Schlandnet ist noch zu weitläufig

Dann heißt es eben von vielen guten Freunden und den unzähligen Bekanntschaften im Netz Abschied zu nehmen. Aber Hand aufs Herz, mich überzeugt der Vorschlag zum #schlandnet. Nach reiflicher Überlegung, ich habe mir schließlich doch mindestens Millisekunden im zweistelligen Bereich für ein fundiertes Bauchgefühl gelassen, kam ich zu dem Schluss: das #schlandnet geht noch nicht weit genug.

Wer braucht denn schon noch in der heutigen Zeit Verbindungen über die nationale Grenze hinaus. Ich bin mir nicht sicher, aber es wird sich doch eine Folge soziologischer Studien zitieren lassen, in denen die relevante soziale Vernetzung nur im Nationalen nachgewiesen wird. Im digitalen wie im analogen Leben. Diese Studien, blendend wie sie sind, seien an dieser Stelle blind zitiert. Sie arbeiten heraus, wie wenig wir den internationalen Kontext für unsere Kommunikation und unser Handeln benötigen.

Besser noch, die Studien, diese hervorragenden, belegen obendrein, dass sozialer Zusammenhang — und damit auch Zusammenhalt — nur in viel kleineren sozialen Zellen. Wer mir nicht glaubt, möge doch bitte die Studien selbst studieren. Offenkundig benötigen wir Menschen doch nur einen engen Kreis an Anderen um uns herum. Die Betonung liegt wohl darauf, dass sie sich um uns herum befinden. Implizit benötigt soziales Miteinander auch soziale Nähe. Und wie anders sollte solch eine soziale Nähe denkbar sein, wenn sie nicht räumlich auch besteht? Mir kann nur menschlich nahe sein, wer mir räumlich nahe ist. Das lässt sich nicht leugnen — man möge besagte Studien beachten.

Also bräuchten wir noch viele kleinere technische Netzwerke für unsere sozialen Beziehungen, die erwiesenermaßen auch nur in kleinerem Rahmen herausgebildet sein können. #schlandnet führt also nicht weit genug, weil es eben noch, räumlich gesprochen, zu weit führt. Denken wir doch nur ab die breite Literatur, die ubs lehrt, dass wir letztlich nur einige wenige Menschen brauchen, die auch bestenfalls in unserer direkten Umgebung leben. Brauchen wir da wirklich nich andere Netzwerke? Nein, wir brauchen sie nicht.

Tatsächlich aber brauchen wir doch dann auch diese ganze Technik nicht. Sind meine wenigen Freunde und Verwandten, von deren räumlicher und sozialer Nähe ich profitiere, mir direkt vor die Haustür gesetzt, könnte ich ebenso gut einen Schritt vor die Tür machen, wenn Gesprächsbedarf herrscht. Nun schließt sich der Kreis, denn die Technik erweist sich mit ihren weit fassenden Greifarmen als inadäquat, denn sie kann doch keine nähe schaffen, die wir als Menschen brauchen. Ein Blick in die einschlägige Literatur zeigt es ganz klar. Und dem Sicherheitsgedanken wäre damit genüge getan, denn wo keine technische Verbindung mehr zwischen sich nahen Menschen bestehen muss, ist die Möglichkeit zur Überwachung wieder stark eingeschränkt. Kehren wird doch nach all diesen überzeugenden Argumenten zu den hergebrachten Kommunikationsformen der unmittelbaren räumlichen Nähe zurück. Die Wissenschaft belegt es eindeutig. Mehr Nachbarschaft, das würde doch all unsere Probleme lösen.

Drafts-Rezepte VIII: Down or just me?

