Half-Life 2: Ohnmacht und Halbherzigkeit

Ich habe einen Klassiker durchgespielt. Jahre nach seinem Erscheinen habe ich mit Half-Life 2 nicht nur angefangen, um nach zwei, drei Stunden wieder aufzuhören. Es ist dieses Spiel, das viele als einen Meilenstein ansehen und dabei nichts darauf kommen lassen. Valve habe die Spitze erklommen und seitdem auch nicht wieder abgegeben. In weiten Teilen kann ich das sogar nachvollziehen, oft teile ich die Sicht sogar. Dann bleibt aber doch immer noch ein fader Nachgeschmack, denn die einzelnen Teile des Spiels wollen sich für mich nicht recht zusammenfügen.

Mit seinen ersten Momenten saugt die dichte Atmosphäre mich in die dystopische Welt hinein. Ich kenne kein Spiel, dem es vor oder nach Half-Life 2 so eindrucksvoll gelungen ist, die unterschwellige wie offenkundige Gewalt eines repressiven Staates erfahrbar zu machen. Gordon Freeman ist mein Stellvertreter in dieser Welt, aber in der ersten halben Stunde verschwimmen die Grenzen zwischen Spieler und Spielfigur völlig. Jedes Wort der in ihren düsteren Kampfrüstungen aufmarschierenden Sicherheitskräfte gilt tatsächlich mir, glaube ich. Gehorche ich nicht, bekomme ich es zu spüren, so scheint es. Dumpfe Schläge und düstere Drohungen. Über City 17, in der ich, also Gordon Freeman, nach den Geschehnissen in Black Mesa und auf Xen aufwache, herrscht die Furcht. Wer nicht zu den Uniformierten gehört, flüstert nur noch. In kargen, gleichmachenden Overalls tragen sie sich durch die Tristesse einer Stadt, der ihr einstiger Wohlstand, aber auch ihr plötzlicher Verfall anzusehen ist. Sie ertragen die Schikanen Anderer, aus Furcht, bei Widerspruch nur selbst ebenfalls leiden zu müssen. Wir alle, das wird klar, sind nicht Individuen, wir sind Vereinzelte. Jederzeit verfügbar und gefügig. Unsere Blicke wandern instinktiv zum Boden. Wer aufblickt wird ohnehin bestenfalls von den fliegenden Drohnen mit ihren Kameras geblendet oder Zeuge der Verbrechen.

Nachdem der Staat mir, also Gordon Freeman, mit seinem Säuberungskommando im ersten Teil in den Rücken fiel, bin ich gebranntes Kind. Mit diesem totalen Überwachungsstaat war aber doch nicht zu rechnen. Valve hatte in Half-Life das FPS-Genre unwiederbringlich verändert. Statt von Monstern gesäumte Schläuche zu schaffen, die mit blinder Gewalt durchkämmt wurden, etablierte Valve erzählerische Elemente des Horrors. Die besten Momente des ersten Teils waren nicht überwiegend die Gemetzel, sondern die ruhigen Augenblicke der Ungewissheit. Wenn die Angst aufkam, was in der Forschungsstation noch geschehen könnte, war der Spaß am höchsten. In Half-Life 2 ist das nicht anders, nun aber um Staatsterror ergänzt. Valve hat es sogar auf die Spitze getrieben. Gerade dann, wenn die Mechanismen des FPS ad absurdum geführt werden, ist es ein bahnbrechendes Spiel. In der Regel funktioniert ein FPS so, dass wir uns am besten gar nicht die Frage stellen, warum wir Spielerinnen und Spieler als Armee aus einer Person hier die Welt retten. Das mag unserem Ego schmeicheln, doch sehr einfallsreich ist es nicht.

In vielen Situationen stellt Valve in Half-Life 2 diese Spielerfahrung auf den Kopf. Hier richtet sich alle Gewalt eines überlegenen Überwachungsstaates gegen mich und die wenigen Verbündeten, die ich habe. In Half-Life 2 konkretisiert sich ein Verfolgungswahn, den ich so in einem Spiel noch nicht erlebt habe. Gegenüber der schieren Zahl der Gegner und der Feuerkraft ihrer Panzer kann ich nichts ausrichten, kontrollierte Flucht ist die einzige Option. Das ist eine sehr heilsame Lektion für mich als Spieler, der gewohnt ist, immerhin unterschwellig von jedem Spiel hofiert zu werden. Stattdessen drängt mich das Spiel zuerst von der Oberfläche in die Kanalisation, aus der Stadt aufs Land, von der Sicherheit ins Chaos. Half-Life 2 entthront mein Ego. Anfangs scheint es, als bliebe mir nur, solange zu überleben, bis mir und den anderen Widerstandskämpfern ein Lucky Punch gegen das System gelingt. Oder immerhin ein hinausgezögerter Tod.

