Sleepy Hollow: Schläfrig hohl

Washington Irvings The Legend of Sleepy Hollow lädt zu neuen Interpretationen ein. Da wäre zunächst das mittlerweile längst abgelaufene Urheberrecht der 1820 veröffentlichten Erzählung, mit der sich eine bekannte Geschichte ohne lästige Lizenzen und Tantiemen an Hinterbliebene wiederbeleben lässt. Reizvoll ist aber auch der Inhalt: eine schaurige Mär um einen Reiter ohne Kopf.

Schon in Tim Burtons Sleepy Hollow wurde ordentlich an den Stellschrauben gedreht, braucht so ein ausgewachsenes Starvehikel doch einen geeigneteren Protagonisten als den vor Aberglaube in die Flucht geschlagenen Ichabod Crane aus Irvings Mär. In der 1999er Verfilmung ist Crane zwar noch immer ein Sonderling, aber einer, der eher zum Helden taugt, der sich im ausgehenden 18. Jahrhundert mit beinahe futuristischen Ermittlungsmethoden dem Irrglauben der Dorfbewohner und dem Übernatürlichen in den Weg stellt. War Crane schon bei Burton aus der Zeit gefallen, ist er es in der neuen TV-Serie umso mehr. Vermutlich um die Geschichte noch näher zur Zuschauerschaft zu tragen, werden der kopflose Reiter sowie Ichabod Crane, der nun gänzlich zum Widerstandskämpfer gegen die Briten im Unabhängigkeitskrieg hochgejazzt wurde, in die Gegenwart geworfen. Da gibt es dieses beschauliche Örtchen Sleepy Hollow noch immer, nun müssen wir also nicht mal mehr auf moderne Technik in unseren düsteren Sagen verzichten.

Mit ausreichend Popcorn und in geselliger Runde müsste das doch für kurzweiligen Grusel reichen. Müsste. In Wahrheit ist es eine so berechnete wie konfuse Enttäuschung. Für die Serie zeichneten unter anderen Alex Kurtzman und Roberto Orci verantwortlich, die das hervorragende Fringe hervorbrachten oder auch am Reboot von Star Trek im Kino ihren Anteil hatten, sie stecken aber auch hinter solchen Abgründen wie den Transformers-Verfilmungen. Und an letztere erinnert Sleepy Hollow viel zu oft. Schmerzhafte Dialoge treiben die Fremdschamesröte ins Gesicht, da hilft auch nicht, dass Tom Mison seinem Ichabod Crane hin und wieder heitere Momente abringt. Ansonsten wirkt Crane aber wie ein Fremdkörper — nicht in der Zeit, doch in der Narrative. Unterm Strich erstickt alles unter dem dicken Teppich wild gestreuter Mythologie und tumben Sprüchen.

Darunter leidet vor allem auch die von Nicole Beharie gespielte Abbie Mills. Mills steht als junge Ermittlerin der örtlichen Polizei im Zentrum der Ereignisse und hat auch noch weitere Verbindungen zu den aus der Zeit Gefallenen. Als starke Figur taugt Mills in Sleepy Hollow leider nicht. Weil Beharie nicht viel mehr machen braucht, sie muss nur die Verwirrung über die Drehbücher direkt in Mills kanalisieren, da bleibt kaum noch Raum für eine runde Figur. Schade, denn Beharie spielt charismatisch und so viele schwarze Frauen gibt es im Fernsehen leider immer noch nicht. Weder Beharie noch die Anlage der Figur trifft also die Schuld. Es liegt einzig an dem enormen Tempo, mit dem die Autoren eine historische Verschwörung an die nächste übernatürliche Erscheinung klammern. Selten hat eine Serie so schnell überdreht wie dieses wild mit Verweisen und Blut um sich werfende Sleepy Hollow.

Ganz so als ob die gefürchteten Anlaufschwierigkeiten einer Serie mit Gewalt überrannt werden sollen, prescht die Serie unerbittlich nach vorne. Vergisst aber, sich zu versichern, ob überhaupt noch jemand folgen kann. Und wie immer wenn die Nachvollziehbarkeit auf der Strecke bleibt, sammelt die Gleichgültigkeit die Reste auf.