Ein ganz kleines Rezept, um mal schnell zu checken, ob eine Seite wirklich down sein könnte oder der Fehler irgendwo auf meiner Seite liegt. Ich hatte das leidige Thema diese Woche zu oft, da war es ganz gut, mit Drafts schnell losschlagen zu können. Um den Service in Safari zu öffnen, sieht das alles so aus:

http://www.isup.me/[[draft]]

Will ich es in Chrome öffnen, ist das auch schnell erledigt:

googlechrome://www.isup.me/[[draft]]

Die Idee sollt also klar sein. Ist euer Browser nicht dabei sein, ist sein Handle vielleicht hier zu finden.

Will ich jetzt mal sehen, ob kultprok down ist, würde ich inDrafts einfach

kultprok.de

eingeben und dann die Action feuern. Okay, das ist natürlich reichlich dämliches Beispiel, weil ich zuverlässigere Wege habe, um festzustellen, ob mein Server noch läuft. Aber na ja, der Gedanke zählt.

Databin: Tabellen für Freunde

Wenn mir der Schweiß nicht auf der Stirn stünde, ich würde mehr zu Databin schreiben. Ich befürchte ja, was da verdunstet, ist Lebenskraft, nicht Wasser. Was wollte ich sagen? Ja, genau: Databin ist ein kleines Örtchen, an dem schnell mal Tabellen abgeladen werden können, die ins Silo rauschen und sofort in ganz brauchbare Form fallen. Ich weiß auf jeden Fall, wofür so was gut sein kann.

databin_screenshot

Ich darf sogar an nichts rummeckern, denn der Quellcode liegt hier, und da es im hübschen Python daherkommt, ist zumindest nicht ausgeschlossen, dass ich es an meine Bedürfnisse anpassen könnte. Pastebin für Daten ist ein schöne Sache. Aber jetzt: Eisdusche.

Soziale Werbung – und warum wir sie nicht brauchen

Mit der Tür ins Haus zu fallen ist keine schlechte Eigenschaft, um eine Diskussion anzustoßen. In diesem Sinne ist mspro die Expertise im ‚Auf-Türen-durch-dein-mentales-Wohnzimmer-reiten‘ überhaupt nicht abzusprechen. Im Falle von Werbung ist sozial führt ihn die polemische Ausrichtung seines Textes, die ich sonst schätze, aber in den roten Bereich der fatalen Komplexitätsreduktion. Die Tür, ich bleibe mal bei dem Bild, ist schon im mentalen Flur so abgeschmirgelt, dass sie Papier zu nennen noch reichlich optimistisch wäre. Seine Annahme ist nicht falsch, für meine Begriffe aber auch nicht ausreichend.

Die Sache mit der Umverteilung

Seine Argumentation klingt überzeugend einfach, denn Werbung sei ein Mittel der Quersubventionierung zu Gunsten der Ärmeren Gesellschaftsteile. Nehmet den Reichen, gebet den Armen:

Denn das, was erreicht werden soll ist schließlich, dass der Empfänger der Werbung sein Geld für die beworbenen Produkte ausgibt. Je mehr Geld er hat, desto mehr wert ist seine Aufmerksamkeit. Daraus folgt: die Daten und die Aufmerksamkeit der Besserverdienenden quersubventionieren zu einem nicht unwesentlichen teil meinen Medienkonsum. Und den von vielen anderen Leuten mit wenig Geld.

Das klingt einleuchtend. So funktionieren weite Teile der sozialen Netzwerke im Web. Es ist auch offenkundig eine Umverteilung, das ist kaum zu bestreiten. Gegen die Umverteilung von oben nach unten malt er das Bild einer verhärmten Elite, die sich mit Geld exklusive Clubs hält. Der vermeintliche Plebs muss draußen bleiben. Dagegen wirken werbefinanzierte Umverteilungsnetzwerke geradezu egalitär. Doch schon sein Beispiel zeigt, dass diese Umverteilung nicht alternativlos ist. Er spricht app.net an, das einstmals nur durch eine Bezahlschranke erreichbar war, doch ist dieser Dienst mittlerweile geeignet, sein Argument zu entkräften. Seit Anfang des Jahres gibt es – im Funktionsumfang eingeschränkte – kostenlose Accounts. Was geschieht da? Umverteilung.

