Ein Gauck, wer Böses denkt

Blankes Entsetzen, pulsierende Wut, so fühlt er sich an, dieser Tugendfuror, den ein zum Bundespräsidenten erhobener Seelenhirte regelmäßig auslöst. Und welche Seelen der Mann zu schützen gedenkt, offenbart er in einfachen Worten, denn der Verrat an sich, das Whistleblowing, brauche eine höhere Rechtfertigung. So bleiben kümmerliche Einsichten eines Mannes, dessen Blindheit vor Tyrannei sich offenbart:

Gauck forderte Informationen dazu, welchen Rechtsbruch Snowden denn aufgedeckt habe. "Dann wächst mein Verständnis für solche einzelne Personen."

Dies ist das herablassende Verhalten eines Mannes, dessen Ego ihn zum Richter über Anstand, Sitte und Moral erhebt. Nicht der demokratische Diskurs macht frei, sondern konformes Verhalten nach dem Gusto eines Mannes, dessen Gebaren aristokratische Züge nicht verbergen kann. Eines Bundespräsidenten ist die wohlgefällige Bücklingshaltung gegenüber allem, was den Stallgeruch abgehangener Freiheitsbegriffe verströmt, nicht würdig. Da werden in seliger Gefühligkeit Tränen geweint, die zeigen, wie persönlich es ist, wie wenig Würde er dem Amt zu geben bereit ist.

Mit dem ‚Verrat‘ hält der Begriff Einzug, der Snowdens Verhalten per se inkriminiert, dessen Offenlegungen von oberster Stelle diskreditiert. Es ist die subtile Meinungsmache, die den Totalitarismus kaschieren kann. Denn Freiheit endet nicht, wenn Ketten gelegt werden, sondern auch wenn Amtsträger ihr Amt verabsolutieren. Wenn ihr Amt Rechtfertigung fordert, statt, wie es sein müsste, sich durch Taten zu legitimieren. Joachim Gauck ist von allen Bundespräsidenten, das zeigt sich deutlich, derjenige, dessen absolutistische Geisteshaltung mit dem Amt unvereinbar ist. Das Bundespräsidialamt ist keine Kanzel, es ist keine Verwirklichung eines konformistischen Egos. Und Freiheit endet nicht dort, wo die Vorstellungskraft eines alten Tausendsassas der Anbiederung an den Kapitalismus endet. Gauck hat das ohnehin fragwürdige Amt in unvorstellbarer Weise beschädigt, wieder einmal.

Philipp Balzer et al.: Menschenwürde versus Würde der Kreatur

Die Autoren unterscheiden „drei Formen einer kontingenten Würde von der inhärenten Menschenwürde“ (S. 61), wobei die drei ungleich verteilten Formen der kontingenten Würde die ästhetische, die soziale und die expressive Würde sind. Wichtiger Unterschied zur Menschwenwürde sei dabei, dass kontingente Würde angeeignet und verloren werden kann, nicht aber die inhärente Menschenwürde. Weiterlesen

Gotthart M. Teutsch: Die ‚Würde der Kreatur‘

Okay, also doch noch zu einem theologischen Ansatz. Ich hatte gerade Lust darauf. Dann lege ich halt einfach mal los.

Die Würde der Kreatur beruht auf ihrem Eigenwert, […]. In theologischer Perspektive gründet dieser Eigenwert darin, daß jedes Lebewesen und letztlich alles in der Natur Geschöpf Gottes ist und seiner Liebe teilhaftig wird. (S.56)

Teutsch schildert zunächst, dass der Würdebegriff unter Philosophen selten herangezogen wird, wenn es um Tiere geht. ‚Würde‘ war demnach stets exklusiv menschliche Eigenschaft. ‚Würde‘ dann synonymer Begriff zur ‚Menschenwürde‘. Die Menschenwürde sei dort mit der Vernunftbegabung des Menschen begründet.

Teutsch weist auf eine Zweischneidigkeit des Würdebegriffs hin: Der Mensch ist sicherlich auch moralisches Subjekt, damit dann auch moralischer Akteur, zugleich ist der Mensch in der Gemeinschaft eben auch moralisches Objekt. Als moralisches Subjekt mag der Mensch unter den Lebewesen einzigartig sein, moralisches Objekt muss er nicht alleine sein. Und ist er nach Teutschs Ansicht auch nicht.