Abhörskandal: Die Postdemokratie hat ihren Namen nicht von der Briefwahl

Die bundesdeutsche Volksparteienherrschaft hat es über Jahrzehnte geschafft, eine formidable Gleichgültigkeit zu etablieren. Eine Gleichgültigkeit aus Hilflosigkeit angesichts der faktischen Wirkungslosigkeit politischer Meinungsäußerungen. Nur so kann es geschehen, dass der Chef des Bundeskanzleramtes Ronald Pofalla für seine einseitige Beendigung der Spionageaffäre zwar mit Häme überschüttet wird, aber seine Missachtung von Menschenrechten und Freiheitsgedanken ansonsten politisch völlig ungestraft blieb.

Da nun aber das Mobiltelefon der Kanzlerin betroffen ist, müssen Pofalla und die Politelite ein wenig zurückrudern. Doch auch hier zeigt sich ein Reflex im Netz, der Ausdruck des Fatalismus ist. Es werden Witze gemacht. Über die Kanzlerin, über Pofalla, über die NSA. Manche sind gut, sogar feinsinnige sind dabei, viele sind offensichtlich, andere schlecht. Aber das sagt etwas aus über den Zustand der Demokratie: Politisch interessierte Menschen verfallen nicht einmal mehr in Wut oder Zorn über die allzu offensichtlichen Schwindeleien und Paradoxien der alltäglichen Politik. Sie haben, wie auch ich selbst, anscheinend in vielen Punkten die Hoffnung aufgegeben, mit Worten und Taten Politik zu erreichen.

Entgeistert nehmen sie die Widersprüche hin, wenn eine Regierung die flächendeckende Überwachung durch ‚befreundete‘ Dienste hinnimmt, sogar aktiv schützt, aber dann in Aktionismus ausbricht, wenn die Überwachung besagter Regierung publik wird. Auch ich lache gerne, aber nicht über Galgenhumor. Und nicht über eine Kanzlerin, die gerade dabei ist, eine große Koalition zu bilden, die über eine nahezu unumstößliche Macht im Bundestag verfügen wird. Selbst die wenigen Mittel, die einer Opposition im Parlament zur Verfügung stehen, wird die Opposition bei einer großen Koalition nicht aus eigener Kraft einsetzen können.

Damit ist ein kritischer Punkt erreicht: Die Postdemokratie, die blindlings hingenommen wird, setzt sich mit jedem zynischen Tweet durch. Der Potemkinsche Parlamentarismus gewinnt mit jedem Beitrag, der in Selbstironie verhaftet bleibt. Vielleicht braucht Politisierung immer auch Feindbilder. Früher waren es andere Nationen und Staaten, fremde Ideologie und Dogmen. Heute ist es womöglich der schleichende Zerfall gerade der Institutionen, die den Menschen ihre Stimme geben sollten, sich aber immer noch als Errungenschaft legitimieren. Da nützt es nicht, süffisant lächelnd die vermeintliche Ironie zu kommentieren, wenn Merkels Telefon abgehört wurde. Ich für meinen Teil bin wieder wütend genug. Produktiv wütend.

Rechtspositivistischer Simplicissimus

Der Bundesminister des Inneren Friedrich hat in der Angelegenheit des Asylantrags des Whistleblowers Snowden das ursprüngliche Problem des Rechtspositivismus auf beeindruckend simple Weise vorgeführt, wie beispielsweise hier nachzulesen ist:

Nach [Friedrichs] Angaben prüft das Auswärtige Amt, ob eine Aufnahme aus humanitären und völkerrechtlichen Gründen möglich sei. Die USA seien aber ein Rechtsstaat. "Am Ende glaube ich nicht, dass ein völkerrechtliches und humanitäres Argument zählen kann. Am Ende wird es möglicherweise eine politische Frage sein."

