
Und auch das größte Vehikel der deutschen Populärkultur fand Erwähnung, auch wenn nichts wirklich Bahnbrechendes in dem Artikel steht. Aber man wird doch wohl auch in der deutschen Fernsehlandschaft davon träumen dürfen, dass bessere Zeiten anbrechen mögen, selbst wenn dies hieße, nur mit der Zeit Schritt zu halten. Wann lernt Deutschland, dass kein Blick so verklärt ist, wie der in die Vergangenheit.

Super Hexagon: Geometrischer Triumph

In den Augen vieler, wenn nicht sogar der meisten Menschen, dürfte Super Hexagon kein Spiel sein. Der vermutlich kleine Zirkel derer, die es als die Essenz der Videospiele bezeichnen, dürfte vor sektiererischem Eifer mit dem Lob nicht mehr hinterherkommen. Die Spieleszene ist keine kleine Subkultur mehr, ihre Mitglieder haben sich in so viele Teile gespalten. Die Schnittmenge ist zu gering, die Tatsache, dass sie alle Videospiele spielen, wird nicht reichen, um die ausdifferenzierten Gruppierungen zu einen.

So bleiben immer Spiele, die eine Zugehörigkeit zu einem bestimmten Lager in dieser mittlerweile unübersichtlichen Spielgemeinschaft manifestieren. Super Hexagon ist eines davon, ein Spalter der nerdigen Weltanschauungen. Super Hexagon ist retro. Damit auch simpel, denn es hat ein auf das Minimum reduziertes Spielprinzip. Es gibt keine komplexen Regelwerke, auch kein ausuferndes Interface. Super Hexagon ist ohne Worte im ersten Anlauf zugänglich, kein Tutorial nötig. Indie im besten Sinne der Unabhängigkeit ist das Spiel, nicht eine vom Marketing-Hype aufgeblasene Kapitalmaschine. Super Hexagon ist der Purismus gegen den wahnwitzigen Mainstream, es setzt dem grafischen Overkill dreidimensionaler Grafikbestien mit pseudorealistischer Spielphysik ein rudimentäres Gerüst geometrischer Formen in 2D entgegen. Es ist schwer, keine Meinung zu Super Hexagon zu haben, es dürfte mittlerweile offenkundig sein, zu welcher Seite es mich zieht, aber um der lieben Klarheit Willen: Was für ein Spiel.

Worum geht es in Super Hexagon? Um ein kleines Dreieck, in der Mitte des Bildschirms, von allen Seiten rauschen geometrische Formen auf das Zentrum zu. Das Dreieck muss eine Lücke zwischen den Formen finden. Bei jeder Berührung ist das Spiel beendet. Es gibt ein Ziel, denn eine Uhr läuft mit, die registriert, wie lange das Dreieck unbeschadet übersteht. Nach einer Minute wird ein schwererer Modus freigeschaltet. Die Interaktion mit dem Dreieck könnte auch kaum spartanischer sein: Eine Berührung des Screens in der rechten Hälfte dreht die Welt um das Dreieck herum in die eine Richtung, eine Berührung auf der linken in die andere. Mehr ist es nicht. Warum also die Begeisterung?

Das hat einige Gründe: Erstens ist die Herausforderung größer, als in jeder Beschreibung festzuhalten wäre. Denn schon der simpelste Modus ist schwer, die fünf folgenden, von denen drei erst freigespielt werden müssen, legen die Messlatte noch höher. Die herausragende Optik, im Sinne eines kohärenten Designs, vermittelt ein herausragendes Spielgefühl, was der zweite Grund ist. Der dritte hat mit dem Suchtfaktor zu tun. Denn so schnell bei diesen Schwierigkeitsgraden das Aus kommt. Es ist nicht unbefriedigend, denn Super Hexagon bietet eine beinahe nahtlose Überleitung in den nächsten Versuch. Alle Wut ist vergessen, wenn nur eine Berührung das Spiel auf’s Neue startet. An vierter Stelle steht ein sinnlicher Rausch, *Super Hexagon* schafft eine völlig eigene Trance, in der alle Formen und Farben unbewusst verarbeitet werden. Fünftens, so hochtrabend es klingt, in seiner überragenden Ästhetik ist für mich jeder neue Anlauf eine intellektuelle Herausforderung. Ich spiele *Super Hexagon*, erlebe im selben Moment ein spärlich wirkendes, aber jederzeit ansehnliches Stück Design.

