Tödliche Narzissten

Narzissmus muss für viele Übel der Welt herhalten. Narzissten treiben, so heißt es, die Armut voran, indem sie rücksichtslos als ManagerWeltwirtschaft zum eigenen Vorteil lenken, Narzissten sind auch die Mörder, die keine Form der Gewalt zur eigenen Bedürfnisbefriedigung scheuen. Der Narzissmus ist nicht nur übel, er ist ein Übel an sich, das es zu bekämpfen gilt. In ihrem Artikel Narcissism and terrorism: how the personality disorder leads to deadly violence betrachtet Anne Manne den Narzissmus als Antrieb für politischen Extremismus1, Radikalisierung, Fundamentalismus und Terrorismus. Manne deutet das bei laxer Verwendung des Narzissmusbegriffs widersprüchlich erscheinende Verhalten der von ihr genannten Islamisten an, sich einer höheren Sache zu verschreiben oder gar andere Persönlichkeiten zu verehren, obwohl sie der Definition nach sich selbst zum Maßstab der Welt erklären. Es bleibt aber bei dieser Andeutung, da Manne in der Kürze des Texts Aspekte ausblendet, die überhaupt erst verständlich machen, warum der Narzissmus dazu in der Lage ist, Menschen zu Unmenschlichem anzutreiben, wie moderne Gesellschaften den Narzissmus implizit oder sogar explizit fördern und was wir daraus lernen können.

Pathologische Vereinfachung

Manne zieht es vor, ihren Text plastisch an einem Beispiel zu beginnen, lässt dabei aber offen, was der Narzissmus nun sei, was ihn zur Persönlichkeitsstörung mache. Erst nach einer längeren Erzählung über die Stationen eines tödlich agierenden Narzissten liefert Manne eine Minimaldefinition des Narzissmus als Persönlichkeitsstörung:

Narcissistic personality disorder involves a pervasive grandiosity, an extreme desire for attention, a sense of entitlement, a willingness to exploit or mistreat others, an excessive need for admiration and a lack of empathy. Yet narcissists can be fragile too and prone to outbursts of humiliated rage. Their grandiose self-beliefs are built on foundations as solid as quicksand, hence the need for constant admiration and attention, shoring up their unstable sense of self.

Auf kurzem Raum beschreibt Manne die minimalen Voraussetzungen dessen, was sie im weiteren Verlauf als Narzissmus versteht, aber weder sie selbst noch der verlinkte, vermeintlich erklärende Text ordnen ein, was die narzisstische Persönlichkeitsstörung vom landläufigen Narzissmus unterscheidet. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine pathologische Klasse in der Psychologie, die nur eine der beispielsweise im ICD-10 erfassten Persönlichkeitsstörungen ist. Manne verweist auf die Gefährlichkeit, die der narzisstischen Persönlichkeitsstörung innewohnen kann, blendet aber aus, dass die Diagnose nicht zu verhehrenden Ergebnissen führen muss, meist die Persönlichkeitsstörungen primär für die Betroffenen starkes Leiden bedeuten. Auch wenn die narzisstische Persönlichkeitsstörung ihrem Wesen nach etwas anders gelagert ist, was den Leidensdruck angeht, da die narzisstische Persönlichkeit gerade mit Selbstüberhöhung einhergeht, sind es belastende und vor allem für die Betroffenen schädigende Persönlichkeitsstrukturen.

Diese Unterscheidung ist wichtig, da der Narzissmus sonst lediglich ein Vorwurf bleibt, der eine Distanz zu Tätern aufbauen soll, aber keinerlei Beitrag zum Verständnis und der Besserung der Situation leistet. Manne, wie es oft der Fall ist, wenn über psychische Erkrankungen geschrieben wird, mit dem Finger auf einen normabweichenden psychischen Zustand zu zeigen, ohne aber die nötigen Schlüsse daraus zu ziehen. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine krankhafte psychische Konstellation, sie lediglich zu benennen hat kaum Wert für den öffentlichen Diskurs über individuelle Gewalttaten.