Dieses Mal aber nicht über den Umweg der Werbung. Die zahlenden Nutzerinnen und Nutzer subventionieren die kostenlosen Accounts. Dieses Freemium-Modell ist so neu auch nicht mehr. Ein Paradebeispiel ist github, wo zahlungskräftige Nutzerinnen und Nutzer sich private Repos erkaufen, damit aber die Open-Source-Öffentlichkeit finanzieren. Denn solange dort Code frei zugänglich gemacht wird, ist die Nutzung kostenlos.  So alternativlos ist die von mspro angenommene Umverteilung der Werbung also nicht. Ähnliche Umverteilungsmechanismen sind etabliert, erfolgreich und haben alle Vorteile der werbefinanzierten Umverteilung. Heben die Nachteile der Werbung aber auf.

Ist Umverteilung durch Werbung sozial?

Werbung hat eine soziale Funktion innerhalb heutiger ökonomischer Kontexte, ihre gesellschaftliche Funktion macht sie aber allein noch nicht gesellschaftsdienlich. Diese Ambivalenz des Begriffs des Sozialen ist weniger problematisch, denn es gibt keinen Grund, warum Werbung nicht sozial im Sinne von gesellschaftsdienlich sein könnte. mspro zeigt klar, dass sie eine gesellschaftlich wünschenswerte, sogar globale Umverteilung ermöglichen kann. Die Frage ist aber, ob Werbung hierfür ein gutes Mittel und daher Werbefinanzierung wünschenswert ist?

Aus meiner Sicht sprechen viele Argumente gegen werbefinanzierte Umverteilung, die nicht einfach dadurch geschwächt werden, dass mspro sie zur Verfremdung summiert:

Werbung ist nervig, für Werbung werden Daten gesammelt, Werber sind sowieso doof und überhaupt ist Werbung mindestens eine der schlimmsten Ausformungen des Kapitalismus. Einself.

So einfach ist es allerdings nicht, Werbekritik zu widerlegen. Die Datenschutzaspekte lasse ich dabei mal außen vor, mir geht es vorrangig um die Aspekte der Kommunikation. Damit meine ich Kommunikation wie die Sprachwissenschaft beispielsweise sie annimmt, nicht den Euphemismus, mit dem sich Werbung parasitär an die tatsächliche Kommunikation angeschlichen hat. Aus kommunikativer Sicht hat die Werbung erhebliche Nachteile:

  • Je umfangreicher die Werbung, desto geringer die Aufmerksamkeit für tatsächliche soziale Interaktion. Werbung entwickelt eine perfide kommunikative Zentrifugalkraft, die weit über das hinausgeht, was Mainstream-Kommunikation genannt werden kann. Sie bindet auch finanzielle Mittel in Werbeetats und zwingt ihre Bedingungen der Kommunikation auch anderen sozialen Institutionen auf, die nicht die finanzielle Ausstattung haben, gleichberechtigt mit ihr um Aufmerksamkeit konkurrieren zu können.
  • Werbung will keine gleichberechtigte Kommunikation. Sie will ihre Botschaft unwidersprochen etablieren. Wird ihre kommunikative Vormachtstellung hinterfragt, kritisiert oder attackiert, wehrt sie sich mit überbordenden Kräften. Werbung ist eine übermächtige Kommunikationsteilnehmerin. Und sie duldet keinen Widerspruch.
  • Werbung manifestiert mit ihrer Kommunikationskraft soziale Rollen und Muster, die nicht wünschenswert sein können. Gegen die negativen Folgen sozialer Uniformierung, Normierung, Diskreditierung und Diskriminierung durch Werbung sind ihre kommunikativen Vorzüge marginal.
  • Werbung macht abhängig von den Meinungen und Positionen Dritter. Werbung hat eine eigene Agenda, die nicht nicht zwingend sozial im gesellschaftsdienlichen Sinn sein muss. Sie kann diesem Sinn sogar widersprechen. Dennoch wird bei werbefinanzierter Umverteilung die inhaltliche Kontrolle indirekt an die Werbeindustrie abgegeben. Das heißt nicht, dass dies in alternativen Umverteilungsmechanismen nicht der Fall wäre, dass Eliten Inhalte kontrollieren, aber es ist ein wesentlicher Unterschied erkennbar. In Freemium-Umverteilungen entscheiden sich zahlende Nutzerinnen und Nutzer beispielsweise bewusst für die Netzwerke, weil sie ihren sozialen Wünschen entsprechen. Ihr Antrieb ist also die soziale Interaktion, für die sie gerne zahlen und subventionieren. Werbung zahlt dagegen nicht für soziale Interaktion, sondern für Eingriffe in soziale Interaktion.
  • Werbung, das scheint mspro einzugestehen, interessiert sich nur mittelbar für die Interessen, Meinungen und Gedanken der ärmeren sozialen Schichten, nämlich nur, solange sie für die reicheren Schichten als Projektionsfläche sozialer Interaktion dienen. Gerade wegen der von mspro angenommenen egalitären Motive der Umverteilung, halte ich die mittelbare Abhängigkeit weiter Teile der globalen Gesellschaft in Diskursen für überaus problematisch.