Auf der gleichen Basis des Wertempfindens läßt sich auch für die Anerkennung einer kreatürlichen Würde plädieren, die den außermenschlichen Bereich mit einschließt. Auch hier haben wir es mit Lebewesen  zu tun, die mit uns eine Gemeinschaft bilden, z. B. eine Nutzungsgemeinschaft (wie in der Landwirtschaft) oder gar eine Lebensgemeinschaft (wie in der Heimtierhaltung). (S. 58)

Dies ist dann eigentlich schon die argumentative Leitlinie Teutschs. Er gibt lediglich noch zwei weitere Erkenntnisse zu bedenken: Erstens die Tatsache des menschlichen Rückgriffs auf natürliche Vorleistungen und zweitens den Umstand der menschlichen Abstammung aus der Natur. Beide könnten ergänzend begründen, warum der Mensch gegenüber der Natur und besonders den anderen Lebewesen Rücksicht walten lassen sollte.

 

Ich tue mich ja immer schwer mit theologischen Begründungen. Es liegt noch nicht einmal daran, dass sie von Beginn an unlogisch auf mich wirken. Vielmehr ist es wohl das Gefühl, dass sie eine Sicherheit vorgeben, die dann doch nicht besteht – die Probleme sind nur in einen anderen Bereich verschoben.

Bei Teutsch ist das prinzipiell ähnlich. Wenn man seine Voraussetzung einer göttlich erschaffenen Welt akzeptiert, bleiben kaum noch große Lücken offen, um den Tieren, so wie Teutsch es hier macht, einen Eigenwert zuzugestehen, der es erschwert oder gar verhindert, diesen Leid zuzufügen. Klar, man könnte schon ansetzen, dass religiöse Schöpfungsgeschichten und deren Auslegung auch stets wieder in sich widersprüchlich sein können. Beispielsweise, ich bin kein Bibelkenner, war da doch was mit dem Untertan machen der Welt. Das könnte man ins Spiel bringen. Und siehe da, schon ist die herrliche Simplizität potenziell flöten.

Aber darum geht es mir nicht, also nicht um kleinliche Einwände und Nachweise von Inkonsistenzen. Die gibt es überall. Was mich an theologischen Ansätzen oftmals abschreckt ist, wie oben angedeutet, dass sie ihr Konfliktpotenzial nur auslagern. Das heißt dann Apologetik und ist genau das, was oben in dem Wörtchen ‚wenn‘ enthalten ist. Ja, wenn man die Schöpfung so annimmt, dann ist es einfach. Warum man diese aber annehmen sollte, das ist wieder eine ganz andere Sache. Für mich sind theologische Ansätze damit nur scheinbar simpel. Mich stört auch nicht, dass beide Seiten, also in diesem Fall theologische wie nicht-theologische Ansätze, eine Sprengkraft – ein inhaltliches Problem oder sogar moralisches Dilemma – beinhalten.

Aber: Während die eine Partei, aus meiner Sicht die nicht-theologische, sich müht, alles zu tun, um diese Sprengkraft darzustellen und sie zu entschärfen, weist die andere auf die vermeintlich risikolose Einfachheit bei ihr hin. Schließlich sei bei dieser, der theologischen Seite, gar keine Gefahr zu erkennen – bis ich auf die Mine laufe oder merken muss, dass irgendwo im Dickicht um mich herum jemand mit einem Fernzünder auf mich wartet. Sprengstoff entschärft man oder gibt zumindest zu erkennen, dass man mit ihm arbeitet und hofft, ihn irgendwann entschärfen zu können, während man bis dahin Warnschilder aufstellt und sonstige Vorkehrungen trifft. Nicht aber indem man tut, als gäbe es keinerlei Gefahr. Das ist es, was mich an theologischen Ansätzen prinzipiell und auch in diesem Fall stört. Er ist so einfach, dass er mir suspekt sein muss.

 

Literatur:

  • Teutsch, Gotthart M.: Die ‚Würde der Kreatur‘, in: Texte zur Tierethik hrsg. von Ursula Wolf, Stuttgart 2008, S. 56-60.