Wohin mit der Streikwut?

Wenn natürlich die Wut schon schön politisch kanalisiert wird, sodass ein Grundrecht auf Streik als Last empfunden wird, ist die Grundlage für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Solidarität ja schon vorbildlich vernichtet.

Über die Unannehmlichkeiten und Störungen auf einer persönlichen Ebene verärgert zu sein, das ist nicht das Problem. Mir ist es lästig, vielen anderen Menschen ist es lästig. Darüber Unmut zu äußern ist menschlich und auch nachvollziehbar. Es ist aber weniger wichtig, als es die Dringlichkeit des Streikrechts ist.

Von daher können die Menschen in Deutschland ab morgen ruhig ächzen und schnaufen. Sollten sie wütend werden, wünsche ich mir, sie würden reflektieren, wem sie mit ihrer Wut und dem Unmut helfen. Und würden sie erkennen, wem es hilft, würden sie auch erkennen, warum es im Sinne aller ist, sich mit anderen solidarisch zu zeigen.

Leider befürchte ich, es wird morgen die falschen treffen. Vor allem diejenigen, die morgen noch öffentliche Verkehrsmittel steuern, weil sie einen arbeitsrechtlich anderen Status haben oder einem nicht bestreikten Verbund angehören, sollten morgen nicht die geballte Wut abbekommen. Sie fahren doch. Und die anderen streiken. Womit? Mit Recht.

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Und es wird sie geben, diese Esoteriker, die Artikel wie den folgenden als falschen Belastungszeugen gegen die ‚Schulmedizin‘ heranziehen. Dabei ist es gar nicht so schwer. Der Wissenschaftsbetrieb, oder besser: Wissenschaftsbetriebe, haben ihre systemischen und institutionellen Probleme. Gerade die implizite Währung der Reputation wird von einigen oligopolistischen Rufbanken verwaltet, die wissenschaftliche Kontrolle kann da sehr wohl unterminiert werden. Aber das heißt nicht, das jahrtausendealte Quacksalberei in derselben Liga spielt.

David S. Gallant hat nicht nur das tolle I Get This Call Every Day gemacht, für das er seinen Job verlor. Gallant hat auch einen beneidenswerten Idealismus, der mehr von Spielen, der Szene und der Industrie erwartet. Und auch ihm geht der Sexismus in der Indieszene gegen den Strich.

Es gibt anscheinend unzählige Wege für Politiker und Politikerinnen sich den akademischen Schritt oder die Brust auszustopfen. Wie bei allen Blendversuchen ist es meist nicht nötig. Bringt doch nichts.

Die Dokumentationen Paradise Lost sorgen bei mir immer für Gänsehaut. Sie zeigen die Niedertracht religiöser Eiferer, die in jeder sozialen Normabweichung buchstäblich den Leibhaftigen erblicken. Die West Memphis Three haben einen großen Teil ihrer Leben an die Eiferer, die Heuchler, die Blender und die inkompetenten Rechtsverdreher verloren.

Es stellt sich die Frage, warum die imposanten, gebildeten Fußballer anscheinend nicht das Zeug zum Star haben. Es gibt sie, diese Typen mit Charakter, aber eben nur mit wenigen Einsätzen.

Was von solch reißerischen Experimenten zu halten ist, kann ich als Laie kaum einschätzen. Etwas mehr Einordnung wäre mir lieb gewesen, denn dem Markt traue ich ja alles zu. Ob er aber solches Raubtier ist, dem die Moral zum Opfer fällt, klingt nach einer starken These, die starke Belege braucht. Also bleibe ich erst einmal bei: interessant.

In Hollywood dreht die Maschine noch zugunsten der Regisseure, ihre Kolleginnen haben damit zu kämpfen. Sage nicht ich, sondern die Chefin eines großen Studios.

Der neue Film hatte mir gefallen, doch hatte ich den offenkundigen Sexismus bislang nicht angesprochen. Andere haben das schon längst erledigt. Zudem gibt es auch zur Besetzung des Films etwas in Sachen Whitewashing zu sagen.

Middle Manager of Justice: Bürokratiesuperkräfte

Ordnung muss sein, denn sie ist das halbe Leben. Wo kämen wir denn hin, die Akten müssen geführt werden. Was meinen die Leute, wie so ein Unternehmen geführt werden soll? Also, es braucht die Helden an den Schreibtischen, diejenigen Formblattwälzer, die ein H-23A von einem F-411B zu unterscheiden wissen.