Selbst bei einer minimalen Vorstellung von Rechtsstaatlichkeit müsste der Bruch offenkundig werden. Rechtsstaatlichkeit als Prinzip der Bindung aller staatlichen Handlungen an das Recht, ist spätestens nach Snowdens Veröffentlichungen in vielen, wenn nicht sogar allen, so genannten westlichen Demokratien in Frage gestellt. Rechtsstaatlichkeit impliziert in selbst den naivsten Definitionen zumindest richterliche Kontrolle und Nachvollziehbarkeit, damit zumindest indirekt auch einer Öffentlichkeit. Geheimgerichte wie sie beispielsweise im Falle der USA bei Prism, vermutlich aber nicht nur dort, eingeführt wurden, die ihrem Wesen nach nicht-öffentlich, nicht-transparent und damit kaum noch effektiver Kontrolle unterliegen, laufen den notwendigen Anforderungen der Rechtsstaatlichkeit zuwider.

Diese Erkenntnis gesellt sich zu ohnehin schon offenkundigen, auch in Deutschland gebilligten Methoden unter befreundeten Demokratien: Mit Guantanamo wurden Gefangene abseits des Völkerrechts, mit Waterboarding abseits das Menschenrechts gestellt und mit einer legalisierten Überwachungsstaatlichkeit die Freiheitsrechte von Bürgerinnen und Bürgern beschränkt. Staatliche Kontrollgremien sind nur noch legalistische Feigenblätter, die im Namen des Geheimnisschutzes mit geschwärzten, gekürzten Berichten und Aussageverweigerungen hingehalten werden.

All das widerspricht jeglichem Sinn des Rechtsstaatsprinzips. Schon innerhalb des rechtspositivistischen Rahmens. Doch spätestens mit der Radbruchschen Formel ist der inhärente Fehler des Rechtspositivismus aufgezeigt worden: Legales Unrecht muss durch nicht-gesetztes Recht gebrochen werden können, um der Gerechtigkeit zu dienen. Und genau diese über das gesetzte Recht hinaus weisende Fundierung im Naturrecht macht das Rechtsstaatsprinzip eigentlich aus. Ein Staat ist nicht ein Rechtsstaat, weil er sich ein Recht gibt und sich daran hält oder es bei Bedarf an eigenen Willen anpasst. Ein Rechtsstaat ist ein Staat immer dann, wenn er sich an naturrechtliche Normen der Gerechtigkeit, Freiheit und Menschlichkeit hält, ob sie nun kodifiziert sind oder nicht. Rechtsstaatlichkeit ist damit praktisch flüchtiger als Druckertinte auf Gesetzpapier.

Um es für simple Gemüter wie Innenminister Friedrich oder Bundespräsident Gauck zu formulieren: Weil die Deutsche Demokratische Republik sich die Demokratie selbst attestierte, war sie noch lange keine. Denn ihre Handlungen machen die Demokratie. Nicht ihr Name, ihr Recht oder ihre öffentlichen Bekundungen.

Ein Gauck, wer Böses denkt

Blankes Entsetzen, pulsierende Wut, so fühlt er sich an, dieser Tugendfuror, den ein zum Bundespräsidenten erhobener Seelenhirte regelmäßig auslöst. Und welche Seelen der Mann zu schützen gedenkt, offenbart er in einfachen Worten, denn der Verrat an sich, das Whistleblowing, brauche eine höhere Rechtfertigung. So bleiben kümmerliche Einsichten eines Mannes, dessen Blindheit vor Tyrannei sich offenbart:

Gauck forderte Informationen dazu, welchen Rechtsbruch Snowden denn aufgedeckt habe. "Dann wächst mein Verständnis für solche einzelne Personen."