Aus meiner Sicht reichen allein die kommunikativen Folgen von werbegestützter Umverteilung, um nach Alternativen zu ihr zu suchen. Ich will noch kurz darauf verweisen, dass es durchaus auch noch kritische Punkte gibt, die zu den Rahmenbedingungen der Ungleichverteilung von finanziellen Mitteln heutzutage zu sagen wären, aber das würde den Rahmen sprengen.

Werbung kann sozial sein, ist aber nicht erstrebenswert

Für mich ergibt sich ein einfacher Schluss. Werbung kann sozial sein, muss es aber nicht. Und sie ist es in den meisten Fällen auch nicht.  Ihre intrinsischen kommunikativen Mechanismen widersprechen nicht grundsätzlich einer sozialen, also gesellschaftsdienlichen Funktion, dauerhaft allerdings gerät sie in Konflikt mit diskurstheoretisch notwendigen Bedingungen. Allein deshalb reicht mspros Annahme nicht aus, um werbefinanzierte Umverteilung gutheißen zu können. Alternative Modelle, auch wenn sie noch lange nicht problemlos sind, verfügen nicht über das störende, übergriffige Potenzial, soziale Interaktion und Kommunikation zu beeinflussen, behindern oder verhindern zu wollen. Werbung kann also durchaus, da hat mspro recht, sozial sein. Aber das ist nicht die eigentliche Frage. Fragt lieber: Wird sie jemals sozial genug sein?

Desmos: Grafischer Rechner im Web

Schon vor einiger Zeit darauf gestoßen, Desmos ist ein graphischer Rechner im Netz.

Ehrlich gesagt, ich bin für alles dankbar, das mathematische Vorgänge visualisiert. Ich springe auf grafische Darstellungen abstrakter Rechnungen deutlich besser an. Deswegen mag ich Desmos so, denn für eine webgestützte Anwendung ist die Oberfläche intuitiv und macht aber auch komplexere Darstellungen zugänglich.

Nationalistisches Internet: Der Kosmopolitismus endet hier

Gelegentlich sind es die vermeintlich kleinen Anlässe, die einen Gedanken ins Rollen bringen, der sich ungebremst durchs Hirn wälzt, viele weitere Gedanken an sich reißt und am Ende dann im Bewusstsein zerschellt, wo die Kraft des nervlichen Aufpralls den Gedanken in tausende schmerzhafter Splitter zerreißt. Zwei widerstreitende Meldungen bewirkten das erst vor Kurzem bei mir. Der Bundesgerichtshof bezweifelt die Legalität eingebetteter Videos, will heißen, der BGH zweifelt an der urheberrechtlichen Unbedenklichkeit eingebetteter YouTube-Videos zum Beispiel. Andererseits sieht ein US-Gericht YouTube gerade nicht zu ausladenden Copyright-Filtern verpflichtet. YouTube, oder jedes andere transnationale1 Internetunternehmen, sieht für Nutzerinnen und Nutzer gleich aus, hat aber unterschiedliche Wirkungen auf sie. Es gibt viele Gründe, auch bessere, darauf zu kommen, dass eine bestimmte Perspektive die Quelle dieser Ungleichheit ist: Die Nation und ihr hässliches Wirkprinzip des Nationalismus.

