The Dark Knight Fails

Was macht The Dark Knight und seinen Nachfolger The Dark Knight Rises zu so grundlegend verschiedenen Filmen, obwohl sie doch beide Teil der von Christopher Nolan verantworteten Batman-Trilogie sind? Die drei Filme zeichnet eine für Comic-Verfilmungen typische konstruierte Handlung aus, die so abenteuerlich wie hanebüchen ist. Sie soll so sein, weshalb sich verbieten sollte, mit der Begrifflichkeit der suspension of disbelief an die Filme zu gehen. Doch Christopher Nolan, sein Bruder Jonathan und ihr Mitstreiter David S. Goyer entwarfen die Geschichten aller drei Filme, doch nur einer überzeugt. Das liegt auch an der Glaubwürdigkeit der Filme.

Die suspension of disbelief bezieht sich nicht auf eine reale Welt, sodass jede phantastische Welt ihr nicht sofort enthoben ist. Sie bezieht sich auf eine innere Konsistenz des Erzählten, die Glaubwürdigkeit der Handlung. In der Batman-Trilogie verfügt lediglich The Dark Knight über ein nachvollziehbares Gerüst, gerade weil es konstruiert ist. Das hat mit der Figur des Jokers zu tun, der ein anarchisches Element ist. Unberechenbar enthemmt auf Zerstörung getrimmt will er Gotham City ins Chaos stürzen.

Die Eröffnungssequenzen von The Dark Knight und The Dark Knight Rises verdeutlichen den Unterschied. Der Joker führt in The Dark Knight mit seinen Helfern einen Banküberfalls aus, tötet dabei einen Helfer nachdem anderen, bis schließlich nur er mit der Beute flieht. The Dark Knight Rises führt seinen Antagonisten Bane in einer aberwitzigen Flugzeugentführung ein, wobei die Entführer erst während des Fluges aus einem anderen Flugzeug abseilen, das entführte Flugzeug an das entführende ketten und daraufhin einen Absturz der entführten Maschine herbeiführen. Es ist so abstrus, es lässt sich kaum in Worte fassen. Bane soll also darauf aus sein, einen Wissenschaftler in diesem Flugzeug zu entführen und dessen Tod bei einem Flugzeugunglück vorzutäuschen.

Sind beide Fälle hochgradig konstruierte, nur für einen cineastischen Effekt geschriebene Szenarien? Ja, auf jeden Fall. Aber der Banküberfall des Jokers wirkt stimmiger. Woran liegt das? Warum bin ich bereit, eher an die Pläne des Jokers zu glauben als an Banes?

Der Joker ist ein wundersamer Bösewicht, The Dark Knight ist bemüht, ihn als Getriebenen darzustellen. In einer der herausragendsten Szenen, der ersten Begegnung mit Batman, gesteht er ein, die Zerstörung zu suchen, dabei kein weiteres Ziel zu verfolgen. Damit ist klar, die Konstruktion und das Aberwitzige in den Aktionen des Jokers sind sein eigentliches Ziel. Die Zerstörung ist kein Mittel zum Zweck, sie ist das Ziel. Der Joker genießt den Unfrieden, den er stiftet.

Ganz anders Bane, der in The Dark Knight Rises zum Terroristen mit sozialrevolutionären Anstrich erhoben wird. Seine Pläne sind bei weitem komplexer, voraussetzungsreicher als die des Jokers, doch hat der Film keinen Weg gefunden, seine Methoden innerhalb seiner eigen Logik zu erklären oder zu rechtfertigen. Die Motive bleiben blass. Wenn es ihm um die Vernichtung Gothams geht, warum so umständlich? Seine Tat soll symbolisch sein, eine Strafe für die Dekadenz, wieso generiert er kaum wirksame Zeichen seiner Ideologie? Bane — und die Figur im Hintergrund — haben Motive, die nie hinreichend erklärt werden. Sie sind flache Finsterlinge, die einerseits eine ganze Stadt ins Verderben stürzen wollen, andererseits aber immer den kompliziertesten Weg hierfür wählen. The Dark Knight Rises begeht dann den Fehler, die Pläne letztlich auch noch aufgehen zu lassen. Je abstruser Banes Handlungen, desto wahrscheinlicher ihr Gelingen. Und dieses paradoxe Missverhältnis der dargestellten fiktiven Wirklichkeit klinkt die Glaubwürdigkeit des Films aus.