So ein Captain Premium stellt sich vor die Kameras, genießt das Blitzlichtgewitter, wenn er den Dank der Geretteten empfängt. Aber wer hat ihn überhaupt eingestellt, wer motiviert ihn zu Höchstleistung? Wer, ja, wer führt die Bücher? Glauben alle, die Welt zu retten ginge ohne Organisation und Führungsqualitäten, also nur mit Muskelkraft und Hirnschmalz? Unsinn, es braucht auch den Middle Manager of Justice, ohne den die Gerechtigkeit nur zufällig aufrechterhalten wird. Wahre Gerechtigkeit gibt es nur im Aktenordner, ordnungsgemäß geprüft, bewilligt und Stempel drauf.

Hinter Middle Manager of Justice steckt Double Fine, das von dem alten Recken der Spieleszene Tim Schafer gegründet wurde. Und der Humor entspricht genau dem, was an Absurdität und hintergründiger Albernheit von Double Fine erwartet werden kann. Was aber nicht darüber hinwegtäuscht, wie schnell das Szenario der Superhelden-Agentur tatsächlich in der Ödnis der Bürokratie untergeht. MMoJ ist nämlich am Ende genau das, eine Wirtschaftssimulation; eine, die zwar über Mitarbeiter mit übernatürlichen Kräften verfügt, doch am Ende des Tages müssen die Bücher stimmen.

Die Routine besteht daraus, unsere Zweigstelle mit den maskierten Außendienstmitarbeitern auf Trab zu halten: Wir bauen Trainingsräume, Labore und Ruheräume, in denen die Helden trainieren und sich erholen können. Mit der Verbrechensbekämpfung verdient unser Unternehmen sein Geld, je schneller wir vor Ort sind, desto besser ist die Kriminalitätsbekämpfung für die Bilanzen.

Diese Sorte Managerspiele mit ordentlichem Aufbaufaktor ist bei den mobilen Spielen nicht kleinzukriegen, was an ihnen aber stört ist die penetrante Freemium-Herangehensweise und der repetitive Charakter der Spielmechanik. Mit ihrer mindestens doppelten Währung, die eine ist im Spiel zu horten, die andere zumindest praktisch nur durch In-App-Käufe zu erhalten, schaffen sie meist keine ordentliche Balance. Zu durchschaubar ist der Versuch, mit Zeitdruck und Schnelllebigkeit die Spieler anzufixen, möglichst schnell die Währung aufzustocken. Mich ficht das schon prinzipiell nicht an, wenn ein Spiel erkennbar mit einfachsten psychologischen Erkenntnissen Kaufdruck auf- und rationale kaufhemmnisse abbaut. MMoJ ist weit weniger aggressiv als viele Konkurrenten, leidet aber für mich darunter, dass die Komplexität der Aufgaben doch zu sehr auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der Spielbarkeit setzt.

Ein netter Nachmittag mit dem Spiel ist locker drin, darüber hinaus wird es mir schon zu simpel und buchhalterisch. Für Krämerseelen wäre es ja was.

Titel: Middle Manager of Justice
Von: Double Fine Productions
Jahr: [Jahr]
Genre: Wirtschaftssimulation, Managerspiel
Plattform: iOS
Version: 1.0.2

Deutschlands europäische Vormacht im Nullsummenspiel

Nun komme ich nicht mehr dazu, irgendetwas Sinnvolles dazu zu schreiben. Habe heute viereinhalb Stunden Holger dabei zugehört, wie er Steffen zuhört, als jener die vermeintliche Euro-Schuldenkrise in ein anderes Licht rückt. Was wir daraus lernen können:

  • Warum es Bankenkrisenschuldenkrise heißen muss.
  • Wie Ratingagenturen ein paradoxes Geschäftsmodell hochziehen.
  • Was passiert, wenn Volkswirtschaft mit betriebswirtschaftlichen Mitteln betrieben wird.
  • Warum Deutschland erst die (süd-)europäische Konkurrenz ins Abseits wirtschaftete und sich nun als Retter gebärdet.
  • Dass staatliches Sparen die wirtschaftliche Abwärtsspirale nur befeuern wird.
  • Wieso ein Ausstieg Griechenlands aus dem Euro nicht das bringt, was sich manche davon erhoffen.
  • Warum hohe Besteuerung von Reichen einerseits gerecht ist und zugleich auch nicht so hoch ausfällt, weil sie ja wiederum über das umverteilte Vermögen Umsätze generieren können.

All das berücksichtigt, ist das ein ordentliches Pensum in viereinhalb Stunden. Macht nicht Spaß, muss aber sein.

Straßenzeitungen: Wie sieht es für die Verkäuferinnen und Verkäufer aus?