Narrative Vereinfachung

Ohne es zu merken, verstärkt Manne einen narrativen Effekt, der jede Berichterstattung über die narzisstische Persönlichkeitsstörung oder nach ihr definierte Narzissten zu einem Minenfeld macht. Bereits die anekdotische Eröffnung ihres Textes zeigt die Schwäche auf, über Menschen zu schreiben, die nach Ruhm, Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit streben, um die eigene Größe zu bestätigen. Über sie zu schreiben, ihre Taten zu schildern, die außergewöhnliche Rücksichtslosigkeit und Brutalität zu thematisieren, bestätigen im öffentlichen Raum erst die krankhaften Annahmen der narzisstischen Personen. Ihr Ego wird durch die bestenfalls einzigartige Gewalt erst validiert. Daher ist problematisch, einen solchen Text mit personalisierten Beispielen zu spicken, es spielt den Narzissten narrativ in die Karten.

Die Individualisierung der Taten narzisstisch angetriebener Menschen ist Teil des eigentlichen Problems, das Manne aber auch nur andeutet. Auch wenn narzisstische Persönlichkeitsstörungen vielfältige und bislang nicht endgültig geklärte Ursachen haben, können sie nach gängiger Meinung gesellschaftlich gefördert oder immerhin nicht effektiv abgefangen werden. Der Einfluss der sozialen Mechanismen spielt also durchaus eine Rolle, also müssen gerade auch diese Mechanismen geprüft und hinterfragt werden. Doch in diesem Text entsteht die leider übliche Schere zwischen Individuum und Gesellschaft, die oft einer Lösung der Probleme im Weg steht. Das normabweichende Verhalten wird individualisiert, die Last bleibt auf den Schultern der Narzissten liegen, dabei dürfte schon auffallen, dass diese gesellschaftliche Zurückweisung faktisch genau die Einzigartigkeit schafft, die Narzissten intuitiv als Bestätigung erleben müssen. Eine gesellschaftliche Problemlösung wird gar nicht erst diskutiert, denn das Individuum müsse sich korrigieren.

Gesellschaftliche Heilung

Aber genau an dieser Stelle müsste angesetzt werden, die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine krankhafte Störung, damit ist die Verantwortung nicht bloß auf die betroffene Person abzuwälzen. Gerade dann auch nicht, wenn es Teil der Krankheit ist, sich gar nicht als krank zu erkennen. Der Narzisst wird von sich denken, dass er gut ist, so wie er ist. Ein narzisstischer Mensch wird also von sich aus kaum auf die Idee kommen, sich therapieren zu lassen. Daraus folgt dann aber nicht, dass dieser Person nicht geholfen werden müsse. Im Gegenteil wird daraus ein gesellschaftlicher Imperativ, dieses Verhalten konstruktiv für das Individuum und die Gesellschaft zu therapieren. Das fängt damit an, den Narzissmus nicht durch die individualisierte Berichterstattung zu validieren, ebenso gehört dazu, die eigenen Mechanismen der Gesellschaft zu hinterfragen, die beispielsweise nicht-tödlichen Narzissmus fördern und es wird nötig sein, die therapeutischen Mittel zur Erkennung und Therapie zu entwickeln. Der moralische Fingerzeig nutzt nicht, wenn er auf kranke Menschen zeigt.

1 Der Begriff Extremismus ist problematisch und wird hier nur als Kürzel verwendet, dass es auch ein politischer Kampfbegriff ist, soll nicht komplett ausgeblendet werden.

Seinfeld – „The Airport“ Security

Wer lange einen Bogen um eine Serie macht, muss mit dem Altern der Serie leben. So ging es mir mit Seinfeld. Hin und wieder hatte ich eine Folge schon vor Jahren gesehen, aber mit der Zeit dachte ich, es brächte nicht mehr viel, jetzt noch damit anzufangen. Wie alt würde der Humor sein, schließlich ist die Serie bald 25 Jahre alt? Ich habe meine Sorgen doch noch überwunden und mit der Serie angefangen.

Natürlich, der technische Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte wird deutlich, wenn es quasi keine Mobiltechnologie gibt, allenfalls mal ein Anrufbeantworter abgehört wird —von einem Telefon mit Wählscheibe aus. Das muss man sich mal vorstellen. Oder wenn jemand den Weg in einen Vorort nicht findet, weil er keine Karte dabei hat. Keine physische Karte, so eine zum Aufklappen. Mit heutigen Navis wäre die Odyssee durch fremder Leute Vorgärten nicht passiert. Schon gar nicht in den scheußlich kubistisch gemusterten Neonhemden der jungen Neunziger.