Dies ist das herablassende Verhalten eines Mannes, dessen Ego ihn zum Richter über Anstand, Sitte und Moral erhebt. Nicht der demokratische Diskurs macht frei, sondern konformes Verhalten nach dem Gusto eines Mannes, dessen Gebaren aristokratische Züge nicht verbergen kann. Eines Bundespräsidenten ist die wohlgefällige Bücklingshaltung gegenüber allem, was den Stallgeruch abgehangener Freiheitsbegriffe verströmt, nicht würdig. Da werden in seliger Gefühligkeit Tränen geweint, die zeigen, wie persönlich es ist, wie wenig Würde er dem Amt zu geben bereit ist.

Mit dem ‚Verrat‘ hält der Begriff Einzug, der Snowdens Verhalten per se inkriminiert, dessen Offenlegungen von oberster Stelle diskreditiert. Es ist die subtile Meinungsmache, die den Totalitarismus kaschieren kann. Denn Freiheit endet nicht, wenn Ketten gelegt werden, sondern auch wenn Amtsträger ihr Amt verabsolutieren. Wenn ihr Amt Rechtfertigung fordert, statt, wie es sein müsste, sich durch Taten zu legitimieren. Joachim Gauck ist von allen Bundespräsidenten, das zeigt sich deutlich, derjenige, dessen absolutistische Geisteshaltung mit dem Amt unvereinbar ist. Das Bundespräsidialamt ist keine Kanzel, es ist keine Verwirklichung eines konformistischen Egos. Und Freiheit endet nicht dort, wo die Vorstellungskraft eines alten Tausendsassas der Anbiederung an den Kapitalismus endet. Gauck hat das ohnehin fragwürdige Amt in unvorstellbarer Weise beschädigt, wieder einmal.

Es gibt einen Topf juridischen Golds am Ende des Regenbogens

Aufgrund vieler einzelner, doch folgenreicher Ereignisse der letzten Wochen wurde mein Antiamerikanismus befeuert, den ich so gar nicht aufbranden lassen will.

Gut, dass ich nun auch wieder reichlich Gegenmittel habe. Es wird meine Kritik nicht schmälern, aber den Blickwinkel endlich wieder begradigen helfen.

Revolution: Der Dystopie geht der Saft aus

Im Jahre 2012 fiel in den USA der Strom aus. Nicht bloß für einen kurzen Moment, auch nicht wenige Tage, der Strom kam nicht mehr wieder. Alle elektrischen Geräte waren nutzlos geworden. Besonders hart traf es Drehbuchautoren von Revolution, die nun keinen Zugriff mehr auf ihre kostbaren Handbücher für kreatives Schreiben hatten. Sie hätten sie nicht in der Cloud sichern sollen. Also taten sie, was getan werden musste, sie griffen auf einen veralteten Teilausdruck von tvtropes zurück, den ein Praktikant mal machen musste, weil dies als lehrreiche Erfahrung verkauft wurde, die ein unbezahlter Praktikant halt machen muss. Und sie haben wirklich alles aus tvtropes herausgeholt, was die Seiten so zu Dystopien hergaben.

Die Welt, die Revolution zusammenbrechen lässt, ist ein wahrgewordener Alptraum der Tea-Party-Bewegung. Die USA rühmen sich, eine hochzivilisierte Gesellschaft zu sein. Revolution traut dieser Gesellschaft aber zu, nur einen totalen Stromausfall zu brauchen, um völlig zusammenzubrechen. Nach nur fünfzehn Jahren ohne Strom sind die Staaten gar nicht mehr so einträchtig oder geeint. Sie sind in autoritäre Systeme zerfallen, die von Rechtsauslegern wie Glenn Beck immer als sozialer Teufel an die Wand gemalt werden. Allerdings bleibt die Serie auch auf diesem Niveau. Da dient dann das in einer der Republiken durchgesetzte Waffenverbot als Kennzeichen der oppressiven Obrigkeiten, eine Angst von Rechtsaußen also.

