Radisch Rises

Iris Radisch hat die Feder gespitzt, versäumte in ihrer Kritik jedoch, den Verstand zu schärfen. Ihre Kritik an vermeintlich abwiegelnden, apologetischen Rezensionen von The Dark Knight Rises vor dem Hintergrund der Geschehnisse in Aurora kommt bar jeder Argumentation daher. Es ist ein gedankenfaules Suggestivkonstrukt und damit ein prachtvolles Beispiel zwanghaft intellektualisierender Dissensrhetorik.

Alles beruht auf einer einzelnen, plumpen Argumentfassade der korrelierenden Ereignisse in Film und Wirklichkeit. Mit der unterstellten Eilfertigkeit der Filmrezensenten verquickt, wird daraus die Filmkritik-Kritik Radischs:

Alle sind sich einig: Wenn ein maskierter, schwer bewaffneter Mann einen Film, in dem ein maskierter, schwer bewaffneter Mann Menschen massenmordet, unterbricht, um Menschen massenzumorden – hat das eine mit dem anderen natürlich rein gar nichts zu tun.

Natürlich. Nur Radisch hat’s bemerkt. Sie macht es sich aber auch allzu einfach. In zweierlei Hinsicht ist ihre Kritik unlauter. Erstens reduziert sie die Gedanken der kritisierten Rezensenten auf ein lächerliches Minimum, etabliert so einen grandiosen Strohmann, auf den sich leichter einschlagen lässt. An zweiter Stelle unterlässt sie jede kausale Erklärung.

Radisch wirft den Rezensenten bei der Zeit selbst, wo auch ihre Kritik erschien, aber beispielsweise auch bei Spiegel Online vor, die Tat als brutalen Akt eines psychotischen Einzeltäters abzutun, die in keinster Weise mit der im Film repräsentierten Gewalt in Verbindung stehe. Wenn dem nur so wäre. Wenn Radisch da nicht nur die Rosinen gepickt hätte, die ihre Kritik süßen sollen.

Andreas Borcholtes Rezension bei Spiegel Online liest sich aber doch anders, als Radisch sie ihren Zeilen zufolge gelesen und vor allem umgedeutet hat.

Der Attentäter, der seinen Anschlag offensichtlich seit Monaten geplant hatte, konnte diesen Film nicht einmal gesehen haben. Die Vorführungen in Aurora gehörten zu den landesweit ersten Premieren in den USA. Vermutlich hat sich Holmes das Mitternachts-Screening nur deshalb ausgesucht, weil ihm ausverkaufte Kinosäle ebenso garantiert waren wie weltweite mediale Aufmerksamkeit. Selbst wenn sich James Holmes einigen Angaben zufolge „Joker“ nannte, wie ein besonders wahnsinniger Gegner des Comic-Detektivs, so trägt der Regisseur keine Verantwortung für die Hirngespinste eines psychisch kranken Menschen.

Borcholte negiert die von Radisch so frappierend ähnlich beschriebene Handlung von Kinosaal und Leinwand nicht. Im Trubel der Gerüchte und Spekulationen um das Auftreten des Täters während der Morde sind gesicherte Informationen rar. Borcholte schließt eine Verantwortung für die Tat aus, dies deshalb, weil er durch eine solche Verantwortlichkeit der Kunst für reale Ereignisse die Kunstfreiheit gefährdet sieht. Es geht nicht darum, ob Borcholte dies Position gut untermauert, nur darum, dass er sich weit weniger plump zur Verteidigung der Filmkunst eilt. Und dabei auch nicht die Parallelen zwischen Wahrheit und Fiktion übersieht.

Noch weniger unreflektiert ist Adam Soboczynski in der Zeit. Vom unterstellten Leugnen der Spiegelung keine Spur. Im Gegenteil.