Da ich händeringend weiter nach guten Beispiele für Straßenzeitungen suche, bin ich froh, endlich einige Ausgaben der BISS vor mir zu haben. Und mein erster Eindruck aus der Ferne bestätigt sich völlig. Es sind eine aktuelle Ausgabe aus dem Januar und noch die Jubiläumsausgabe zum 15-jährigen Jubiläum sowie ein Sonderheft zum mittlerweile bedauerlicherweise begrabenen Pläne zum Hotel BISS. Da ich aber schon zur BISS schrieb, will ich nur einige Ergänzungen zum obigen Artikel über BISS anfügen, um dann mithilfe der Ausgaben und ergänzenden Informationen der für mich spannenden Frage nachgehen, wie diese Straßenzeitungen für die Verkäuferinnen und Verkäufer zu einer Einkommensquelle werden können. Weiterlesen

Ayn Rand, meet the world

Sammeln wir doch einfach fleißig weiter Beispiele, an denen man Rands Weltanschauung messen kann. Eines dieser Beispiele ist so offenkundig, dass es fast lächerlich wäre, es anzuführen. Lächerlich ist es aber auch, nicht darauf zu sprechen zu kommen. Steve Jobs und die Geschichte von Apple sind allemal nicht nur innerhalb einiger Zeilen abzuhandeln. Für Rands Simplizismus reicht es aber, nur auf Schlaglicher, allemal bekannte, hinzuweisen. Steve Jobs ist ein Paradadebeispiel für die Anwendbarkeit des Rand’schen Personenkults. Und ein Personenkult ist es, wie ich hier darstellen will; es ist kein tatsächlicher Individualismus. Weiterlesen

Ragnar der Rächer

Ich habe schon viel über Ayn Rands Atlas Shrugged geschrieben. Zu viel vielleicht. Doch kann nicht davon lassen, auch wenn ich mich zwinge, nichts mehr schreiben zu wollen. Es geht einfach nicht. Die erzählerischen Schwächen und Mängel sind eklatant. Ich kann nicht still sitzen, wenn ich es lese; es juckt in meinen Fingern, die über die Tasten schwirren wollen. Ich kann nur nachgeben, da der Druck zu groß wird. Der Ballast, der sich anstaut, muss abgeworfen werden. An dieser Stelle nur kurz ein paar Anmerkungen zur Behandlung von Figuren bei Rand. Mein Beispiel ist Ragnar Danneskjöld. Weiterlesen

Schwarze Weißweste

Rand hat keine Figuren in ihrem Roman, es sind lediglich Lautsprecher. Metallisch krächzen sie die wenig auf Stichhaltigkeit geprüfte Perspektive der Autorin hinaus. Francisco d’Anconia ist so einer, der bedeutungsschwanger immer wieder die wahre Philosophie und die ehrliche Moral – die Wahrheit – andeuten darf. Sie wird kommen, hörst Du es nicht. Eine Schwangerschaft, die schon so lange währt, dass das Fruchtwasser säuerte, die Geburt aber noch immer hinausgezögert wird. Weiterlesen

Teaser: Fernsehproduktionen weltweit

Da hatte ich letzte und vorletzte Woche doch mal schön angefangen, mir Gedanken zu den deutschen Fernsehproduktionen zu machen. Letztlich ergiebt das alles, das wurde mir in dieser Woche klar, keinen Sinn, wennn ich nicht einen Hintergrund haben, mit dem ich die Ergebnisse aus diesen Beiträgen vergleichen kann. Ich bin nicht der Typ für Statistiken, ich weiß, dass ich es nicht kann. Deshalb scheue ich eigentlich davor, Dinge empirisch miteinander zu vergleichen. Nun habe ich aber damit angefangen und will es wenigstens versuchen. Weiterlesen

SlaveryFootprint

Über Feminist Philosophers auf diese Seite gestoßen: Slavery Footprint. Um ehrlich zu sein, ich bin gerade etwas froh, dass die Seite bei mir nicht richtig läuft. Weiß nicht genau, warum sie nicht will. Ich vermute, es liegt an NoScript.

Vielleicht sollte ich auch froh sein. Wer will schon wissen, wie viele Sklaven Anteil am eigenen Wohlstand haben? Und ja, mir ist klar, dass es hier mehr um Aufmerksamkeit für moderne Sklaverei als um exakte Werte geht. Wie die Seitenbetreiber zu ihren Ergebnissen kommen, steht hier. Aber gerade weil es um Aufmerksamkeit für ein eigentlich dringliches Problem geht, interessiert mich ja das Projekt.

Man geht auch mit der Zeit, es gibt auch eine App. Hinter der Seite steckt die Fair Trade Fund, Inc, eine Non-Profit-Organisation aus den USA. Mehr weiß ich auch nicht über die, aber sie haben immerhin die schon ordentliche Idee der carbon footprint-Seiten von Umwelt-NGOs übernommen und effektvoll umgesetzt.