Durch alle Facetten der Serie zieht sich eine Ideenlosigkeit, die nach einigen Folgen kaum noch zu ertragen ist. Revolution ist eindimensional. Ihre ganze Ausrichtung ist schon problematisch, denn die Protagonistin auf eine Rettungsmission zu schicken, um ihren entführten Bruder zurückzugewinnen, erweist sich als Belastung. Durch den so erzeugten Zeitdruck soll Spannung aufgebaut werden, den Figuren schnürt die Serie damit die Luft ab. Also wird bei der Charakterisierung der Figuren Scherenschnitte eingesetzt. Tatsächlich dürfen sich Rebellinnen gegenüber Kinder ironiefrei mit "I’m one of the good ones." ausweisen. An anderer Stelle zieht die Serie einen allzu verdächtigen mit den Aufständischen in Syrien. Hier die Guten, da die Bösen. Expositorische Dialoge sind ein Markenzeichen von Revolution; ebenso die völlig dramaturgische Überladung der einzelnen Episoden. Fast panisch flieht die Serie vor jeder ruhigen Minute, die inhaltliche Leere könnte auffallen. Einen Fluchtversuch des Entführten noch in einen Gewittersturm zu versetzen zieht die Spannung nur ins Lächerliche.

An Revolution ist allein die platte Erzählung ein Rückfall in archaische Zeiten. Und Elizabeth Mitchell taugt mittlerweile, so bedauerlich das ist, nur noch als Warnung vor Serien, an denen sie beteiligt ist.

Zero Dark Thirty: Das schwere Gewissen

Als Artefakt archaischer Zivilisation wird das Recht gegeißelt, das Gleiches mit Gleichem zu vergelten sucht. Das Talionsrecht ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Entstanden in vor-christlichen Zeiten findet es eine verwandte Form im biblischen Auge um Auge. So sehr das Christentum in den meisten Industrienationen verwurzelt ist, auch ohne die Religion neigen Menschen zu einer vermeintlich ausgleichenden Gerechtigkeit. Die Religion macht es womöglich einfacher, über die Zweischneidigkeit von Vergeltung hinwegzusehen. In Zero Dark Thirty wird dieser wahnhafte Ruf nach Vergeltung durch Salven aus einem Gewehr laut. Die Projektile schlagen im Körper Osama bin Ladens ein, dessen Gesicht nie gezeigt wird, der Körper platzt an der getroffenen Stelle auf. Frauen schreien, Kinder schreien, Navy Seals schreien, unter ihnen kommentiert eine ruhige Männerstimme: "For God and Country." Es wäre zu leicht, darin einen Konflikt der Religionen zu sehen. Das God zu betonen, dabei das Country auszublenden1.

In Zero Dark Thirty gelingt, was viel zu selten in Filmen erreicht wird. Der Film ist nicht neutral oder objektiv zu sehen, er zwingt zur Stellungnahne. In Zero Dark Thirty werden Sätze gesagt und Bilder gezeigt, die keinerlei Schonung kennen. Der Film ist ein post-traumatischer Verarbeitungsversuch. Akribisch sucht er Klarheit, aus den Geschehnissen einen Sinn zu machen. Dabei will es ihm nicht gelingen, alle Fragmente in Einklang zu bringen. Zwangsläufig muss so ein Film spalten, wenn er doch selbst nur zeigt, aber nicht bewerten will. Im Gegensatz zu vielen unentschlossenen Filmen ist Zero Dark Thirty aber nicht zerfasert. Seine ethische Ambivalenz ist sein eigentlicher Zweck.

Ist denn die Suche nach Osama bin Laden all das wert gewesen? Diese Frage beantwortet der Film nicht eindeutig. Seine Figuren werden diese sie wohl beantworten, aber nicht der Film. Wenn Jessica Chastain vor Erleichterung weint, bleibt offen, was überwiegt. Die Freude über den Tod des Terrorchefs oder schlicht der Erfolg nach jahrelanger Arbeit. Gerade Chastain schafft es, eine innere Spaltung darzustellen. Ihre CIA-Agentin Maya ist wahnhaft auf ihre Hypothese zum Aufenthalt bin Ladens fokussiert, zugleich spielt sie diesen Wahn allerdings als Rationalität aus. Im Meer der erratischen Informationen, Gerüchte und Geständnisse verquirlt Maya diese zu einem wackeligen Gebilde, das nur deshalb nicht paranoid ist, weil es sich am Ende als wahr herausstellt. Die Rationalisierung des Irrationalen, Zero Dark Thirty versucht erst gar nicht, dieses Dilemma zu lösen. Es reicht schon, das Dilemma überhaupt aufzuzeigen.