Es sind Gerichte zweier unterschiedlicher Staaten, deren Rechtssysteme sind aus verschiedenen Traditionen in spezifische Formen gewachsen. Das ist nicht neu. Doch ist etwas anders, ich sehe die Unterschiedlichkeit der Rechtssysteme nun im täglichen Leben. Als Blogger droht mir, was anderen Bloggern und Bloggerinnen in anderen Ländern nicht droht. Auch, das muss ich zugeben, genieße ich (noch) Vorteile der Meinungsäußerung, die mich nicht unmittelbar in Gefahr bringen; andere Bloggerinnen und Blogger setzen in repressiven Staaten oder gegen sie ihr Leben auf’s Spiel.

Doch dieses kurze Beispiel zeigt, dass etwas im Argen liegt, wenn das Internet nur in nationalen Grenzen verarbeitet wird. Das Internet als grenzen- oder schrankenlos zu bezeichnen ist eine bestenfalls utopische Vorstellung. Es entstehen Grenzen überall im Netz, entlang von Sprachen und Kulturen, an Geschlechtergrenzen und Interessen, religiöse und weltanschauliche. Diese Grenzen sind allerdings soziale Grenzen, also transnationale Grenzen. Sie verlaufen nicht in nationalen Bezügen.

Die Identität eines Menschen ist nicht an Nationale gebunden. Lebensweltlich spielt sich das Leben der meisten Menschen in viel kleineren Netzwerken ab, als im nationalen Rahmen. Mit dem Zugang zum Internet2 florierte eine neue Form der persönlichen Überbrückung räumlicher Identitätsbezüge. Digital vermittelte, aber durch und durch personale Identitäten finden sich zu Netzwerken zusammen, die nicht als virtuell diskreditiert werden sollten. Mir sind Menschen emotional näher, denen ich persönlich nie begegnet bin. Sie sind mir näher als Nachbarn, die ich jeden Morgen aus Höflichkeit im Hausflur grüße. Ich habe Anteil am Leben der Menschen, die ich nur über das Netz kenne, sie an meinem. Unser soziales Band3 bindet und stärker aneinander, als an unsere direkten Mitmenschen.

Aber das Internet, das so frei wie behauptet leider nie war, wird Tag um Tag enger geschnürt, es wird national domestiziert. Oder renationalisiert. Für im nationalen Korsett Denkende ist die Renationalisierung des Netzes eine Naturalisierung der konventionellen Identitätsbezüge. Sie muten allen Menschen das Motto zu, warum Freunde in der Fremde suchen, wenn dich so viele Menschen um mich herum sind. Doch dieser Nationalismus ist eine Fiktion. Ich habe als ‚Deutscher‘ wenig gemein mit ‚den Deutschen‘, was mit den Menschen in Greifswald oder Sindelfingen ist, berührt mich nicht. Ich habe keinerlei Bezug zu ihnen. Ich habe aber Bezug zu Menschen überall auf der Welt. Uns stehen viele soziale Grenzen im Weg, einige haben wir überwunden. Unsere kleinen transnationalen Netzwerke sind aber von Nation gefährdet, wir haben nicht das, was uns eigentlich selbstverständlich ist; wir haben nicht die gleichen Rechte und Pflichten im Netz. Wir werden in politische Grenzen eingehegt, die unserer alltäglichen Erfahrung zuwiderlaufen.

