Middle Manager of Justice: Bürokratiesuperkräfte

Ordnung muss sein, denn sie ist das halbe Leben. Wo kämen wir denn hin, die Akten müssen geführt werden. Was meinen die Leute, wie so ein Unternehmen geführt werden soll? Also, es braucht die Helden an den Schreibtischen, diejenigen Formblattwälzer, die ein H-23A von einem F-411B zu unterscheiden wissen.

So ein Captain Premium stellt sich vor die Kameras, genießt das Blitzlichtgewitter, wenn er den Dank der Geretteten empfängt. Aber wer hat ihn überhaupt eingestellt, wer motiviert ihn zu Höchstleistung? Wer, ja, wer führt die Bücher? Glauben alle, die Welt zu retten ginge ohne Organisation und Führungsqualitäten, also nur mit Muskelkraft und Hirnschmalz? Unsinn, es braucht auch den Middle Manager of Justice, ohne den die Gerechtigkeit nur zufällig aufrechterhalten wird. Wahre Gerechtigkeit gibt es nur im Aktenordner, ordnungsgemäß geprüft, bewilligt und Stempel drauf.

Hinter Middle Manager of Justice steckt Double Fine, das von dem alten Recken der Spieleszene Tim Schafer gegründet wurde. Und der Humor entspricht genau dem, was an Absurdität und hintergründiger Albernheit von Double Fine erwartet werden kann. Was aber nicht darüber hinwegtäuscht, wie schnell das Szenario der Superhelden-Agentur tatsächlich in der Ödnis der Bürokratie untergeht. MMoJ ist nämlich am Ende genau das, eine Wirtschaftssimulation; eine, die zwar über Mitarbeiter mit übernatürlichen Kräften verfügt, doch am Ende des Tages müssen die Bücher stimmen.

Die Routine besteht daraus, unsere Zweigstelle mit den maskierten Außendienstmitarbeitern auf Trab zu halten: Wir bauen Trainingsräume, Labore und Ruheräume, in denen die Helden trainieren und sich erholen können. Mit der Verbrechensbekämpfung verdient unser Unternehmen sein Geld, je schneller wir vor Ort sind, desto besser ist die Kriminalitätsbekämpfung für die Bilanzen.

Diese Sorte Managerspiele mit ordentlichem Aufbaufaktor ist bei den mobilen Spielen nicht kleinzukriegen, was an ihnen aber stört ist die penetrante Freemium-Herangehensweise und der repetitive Charakter der Spielmechanik. Mit ihrer mindestens doppelten Währung, die eine ist im Spiel zu horten, die andere zumindest praktisch nur durch In-App-Käufe zu erhalten, schaffen sie meist keine ordentliche Balance. Zu durchschaubar ist der Versuch, mit Zeitdruck und Schnelllebigkeit die Spieler anzufixen, möglichst schnell die Währung aufzustocken. Mich ficht das schon prinzipiell nicht an, wenn ein Spiel erkennbar mit einfachsten psychologischen Erkenntnissen Kaufdruck auf- und rationale kaufhemmnisse abbaut. MMoJ ist weit weniger aggressiv als viele Konkurrenten, leidet aber für mich darunter, dass die Komplexität der Aufgaben doch zu sehr auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der Spielbarkeit setzt.

Ein netter Nachmittag mit dem Spiel ist locker drin, darüber hinaus wird es mir schon zu simpel und buchhalterisch. Für Krämerseelen wäre es ja was.

Titel: Middle Manager of Justice
Von: Double Fine Productions
Jahr: [Jahr]
Genre: Wirtschaftssimulation, Managerspiel
Plattform: iOS
Version: 1.0.2

The Avengers

Warum habe ich eigentlich noch nicht zu The Avengers geschrieben, wenn ich ihn doch schon vor Monaten gesehen habe? Ich hatte ihn schlicht vergessen, nicht erst Tage oder Wochen später, im Grunde schon während ich ihn sah. Das liegt vermutlich an einer simplen Hypothese: Je mehr Helden oder Bösewichte im Spiel sind, desto weniger stringent die Erzählung.

Joss Whedon fährt mit den Avengers eine wenig bescheidene Ansammlung der bekanntesten Superhelden aus dem Marvel-Universum auf, ganz wie die Vorlage es will. Und so beginnt die effektgeladene, aber kaum effektvolle origin story, wie sich ein Haufen Egomanen zusammenrotten, um, welch Wunder, die Welt vor einer außerweltlichen Invasion zu retten. Whedon ist eigentlich wie geschaffen für die Aufgabe, kaum jemand versteht sich so gut darauf, Charaktere in Actionszenen zu entwerfen. Bei den Avengers hantiert er aber mit zu vielen Blaupausen herum, die in absurdesten Situationen bestehen müssen.

Es will alles nicht recht zueinander passen. Da soll zwischen den grundverschiedenen Figuren wie Hulk, Thor, Captain America oder auch Iron Man wie auch immer Chemie enstehen, während um sie herum eine halbe Stadt verpufft, deren Reste sie dann gewissenhaft selbst in infantilen Hahnenkämpfen in Schutt und Asche legen. Das ist für ein paar Lacher und Explosionen gut, mehr kommt in über zwei Stunden aber nicht rum. Wie auch? Die zwei Stunden werden von zu vielen Figuren bevölkert, die im Namen heroischer Selbstdarstellungstrips nach Zuschauergunst gieren.

Anscheinend war die Maxime bei Marvel, selbst dann noch, wenn Bruce Banner das Grün ins Gesicht steigt, müsste sein Alter Ego problemlos der Handlung folgen können. Daher könnte The Avengers, ohne den wesentlichen Kern aus den Augen zu verlieren, auch gut und gerne rein onomatopoietisch in wenigen Absätzen wiedergegeben werden. Oder nur: Uff.