Worin das Dilemma genau besteht, bleibt offen. Es muss offen für individuelle Interpretation sein, denn der Film zeigt überwiegend unübersichtliche Zeitgeschichte, aus der noch keine gültigen Schlüsse gezogen sind. Für mich ist das etwas anderes als ethische Wankelmütigkeit, es ist zum jetzigen Zeitpunkt der einzige Weg. Zero Dark Thirty ist anzumerken, wie gern er in Patriotismus verfallen würde, aber nicht kann. Zu viel ist passiert, das nicht mit dem Schwenken der Nationalflagge oder dem Singen einer Nationalhymne übertüncht werden kann. Diese Zerrissenheit ist nicht Unentschlossenheit, sie ist der kalte Schmerz des Gewissens. Der Bauch will den Tod bejubeln, der Verstand sät die Zweifel. Der Gott richtet sich nach dem Willen der Vergeltung, aber das Land hat Ideale, die der gezielten Tötung doch eigentlich widersprechen. Das Land ist eine Demokratie, eine, die tötet und ihre Ideale genau dann verdrängt, wenn sie gefordert sind? Oder gelten für das Land doch andere Maßstäbe, die Aufhebung der universellen Menschenrechte, ein nationalistischer Exzeptionalismus?

Nach The Hurt Locker perfektioniert Kathryn Bigelow ihr Konzept, so nah wie möglich an die Figuren heranzutreten, ohne sie zu bewerten. Damit schafft sie eine intime Nähe zu Menschen, die Abartiges, also hochgradig Menschliches tun, überlässt die Wertung aber uns. Bigelow geht mit atemloser Ruhe daran, Spannung aufzubauen, entmündigt Zuschauerinnen und Zuschauer jedoch nicht bei der Frage, ob die Mittel und die Methoden der Figuren es wert waren. Ob nicht Höheres verloren ging, das nicht auf der Waage der Vergeltung gemessen wird.

1 Der Trailer ist ein abschreckendes Beispiel für Marketing, das dem beworbenen Gut nicht gerecht wird. Das schwülstige Pathos des Trailers ist dem Film nahezu völlig fremd. Insofern ist der Trailer fast die schlechteste Werbung.

Elementary: Konfektionsgröße Holmes

Fernsehserien, aus dem US-Fernsehen besonders, wird seit dem Jahrtausendwechsel eine strahlende Aura nachgesagt, mit der die besten Serien in Anspruch, Narrative und Struktur die Kulturlandschaft prägen, dem Film den Rang abgelaufen haben, vielleicht sogar am mutmaßlich unübertrefflichen Nimbus des Romans als höchster unter den Erzählformen kratzen. Neben berechtigtem Lob bleibt aber auch die Erkenntnis, dass US-Fernsehen nicht vorrangig als Kunst entsteht, denn es ist als Teil einer hegemonialen Kulturindustrie wie nahezu alles ein mit gigantischem Aufwand betriebenes Geschäft. Selbst die anscheinend so erhaben über dem Rest des Geschehens thronenden Breaking Bad, The Wire und wie sie alle heißen sind und bleiben an das Diktat des kommerziellen Erfolgs gebunden, auch wenn sie den Zwang zur Formatierung bis an den Rand des Machbaren strecken. Firefly, Joss Whedons Sci-Fi-Western, fand bei allen Lobeshymnen für den Sender nicht die Quote, wurde abrupt beendet.