Schöbe man der Filmsprache Hollywoods die Verantwortung für die Gewalttat zu, wäre der Täter entschuldigt. Der ließ sich zwar offenbar durch die Ästhetik von Actionfilmen zu seiner blutigen Performance inspirieren – wofür der monströse Auftritt mit Tränengas-Granaten im Kino und die Zündfallen in seiner Wohnung sprechen. Doch ist Attentätern seit je eigen, dass sie mit ihrer »paranoischen Vernunft« (Manfred Schneider, Das Attentat; Berlin 2010) die Zeichen ihrer Umwelt – die konsumierten Filme, Bücher und Nachrichten – ganz für die eigenen Zwecke ausdeuten.

Hier geht es doch gerade um die Ähnlichkeit zwischen Film und Geschehenem. Soboczynski argumentiert aber klar und deutlich im Sinne einer ästhetischen Imitiation der Filmsprache des Täters für einen brachialen, brutalen Effekt. Die Bluttat als aufmerksamkeitsheischende Perversion der Kunstrezeption. Auch das ist nur eine Position. Eine, die nicht geteilt werden muss. Sie ist aber von Radischs Wahrnehmung der unbedarften Entschuldigung des Films weit entfernt. Sowohl Borcholte als auch Soboczynski stellen auf Fragen der Verantwortlichkeit der Kunst ab, gerade weil die Grenzen in diesem Fall verschwammen.

All das disqualifiziert Radischs Ausfall schon als Hirngespinst. Dennoch ist irritierend, wie wenig sie sich um eine Untermauerung der eigenen Aussage bemüht. Im obigen Zitat ist ihre Haltung negativ formuliert, muss erst aus den Nebelschwaden der Analogie rekonstruiert werden: Durch die schnippische Kritik an der vermeintlichen Leugnung der Parallelität der Ereignisse suggeriert sie, die Frage nach einem Zusammenhang würde negiert. Im Umkehrschluss heißt dies, dieser müsse aber zumindest geprüft werden. Ein Schleier der Mutmaßungen legt sich in den Raum des Diskurses.

Diesen Nebel lichtet sie nicht, sie nutzt ihn mit aller suggestiven Kraft für ihre Zwecke. Aller kausalen Begründungen ist ihr Artikel entleert, nicht die geringste Spur einer logischen Erklärung, die einen Sinn daraus machen würde, warum die Tat vom Film inspiriert war, weshalb die Filmemacher dafür verantwortlich zu machen sind oder warum dies überhaupt relevant wäre. Nichts davon. Sie hätte so viel herbeischreiben können. Etwa eine Herleitung über den Werther-Effekt. Eine kausale Kette der Leben-imitiert-Kunst-Hypothesen, die ihre Kritik fundieren könnten. Irgendetwas. Aber nichts davon. Das wirkt bestenfalls noch selbstgefällig.

SATA wird alles besser

Alles fing mit der eindeutig zu alten Festplatte in meinem Rechner an. Viele Neuerungen hat das treue Gehäuse schon gesehen, die Platte blieb doch in ihm verwachsen. Acht Jahre alt ist die Platte, IDE und 80 GB groß, beherbergte sie zwei Betriebssysteme – der Rest lief nur unter reichlicher Zuhilfenahme externer Platten. Im Nachhinein war es ein lächerliches Jonglieren von Daten, das ich etabliert hatte. An was man sich alles gewöhnt, wenn man unmerklich hineinwächst.

Mit dem Tag, an dem die Flut kam und nach ihr die steigenden Preise, machte sich der Lesekopf bemerkbar. Er surrte sanft, stotterte trotzig, quietschte laut, ganz so wie im danach war. Anfangs hatte es noch einen gewissen Reiz, die LED für die Rechnerlast war ausgefallen, da kam es gerade recht, wenn immerhin die Platte einen deutlichen Indikator der Belastung darstellte. Vielleicht redete ich es mir auch nur schön, in der Hoffnung, die Platte würde noch tun, bis die Preise wieder auf bezahlbares Niveau gesunken waren.