Aber weit gefehlt, der Staub hat sich nur an der Oberfläche festgesetzt. Im Kern baut sich Seinfeld um menschliche Unzulänglichkeiten herum auf. Herrlich wuseln Elaine, Kramer, George und Jerry sich durch peinliche Situationen, in die sie sich meist selbst gebracht haben und die sie nur noch schlimmer machen, weil sie nicht zu ihren Fehlern stehen. Das ist zeitlos, denn es geht mir und den meisten wohl genauso mit unseren Schwächen. Es fällt überhaupt nicht schwer, sich über die Macken der Vier zu amüsieren, ein wenig lacht man dabei halt auch immer über sich.

Nur bei einer Folge konnte ich bislang nicht lauthals lachen, obwohl ich wollte. Folge 12 der vierten Staffel heißt schlicht "The Airport" und bringt die vier aus verschiedenen Gründen an besagtem Flughafen zusammen. In der Zwischenzeit ist, das wurde mir unangenehm deutlich, so viel passiert, alles Gezeigte war mit der Welt wie sie heute an Flughäfen funktioniert nicht mehr unter einen Hut zu bringen. "The Airport" ist für Menschen der Post-9-11-Welt kaum zu ertragen. Wie sollen wir in unserer Vorstellung denn auch die Schere zwischen den skurrilen Handlungen der Folge und der heutigen Repression nicht wahrnehmen? Mal ehrlich, die Vier wären ihrem Verhalten nach heute sehr wahrscheinlich im Knast oder schlicht tot.

In Zeiten der Terrorabwehr, die begrifflich für die politisch gewünschte, alltägliche Repression herhalten muss, hätten die Eskapaden der vier Protagonisten ein jähes Ende gefunden. Elaine flieht vor ihrem lästigen Sitznachbarn von der Holzklasse in die erste Klasse. Die Zurechtweisung der Flugbegleiterin ist nachvollziehbar. Heutzutage hätte aber wohl schon einer der notorische Sky Marshalls eingegriffen und Elaine aus dem Verkehr gezogen. George schafft es irgendwie mit lauthals hinausposaunter Einstellung, sich nur Zugang zum Flug verschaffen zu wollen, in das Flugzeug. Da wüsste ich gerne, wie heute reagiert würde, sollte jemand erklärtermaßen gar nicht fliegen wollen, sondern "nur mal eben ins Flugzeug". Kramer selbst schießt den Vogel ab, nein, er ist der Vogel, der mit Sicherheit abgeschossen werden würde. Er erschleicht sich auch Zugang zum Flugzeug und flieht nachdem er von Bord geschleppt wurde. Er landet sogar auf dem Rollfeld. In den Neunzigern ging das vielleicht noch als komödiantische Überzeichnung durch, heute wäre Kramers ganzer Erzählstrang schon nach einer Minute mit einer gezielten Tötung durch ein Sondereinsatzkommando geendet. Hier bitte dann die Lacher aus der Konserve.

Nur Jerry hätte, wenn ich es mir recht überlege, auch heute unbeschadet überstanden. Er flog allerdings auch in der Ersten. So wären alle bis auf Jerry heute nicht einmal ansatzweise heil aus der Sache gekommen, obwohl sie auch noch mildernde Umstände hatten. So als Weiße*. Wäre einer der Protagonisten etwa arabischer Abstammung verdächtig, die Folge hätte noch ganz andere Wendungen parat gehabt. Insofern fand ich es durchaus aufschlussreich, dass es bei aller Überzeichnung den Autoren möglich war, überhaupt eine solche Folge zu schreiben. Damit hält sie ungewollt der heutigen Überwachungsstaatlichkeit den Spiegel vor. Früher war manchmal sogar besser, weil freier.

* Seinfeld ist sowieso eine sehr weiße Serie. Zahnpastamarketing würde sich wünschen, die Zähne seiner Models wären so bleich. Überall weiße Mittelschicht, wo man auch hinschaut. Aber das lenkt ein wenig ab.