Genau deshalb bin ich kosmopolitischer Idealist, ich träume kleinere Utopien als den Weltstaat, aber den Traum von transnationalen, persönlichen Beziehungen theoretisch überall auf der Welt, den gebe ich nicht wegen nationaler Spießbürgerlichkeit auf. Die politische Kleinkariertheit wirkt sich auf meine sozialen Beziehungen, dringt in sie vor und trennt sie sogar. Das nehme ich nicht widerstandslos hin. Ich lasse mir von niemandem einfach vorschreiben, wo und wie ich meine sozialen Kontakte pflege. Der Kosmopolitismus des Netzes darf nicht enden.

1 Ich erlaube mir einige Freiheiten, was die Begrifflichkeiten angeht, doch eine Unterscheidung zwischen ‚international‘, ‚transnational‘ und ‚kosmopolitisch‘ muss ich machen. Um es nicht komplizierter zu machen, nutze ich sie als Synonyme für ‚zwischenstaatlich‘, ‚oberhalb wie unterhalb des Nationalen‘ und ‚weltumspannend‘.

2 Der Zugang zum Internet ist eine völlig eigene Ungerechtigkeit, die aus ganz pragmatischen Gründen hier ausblende.
3 Gerne hätte ich vom ’sozialen Netzwerk‘ geschrieben, doch dieser Begriff ist vergiftet.

Der Reader ist tot, lang lebe der Reader

Anfang März erreichte mich die Botschaft, der Reader werde dieses Jahr eingestellt. Die Begründung dafür klang auch einleuchtend: Der Aufwand lohne sich bei der geringen Anzahl aktiver Nutzerinnen und Nutzer schlicht nicht. Bald schon solle Schluss sein, weshalb ich meine Feeds bei Bedarf sichern solle. Diese kurze Mail war für mich kein Schock, machte mich aber nachdenklich, wann ich das letzte Mal diesen Reader benutzt hatte. Es muss schon lange her sein, vor meinen Augen entstand kein Bild mehr aus der Erinnerung. Da geht wieder ein Reader dahin. Hinter dem großen Raubtier blieb in der Fressordnung kaum noch etwas für die kleineren übrig. RSS-Reader sind schon vor langer Zeit zur Monokultur verkommen, da machte ich mir nichts vor.

Aber ich konnte ganz gut damit leben, solange die Bestie Google Reader mir noch ein paar Brocken vor die Füße warf. Da kümmerte es mich nicht, von der Einstellung des Simplenews Readers zu hören, es war der Lauf der Dinge. Der kleine Konkurrent konnte untergehen, das störte mich kaum, war es doch auch der Beweis der Stärke des Riesen. Ja, Anfang März war es noch völlig unvorstellbar, dass der Reader jemals etwas anderes meinen würde als den Feed-Aggregator von Google. Bis gestern Nacht die ersten Klagen aufkamen. Heute Morgen war es endgültig Gewissheit:

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Die Begründung für diesen Schritt liest sich fast genau so wie beim sehr viel kleineren Konkurrenten: Schwindende Nutzungszahlen, Aufwand zu groß ohne Ertrag, konzentrieren uns auf wichtigere Dinge. Und da war sie wieder, diese Stimme, die unbeirrt flüstert: RSS ist tot. Aber kann das sein? Wie kann, ganz laienhaft gesprochen, ein so simples und effizientes Markup wie RSS so kläglich scheitern, dass sich die Verbreitung in der breiten Öffentlichkeit so nicht einstellen konnte? RSS-Reader machten für mich das individualisierte Nachrichtenprogramm möglich. Schund neben Kunst, Sex zusammen mit Prüderie, Nippes und Hippes, es war aber immer gerade das, was mich interessierte. All das ist nicht tot, es wird im Hintergrund noch genutzt werden, davon gehe ich aus. Die Massentauglichkeit ist für RSS aber nun endgültig zu den Akten gelegt. Aber das ahnte ich schon immer.