Leider geht Valves Plan dann doch nicht auf. Nicht völlig. In zunehmendem Verlauf des Spiels wird klar, dass Gordon Freeman eine messianische Figur ist, der die Rettung schon bringen wird. Da trennt sich meine Wahrnehmung der dystopischen Welt von der Gordons, ich nehme nun als Ich auch ihn wahr, nicht mehr nur ‚unsere‘ Unwelt. Wir lösen uns immer weiter voneinander. Half-Life 2 ist deshalb zerrissen in eine brillante Ohnmachtserfahrung als Untergrundkämpfer und einen soliden First-Person-Shooter. Valve gelang es nicht, das Genre so weit aufzubrechen, dass sie gänzlich ohne dessen Gesetzmäßigkeiten auskamen. Über diese anfangs nur sporadischen Ausnahmen bricht schließlich aber wieder die Gewöhnlichkeit ein. Ich bin dann nur noch Spieler eines typischen Halbgottes. So bekannt wie gewöhnlich aus allen anderen Shootern.

Auch über ein Jahrzehnt nach seinem Erscheinen ist Half-Life 2 ein beeindruckendes Spiel. Technisch noch immer gelungen, ist es vor allem eine Erfahrung, als Spieler in vielen Momenten fast hilflos zu sein. Im Verhältnis zur Konkurrenz ist es ein berauschendes Spiel, gemessen an dem, was es hätte sein können, kommt bei mir doch Enttäuschung auf. Valve kam sehr nahe dran, meine Erwartungen als Spieler völlig umzuleiten. Aber anscheinend haben sie sich das dann doch nicht getraut.

Portal-Reihe: You Can Still Be Paranoid

Ich hatte sie gehört, die Stimmen, seit Jahren schon klangen sie in meinen Ohren. „Das musst du gespielt haben, wenn du etwas auf dich als Gamer hältst.“ „Wie? Du hast das wirklich noch nie gespielt?“ „Nicht einmal den ersten Teil, den gibt es ja schon ewig. Der ist so groß“

Geschämt habe ich mich, das kann ich ja sagen, nur geholfen hat es lange Zeit nicht, ich mag meine Gründe gehabt haben. Einer meiner wichtigsten war, Valve hatte mir eine der besten Viertelstunden meines Spielerlebens gegeben, dann alles in der Beliebigkeit versenkt, als Half-Life 2 rauskam. Fortan wollte ich nicht mehr so enttäuscht werden; diese Furcht hat mich eines Trips beraubt, den ich nicht nur Valve nicht, der Branche allgemein in dieser Form nicht zugetraut hatte: Portal dieses Wurmloch in eine andere Spielewelt ist das, was ich in all den Jahren so schmerzlich selten nur erlebt habe. Ein Proof-of-Concept, in einer Spielesammlung als Dreingabe veröffentlicht ist eines der besten Spiele der Nullerjahre: Portal. Der späte Nachfolger aus dem Jahr 2011 war nicht mehr die Offenbarung, die der ursprüngliche dreidimensionale Puzzler im vermeintlichen Shooter-Gewand war, machte aber deutlich, wie gut dieses Konzept noch immer funktioniert.

Die hysterische Medienmaschine, die so gerne das beinahe schon harmlos veraltete Counter-Strike als Beweis für den Niedergang der Sitten heranziehen, sie würden vor lauter Verwirrung platzen, hätten sie genug Ahnung von der Spieleszene, dass aus demselben Haus eine der innovativsten, zugleich überaus friedfertigen, doch bedrohlichen Spielereihe stammt. Wir reden hier von der Kategorie „Tausend Meisterwerke“, lebendiges Weltkulturerbe.

Woran mag das liegen? Fangen wir hinten an, beim Abspann des ersten Teils. Als die passiv-aggressive Nymphe unter den künstlichen Intelligenzen uns in ungelenkem Zuckerpop von der Wiedergeburt erzählt, ist ein surrealer Kälteschauer meinen Rücken runter gezogen. GlaDOS, die besagte KI, hat einen Schaden schon im Bootsektor, den sie fehlinterpretiert und fürsorgliche Liebe nennt. Eine säuselnde Bestie der Hintertriebenheit. Erstaunlich genug ist, dass Valve wohl so wenig Aufmerksamkeit auf Portal verschwendete, das Team nutzte den Freiraum für die bislang beste Umsetzung eines unzuverlässigen Erzählers in Computerspielen.