Mit dem Druck der Wirtschaftlichkeit bringt das US-Fernsehen auch große, gewagte Themen in serieller Form unters Volk, aber in abgewogener Dosierung, die Welt hängt bei den künstlerisch ambitionierten Serien am Tropf der US-Einschaltquoten, Gedeih und Verderb hängen daran. Kein Wunder also, auch die Mehrheit der US-Serien entstammen starren Formatierungen. Enge dramaturgische Korsettformen werden um wechselnde Bäuche geschnürt, damit die Quote stimmt. Auch in den USA dominiert der Dreiakter-Uniformismus ganze Genres: House, Monk, The Mentalist, NCIS, und Klassenprimus der Einfallslosigkeit CSI, sie alle sind mit ihrer wiedergekäuten, unablässig gleichen Konvention Fischfarmen roter Heringe, bei dem ein immer gleicher Plot-Twist die Handlung ad absurdum führt. Sie alle sind Belege des abscheulichsten Quotenmagneten: dem klinischen Crime-Drama voller absonderlicher Übermenschen, deren soziopathologisches Verhalten Sympathie hervorrufen soll.

Aus diesem Umfeld stammt auch Elementary vom an Formatierungserfahrung reichen Robert Doherty. Als Crime-Drama reiht sich Elementary in seiner kühlen Zielgruppenberechnung in die obige Gruppe ein: Der urheberrechtlich unbedenkliche Sherlock Holmes, durch eine BBC- und die burschikose Hollywood-Adaption in modernem Gewand repopularisiert, wird als publikumsträchtige Marke im New York der Gegenwart wiederbelebt. Nun als emigrierter Ex-Abhängiger auf Entzug, der sich als kauzig-genialer Berater der örtlichen Polizei verdingt. Dem wortflutendem Holmes (Jonny Lee Miller) wird ein „sober companion“ aufgezwungen, Dr. Joan Watson (Lucy Liu) soll dem Suchtkranken bei der Entwöhnung helfen, wird aber, welch Wunder, zur einzigen Person, die hinter die eitle Maske des genialischen Detektivs schauen kann.

Als Format ist die Serie mit ordentlichen Mitteln ausgestattet, weiß als Unterhaltungsserie durchaus zu überzeugen. Besonders die Protagonisten entwickeln eine gelungene unterkühlte Beziehung zueinander, die nicht von romantischen Untertönen diskreditiert wird, zumindest vorerst nicht. Jonny Lee Miller spielt einen exaltierten Holmes, der glaubhaft intelligent und deswegen der Welt entrückt ist. Lucy Liu war ohnehin immer dann am besten, wenn sie mit stoischer Miene die Geschehnisse begleitete, ihr Watson ist eine erstaunliche Ergänzung zu Jonny Lee Millers jungenhaften Obsessionen.

Auch die Produktion besticht mit einer guten Ausstattung und gewissenhafter Inszenierung. Der schier unermessliche Schatz talentierter Schauspielerinnen und Schauspieler, die in den USA aber dann doch nur ein Statistendasein fristen, ist beängstigend. Woran es aber krankt, sind die Bücher. Im zähen Ringen um Aufmerksamkeit haben sich die Crime-Dramas in einer Spirale der Abstrusität verfangen. Es ist Ausdruck der Professionalität, dass es erkennbare Mechanismen in den Grundlagenkursen der Autorenschulen gibt, dies möglichst zu kaschieren. Mit ein wenig Sehgewohnheit sind die Marotten jedoch schnell als hässliche Zuschauermanipulationen durchschaut.

Eitel wirkt es, die Fall-Konstruktionen der Morde der Woche von Jonny Lee Miller in irrwitzigem Tempo vortragen zu lassen, damit ihre Flüchtigkeit im Staccato der Begründung untergeht. Hinzu kommt die einstudierte Ehrfurcht der Nebendarstellerinnen und Nebendarsteller, mit der sie der haltlosen Andacht zuhören, als wäre sie die unweigerlich rationale Deduktion, als die sie ausgegeben wird. Alles altbekannte Taschenspielertricks der modernen Erzählkunst. In Elementary nimmt sich das im Vergleich zur Konkurrenz zwar noch fast harmlos aus, bleibt doch störend.