Auf jeden einzelnen Punkt könnte ich mich einlassen, seitenweise schwadronieren, es wird besser sein, ich belasse es beim für mich wichtigsten Punkt, der mich zunächst ratlos machte. Ein gnadenlos schweres Spiel, das mich nie erzürnt? Wie geht das? Den fließenden Übergang von einem misslungenen Durchlauf zum nächsten Anlauf hatte ich angesprochen, dies erklärt das Phänomen aber nur oberflächlich. Schon etwas näher kommen wir mit dem Blick auf die völlige Reduktion auf ein einziges Spielprinzip. Super Hexagon ist so simpel wie Tetris, Geometrie und eine Herausforderung. Super Hexagon spricht einen uralten Spieltrieb an, sich selbst überbieten zu wollen. Um die eine Hundertstelsekunde, Millisekunden, Pixel für Pixel näher an die Verbesserung.

Eine zweite Eigenschaft komplettiert die gnadenlose Anziehungskraft: Die Ästhetik lädt dazu ein, das gesamte Spiel als Widersacher zu unterschätzen. Dabei greift jedes Glied in der Kette nahtlos ins andere: Die Musik treibt nicht sinnlos im Retroklang vor sich hin, sie steigert sich mit dem Tempo des Spiels, sie steigert im Hintergrund den Puls. Die Farben, so harmlos sie wirken, sie beginnen zu alternieren, dann blitzen sie auf, blenden. Oder sie verschieben sich nur, jeweils um ein Element im Sichtfeld, schaffen optische Verwirrung. Auch die Perspektive dreht sich in hektischen Zügen, irritiert mit trocken kalkulierten Umkehrungen gegen die Blickerwartungen. Das Spiel ist ein enormer Gegner, der klar vermittelt, es wird so schwer, dass die Grammatik bricht: Hexagonest. Dieser Gegner ist also fair in seiner Ankündigung, hintertrieben in seinen Mitteln; der Fehler liegt bei uns, dass wir der Schwierigkeit nicht gewachsen sind. Wieso ein Spiel anschreien, das offen erklärt, keine Chance geben zu wollen? Es ist ein beinahe übermächtiger Opponent, ihn zu verfluchen ist sinnlos.

In einer Woche, in der I Get This Call Every Day zeigte, wie wenig Mittel ein Spiel braucht, um relevante Themen zu vermitteln, zeigte mir Super Hexagon in ganz ander Weise, was ich an Spielen liebe, an den guten, diesen Herausforderungen, den gemeinen. In Zeiten, in denen alle von Immersion reden, aber doch nur unbewusste Verkaufskanäle für digitalen Nippes meinen, blüht Super Hexagons hintertriebener Farbentrip im geometrischen Schwindelanfall heilsam auf. Super Hexagon ist die Droge, die ich für den Rausch nehme, nicht für die Sucht. Ohne Nebenwirkungen. Das Spiel als sein eigener Antrieb, es gibt keine drei Sterne je Level, keine Zukauf-Powerups und schon gar kein passiv-aggressives Pushen im Tonfall von „Warum hast du mich seit einer Stunde nicht mehr gespielt? Magst du mich nicht mehr?“ Super Hexagon weiß, ich komme ganz von alleine wieder, kennt dann auch kein Erbarmen. Begin, Point, Line. Triangle, Square, Pentagon…Game Over. Und wieder von vorne.