So ging es noch einige Monate gut. Am Montag war Schluss, es musste was Neues her. Mittlerweile auch halbwegs erschwinglich, ein Blick auf das Preisniveau im Sommer des letzten Jahres wage ich trotz allem nicht. Wenn ich geahnt hätte, was ich mir mit dem Plattentausch eingehandelt hatte, wäre die altgediente Platte wohl heute noch die primäre im Gehäuse. Ich veranschlagte etwa eine Stunde, um alles abzuschließen. Einbau, Platte klonen und fertig.

Nichts da, das Klonen lief prächtig, Clonezilla sei Dank. Doch der Klon zickte unter GParted und anderen Programmen mächtig herum, da ich mir bei dem ganzen Dual-Boot-Getue auf verschiedenen Partitionen derselben Platte ein stattlich verzweigtes Gehege zusammenpartitioniert hatte. Hier eine primäre Partition, mehrere logische, noch ein primäre und so weiter. Schlussendlich war es ein Akt, alles zurechtzubiegen, dass es in der Theorie ordentlich aussah. Es war nicht einfach, den neuen Platz des nun verfügbaren Terabytes zu verteilen, zumal besonders die Win-7-Partition mit 4 GB aus dem letzten Loch pfiff. Und wenn es dann aber doch mal gut aussah, fand entweder GRUB oder der Windows-Bootloader sich doch nicht zurecht.

Da war dann schon der Montag flöten. Die Lösung war doch radikaler, notwendig, aber hart. Viel zu spät entdeckte ich, dass ich nur die 32-bit-Windows-Variante installiert hatte. Dreck, also alles neu. Hilft ja nichts. Daten sichern, Einstellungen kopieren und dann war da ja noch Ubuntu drauf. Egal, das wurde abgeschossen. Erst heute Nachmittag war alles wieder so, wie ich es haben will. Obwohl, die Updates sind noch nicht fertig.

Am Montag dann vielleicht wieder ein Linux. Aber auf die alte Platte. Die tut noch. Mal sehen, wie lange noch. Für die Zukunft merke ich mir: Mehr Ordnung auf den Platten. Spart Zeit.

Bild: Smial unter CC-BY-SA-Lizenz

Zaudern als politisches Steuerungsinstrument in der digitalen Demokratie

Beinahe hätte ich die neueste Ausgabe von Aus Politik und Zeitgeschichte übersehen. Dabei war das Thema dieses Mal doch sehr ansprechend: Digitale Demokratie. Was dabei letztlich herauskam, ist jetzt für meinen Geschmack etwas zu zahm und kann durchaus als bekannt vorausgesetzt werden. Sofern nicht aus schicksalhaften Gründen kein Modem verfügbar war, sollten die dort vorgestellten Herausforderungen und Anmerkungen zur Demokratie in Zeiten des globalen Netzes schon aus Erlebtem nachvollziehbar sein. Weiterlesen

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Es ist aufgrund der zunehmenden Komplexität von Computerspielen nicht verwunderlich, dass einige Genres auch versuchen, die Handlungen von Spielern in der Spielwelt selbst als nicht losgelöste Entscheidungen darzustellen. Oftmals wird sogar versucht, direkte Aussagen in Form von Ruhm, Verruf und Ansehen zu erfassen, um die dargestellte Welt lebendiger sowie die Spieler nicht von ihr getrennt abzubilden. Allerdings hat die Umsetzung bisher ein gewaltiges Problem, dass mir im Fall einer Quest bei Fallout: New Vegas aufgefallen ist, der aber auch auf die meisten vergleichbaren Situationen in der überwiegenden Mehrheit der Spiele übertragen kann. Das Problem besteht besonders darin, dass Spiele aus naheliegenden Gründen Möglichkeiten bieten, den Spielstand sichern und wieder laden zu können. Diese Wahlmöglichkeit degradiert potenziell moralische Fragen in der Spielwelt auf reine Abwägungsprozesse, die eher den homo oeconomicus ansprechen, als dass Entscheidungen und ihre Wirkungen als moralisch problematisch erkannt werden (können). Weiterlesen