Ärgerlich ist hingegen die Berechnung, wenn ein ums andere Mal gerade die Figuren eben nicht mal von den Schienen, auf die sie gesetzt wurden, abweichen, jede Entgleisung nur nach bekanntem Schema der Deehbuchpsychologie verläuft. Da aber bislang in den USA ein erstaunlich mäßiger Serienherbst zu verzeichnen ist, gehört Elementary zum besten Fernsehen dieser Saison, aber noch lange nicht in die Spitze. Crime-Drama, auch wenn es noch solide gemacht ist, geht halt immer runter, schmeckt aber nicht wirklich.

Linkgebliebenes 8

Heute kommt die kleine Rundumschau mal ohne Sexismus-Themen aus, das war dank #aufschrei zu viel für mich. Gut, fast. Da wäre die Sache mit einer fiesen Masche der Glee-Verantwortlichen, die eine herrliche urheberrechtliche Volte schlugen. Elyse von skepchick.org findet aber auch auch noch seltsame Vergewaltigungsapologetik in derselben Glee-Folge.

Tjaha, nur gut, dass faz.net noch klare Fronten kennt. Schließlich nehme der Antiamerikanismus, von übelsten Negativklischees geprägt, in der deutschen Bevölkerung seit Jahren zu. Die ‚Analyse‘ der Beweggründe macht dabei keine Gefangenen, die Freund-Feind-Kennung des Textes ist so feinjustiert wie die einer Drohne. Und es müssen Klischees sein, denn beispielsweise schätzen die Deutschen die wissenschaftliche Leistung der USA nicht genug, doch würde mich nur mal interessieren, wie viele Nicht-Amerikaner in diesem Wissenschaftsbetrieb tätig sind?

Das war dann doch mehr Eindimensionalität, als gut für mich ist. Die Augen zu schließen ist halt Realitätsverweigerung, nicht Komplexitätsreduktion. Esst mal ein leckeres Gericht mit Quinoa. Beim Guardian lässt sich schön nachlesen, warum unsere Welt nicht plump gut oder schlecht ist, sondern erst mal komplex. Sehr kompliziert.

Noch mehr Komplexität gefällig? Freie Meinungsäußerung heißt eben manchmal auch das hier, wenn niemand einschreitet. Und jetzt hatte ich großspurig eine Linkumschau minus Sexismus-Themen versprochen, kann aber nicht davon lassen: Lena Schimmel macht #aufschreistat. Feine Sache das, aber in Java.

Vor der tausendfach verschachtelten Welt fliehe ich, viele andere auch, in eine andere, scheinbar simplere. Klassischer Eskapismus eben, doch die Kultur, die entsteht, schwappt in größere, ganz und gar wirkliche Kontexte über. Verteidigung wird notwendig? Vielleicht.

DerWeltWurd0chImm4Schlimmerer

Die Tücken des Zweiparteiensystems

Im Gegensatz zu Karl Poppers Gründen, die für ein Zweiparteiensystem sprechen sollen, habe ich noch immer meine Bedenken, das dies auch nur entfernt Vorzüge hat. Nur stütze ich mich dabei auf ein etwas vorgebildetes Bauchgefühl und krumme Analogien. Dass es anders geht, zeigt C. G. B. Grey in The Problems with First Past the Post Voting Explained [via]:

Grey erspart mir damit pseudogebildetes Gestammel und schiefe Vergleiche. Auf den Punkt liefert er, wieso in einem Zweiparteiensystem programmatischer Stillstand droht und noch immer nur eine kleine Minderheit den Ausschlag geben kann. Das ist aber nur eine der Tücken eines solchen Systems. Das Beispiel der USA hält noch eine Menge Überraschungen parat, wie ein solches System in der Praxis manipuliert werden kann – und derzeit auch wird: Alternativlos zu den US-Präsidentschaftswahlen. Aber der Vollständigkeit halber ein Hinweis: Nicht nur im US-Wahlrecht- und -system finden sich Seltsamkeiten.