Warum überhaupt ein Erzähler, also hier eine Erzählerin, nein, ein erzählendes Etwas mit weiblich klingender Stimme? Computerspiele haben die hohe Immersion, die Segen und Fluch zugleich ist. Kaum ein Medium kann derart leicht eine völlig fremde Welt erfahrbar machen, ist aber so unbeholfen, diese Welt über Stereotypen hinaus darzustellen. Erzähler sind in diesem immersiven Konzept kaum vorgesehen, in Portal ist die unsichtbare Wand durchbrochen von einem simplen Kunstgriff.

Als Spieler wachen wir in einer sterilen Umgebung auf, die sich schnell als lebensgefährliche Versuchsanordnung herausstellt. Einzig GlaDOS verschafft uns Erklärung in den monotonen Laborkuben, die mit tödlicher Geduld auf uns warten. Portal schafft nun, GlaDOS als Verbündete zu etablieren, die uns die ersten Schritte leichter macht, lebensrettende Hinweise gibt. Ihre mechanische Stimme spendet Trost. Ein simpler Kniff, unser Vertrauen zu gewinnnen; in der Not greifen wir mangels Alternativen nach dem einzigen Halm, der Überleben verspricht. Diese Manipulation hält noch lange eine Illusion aufrecht, dass GlaDOS nur an unserem Wohl interessiert ist. Ungläubig fast müssen wir zusehen, wie der einzige Halt in dieser Welt an den Lügen unserer Erzählerin zerschellt. Ein Spiel, das uns bewusst anlügen lässt, uns auf Schritt und Tritt überwacht, subtil manipuliert. GlaDOS will uns doch nur helfen, sie liebt uns zu Tode. Die Wut über diese Niedertracht, hintergangen worden zu sein, ist so echt, emotional wahr, allein das macht Portal zum wertvollen Erlebnis.

Dabei bietet Portal auch noch eine bisher nicht erwähnte Dimension, das eigentliche Spiel als Puzzle. Auch hier beschritt das Team bei Valve innovatives Neuland. Die namensgebenden Portale reißen buchstäblich Löcher in den dreidimensionalen Raum, die Bedingungen in den Räumen sind kontrollierte Versuchsanordnungen zum Testen des räumlichen Denkens der Probanden. Valve schuf damit ein Subgenre des Puzzles in der guten alten Half-Life-2-Engine, eine haarsträubende Variante des Rätselns im Raum.

Ein Kunstwerk in Sachen Spieldesign sind beide, auch wenn der erste Teil selbstverständlich die Überraschung auf seiner Seite hatte, denn der Schwierigkeitsgrad vom ersten Level im Vergleich zum letzten wirkt in der Gegenüberstellung wie eine unüberwindbare Herausforderung. So manches Video des Spiels dürfte mit der Hirnwindungen verdrehenden Logik der Positionierung im Raum abschreckend wirken. Im Spiel selbst verfliegt die Furcht vor der Überforderung schnell, Portal und auch Portal 2 sind Lehrbeispiele für fließend ansteigende Lernkurven, die fordern statt zu frustrieren. In jedem Abschnitt wird eine neue Facette räumlicher Brüche, des Energieerhalts und spielerischer Elemente eingeführt, bis alle Eigenschaften dieser abstrusen Technik in die Intuition übergegangen sind.

In Portal 2 bewies Valve erneut Fingerspitzengefühl, denn nach der atemberaubenden Paranoia des ersten Teils, eifern die Entwickler dieser nicht verkrampft hinterher, sondern setzen in der Fortsetzung noch deutlicher auf ein Erzählmittel, das in Computermedien nur selten zündet: skurrilen Humor und sogar Anflüge durchtriebener Kapitalismuskritik. Spätestens damit steht fest, sowohl Portal als auch der würdige Nachfolger * Portal 2* sind Spiele von kanonischem Rang.

Still Alive

Was auch immer den Leuten die letzte Woche im Dezember bedeutet, keine Ahnung. Für mich hat sie erst seit einiger Zeit eine gewisse Bedeutung, weil da gerade ein nebulöser Online-Dienst gebündelte Spiele raushaut. So kann ich dann schmerzhafte Gamer-Lücken für nur ganz wenig Schaden auf dem Konto schließen.

Alle sprachen von dem Spiel hier, ich wollte es nicht glauben. Betrachtet mich als von GlaDOS eines Besseren belehrt. Spooky.