Es gibt viele Gründe, warum The Dark Knight Rises ein schwacher Film ist, die nachlässige, krude Charakterisierung seiner Antagonisten macht ihn zu einem unglaubwürdigen Sammelsurium hektisch aneinander geklebter Szenen, die in ihrer konstruierten Wirklichkeit nicht einmal aufgehen. Der Film ist ein Muster für arrogantes Erzählen eines Regisseurs und Autors, der dem Hype um seine eigene Unfehlbarkeit verfallen ist.

Dunkle Ritter und Feuerbringer

Ich sitze noch daran, über beide Filme aus dem letzten Jahr zu schreiben. Beide haben massive Fehler, die mich mitunter sogar beleidigten. Aber es sind immerhin Filme, die doch unterhalten können. Dennoch The Dark Knight Rises hat eklatante Schwächen, schon auf einer ganz simplen Ebene:

Eventuell gebe ich schon morgen meinen Senf dazu ab. Aber auch Prometheus enttäuschte in vielerlei Hinsicht, da blieben schon viele Rosinen, die gefunden werden konnten.

Prometheus hat aber noch viel drastischere Mängel, als es das Video darstellt. Dazu auch später noch mehr. Am Montag?

Radisch Rises

Iris Radisch hat die Feder gespitzt, versäumte in ihrer Kritik jedoch, den Verstand zu schärfen. Ihre Kritik an vermeintlich abwiegelnden, apologetischen Rezensionen von The Dark Knight Rises vor dem Hintergrund der Geschehnisse in Aurora kommt bar jeder Argumentation daher. Es ist ein gedankenfaules Suggestivkonstrukt und damit ein prachtvolles Beispiel zwanghaft intellektualisierender Dissensrhetorik.

Alles beruht auf einer einzelnen, plumpen Argumentfassade der korrelierenden Ereignisse in Film und Wirklichkeit. Mit der unterstellten Eilfertigkeit der Filmrezensenten verquickt, wird daraus die Filmkritik-Kritik Radischs:

Alle sind sich einig: Wenn ein maskierter, schwer bewaffneter Mann einen Film, in dem ein maskierter, schwer bewaffneter Mann Menschen massenmordet, unterbricht, um Menschen massenzumorden – hat das eine mit dem anderen natürlich rein gar nichts zu tun.

Natürlich. Nur Radisch hat’s bemerkt. Sie macht es sich aber auch allzu einfach. In zweierlei Hinsicht ist ihre Kritik unlauter. Erstens reduziert sie die Gedanken der kritisierten Rezensenten auf ein lächerliches Minimum, etabliert so einen grandiosen Strohmann, auf den sich leichter einschlagen lässt. An zweiter Stelle unterlässt sie jede kausale Erklärung.

Radisch wirft den Rezensenten bei der Zeit selbst, wo auch ihre Kritik erschien, aber beispielsweise auch bei Spiegel Online vor, die Tat als brutalen Akt eines psychotischen Einzeltäters abzutun, die in keinster Weise mit der im Film repräsentierten Gewalt in Verbindung stehe. Wenn dem nur so wäre. Wenn Radisch da nicht nur die Rosinen gepickt hätte, die ihre Kritik süßen sollen.

Andreas Borcholtes Rezension bei Spiegel Online liest sich aber doch anders, als Radisch sie ihren Zeilen zufolge gelesen und vor allem umgedeutet hat.

Der Attentäter, der seinen Anschlag offensichtlich seit Monaten geplant hatte, konnte diesen Film nicht einmal gesehen haben. Die Vorführungen in Aurora gehörten zu den landesweit ersten Premieren in den USA. Vermutlich hat sich Holmes das Mitternachts-Screening nur deshalb ausgesucht, weil ihm ausverkaufte Kinosäle ebenso garantiert waren wie weltweite mediale Aufmerksamkeit. Selbst wenn sich James Holmes einigen Angaben zufolge „Joker“ nannte, wie ein besonders wahnsinniger Gegner des Comic-Detektivs, so trägt der Regisseur keine Verantwortung für die Hirngespinste eines psychisch kranken Menschen.