Fernab dieser Bedenken war der Schock für mich auch nicht verwunderlich. In der Zeitrechnung des Netzes ist Google Reader ein Dinosaurier, der viele andere Anwendungen kommen und wieder gehen sah. Mein Vertrauen in den Reader beruhte auf dieser impliziten Ewigkeitsklausel, die er ausstrahlte. Vielleicht war es nicht massentauglich, aber der Reader würde bleiben, das ließ ich mir von gegenläufigen Indizien wie der nachlassenden Pflege durch Google nicht verderben. Ich brauchte den Reader, also schuf ich eine prächtige kognitive Dissonanz, in der Google Reader ewig währte. Die Meldung vom Aus riss mich aus der verzerrten Welt, ich landete hart auf dem Boden der Tatsachen. Es tat aber nicht so weh wie die Frage, was nach dem Google Reader kommen würde.

Dann fiel mir wieder ein, warum ich mich damals bei bei Simplenews angemeldet hatte. Und bei Bloglines auch, bei Netvibes und vielen anderen. Ich hatte gefühlt alle Reader schon probiert, einige waren richtig gut, wurden aber eingestellt, weil Google Reader als kostenloser Dienst von Google kleinen Entwicklern Ketten um den Hals legte, an denen sie meist recht schnell erstickten. Ich landete immer wieder bei Google. Aber hieß das nicht auch, dass ich immer auf der Suche nach einer Alternative war? War der Google Reader nicht schon seit langer Zeit ein Dorn in meinem Auge?

Ja, der Google Reader war zu gut, um ihn zu verlassen, bereitete aber auch immer Kopfschmerzen und ein komisches Gefühl im Magen. Und genau das fiel mir im Laufe des Tages wieder ein, ich wollte immer schon weg, konnte aber aus Gewohnheit nicht. Jetzt geht es nicht mehr anders, Alternativen müssen her. Und war das nicht der Grund, warum ich überhaupt so viel Software ausprobiere? Ich finde jeden Tag haufenweise vielversprechende Anwendungen, probiere einige, kaufe manche. Der Spaß liegt im Finden von guten Tools. Ab 1. Juli werde ich spätestens wieder reichlich Grund für die Suche haben. Und bis dahin werden sicher noch neue Apps aufkommen, denn der rücksichtslose Fleischfresser ist dann nicht mehr.

StumbleUpon: Y U No API?

Bin nur ich, es kann nicht nur ich sein? Oder ist StumbleUpon mittlerweile so irrelevant, dass unsereiner sich darum nicht kümmert? Wenn es hiernach geht, dann kann es auch tatsächlich damit zusammenhängen, dass die digitale Karawane weitergezogen ist. Aber auch in diesem Fall bleibt es eine Schande: Es gibt keine API, um meine Daten, als die ich sie empfinde, exportieren zu können.

Es gibt eine klitzekleine API zum hauseigenen Link-Shortener su.pr. Das ist nicht spektakulär, wir leben im Jahr 2013, da werden Links an jeder Ecke gekürzt. Und die Badges können eingebunden werden. Das ist allerhöchstens Web 2.0, also auch so etwas wie ein digitaler Staubfänger. Und vor allem ist es nicht, was ich meine und suche. Denn einige Pfade führen zu StumbleUpon, sie sind nicht mal mehr die bequemsten, aber unsereins kann noch damit leben. Oder wäre der Konjunktiv an dieser Stelle besser.

Ja, ist er. Denn es führt kein Weg von StumbleUpon zurück in die bunte Welt, da braucht es mehr als das. Womöglich zeigt StumbleUpon sogar einen anderen Weg des Locked-In, der weit weniger Heilsversprechen ist, als es manche sich einreden wollen. Ich mache keinen Hehl daraus, dass im Locked-In die Zukunft liegt, ich schreibe das hier auf einem iPhone, vom Kunstrasen hinter den frisch gestrichenen Betonwänden Apples. Aber das Locked-In ist auch ein wagemutiges Spiel, es braucht anscheinend ein kritische Masse. Aber was hat das mit StumbleUpon und der fehlenden API zu tun?