Borcholte negiert die von Radisch so frappierend ähnlich beschriebene Handlung von Kinosaal und Leinwand nicht. Im Trubel der Gerüchte und Spekulationen um das Auftreten des Täters während der Morde sind gesicherte Informationen rar. Borcholte schließt eine Verantwortung für die Tat aus, dies deshalb, weil er durch eine solche Verantwortlichkeit der Kunst für reale Ereignisse die Kunstfreiheit gefährdet sieht. Es geht nicht darum, ob Borcholte dies Position gut untermauert, nur darum, dass er sich weit weniger plump zur Verteidigung der Filmkunst eilt. Und dabei auch nicht die Parallelen zwischen Wahrheit und Fiktion übersieht.

Noch weniger unreflektiert ist Adam Soboczynski in der Zeit. Vom unterstellten Leugnen der Spiegelung keine Spur. Im Gegenteil.

Schöbe man der Filmsprache Hollywoods die Verantwortung für die Gewalttat zu, wäre der Täter entschuldigt. Der ließ sich zwar offenbar durch die Ästhetik von Actionfilmen zu seiner blutigen Performance inspirieren – wofür der monströse Auftritt mit Tränengas-Granaten im Kino und die Zündfallen in seiner Wohnung sprechen. Doch ist Attentätern seit je eigen, dass sie mit ihrer »paranoischen Vernunft« (Manfred Schneider, Das Attentat; Berlin 2010) die Zeichen ihrer Umwelt – die konsumierten Filme, Bücher und Nachrichten – ganz für die eigenen Zwecke ausdeuten.

Hier geht es doch gerade um die Ähnlichkeit zwischen Film und Geschehenem. Soboczynski argumentiert aber klar und deutlich im Sinne einer ästhetischen Imitiation der Filmsprache des Täters für einen brachialen, brutalen Effekt. Die Bluttat als aufmerksamkeitsheischende Perversion der Kunstrezeption. Auch das ist nur eine Position. Eine, die nicht geteilt werden muss. Sie ist aber von Radischs Wahrnehmung der unbedarften Entschuldigung des Films weit entfernt. Sowohl Borcholte als auch Soboczynski stellen auf Fragen der Verantwortlichkeit der Kunst ab, gerade weil die Grenzen in diesem Fall verschwammen.

All das disqualifiziert Radischs Ausfall schon als Hirngespinst. Dennoch ist irritierend, wie wenig sie sich um eine Untermauerung der eigenen Aussage bemüht. Im obigen Zitat ist ihre Haltung negativ formuliert, muss erst aus den Nebelschwaden der Analogie rekonstruiert werden: Durch die schnippische Kritik an der vermeintlichen Leugnung der Parallelität der Ereignisse suggeriert sie, die Frage nach einem Zusammenhang würde negiert. Im Umkehrschluss heißt dies, dieser müsse aber zumindest geprüft werden. Ein Schleier der Mutmaßungen legt sich in den Raum des Diskurses.

Diesen Nebel lichtet sie nicht, sie nutzt ihn mit aller suggestiven Kraft für ihre Zwecke. Aller kausalen Begründungen ist ihr Artikel entleert, nicht die geringste Spur einer logischen Erklärung, die einen Sinn daraus machen würde, warum die Tat vom Film inspiriert war, weshalb die Filmemacher dafür verantwortlich zu machen sind oder warum dies überhaupt relevant wäre. Nichts davon. Sie hätte so viel herbeischreiben können. Etwa eine Herleitung über den Werther-Effekt. Eine kausale Kette der Leben-imitiert-Kunst-Hypothesen, die ihre Kritik fundieren könnten. Irgendetwas. Aber nichts davon. Das wirkt bestenfalls noch selbstgefällig.