Gehen wir von meinen Daten aus, sie sind heute beweglicher denn je, sie fliegen durch Wolken von Google, Apple, Dropbox oder Twitter. Warum sie das können? Weil die Daten sich mit mir bewegen, wohin ich auch gehe. Und damit ist nicht nur eine App auf dem Smartphone gemeint, ich meine, jede meiner Bewegungen im Netz zieht einen luftigen Schweif hinter mir her. Die Bequemlichkeit fordert es, oAuth macht es möglich: Viele Dienste sind miteinander verwoben, sie korrespondieren miteinander. Mit mir, wegen mir und in gruseligen Momenten über mich. Dennoch ist meine Wahrnehmung gespalten, ich kenne die Risiken, erfahre aber auch die Qualitäten der Freizügigkeit.

Jetzt habe ich mich wunderbar in eine logische Falle geschraubt, meine Datenschutzbedenken auf der einen Seite, mein Wunsch nach Datenfreizügigkeit auf der anderen. Das Dilemma habe ich selbst für mich noch nicht gelöst. Um wenigstens halbwegs wieder auf meinen eigentlichen Punkt kommen zu können, blende ich das Thema Datenschutz an dieser Stelle wieder aus.

Hier der Punkt: Besteht die Möglichkeit, nur eine entfernte, dass sich der ehemalige Koloss StumbleUpon damit verspekuliert hat, die eigenen Nutzerinnen und Nutzer einschließen zu wollen, sich aber selbst effektiv schleichend vom Netz ausgesperrt hat? StumbleUpon war nie eine kommunikative Gemeinschaft, mit der de facto Ausgrenzung der deutlich anziehungsstärkeren Netzwerke Twitter oder Facebook haben sie sich womöglich selbst das Wasser abgegraben.

Jetzt noch mit einer API zu rechnen ist eigentlich naiv, wäre aber schön, um mit meinen Daten durchs Netz wandern zu können. Es ist lächerlich, das ein Internetunternehmen über Jahre den eigenen Nutzerinnen und Nutzern zumutete, die eigenen Lesezeichen nur bewerkstelligen zu können, indem ein Browser-Toolbar von StumbleUpon installiert wird, mit dem dann die Daten als XML gezogen werden können. Je länger ich darüber nachdenke: Schön war’s mit dir StumbleUpon, aber besser für mich, dass es aus ist.

Dropbox – Die Einschläge kommen näher

Unter den Cloud-Storage-Anbietern wird Dropbox wohl noch einige Zeit der Platzhirsch bleiben. Als das Unternehmen 2007 an den Start ging, war die Konkurrenz nicht sehr groß für den praktischen Dienst, dessen denkbar einfacher Ansatz zur plattform- und rechnerübergreifenden Synchronisation von Dateien unschlagbar war. Fünf Jahre später werden die Angriffe auf Dropbox und das Geschäftsmodell schärfer. Wie lange der Clouddienst also noch seine Position halten kann, ohne Änderungen am eigenen Angebot anzubieten, bleibt offen. Weiterlesen

Passwörter und Kryptologie

Hin und wieder habe ich an dieser Stelle schon Webapps und Desktop-Software (hier, hier, hier oder hier) angesprochen, die bei mir nahezu täglich zum Einsatz kommen und nicht mehr aus dem Alltag und meiner Organisation wegzudenken sind. Vor allem kam ich auf Anwendungen zur Automatisierung zu sprechen, ich will ab heute nicht nur über diese direkten Helferlein und Lastesel sprechen. Deshalb der Auftakt zu einer mehrteiligen Serie zur Passwortsicherheit. Passwörter brauche ich für eigentlich alle dieser Anwendungen, vor allem die Webapps. Warum aber habe ich Passwörter, die ich nicht kenne, die ich aber jederzeit und überall erstellen kann? Weiterlesen